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Atomkrieg aus Versehen | 07.05.2026
Tod im Stadtwald
Pershing II-Raketen in Deutschland: Zweimal entging Heilbronn knapp einer Katastrophe. Die Ereignisse aus den 1980er Jahren sind ein Mahnruf.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Am 7. Mai 1987 erlebte Heilbronn beinahe die Wiederholung einer Katastrophe. An diesem Tag rutschte ein Pershing-II-Abschussfahrzeug von der Fahrbahn. Die Presse meldete verharmlosend einen „umgekippten Transporter“, von offizieller Seite aus wurde der Vorfall als „Rutschen“ einer „Übungsrakete“ banalisiert. Doch es war mehr als ein technisches Malheur. Wieder wurde Normalität vorgegaukelt, wo keine war. Genau wie zwei Jahre zuvor, als drei junge Menschen in einem Feuerball ums Leben kamen. Was war damals geschehen?

Ein mutiger Feuerwehrmann

Der 11. Januar 1985 ist ein kalter Freitag. Auf der Waldheide, einem Plateau über den Dächern von Heilbronn, peitscht der Wind bei Temperaturen von bis zu minus sieben Grad. Für die Soldaten der C-Batterie, 3. Bataillon, 84. Feldartillerie, finden Routineübungen im tiefen Schnee statt. Doch die Kälte ist tückisch. Sie verändert die physikalischen Eigenschaften der Materialien und lässt diese spröde werden.

Günter Baumann, ein Feuerwehrmann der Heilbronner Leitstelle, wird um 14:02 Uhr aus seinem Alltag gerissen. Brand eines Lkw, Munitionsexplosion auf dem US-Militärgelände, wird ihm gemeldet. Der amerikanische Standort verfügt vor Ort nicht über eine eigene Feuerwehr, also nimmt die Leitstelle der Heilbronner Feuerwehr den Notruf auf. Als er sieben Minuten später vor Ort eintrifft, stehen die Tore des Hochsicherheitstraktes, sonst hermetisch abgeriegelt, weit offen. Die Posten sind geflohen. Soldaten mit schwersten Brandverletzungen irren ziellos durch den Schnee. Einige liegen am Boden, ihre Körper gezeichnet von einer gewaltigen Explosion. Drei junge Männer, die Soldaten John Leach, Todd Zephier und Darryl Shirley, haben keine Chance mehr.

Günter Baumann beschreibt eine Atmosphäre der Angst und der Aggression. Während er versucht, zu retten, was zu retten ist, kommen plötzlich US-Soldaten mit Maschinengewehren auf die Rettungsmannschaft zu. Sie sichern die Unfallstelle ab und umringen die Rettungskräfte, als wären sie Eindringlinge oder Schwerverbrecher. Der Boden ist spiegelglatt durch das gefrierende Löschwasser, die Luft geschwängert vom Geruch brennenden Raketentreibstoffs. Und direkt neben dem Inferno lagern die montierten Raketen mit ihren nuklearen Sprengköpfen. Baumann hat als Pressesprecher der Heilbronner Feuerwehr einen Fotoapparat dabei und fängt an, Bilder zu machen. Ein Soldat bemerkt das und verlangt den Film. Aber Baumann hat diesen bereits gewechselt und den belichteten in seinem Feuerwehrhelm versteckt. So schmuggelt er Fotos des Ereignisses aus der Basis. Ein mutiger Akt, um die Wahrheit zu retten.

Was war geschehen?

Die technische Rekonstruktion, wie sie aus den US-Untersuchungsberichten hervorgeht, liest sich wie ein physikalisches Protokoll: Kurz vor 14 Uhr beginnt die Mannschaft mit dem Heben des Erststufenmotors aus seinem Versandcontainer. Der Motor schwebt stabil an einem Kran. Durch die Reibung und die extrem niedrige Luftfeuchtigkeit bei minus 12 Grad Motortemperatur wandern elektrostatische Ladungen (ESD) über die Oberfläche. Ein winziger Potenzialunterschied genügt. Ein Funke springt über.

Innerhalb von Millisekunden entzündet sich der Feststofftreibstoff im Inneren des Motors. Es gibt keine Vorwarnung. Der Druck im Gehäuse steigt explosiv an, die mechanische Festigkeit des Materials wird überschritten. In weniger als einer Sekunde reißt das Gehäuse auf. Die hintere Kuppel der Raketenstufe wird abgesprengt und wie ein Geschoss nach hinten gefeuert, zusammen mit der massiven Schubdüse. Brennende Treibstoffbrocken werden bis zu 120 Meter weit über das Gelände geschleudert. Die reaktive Kraft des ausströmenden Gases wirkt wie ein unkontrolliertes Triebwerk. Der vordere Teil des Motors wird von dieser Kraft erfasst und bohrt sich in das Kranfahrzeug.

Die Soldaten, die um die Rakete herum versammelt sind, werden von der Druckwelle und den brennenden Trümmern buchstäblich zermalmt. Der Brand dauert bis spät in die Nacht. Die Feuerwehr kann nur zusehen und Sekundärbrände verhindern, da Raketentreibstoff seinen eigenen Sauerstoff mitbringt und mit herkömmlichen Mitteln unlöschbar ist. Es ist eine achtstündige Lektion in technologischer Ohnmacht.

Von der Explosion zum Brandunfall

Der entscheidende Bruch findet später zwischen dem physischen Ereignis und seiner politischen Verarbeitung statt. Die Daten der US-Armee sprechen eine deutliche Sprache. Violent rupture, exploded, ethal debris ist zu lesen und bedeutet soviel wie explodierende, tödliche Trümmer, welche einen Gewaltbruch im verunfallten Raketensystem verursachten. Doch in der damaligen Hauptstadt Bonn wird eine andere Realität konstruiert. Die Bundesregierung weigert sich beharrlich, das Wort „Explosion“ in den Mund zu nehmen. Man spricht von einem „Brandunfall“, so als handele es sich um ein brennendes Adventsgesteck und nicht um eine detonierende Mittelstreckenrakete.

