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Serie: Atomkrieg aus Versehen | 05.02.2026
Nukleare Anarchie
Heute läuft nicht einfach ein Vertrag aus. Es endet die Ära der menschlichen Kontrolle über die absolute Vernichtung. Ein Nachruf auf New START.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Heute läuft der New START-Vertrag aus. Er war das letzte Bollwerk, das die beiden größten nuklearen Supermächte, die USA und Russland, rechtlich bindet. Mit dem Sterben dieses Vertrags treten wir in eine Welt ein, die wir seit 1972 nicht mehr kannten: Eine Welt ohne Obergrenzen, ohne Inspektionen, ohne Daten. Eine Welt der „dunklen Parität“, in der das einzige Gesetz das des Stärkeren ist.

Bildbeschreibung Bild: Barack Obama (links) und Dmitry Medvedev unterzeichnen den New START-Vertrag am 8. April 2010 in Prag. (Official White House Photo by Chuck Kennedy, Wikimedia)

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass wir über jeden verbalen Ausrutscher eines Hinterbänklers besser informiert sind als über die Demontage unserer Existenzsicherung. Die Leitmedien, die sich sonst so gerne als Wächter der Demokratie inszenieren, berichten über das Ende von New START als bürokratischen Akt, als eine weitere Fußnote im Ukraine-Konflikt. Die Hintergründe und eine Analyse der Auswirkungen fallen wie so oft unter den Tisch.

Dabei ist das, was hier geschieht, ein systemisches Versagen der politischen und medialen Eliten. Man hat uns erzählt, Rüstungskontrolle sei ein Relikt des Kalten Krieges. Man hat uns in Sicherheit gewogen. Doch die Realität ist: Die Architektur der Sicherheit wurde nicht einfach abgerissen; sie wurde mutwillig gesprengt.

Die Narrative sind dabei so vorhersehbar wie falsch. „Putin ist schuld“, heißt es unisono aus Washington und Berlin. Und ja, Wladimir Putin hat den Vertrag im Februar 2023 suspendiert – ein Akt mit Ansage, begründet mit der „strategischen Niederlage“, die der Westen Russland zufügen wolle. Aber die Geschichte ist komplexer. Sie ist eine Geschichte der verpassten Chancen und der technokratischen Arroganz. Als Putin im September 2025 anbot, die Obergrenzen informell für ein Jahr zu verlängern, wischte die neue US-Administration unter Donald Trump dies am 8. Januar 2026 mit einer beispiellosen Nonchalance vom Tisch: „Wenn er ausläuft, läuft er aus ... Wir machen einfach einen besseren Deal.“ Das ist keine Diplomatie. Das ist russisches Roulette mit einer halbautomatischen Pistole.

Warum Daten Leben retten

Warum ist New START so wichtig? Nicht nur wegen der Obergrenze von 1.550 Sprengköpfen. Die wahre Magie des Vertrags lag in seiner Banalität: Daten.

Bis zur Suspendierung tauschten Moskau und Washington tausende von Benachrichtigungen aus. Jedes Mal, wenn eine Rakete bewegt wurde, wusste die andere Seite Bescheid. 18 Mal im Jahr durften Inspektoren in die heiligen Hallen der Gegenseite schauen und Sprengköpfe zählen. Das schuf etwas, das in der internationalen Politik seltener ist als Gold: Berechenbarkeit.

Seit Juni 2023, als die USA als Gegenmaßnahme ebenfalls den Datenaustausch stoppten, sind wir blind. Wir wissen nicht mehr, was in den russischen Silos passiert. Russland weiß nicht, was in den amerikanischen U-Booten vor sich geht. Strategen nennen das „Worst-Case-Planning“. Wenn ich nicht weiß, was mein Gegner hat, gehe ich vom Schlimmsten aus – und rüste auf.

Die Rückkehr des „Versehens“: Stanislaus Petrow und die KI

Das größte Risiko in dieser neuen Ära der Dunkelheit ist nicht der böse Wille eines Diktators. Es ist der Fehler. Der Glitch. Das Missverständnis. Die Geschichte lehrt uns, dass wir dem nuklearen Holocaust oft nur durch pures Glück entkommen sind.

