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Atomkrieg aus Versehen | 28.10.2026
Endlager Meeresgrund
Vor 40 Jahren verhinderte der Matrose Sergei Preminin eine atomare Katastrophe auf hoher See. Es folgte ein beinahe historischer Abrüstungsgipfel.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Am 3. Oktober 1986 brennt vor den Bermudas ein sowjetisches Atom-U-Boot. Es ist die K-219, seit dreißig Tagen auf Patrouille in der Sargassosee. Was an Bord geschah, beschreibt ein Bericht auf der Webseite The Submarine Review so: Um 5:14 Uhr entdecken ein Offizier und ein Maschinist im vierten Abteil Wasser, das unter dem Deckel des Raketenschachts Nummer 6 hervortropft. Aus den Tropfen wird schnell ein Strahl. Der Offizier meldet es, Kapitän Igor Britanow lässt um 5:25 Uhr auf 46 Meter steigen und das Wasser abpumpen. Um 5:32 Uhr quellen braune Wolken aus dem Schacht, Wasser ist eingedrungen, Teile des Raketentreibstoffs haben mit dem Meerwasser reagiert. Um 5:38 Uhr explodiert die Rakete. Schwarzer Rauch füllt das Abteil, Wasser mit Treibstoffkomponenten strömt hinein, das Boot taucht im Notaufstieg auf. Die Leichen der Matrosen Charchenko und Smagljuk werden aus dem Abteil geholt.

Der Kapitän will den Schacht leerpumpen. Aber das Wasser läuft schon über die Schaltschränke des U-Boots, Kurzschlüsse lösen ein Feuer aus. Um 17:54 Uhr strömt Freon, ein Löschgas, in den Bereich, ein Teil entweicht in den Nachbarraum. Um 18 Uhr liegen die Stickoxide dort zehn- bis vierzigmal über dem Grenzwert. Die Besatzung legt Atemgeräte an, die Funkstation wird geräumt und die Verbindung zum Hauptquartier bricht ab.

Einsatz ohne Rückkehr

Um 19:30 Uhr fällt auf der Steuerbordseite die Bordspannung aus. Der Notschutz des Steuerbordreaktors löst aus, aber die Kompensationsgitter, also die Steuerstäbe, die eine Kettenreaktion des Atomreaktors des U-Boots bremsen sollen, fahren nicht ganz nach unten. Ein Reaktor in diesem Zustand kann nur noch manuell bedient werden. Das Handgetriebe liegt im Reaktorraum, eine Leiter mit sieben Stufen führt hinunter. Wer dorthin will, geht durch eine abgedichtete Tür in Rauch, Hitze und Dunkelheit. Die Männer tragen isolierende Atemgeräte, die von der Raumluft unabhängig arbeiten. Eine Patrone im Gerät nimmt das ausgeatmete Kohlendioxid auf und gibt dabei Sauerstoff ab, ein Beutel an der Maske sammelt die Atemluft. Diese Geräte funktionieren nur begrenzte Zeit. Sind sie verbraucht, bleibt nichts zum Atmen. Und die Patronen sind knapp. Zwei Männer der elektromechanischen Abteilung gehen hinein: Oberleutnant Nikolai Belikow und der Matrose Sergei Preminin. Dreimal müssen beide in den Reaktorraum. Belikow erleidet einen Hitzschlag und verliert das Bewusstsein. Nachdem Belikow ausgefallen ist, bekommt Preminin die letzten beiden Sauerstoffpatronen der Abteilung, eine im Gerät, eine als Reserve. Mehr Atemluft gibt es nicht. Für das letzte Gitter braucht er eine Dreiviertelstunde. Dann meldet er über die Sprechanlage: Letztes Gitter abgesenkt, Reaktor abgeschaltet, keine Freisetzung, ich gehe zum Ausgang. Der Kapitän antwortet, er habe es gut gemacht, er solle in das achte Abteil gehen, und fügt nach einer Sekunde hinzu: Held.

