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Weltkrieg aus Versehen | 23.05.2026
Sonnensturm
Wie ein spektakuläres Naturereignis 1967 als Angriff der Sowjetunion fehlgedeutet wurde und beinahe einen Gegenschlag auslöste.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Die Welt im Mai 1967 war geprägt von Misstrauen, ideologischer Konfrontation und der ständigen Angst vor der nuklearen Vernichtung. Neue Frühwarnradare des Ballistic Missile Early Warning System, kurz BMEWS, bewachten den Westen. Die gigantischen Anlagen in Alaska, Grönland und Großbritannien sollten sowjetische Raketen frühzeitig erkennen und den USA im Ernstfall etwa 15 Minuten Reaktionszeit verschaffen. Politik und Militär präsentierten diese Systeme als nahezu unfehlbar. Technik garantiert Kontrolle, so die klare Botschaft jener Zeit.

Ebenfalls im Mai 1967 berichteten Zeitungen über ein spektakuläres Naturphänomen: Polarlichter waren ungewöhnlich weit südlich sichtbar, teilweise sogar bis nach New Mexico. Ein faszinierendes Himmelsschauspiel.

Blinde Radarsysteme

In den Radarstationen von Thule in Grönland und Clear in Alaska saßen Operatoren vor ihren Bildschirmen und mussten mit ansehen, wie ihre Systeme plötzlich versagten. Die Radare, die permanent nach sowjetischen Raketen suchten, wurden gleichzeitig massiv gestört. Auf den Monitoren verschwand die gewohnte Ordnung. Die Signale brachen in einem Rauschen zusammen. Auf den Bildschirmen nur noch „Schnee“, ein Phänomen, das mancher noch von älteren analogen Röhrenbildschirmen kennt. Es handelt sich um ein zufälliges Pixelmuster aus Schwarz-Weiß-Punkten, das erscheint, wenn der analoge Bildschirm kein verwertbares Signal mehr empfängt. Es sah so aus, als hätte man den Militärs buchstäblich den (Antennen-)Stecker aus den Bildschirmen gezogen – sie waren im wahrsten Sinne des Wortes blind.

Bildbeschreibung Bild: Ballistic Missile Early Warning Radar auf der Thule Air Base, Grönland (Foto: N/A, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Für die Männer in den Kontrollräumen bedeutete das höchste Alarmbereitschaft. In der Logik des Kalten Krieges galt ein solches flächendeckendes „Jamming“, also eine absichtliche Störung von Funksignalen durch die Überlagerung mit Störsendern, als möglicher Auftakt eines sowjetischen Angriffs. Die Meldungen durchliefen die militärische Befehlskette hin zum Strategic Air Command, das ohnehin permanent auf Eskalation vorbereitet war. Nuklear bewaffnete Bomberbesatzungen wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Flugzeuge standen „ready to launch“ auf den Rollfeldern.

Radioausbruch im All

Ein Blick zurück, in die Chronologie dieser Tage: Am 15. Mai 1967 war das modernisierte BMEWS-System offiziell als „voll einsatzfähig“ erklärt worden. Bereits wenige Tage später, am 18. Mai, beobachteten Astronomen eine außergewöhnlich große Sonnenfleckengruppe mit der astronomischen Bezeichnung McMath 8818.

Am frühen Nachmittag des 23. Mai schleuderte die Sonne einen gewaltigen Radioausbruch ins All. Genau in diesem Moment meldeten sämtliche BMEWS-Stationen massive Störungen. Weil alle Anlagen gleichzeitig betroffen waren, gingen die Verantwortlichen zunächst von einem koordinierten sowjetischen Angriff aus.

