In der Spätphase des Kalten Kriegs verschärften sich die geopolitischen Spannungen zwischen den Supermächten massiv, besonders durch den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979 und den darauffolgenden Abbruch der Ratifizierung des SALT-II-Vertrags. Parallel zu dieser politischen Eiszeit vollzog sich eine tiefgreifende technologische Transformation der nuklearen Führungs- und Kontrollsysteme. Um die operative Überlebensfähigkeit der nuklearen Mächte zu sichern, stützten sich sowohl die USA als auch die Sowjetunion zunehmend auf hochautomatisierte Frühwarnsysteme und die strategische Doktrin des „Launch-on-Warning“ sowie des „Launch-under-Attack“. Diese Strategie sah vor, einen nuklearen Vergeltungsschlag bereits bei der bloßen sensorgestützten Erkennung eines gegnerischen Erstschlags einzuleiten, noch bevor die feindlichen Sprengköpfe im eigenen Gebiet einschlagen und die eigenen Raketensilos oder Kommandozentralen zerstören.
Diese strategische Ausrichtung verkleinerte das zeitliche Entscheidungsfenster für politische und militärische Akteure auf ein absolutes Minimum. Zwischen der ersten Satellitendetektion eines Starts und dem berechneten Einschlag vergingen bei interkontinentalen ballistischen Raketen (ICBMs) lediglich 20 bis 30 Minuten, bei küstennahen, von U-Booten gestarteten ballistischen Raketen (SLBMs) verringerte sich diese Spanne oft auf unter 15 Minuten. Innerhalb dieses winzigen Zeitrahmens mussten die nationalen Frühwarnzentren nun die eintreffenden Sensordaten verifizieren, Bedrohungskonferenzen abhalten und den Präsidenten alarmieren, dem schließlich oft weniger als zehn Minuten verblieben, um über das Schicksal der Zivilisation zu entscheiden. Die extrem enge Kopplung der Systeme und das Fehlen zeitlicher Puffer machten die gesamte nukleare Abschreckungsarchitektur anfällig für sich gegenseitig aufschaukelnde Fehlfunktionen, wie sie sich in der Kette von NORAD-Fehlalarmen Im Frühsommer 1980 zeigten. Die Abkürzung NORAD steht für „North American Aerospace Defense Command“ und ist das Nordamerikanische Luft- und Weltraumverteidigungskommando. Es handelt sich um eine militärische Organisation der Vereinigten Staaten und Kanadas, die für die Luft- und Weltraumwarnung, die Luftraumkontrolle sowie die maritime Warnung für Nordamerika zuständig ist.
Der Vorfall vom 28. Mai 1980 blieb der Öffentlichkeit lange verborgen, markierte jedoch den tatsächlichen Beginn der Hardware-Krise im Frühjahr 1980. Auf den Displays erschienen plötzlich Meldungen über 2.020 anfliegende Raketen, während das Alternate National Military Command Center zeitgleich 9.000 Geschosse registrierte. Die Anzeigen erloschen nach nur sechs Sekunden. Weil die Signale extrem kurz und zeitlich leicht versetzt auftraten, wurde keine Bedrohungskonferenz einberufen; die Militärführung stufte den Vorfall als einen von jährlich mehreren „zufälligen Systemfehlern“ ein, leitete jedoch eine interne technische Untersuchung ein.
Der dramatischste Vorfall ereignete sich am 3. Juni 1980 kurz nach Mitternacht. Um 02:21 Uhr registrierte das National Military Command Center zunächst harmlose, als „non-threat“ eingestufte Raketenanzeigen, die sofort wieder verschwanden. Um 02:25 Uhr jedoch meldete das Display zwei anfliegende SLBMs. Nur 18 Sekunden später sprang die Anzeige auf 200 Raketen, um kurz darauf auf über 2.000 angebliche Ziele anzuwachsen. Um 02:27 Uhr reagierte der Diensthabende mit der Auslösung eines „Fast Klaxon Alert“. Dies bedeutete die sofortige Mobilisierung aller nuklearen Bomber- und Tankercrews, die zu ihren Maschinen rannten und die Triebwerke starteten.