Im Reaktorraum herrscht ein höherer Druck als im Nachbarabteil, die Tür ist zu und lässt sich auch mit Gewalt und einem Wagenheber nicht öffnen. Preminin sitzt in der Falle. Der Versuch, den Druck auszugleichen, lässt giftigen Rauch aus der Druckluftanlage strömen. Preminin soll die Riegel der Lüftung öffnen, um den Druck zu senken. Er meldet ruhig, sie ließen sich nicht öffnen, ein Stift klemme. Seine Kraft ist aufgebraucht. Auf weitere Anrufe antwortet er nicht mehr.

Sergei Preminin wurde am 18. Oktober 1965 geboren, im Dorf Skornjakowo im Nordwesten Russlands, in den Wäldern der Taiga. Er starb am 3. Oktober 1986, 15 Tage vor seinem 21. Geburtstag.

Moskau unterrichtet noch am selben Tag die Amerikaner über den Vorfall. Eine Tass-Nachricht spricht von einem Brand in einem U-Boot-Abteil rund tausend Kilometer nordöstlich der Bermudas, eine zweite meldet den Reaktor als abgeschaltet.

Der amerikanische Präsident Ronald Reagan notiert am 4. Oktober in sein Tagebuch, ein sowjetisches Atom-U-Boot brenne, russische Schiffe seien vor Ort, es bestehe keine Gefahr eines Atomunfalls; die Nachricht komme von Gorbatschow. Er fügt an: Tschernobyl scheine eine Wirkung gehabt zu haben. Das National Security Archive wertet das als erste öffentliche Mitteilung der Sowjetunion unmittelbar nach einem Unfall dieser Art.

Der Untergang

Nach dem Brand räumt die Besatzung das Boot. Die Evakuierung ist gegen ein Uhr nachts abgeschlossen. Der Kapitän und sechs Offiziere bleiben auf der Brücke. Um 1:46 Uhr geht ein Funkspruch nach Moskau: Feuer in allen Abteilen, keine Fahrt, sechs Mann an Bord, der Kapitän erwarte den Befehl, das Schiff zu verlassen. Doch der Befehl kommt nicht. Stattdessen geht ein Trupp unter Leitung des Ersten Offiziers Kurdin noch einmal an Bord. Die vorderen Abteile sind trocken, das Notlicht brennt. Der Trupp bereitet das Boot zum Schleppen vor, und am 5. Oktober um 18:15 Uhr nimmt das Frachtschiff „Krasnogwardeisk“ K-219 an den Haken. Der Tiefgang wächst, der Bug sinkt langsam.

Am 6. Oktober um 6:20 Uhr reißt die Schleppleine. Bug- und Heckluken tauchen unter, die Turmluke klemmt, in das Boot kommt niemand mehr. Moskau befiehlt, die Tauchtanks zu blasen, der Kapitän antwortet, das gehe nicht, die vordere Luke liege unter Wasser, die mittlere klemme. So berichtet es Vizeverteidigungsminister Wladimir Tschernawin, zugleich Oberbefehlshaber der Marine, dem Politbüro in Moskau. Die Männer dürfen von Bord. Aber der Kapitän weigert sich. Auf dem Deck eines Zivilschiffs steht der Offizier Gennadi Kapitulski und hört, wie das Kommando aus Moskau über Funk ruft: Britanow, verlassen Sie das Schiff. Der Kapitän antwortet, er gehe erst, wenn er sicher sei, dass es untergeht.

Um 11 Uhr steht das Boot bis zur Höhe des Turms im Wasser, am Unglücksort ist es noch dunkel. Tschernawin befiehlt dem Kapitän, das Schiff aufzugeben. Britanow nimmt die Flagge von der Wand und springt ins Schlauchboot, als das Wasser schon an den Turmrudern steht. Kurz nach 11 Uhr sinkt K-219 im Licht der Scheinwerfer, mit fünfzehn Raketen an Bord. Das Wrack liegt in rund 5.500 Metern oder 6.000 Metern Tiefe – die Angaben dazu widersprechen sich. Geborgen wurde es nie. Von den 120 Mann an Bord starben vier während des Unglücks, zwei weitere erlagen später ihren Verletzungen.

