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Atomkrieg aus Versehen | 28.04.2026
Macht schreibt Geschichte
Im April 1969 startet das Pentagon Projekt Azorian: Ein verunglücktes sowjetische U-Boot mit Atomwaffen an Bord soll heimlich geborgen werden.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

1973 bewundert die US-amerikanische Öffentlichkeit ein monumentales Schiff. Es ist die „Hughes Glomar Explorer“, präsentiert als privates Prestigeprojekt des Milliardärs Howard Hughes. Offiziell dient es dem Tiefsee-Bergbau zur Gewinnung von Manganknollen. Hinter dieser Fassade aus Stahl und Unternehmertum operiert jedoch die CIA. Das Schiff ist kein Forschungslabor, sondern ein schwimmendes Hebewerkzeug für den Diebstahl sowjetischer Militärtechnologie.

Projekt Azorian

Pazifischer Ozean, 18. März 1968: Das sowjetische U-Boot K-129 sinkt, bestückt mit nuklearen Sprengköpfen an Bord, 1.560 Meilen nordwestlich von Hawaii. Die Sowjetunion sucht vergeblich mit einer Flotte von 53 Flugzeugen und 37 Schiffen. Die USA registrieren die Implosion über ihr geheimes SOSUS-Lauschsystem, das in den 1950er Jahren in den Ozeanen installiert wurde, um die Bewegung sowjetischer U-Boote zu verfolgen. Moskau bleibt der exakte Ort des Wracks verborgen. Bis zu 98 Seeleute finden den Tod, die exakte Zahl der Opfer ist nicht bekannt.

Bildbeschreibung Bild: Sowjetisches U-Boot K-129, um 1968 (Central Intelligence Agency, Public Domain, via Wikimedia Commons).

Washington, D.C., April 1969: Das Pentagon beauftragt die CIA mit der Bergungsstudie. David Packard, stellvertretender US-Verteidigungsminister, gibt den Startschuss für eine Operation, die technologische Grenzen sprengen soll. Ziel ist die Hebung der SS-N-4 Raketen mit ihren nuklearen Sprengköpfen und der Codebücher aus einer Tiefe von rund 5.000 Metern.

Chester, Pennsylvania, Juli 1973: Die „Hughes Glomar Explorer“ wird fertiggestellt. Sie verfügt über ein internes Docking-Becken, den Moon Pool, und ein 2.000 Tonnen schweres Greifarm-System. Howard Hughes agiert als der „Mystery Sponsor“, um die CIA-Beteiligung zu kaschieren.

Kalifornien, 12. Mai 1974: Systemtests vor der Westküste der Vereinigten Staaten werden abgeschlossen. Missionsdirektor Ernest Zellmer bestätigt die Einsatzbereitschaft der Crew. Das Schiff bereitet sich auf den Aufbruch zum Zielort vor, während es offiziell als Bergbau-Prototyp gilt.

Bildbeschreibung Bild: Teammitglieder der Glomar Explorer trugen dieses Wappen (Central Intelligence Agency, Public Domain, via Wikimedia Commons).

Los Angeles, 5. Juni 1974: Diebe brechen in die Summa Corporation ein, das Hauptquartier des exzentrischen Milliardärs Howard Hughes. Sie entwenden dabei Dokumente, die Hughes mit der CIA verknüpfen. Die CIA ruft das FBI und die Polizei auf den Plan, was das Interesse von Journalisten weckt.

Pazifischer Ozean, 4. Juli 1974: Die „Hughes Glomar Explorer“ erreicht die Bergungsstelle. Der Hebevorgang beginnt. Die Operation findet in totaler Geheimhaltung statt.

Pazifischer Ozean, 8. August 1974: Katastrophe beim Heben, der Greifarm bricht. Zwei Drittel des U-Boots stürzen zurück in die Tiefe. Nur ein Bugsegment wird erfolgreich in den Moon Pool gezogen.

Pazifischer Ozean, 4. September 1974: Bestattung auf See. Drei sowjetische Seeleute werden in einer stählernen Kammer dem Meer übergeben. Die U.S. Navy spielt die sowjetische Nationalhymne und Jim Reeb übersetzt die Gebete ins Russische.

Washington, D.C., 18. März 1975: Jack Anderson, Pulitzer-Preisträger und Investigativ-Journalist der Washington Post, bricht das Schweigen im nationalen Fernsehen. Er behauptet, Navy-Experten hielten das Projekt für eine reine Geldverschwendung. Unmittelbar danach deckt die New York Times in einem Bericht des Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh schließlich große Teile des Azorian-Projekts auf. Die CIA-Fassade bricht endgültig zusammen.