Erst als NORAD um 02:28 Uhr eine offizielle Entwarnung, ein „All Clear“ herausgab, weil keines der physikalischen Hauptsensorsysteme – weder Infrarotsatelliten noch Radarstationen – die Bedrohung bestätigen konnte, wurde der Alarm abgebrochen. Die Besatzungen schalteten die Triebwerke ab, verblieben jedoch in den Flugzeugen im Bereitschaftsstatus „Posture 5“. Parallel dazu wurde der Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski um 3:00 Uhr morgens geweckt und auf die bevorstehende Notwendigkeit vorbereitet, den Präsidenten für die Autorisierung eines Gegenschlags zu kontaktieren. Brzezinski verzichtete im letzten Moment auf den Anruf bei Präsident Carter, als die Bestätigung des Fehlalarms eintraf. White-House-Militärberater William Odom, der die interne Pentagon-Konferenzschaltung in dieser Nacht live mitverfolgt hatte, beschrieb die Atmosphäre später als zutiefst „unheimlich“.
Bild: Zbigniew Brzezinski (rechts), Edmund Muskie und Präsident Jimmy Carter, der über das Rote Telefon mit Moskau spricht. 1980. (CSIS | Center for Strategic & International Studies from Washington DC, USA, Public domain, via Wikimedia Commons)
Am 6. Juni 1980 wiederholte sich das Szenario unter bemerkenswerten Umständen. Um den Fehler vom 3. Juni zu lokalisieren, hatten NORAD-Techniker die Rechnerkonfiguration exakt in den Zustand der Unglücksnacht zurückversetzt und eine sogenannte Software-Falle installiert – in der Hoffnung, die fehlerhaften Datenströme zu isolieren und danach beheben zu können. Und tatsächlich, diese Testumgebung triggerte prompt die erneute Generierung von Falschdaten auf den Monitoren. Aber obwohl das Personal teilweise vorgewarnt war, griffen die automatisierten Sicherheits- und Mobilisierungsprotokolle erneut. Die Bombercrews wurden abermals alarmiert, und die nukleare fliegende Kommandozentrale (NEACP) auf der Andrews Air Force Base in Maryland rollte in Startposition, bereit zum sofortigen Abheben. Erst die Abschaltung und Überbrückung des betroffenen Teilsystems beendete die akute Krise.
Die offizielle Untersuchung präsentierte eine verblüffend einfache Erklärung: Ein winziger, fehlerhafter Datenübertragungs-Chip im Wert von 46 Cent habe das Chaos verursacht. Doch hinter dieser bequemen Sündenbock-Hardware verbirgt sich eine eklatante Lücke im Herrschaftsnarrativ. In internen Memoranden an den Präsidenten musste der Verteidigungsminister einräumen, dass es den Militärtechnikern im Labor trotz intensivster Bemühungen niemals gelang, den fraglichen Chip zu einem erneuten Ausfall zu bringen. Die gesamte Erklärung stützte sich rein auf die theoretische Mutmaßung einer Expertengruppe.
Nach den Vorfällen im Juni 1980 war das Militär tatsächlich gezwungen, die betroffene Kommunikationshardware für etwa 60 Tage vollständig zu umgehen und das nukleare Frühwarnsystem in einem provisorischen Behelfsmodus mit erheblichen operativen Einschränkungen zu betreiben. Die Behauptung von absoluter technologischer Kontrolle bricht angesichts dieser hilflosen Überbrückung in sich zusammen.
Die Herrschaftssicherung funktioniert über die sprachliche Entschärfung der Katastrophe: Während der Verteidigungsminister sich intern über die Fernsehsender beschwerte, weil diese das Geschehen durch das Einblenden von Atompilzen in ihrer Berichterstattung „sensationalisierten“, inszenierte das Pentagon eine mediale Nebelkerze. Die akute Lebensgefahr für Millionen von Menschen wurde durch Begriffe wie „vorsorgliche Überlebensmaßnahmen“ weichgezeichnet.
