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Atomkrieg aus Versehen | 22.06.2026
Verseucht und vergessen
1962 wurde das Johnston-Atoll zum Schauplatz schwerer Havarien bei Raketentests. Statt Kontrolle folgte Verschleierung – ein bekanntes Muster.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Das Johnston-Atoll verdankt seine Bekanntheit den amerikanischen Nukleartests: Atompilze über blauem Ozean – diese Bilder gingen um die Welt. Die Inselgruppe rund 1.150 Kilometer südwestlich von Hawaii war bis 1962 Militärstützpunkt und Testgelände. Die Nukleartests erschienen in der offiziellen Darstellung als technisch beherrscht, militärisch notwendig und für die Beteiligten ungefährlich. Aber nicht makellose Kontrolle prägte die Szenerie, sondern eine Serie von Störungen, Havarien und nachträglichen Beschwichtigungen.

Die Testreihe „Operation Dominic I“ umfasste 1962 insgesamt 36 atmosphärische Nuklearversuche in verschiedenen Zonen und Formaten. Öffentliche Aufmerksamkeit erhielt vor allem der erfolgreiche Test „Starfish Prime“ am 9. Juli 1962. Die damit verbundenen Bilder stützten die Legende technischer Souveränität. Weniger sichtbar war, was auf Johnston ebenfalls geschah.

Besonders folgenreich war der Fehlstart von „Bluegill Prime“ am 20. Juni 1962. Kurz nach dem Start fiel der Antrieb der mit einem nuklearen Gefechtskopf bestückten Rakete komplett aus. Die Rakete wurde in relativ niedriger Höhe zerstört, etwa zehn Kilometer über dem Atoll. Trümmer und radioaktives Material gingen auf der Insel nieder. Aus einem militärischen Zwischenfall wurde eine radiologische Kontamination des Geländes.

Bildbeschreibung Bild: PGM-17 Thor Missile auf Johnston Island (Service member in US Military, Air Force, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Kurz darauf kam es zu einer weiteren Havarie direkt auf der Startrampe. Eine Thor-Rakete geriet in Brand. Der konventionelle Sprengstoff des nuklearen Gefechtskopfs detonierte und verteilte Plutonium als feinen, lungengängigen Alpha-Staub über das Startgelände. Während das Gelände dekontaminiert und der Komplex wieder aufgebaut werden musste, hielten Berichte im Nachhinein fest, es habe keine signifikante Verseuchung des Personals gegeben. Eine belastbare klinische Langzeitkontrolle, die eine solche Entwarnung tragen würde, benennt der Text nicht.

Statistik der Entlastung

Die offizielle Sicherheitsbilanz stützte sich nicht nur auf Formulierungen, sondern auch auf Zahlen. Der Report DNA 6040F der Defense Nuclear Agency (DNA) von 1983 arbeitete Messwerte für mehr als 25.000 Soldaten auf, die mit Filmdosimetern ausgestattet waren. Die Botschaft der Militärs war bis dahin eindeutig: Die registrierten Belastungen seien niedrig, also sei das Risiko für das Personal auf dem Atoll begrenzt gewesen. Diese Gewissheit geriet jedoch ins Wanken, als die Behörden die Messpraxis 1979 und 1980 erneut prüften. Weil die Verantwortlichen ab 1979 merkten, dass die Dosimeter unzuverlässig waren, wurde der 1983er Bericht notwendig. Da man den alten Messwerten nicht mehr blind vertrauen konnte, musste die DNA eine sogenannte Dosis-Rekonstruktion (Dose Reconstruction) durchführen. Demnach war fast die Hälfte der im Pazifik eingesetzten Dosimeter aufgrund eines Herstellungsfehlers unversiegelt. In tropischer Umgebung konnten Feuchtigkeit, Hitze und Sonneneinstrahlung in die Gehäuse eindringen und die Filme beschädigen. Damit verlor ein erheblicher Teil der Messreihe seine Belastbarkeit. Das ist mehr als ein technischer Mangel. Wenn die Instrumente versagen, mit denen Sicherheit nachgewiesen werden soll, dann verlieren auch die beruhigenden Statistiken ihre Grundlage. Die niedrigen offiziellen Werte belegen dann nicht verlässlich eine geringe Exposition. Sie zeigen vor allem, wie unsicher die Datengrundlage war, auf der Entwarnung erteilt wurde.

Verwaltungssprache als Schutzschild

Zu den auffälligsten Befunden der Akten gehört die Sprache der Verantwortlichen. Sie arbeitet nicht nur beschreibend, sondern entlastend. Die Zerstörung einer nuklear bestückten Rakete in Bodennähe erscheint als „kontrollierte Selbstzerstörung“. Aus Verseuchung wird ein „lokal begrenztes Ereignis“. Solche Formeln nehmen dem Geschehen seine Schärfe, noch bevor über Folgen gesprochen wird.