Teure Täuschung

Bereits 1972 drängten Admiral Thomas H. Moorer (U.S. Navy) und CIA-Direktor Richard Helms auf einen Abbruch von Projekt Azorian. Die Gründe waren rasant steigende Kosten und die Sorge vor einer Eskalation mit der UdSSR. Intern jedoch konterte Helms mit dem Argument der „Sunk Costs“, den vielen Ausgaben, die bereits getätigt wurden und nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Da das Schiff fast fertig sei, müsse man weitermachen, um die Reputation gegenüber privaten Auftragnehmern zu wahren.

Die Selbstlegitimation der CIA speiste sich aus technologischem Ehrgeiz. Man wollte beweisen, dass die USA in der Lage waren, 4.000 Tonnen schwere Lasten aus drei Meilen Tiefe zu heben. Dass die nachrichtendienstliche Ausbeute am Ende als fragwürdig eingestuft wurde, veränderte das interne Narrativ. Der Misserfolg wurde zum „Engineering Marvel“, zum ingenieurtechnischen Wunderwerk, uminterpretiert.

Für die Angehörigen der Seeleute der K-129 blieb deren Tod jahrelang ein sowjetisches Staatsgeheimnis. Die USA wiederum machten die Toten zu Statisten ihrer Informationspolitik. Die Bestattung der Seeleute Victor Lokhov, Vladimir Kostyushko und Valentin Nosachef erfolgte unter strengster Geheimhaltung, um keine offiziellen Beweise für die Bergung zu hinterlassen. Bis in die 1990er Jahre wusste niemand auf der sowjetischen Seite von der Zeremonie. Die Seeleute wurden in radioaktiv kontaminierten Sektionen gefunden und aufgrund dieser Gefahr in einer Stahlkammer begraben. Die Emotionalisierung des Akts durch spätere CIA-Veröffentlichungen verschleiert, dass die Körper Teil einer „illegalen U-Boot-Plünderung“ waren, für die sich die USA vor Piraterie-Vorwürfen fürchteten. Kriegsschiffswracks gelten völkerrechtlich und nach nationalem Recht nie als herrenlos. Sie verbleiben im Eigentum des Flaggenstaates und sind als Kriegsgräber besonders geschützt.

Bildbeschreibung Bild: Die Hughes Glomar Explorer (U.S. Government, Public Domain, via Wikimedia Commons).

Die nüchterne Nachbetrachtung zeigt mehrere Pfeiler der Verschleierung: zum einen die Wissensfragmentierung, denn die Information wurde so stark parzelliert, dass nur wenige Akteure das Gesamtbild kannten. Weiterhin trug die Staat-Privat-Verflechtung dazu bei. Sogenannte Black Contracts mit Hughes erlaubten es, staatliche Gelder über private Firmen zu waschen und öffentliche Rechenschaftspflichten zu umgehen.

Bildbeschreibung Bild: Howard Hughes spricht 1938 vor dem Presseclub in Washington, D.C. (Harris & Ewing, Public Domain, via Wikimedia Commons).

Zum anderen sorgte eine neue juristischen Schutzformel für Verheimlichung: Die Glomar-Antwort („neither confirm nor deny“) wurde zum Standardinstrument gegen den Freedom of Information Act. Etwas „weder bestätigen noch dementieren“ wird seit diesem Vorfall angewendet, wenn die bloße Bestätigung der Existenz (oder Nichtexistenz) von Dokumenten bereits sensible Informationen offenbaren würde. Sie ist ein Standardwerkzeug der US-Geheimdienste, um Anfragen zu verdeckten Operationen abzuwehren. Und zuletzt sei die mediale Steuerung erwähnt. William Colby, Chef der CIA von 1973 bis 1976 und Nachfolger von Richard Helms, versuchte persönlich, Journalisten von Seymour Hersh bis Jack Anderson zur Verschwiegenheit zu nötigen, wobei er „nationale Interessen“ als Vorwand nutzte.

Projekt Azorian markiert die Geburtsstunde einer neuen Qualität staatlicher Geheimhaltung. Normalisiert wurde nicht nur die technologische Grenzüberschreitung, sondern die Fähigkeit des Staates, sich durch semantische Tricks („Glomar Response“) der demokratischen Kontrolle zu entziehen. Das Instrument der Nicht-Bestätigung blieb über das Ende des Kalten Kriegs hinaus bestehen und wird heute in tausenden von Fällen von US-Behörden angewendet.

Wer die Macht hat, schreibt die Geschichte, und wir bleiben Statisten einer inszenierten Wirklichkeit.

Teil 1 der Serie: Nukleare Anarchie

Teil 2 der Serie: Tödliche Hybris

Teil 3 der Serie: Der Absturz von Yuba City

Teil 4 der Serie: Nixons nuklearer Bluff

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Das Pentagon in Washington, D.C. (Titelbild: Ken Hammond, U.S. Air Force, Public Domain, via Wikimedia Commons)