Diese PR-Strategie verschleiert die lebensgefährliche Natur der damaligen nuklearen Doktrin. Der Grundsatz des „Startens bei Warnung“ zwingt die Entscheidungsträger in ein mörderisches Zeitkorsett von oft weniger als zehn Minuten. Die enge Kopplung der Systeme verzeiht keine Fehler. Ein unlesbares Signal, ein kleiner Softwarefehler – und die Maschinerie läuft unaufhaltsam an. Die Eliten schützen nicht uns, sie schützen primär ihre eigenen Befehlsstrukturen.
Während offizielle Stellen das Risiko eines unbeabsichtigten Nuklearkriegs stets als vernachlässigbar einstuften, zeichnen spätere Analysen von Insidern wie dem ehemaligen Verteidigungsminister William Perry ein gänzlich anderes Bild. Perry betont, dass die Vermeidung einer Katastrophe im Juni 1980 zu einem großen Teil auf glückliche Umstände zurückzuführen war. Hätten sich diese Fehlalarme während einer akuten weltpolitischen Krise wie zum Beispiel der Kubakrise von 1962 ereignet, hätte die militärische Führung die Falschdaten höchstwahrscheinlich als tatsächlichen Erstschlag interpretiert. Denn unter realem Krisenstress neigen Entscheidungsträger zu kognitiven Verzerrungen und tendieren dazu, mehrdeutige Informationen so zu bewerten, dass sie das bereits erwartete Bedrohungsszenario bestätigen. Das Vertrauen auf den rational agierenden „Human-in-the-Loop“ ignoriert die psychologischen Realitäten von extremem Zeitdruck und unvollständiger Informationslage.
Bild: Der frühere US-Außenminister William Perry 2014 in Stockholm (The Official CTBTO Photostream, CC BY 2.0)
Die technologische Reduktion des Pentagons, die den Vorfall auf einen verschlissenen Chip zurückführte, steht im direkten Widerspruch zu den Erkenntnissen der modernen Sicherheitsforschung. Wissenschaftler argumentieren, dass der physische Defekt des Chips lediglich der Auslöser, nicht aber die Ursache des Systemversagens war. In einem hochkomplexen, eng gekoppelten System interagieren Komponenten auf nicht-lineare Weise.
Aufgrund der massiven öffentlichen Beunruhigung in den USA über diese Vorfälle leitete der US-Senat unter dem Vorsitz von Senator John C. Stennis eine formelle Untersuchung ein. Die Ergebnisse wurden im Oktober 1980 im Bericht des US-Senatsausschusses für Streitkräfte veröffentlicht. Die eigentliche systemische Schwachstelle lag laut dem Bericht in der Software-Architektur von NORAD selbst, die keine logischen Plausibilitätsprüfungen für eintreffende Datenströme besaß. Ein defekter Chip konnte so unformatierten Datensalat einspeisen, den die nachgelagerten Rechner ungeprüft als valide Raketenzahlen interpretierten und in Sekundenschnelle an alle Atomkommandos verteilten. Dies löste dann die Alarmierungskaskade aus.
Die Krise von 1980 entlarvt den nuklearen Frieden als ein Provisorium, das auf purem Glück beruht. Die Behauptung, der Mensch sei das unfehlbare Korrektiv im System, ist eine Beruhigungspille. Unter dem extremen Stress eines geopolitischen Konflikts hätten die Verantwortlichen die Fehlalarme fast sicher als realen Erstschlag gedeutet und die Welt vernichtet. Der Erhalt der Machtstrukturen verlangt von uns, tagtäglich mit dem nuklearen Roulette zu leben. Und die Herrschenden feilen derweil schon an der nächsten Stufe: der Übergabe der Entscheidungsgewalt an autonome Algorithmen. Dann regieren Maschinen den Zündknopf allein. Bis das Display uns verbrennt.
Teil 3: Der Absturz von Yuba City
Teil 4: Nixons nuklearer Bluff
Teil 5: Macht schreibt Geschichte
Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.
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