Moskau berät

Am Tag des Untergangs tagte das Politbüro in Moskau. Gorbatschow fragte, ob es am Können der Besatzung gelegen habe. Vizeverteidigungsminister Tschernawin antwortet, man habe nur Vermutungen. Sicher sei allein, dass Wasser in das vierte Abteil gelangt sei, warum, wisse man nicht. Die Dichtungen könnten von Oxidatoren zerfressen worden sein, eine Vermutung, die zur späteren Rekonstruktion passt. Auf die Frage, ob es Sabotage gewesen sein könne, sagte er: Dafür gebe es keine Daten. Gorbatschow berichtete in der Sitzung, die schnelle Information habe Wirkung gehabt: Reagan habe sich bedankt, die Amerikaner hätten sogar Hilfe angeboten. Gorbatschow schlug vor, wie bei der ersten Meldung vom 3. Oktober zu verfahren und die Amerikaner, die Internationale Atomenergiebehörde und die sowjetische Nachrichtenagentur TASS vom Verlust des U-Boots zu unterrichten.

Was die Führung dennoch verbergen wollte, steht im selben Protokoll: Gorbatschow fragt, welche Informationen die Amerikaner gewinnen könnten, wenn sie das Boot bergen würden. Anatoli Dobrynin, früherer sowjetischer Botschafter in Washington, schlägt vor, einige Schiffe am Unglücksort zu lassen, damit die Amerikaner keinen Hebeversuch unternehmen. Um sie davon abzuhalten, lässt Gorbatschow in die Mitteilung schreiben, man entwickle organisatorische und technische Maßnahmen für die nächsten Schritte.

Gipfeltreffen in Reykjavik

Die Sitzung des Politbüros endet mit einem Satz, der den Abrüstungsgipfel in Reykjavik ein paar Tage später schon im Blick hat. Gorbatschow arbeite an den Unterlagen für die Verhandlungen mit Reagan, schicke die Positionen zur nuklearen Abrüstung und wolle sich am 8. Oktober mit den Kollegen beraten.

Bildbeschreibung Bild: Ronald Reagan und Michail Gorbatschow am 12. Oktober 1986 im Höfði House bei Reykjavik (Ronald Reagan Library, CCO)

Der Gipfel von Reykjavik fand am 11. und 12. Oktober 1986 statt, gut eine Woche nach dem Brand. Die amtlichen Aufzeichnungen des US-Außenministeriums belegen ein Treffen mit Teileinigungen. Beide Seiten verständigten sich zum Beispiel auf Grenzen für seegestützte Marschflugkörper. Ein finales Abschlussabkommen kam nicht zustande, im Zentrum des Streits stand das amerikanische Raketenabwehrprogramm SDI (Strategic Defense Initiative). „Erfolglos“ ist eine Einordnung, die sich an der Messlatte entscheidet. Einen Beleg, dass K-219 den Verlauf beeinflusst hat, enthalten die Quellen nicht.

Preminin erhielt posthum den Orden des Roten Sterns und 1997 den Titel „Held der Russischen Föderation“. Entlassen wurden der Kapitän, der stellvertretende Politoffizier und der Leiter des Gefechtsabschnitts 5 – wegen Pflichtverletzung. Preminin starb auf einem Raketen-U-Boot, gut eine Woche bevor in Reykjavik ernsthaft über die Beseitigung aller atomaren Angriffsraketen beider Seiten innerhalb von zehn Jahren gesprochen wurde. Selten haben zwei Staatschefs so konkret über die vollständige Abschaffung der Atomwaffen verhandelt. Was hätte die Welt aus dieser Friedensdividende gemacht, wenn der Durchbruch damals gelungen wäre? Ein Atomkrieg aus Versehen wäre jedenfalls sehr viel unwahrscheinlicher geworden.

Teil 1: Nukleare Anarchie

Teil 2: Tödliche Hybris

Teil 3: Der Absturz von Yuba City

Teil 4: Nixons nuklearer Bluff

Teil 5: Macht schreibt Geschichte

Teil 6: Tod im Stadtwald

Teil 7: Sonnensturm

Teil 8: Nukleares Roulette

Teil 9: Verseucht und vergessen

Teil 10: Kalkulierte Zerstörung

Teil 11: Glücksfall Fehlzündung

Bastian Alexander Werner hat an mehreren Kursen der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Das U-Boot K-219 (Titelbild, U.S. Navy, CCO)