Dann wurden die Solar-Vorhersager des Air Weather Service bei NORAD hinzugezogen. Diese Experten erkannten den Zusammenhang. Die Radaranlagen arbeiteten auf einer Frequenz von 440 Megahertz, also genau in einem Bereich, der besonders anfällig für starke solare Radioemissionen ist. Die Antennen waren zudem direkt auf die Sonne ausgerichtet, was den Vollausfall der Frühwarnsysteme begünstigte. Die Wissenschaftler meldeten sinngemäß: Nicht die Sowjetunion greift an, sondern die Sonne hat die Radare geblendet. Diese Information erreichte die militärischen Kommandeure gerade noch rechtzeitig. Die Bomber blieben am Boden. Ein nuklearer Schlagabtausch wurde verhindert.

Sicherheit und Narrative

Die offizielle Darstellung der damaligen Militärsysteme bekam dadurch jedoch einen schweren Riss. Denn die angeblich hochmoderne und „voll einsatzfähige“ Sicherheitsarchitektur war innerhalb weniger Minuten durch ein natürliches Ereignis praktisch außer Kraft gesetzt worden. Besonders brisant ist dabei die politische und mediale Dimension. In der öffentlichen Berichterstattung jener Zeit wurde die Gefahr kaum thematisiert. Die Bevölkerung erfuhr wenig bis nichts darüber, wie nahe die Welt tatsächlich an einer Eskalation stand. Stattdessen dominierte die Erzählung von Stabilität, Kontrolle und professionellem Krisenmanagement.

Bis heute zeigt sich darin ein grundsätzliches Muster: Machtapparate schützen nicht nur ihre Territorien, sondern auch ihre Narrative. Technische Schwächen, Fehleinschätzungen und Risiken werden häufig verschleiert oder im Nachhinein zu Erfolgsgeschichten umgedeutet. Jahrzehnte später wurde das Ereignis vor allem als „Erfolg der Geowissenschaften“ dargestellt und nicht als Warnung vor der Gefährlichkeit automatisierter Militärlogik.

Der darauffolgende geomagnetische Sturm vom 25. Mai zählt bis heute zu einem der stärksten jemals registrierten Störungen dieser Art und beeinträchtigte Funkverbindungen weltweit fast eine Woche lang. Allerdings war der Sonnensturm von 1967 noch nicht das extremste bekannte Ereignis dieser Art. Das sogenannte Carrington-Ereignis von 1859 war noch gewaltiger. Durch die Wucht der elektromagnetischen Schockwellen brachen damals ganze Telegrafennetze in Europa und Nordamerika zusammen. Polarlichter waren sogar über Kuba sichtbar.

Ein vergleichbarer Sonnensturm hätte heute vermutlich weit dramatischere Folgen als 1967 oder 1859. Moderne Gesellschaften hängen vollständig von Satellitenkommunikation, digitalen Netzwerken, GPS-Systemen und stabilen Stromnetzen ab. Ein massiver geomagnetischer Sturm könnte innerhalb kurzer Zeit die komplette kritische Infrastruktur lahmlegen – mit weltweiten wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen, die kaum kalkulierbar wären.

Deshalb zeigt der Vorfall von 1967 weit mehr als nur eine historische Beinahe-Katastrophe. Er zeigt die Zerbrechlichkeit zentralisierter Macht- und Technologiesysteme und wie schnell Angst, Automatismen und militärische Logik natürliche Ereignisse als feindlichen Angriff interpretieren können. Und er zeigt, wie gefährlich eine Welt wird, in der Menschen ihre Verantwortung zunehmend an technische Systeme delegieren.

Die Sonne wird wieder solche Ausbrüche erzeugen. Die entscheidende Frage bleibt, ob beim nächsten Mal erneut Menschen rechtzeitig den Mut und die Möglichkeit haben, die Logik der Eskalation zu stoppen, bevor automatische Abläufe stärker sind als Vernunft und Verantwortung.

Teil 1: Nukleare Anarchie

Teil 2: Tödliche Hybris

Teil 3: Der Absturz von Yuba City

Teil 4: Nixons nuklearer Bluff

Teil 5: Macht schreibt Geschichte

Teil 6: Tod im Stadtwald

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: YellowstoneNPS, Public Domain, via Wikimedia Commons (Titel)