Und die sprachliche Abrüstung war politisch wirksam, weil sie nicht im Apparat steckenblieb. Nationale Medien folgten weitgehend den staatlichen Verlautbarungen. Wo Hawaii-Zeitungen über Fallout, Erschütterungen und Risiken berichteten, blieb das in der großen US-amerikanischen Erzählung randständig. Regionale Warnungen konnten so als Überreaktion erscheinen, während die offizielle Version den Maßstab setzte. Gerade darin liegt der eigentliche Mechanismus: Nicht erst die Auswertung der Schäden, sondern schon ihre Benennung wird kontrolliert. Wer definiert, was ein „Zwischenfall“ ist, definiert oft auch, was später als entschädigungsrelevant, beweisbar oder folgenlos bleiben könnte.

Für die Betroffenen war das keine nebensächliche Frage. Wer auf kontaminiertem Gelände arbeitete oder ohne verlässliche Dosimetrie in belastete Zonen geschickt wurde, trug ein Risiko, das sich nicht mit nachträglicher Verwaltungssprache aufheben ließ. Besonders gravierend war die Gefahr durch eingeatmete Partikel, vor allem dort, wo Plutonium freigesetzt wurde. Solche Partikel können sich im Körper ablagern und über lange Zeit gesundheitliche Schäden verursachen.

Über Jahrzehnte blockierte die US-Regierung Entschädigungen unter Verweis auf Geheimhaltung, Zuständigkeiten und unzureichend dokumentierte Belastungen. Erst später entstanden Programme, über die Betroffene, Witwen und Kinder Ansprüche geltend machen konnten. Der politische Durchbruch für die sogenannten Atomic Veterans setzte erst mit Gesetzesänderungen von 1990 und 1996 ein. Was zuvor als beherrschter Routinefall erschien, wurde damit zumindest teilweise als historisches Unrecht sichtbar.

Eingespielter Mechanismus

Das Johnston-Atoll steht nicht nur für das Risiko atmosphärischer Nukleartests. Der Ort zeigt auch, wie moderne Machtapparate Schäden verwalten – zuerst technisch, dann statistisch, schließlich sprachlich. Unfälle werden eingehegt, Begriffe geglättet, Datenreihen stabilisiert und Zuständigkeiten verschoben, um berechtigte Entschädigungen an Opfer dieser Politik zu vermeiden. Erst dadurch entsteht im Nachhinein das Bild einer Lage, die angeblich jederzeit von den Verantwortlichen unter Kontrolle war. Die Akten legen jedoch etwas anderes nahe. Nicht die Kontrolle war das Leitmotiv dieses Ortes, sondern der Versuch, Kontrollverlust als Kontrolle zu protokollieren. Das Muster wiederholt sich immer wieder: Sobald das Überleben des Staates oder die Fortführung seiner Rüstungsprojekte auf dem Spiel stehen, deklarieren die Herrschenden Unfälle zum beherrschten Routinefall und die Lüge zur unumstößlichen Wahrheit. Ein eingespielter Mechanismus, der sich für die Mächtigen bis heute bewährt hat.

Betreten verboten

Das Johnston-Atoll ist heute Naturschutzgebiet, die Inselgruppe für die Öffentlichkeit gesperrt. Bis zum Jahr 2004, schreibt die Seite Atomwaffen A-Z, gab es auf der Hauptinsel noch 317 Einwohner, hauptsächlich US-Militärs. Tausende Soldaten und zivile Auftragnehmer hatten sich in den aktiven Jahrzehnten bis zur Schließung 2004 auf der Insel aufgehalten. Ehemalige Einsatzkräfte („Atomic Veterans“ oder „Johnston Atoll Veterans“) setzen sich seit Jahrzehnten für die Anerkennung und Entschädigung ihrer gesundheitlichen Schäden (wie Krebserkrankungen) ein.

Bildbeschreibung Bild: Agent Orange-Fässer auf dem Johnston-Atoll, etwa 1976 (US Government Photograph, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Nachdem oberirdische Atomtests durch den Partiellen Atomteststoppvertrag 1963 verboten wurden, starteten vom Johnston-Atoll aus bis 1975 zahlreiche Forschungsraketen. Ende der 1980er Jahre wurde auf der Insel eine Anlage für die Verbrennung chemischer Kampfstoffe errichtet. Durch die Lagerung von Agent Orange und Sarin wurde das Atoll ebenfalls massiv verseucht.

Teil 1: Nukleare Anarchie

Teil 2: Tödliche Hybris

Teil 3: Der Absturz von Yuba City

Teil 4: Nixons nuklearer Bluff

Teil 5: Macht schreibt Geschichte

Teil 6: Tod im Stadtwald

Teil 7: Sonnensturm

Teil 8: Nukleares Roulette

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Sonnenuntergang auf Johnston Atoll, 2012 (USFWS - Pacific Region, Public Domain, via Wikimedia Commons)