  • 1979: Ein Übungsband, das einen sowjetischen Großangriff simulierte, wurde versehentlich in den Live-Computer von NORAD eingespeist. Die USA waren Minuten vom Gegenschlag entfernt.
  • 1983: Das sowjetische Warnsystem meldete fünf amerikanische Raketen. Nur das Bauchgefühl von Oberstleutnant Stanislaw Petrow verhinderte den Dritten Weltkrieg. Er entschied, es sei ein Fehlalarm – und hatte recht. Es waren Sonnenreflexionen auf Wolken.
  • 1995: Eine norwegische Forschungsrakete wurde von russischen Radars als US-Trident-Rakete identifiziert. Boris Jelzin hatte den Atomkoffer bereits aktiviert.

In all diesen Fällen gab es Kommunikationskanäle und Verträge, die als Sicherheitsnetze dienten. Seit heute sind diese Netze weg.

Und es kommt noch schlimmer: die technologische Hybris. Während wir die menschliche Kontrolle abbauen, bauen wir die Künstliche Intelligenz (KI) in die nuklearen Kommandoketten (NC3) ein. Experten warnen, dass KI-Systeme die Entscheidungszeit in Krisen auf Minuten verkürzen könnten – sogenannte Flash Wars. Eine KI kennt kein Bauchgefühl. Sie kennt keinen Stanislaus Petrow. Sie kennt nur Algorithmen. Wenn eine KI halluziniert – und wir wissen aus der Nutzung simpler Tools wie NotebookLM, dass sie das tut –, dann halluziniert sie in diesem Fall nicht eine falsche Fußnote, sondern den Weltuntergang.

Die Arroganz der Macht und die menschlichen Kosten

Wir erleben eine gefährliche Entkopplung. Auf der einen Seite stehen die politischen Eliten in Washington, Moskau und Peking, die Nuklearwaffen als abstrakte Schachfiguren betrachten. Sie sprechen von „strategischer Stabilität“ und „Abschreckung“. Auf der anderen Seite stehen wir, die Menschen. Für uns ist ein nuklearer Fehler kein strategisches Problem, sondern das Ende unserer biologischen Existenz.

Die Einbeziehung Chinas, das sein Arsenal rasant ausbaut und bis 2030 über 1.000 Sprengköpfe verfügen könnte, dient den USA oft als Ausrede, bilaterale Verträge sterben zu lassen. Es ist das klassische Zwei-Gegner-Problem: Wie kann ich mich beschränken, wenn zwei andere aufrüsten? Doch diese Logik führt zwingend in den Abgrund.

Aufwachen in der Zone der Gefahr

Wenn der New START-Vertrag Geschichte ist, werden keine Sirenen heulen. Der Börsenkurs wird nicht einbrechen. Die Talkshows werden weitergehen. Aber die Welt wird ein fundamental unsicherer Ort geworden sein. Wir haben die Sicherungen aus dem Sicherungskasten geschraubt, weil wir der Meinung waren, der Strom sei nicht mehr gefährlich. Das ist eine tödliche Illusion. Die Gefahr eines „Atomkriegs aus Versehen“ ist heute, im Zeitalter von Hyperschallwaffen, KI und geopolitischer Blindheit, größer denn je.

Es ist an der Zeit, dass wir, die Bürger, diese Risiken nicht länger als gegeben hinnehmen. Wir müssen die mediale Beruhigungspille ausspucken und fragen: Wer hat uns das Recht genommen, sicher zu sein, dass morgen die Sonne noch aufgeht? Die politische Verantwortung für dieses Vakuum tragen jene, die Dialog als Schwäche und Aufrüstung als Sicherheit verkaufen. Die Geschichte wird über sie urteilen, vorausgesetzt, es ist noch jemand da, um die Geschichtsbücher zu schreiben.

Allein über 50 nukleare Sprengköpfe und sieben nukleare Reaktoren von U-Booten gingen auf See verloren, zumindest von denen man weiß. Und es gibt genug Geschichten darüber, wie oft die Menschheit den Atem anhielt und Geburtstag feierte, ohne es zu wissen.

Dem „Atomkrieg aus Versehen“ widmen wir hier auf den Seiten der Freien Akademie für Medien & Journalismus eine Serie, die mit diesem Text beginnt. An Jahrestagen vergangener Ereignisse werden wir daran und an neue Risiken erinnern. Denn diese Geschichten sind aktueller denn je.

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Titel: Konrad Tempel, Wikimedia (Ostermarsch 1960 von Hamburg nach Bergen-Hohne)