Dieser sprachliche Bruch verfolgt ein klares Ziel: die Risikominimierung in der öffentlichen Wahrnehmung. Man behauptet, die Raketenstufe habe nur eine Bewegung von „einem Meter“ gemacht, während die Trümmer in Wahrheit über hundert Meter weit flogen. Besonders verharmlosend ist die Nutzung des Begriffs „Marschkonfiguration“. Damit suggeriert die Regierung, dass keine atomare Gefahr bestand, weil am unmittelbar brennenden Motor kein Sprengkopf montiert war. Dass aber, wie der Feuerwehrmann Baumann bezeugte, die scharfen Sprengköpfe in unmittelbarer Nähe des Brandherds lagerten, wird hinter der Floskel der „geheimen Standorte“ verborgen. Die Daten zeigen, dass die Sicherheit der Bürger eine Behauptung war, die Geheimhaltung hingegen eine Tatsache.

Macht und Intransparenz

Die Mechanik der Macht funktioniert über die Entfremdung des Risikos von den Betroffenen. Dies erfolgt in drei Schritten. Zunächst wird die Gefahr bürokratisiert. Die Regierung verweist auf „Nato-Vorschriften“ und „geheime Unterrichtungen“ der Innenminister. Dies entzieht dem lokalen Bürger jede Handlungsgrundlage. Die Intransparenz sorgt dafür, dass die Bevölkerung von Heilbronn erst erfährt, was über ihren Köpfen schwebt, als es brennt.

Bildbeschreibung Bild: Kundgebung der Friedensbewegung vor dem Tor der Waldheide zwischen 1985 und 1987 (Dr. Erhard Jöst, CC BY-SA 3.0 DE)

Dann wird der Protest besorgter Bürger kriminalisiert. Während Soldaten der Raketeneinheiten laut Anfragen im Landtag Drogen und Alkohol im Dienst konsumieren und Müll vergraben, wird der gewaltfreie Widerstand der Friedensbewegung als „Nötigung“ verfolgt.

Und zuletzt werden auch noch die Spuren verwischt, denn heute findet man auf der Waldheide kaum noch Hinweise auf den „schwarzen Freitag“. Die Geschichte wird in Gedenkveranstaltungen neutralisiert, die den Fokus auf die deutsch-amerikanische Freundschaft legen, anstatt die strukturellen Lügen von 1985 aufzuarbeiten. Deshalb ist der Rückfall zwei Jahre später, im Mai 1987 am selben Standort, das stärkste Indiz für das, was Kritiker damals als „Wurm im System“ bezeichneten: eine Waffentechnik, die komplex, wetterfühlig und damit unkontrollierbar war.

Die Pershing-II-Unfälle in Deutschland sind mehr als technische Defekte. Sie sind das Zeugnis einer tiefen Kluft zwischen den wenigen Verantwortlichen, die über das Narrativ entscheiden, und den vielen, die das Risiko als Bürger vor Ort tragen.

Wir sehen ein sich immer wiederholendes Vorgehen, ein Muster, das bis in die Gegenwart reicht: die Verharmlosung von Risiken durch technokratische Sprache, die Unterdrückung von Augenzeugenberichten und die Priorisierung geostrategischer Interessen vor der körperlichen Unversehrtheit der lokalen Bevölkerung. Die amerikanischen Soldaten Leach, Zephier und Shirley starben nicht für die Freiheit, sondern in einer Übung mit einer Technik, die bei Minusgraden zum unkontrollierbaren Geschoss wurde. Dass Heilbronn nicht zu einem radioaktiven Ödland wurde, war kein Verdienst der Nato-Sicherheitsprotokolle, sondern schlichtes Glück.

Kernwaffen in Nichtkernwaffenstaaten

Man darf durchaus darauf hinweisen, dass Artikel I & II des Atomwaffensperrvertrags Nuklearstaaten die Weitergabe der Verfügungsgewalt über Atomwaffen an Nichtkernwaffenstaaten (wie Deutschland) verbietet. Solche Unfälle dürften also in Nichtkernwaffenstaaten gar nicht stattfinden können. Aber das Bundesverfassungsgericht hat Klagen gegen die Stationierung von Atomwaffen in Deutschland bisher meist mit dem Verweis auf den weiten Gestaltungsspielraum der Bundesregierung in der Außen- und Sicherheitspolitik abgewiesen. Die nukleare Teilhabe der Bundesrepublik kann deshalb als politisch geduldeter „Sonderfall“ bezeichnet werden.

Und dieses Thema bleibt hochaktuell. Auch wenn die USA gerade beschlossen haben, vorerst keine Mittelstreckenraketen in Deutschland zu stationieren, gibt es durch diese nukleares Teilhabe immer noch genug atomares Waffenmaterial, das in Deutschland Unfälle auslösen kann. Bis jetzt scheinen alle Akteure Glück gehabt zu haben. Ein Glück, auf das man in den Machtzentren bis heute wettet. Der Staat schützt dieses System, nicht die Menschen, die ihm vertrauen. Aber irgendwann kann auch diese Glückssträhne einmal zu Ende gehen.

Teil 1: Nukleare Anarchie

Teil 2: Tödliche Hybris

Teil 3: Der Absturz von Yuba City

Teil 4: Nixons nuklearer Bluff

Teil 5: Macht schreibt Geschichte

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: P.Schmelzle, Public domain, via Wikimedia Commons (Titel: Gedenktafel in Waldheide)