Hinter der Fensterscheibe hängen die Wolken noch. Ich glaube, sie sind echt. Zwischen den Wolken in Richtung Nordsee einiges an Blau. Unmittelbar vor mir auf dem Monitor Norbert Härings Kopf, seine Arbeit mit dem Mund, den Zähnen. Draußen, drinnen: Viel Raum bleibt nicht, wenn Häring NGOs und Korrektive analysiert. Raum zum Atmen. Vielmehr sehe ich ihn alsbald im weißen Kittel, hör‘ ihn sagen: Tut mir leid, Metastasen allüberall. Häring ist ein seriöser Arzt. Ablenkungsmanöver, Emotionen – das kommt nicht vor bei ihm.
Werden Böse gejagt, werden Abartige als Zielscheiben aufgestellt, so bleibt Raum für Hoffnung. Hoffnung, dass die Analyse, mit Mustern behaftet, gegen die sie sich wendet, am Ende doch Fehler aufweisen muss, ansonsten – so die Logik – sie nicht auf solche Muster zugreifen würde. Und diese Fehler eröffnen den Hoffnungsraum („es wird doch wohl anders kommen“). Da gab es etliche Ärzte aus der Dissidenz. Sie untersuchten die einzelne Gelenke und Organe sehr gut, so geht es mir durch den Kopf, mein Blick nun gänzlich in den Wolken verhangen. Ein Regenauer etwa, der die Verschränkung von Staat und Konzern schon lange akribisch herausstellt, um im Eifer der Aufklärung dann alles und jedes samt Eltern der verschwundenen und wahrscheinlich ermordeten Maddie McCann aufgrund von roten Schuhen, die ihre Kinder auf einem Foto tragen, als Pädophile und Abartige einzusortieren. Selten ging es in der Menschheitsgeschichte ohne ab. Ohne Etiketten, ohne Einsortieren, ohne Wallungen. Verständlich irgendwie (Etiketten sind binär und schnell) und verkaufsfördernd, zumindest wenn man keinen Doktortitel hat, den man wie Rudolf Steiner selig zu PR-Zwecken von allen Seiten erzengelmäßig an sich heranhauchen lassen kann. Unbehelligt von Plagiatsjägern, damals.
Das alles – mein Bewusstsein zurück auf dem Bildschirm – geschieht bei Häring nicht. Keine Empörungsbewirtschaftung, keine Erzengel, keine roten Schuhen als Beleg für das Böse, keine aus allen Zusammenhängen gerissene Zitatenansammlung, auch kein Doktortitelgehabe, nichts davon. Sachfinster ist das Licht bei ihm. Er nennt Namen, durchaus, um Verbindungen aufzuzeigen, nicht um die Jagd zu starten. Zielscheiben werden im Schuppen belassen. Trockener, unterhaltungsfreier: Geht nicht. Lediglich wenn er am Ende, den Patient in die Palliative einweisend, von einem Abend aller Tage spricht, der noch nicht gekommen sei, verliert er kurzzeitig, wie es scheint, den Glauben an seine Worte.
Bild: Norbert Häring zu Gast bei Patrik Baab (Screenshot)
Dieser Abend ist da. Und es ist höchste Zeit. Das sagt Härings Analyse. Und er ist nicht der einzige Hippokrates, der das sagt. Whitney Webb fällt mir ein, etwa im Gespräch mit Chris Hedges, wo sie darlegt, wie der Bundesstaat Illinois in ein einziges Speicher- und Rechenzentrum übergeht und dabei alles Illinoishafte verliert. Und dass Illinois die ganze Welt ist, verstellt mit Datenzentren da, wo einst Bäume und Wiesen und Felder standen, darauf verweist sie ausdrücklich. Und auch sie öffnet am Ende die Tür zaghaft zum Ausweg, der sein soll, um den Metastasen – die Rechenzentren sind dann doch analog – zu entkommen. Vielleicht müsste man doch weg von der Schulmedizin, vielleicht meinen die beiden das. Zurück zur Mystik des Mittelalters, zu den Tänzen der Sufis.
Ich habe kürzlich eine andere, mit Härings Arbeit durchaus verwandte Zivilisationsdiagnose gelesen. Simone Hörrlein: So heißt die nach Kanada ausgewanderte Autorin. Lesenswert allemal, vieles bringt sie erkenntnisreich auf den Punkt. Doch es bleibt Emotion drin hängen, der Fokus auf Namen so stark, dass die Grenze zwischen Jagd und Analyse verwischt. Verständlich, gilt es doch aufzurütteln („Is there anybody out there?“). Was aber heraussticht: Die Anderen dort, wir hier. Macht und Opfer. Getrennt. Die Wolken draußen nun ein diffuses Gemisch, Übergänge kaum zu bestimmen. Bei Hörrlein aber bleibt der Himmel geteilt:
Doch wer die Individuen hinter diesem Schmierentheater kennt und durchschaut hat, erkennt schnell, dass hier eine Struktur aufgebaut werden soll, die mit Demokratie gar nichts mehr zu tun hat, sondern eher einer „Globalen Technokratischen Hegemonie“ ähnelt.
Die Individuen? Sind alsbald ersetzt. Man braucht sie nicht kennen. Man kennt sie schon. Weil die Zuschauer am Ende gleich ticken wie die auf und hinter der Bühne. So geht es mir durch den Kopf. Teil des Schmierentheaters, wie in Tiecks köstlichem „Der gestiefelte Kater“. Diese Individuen verhielten sich wie wir, wären sie am Platz der Massen. Und die Masse, auf die Seite der Macht gesetzt, entpuppte sich als jene Individuen.
Die sogenannte Vertrauensinfrastruktur (gemeint: die wohlklingenden Narrative, die über die digitale Totalüberwachung gehängt werden, DS) klingt nach Sicherheit, bedeutet in der Praxis aber, dass jeder Schritt, jede KI-Interaktion und jeder Informationsfluss überwacht, bewertet und bei ‚Abweichung vom geltenden Narrativ‘ markiert oder gesperrt wird.
So schreibt Hörrlein weiter und auch gegen diesen Satz gibt es nichts einzuwenden. Außer: Klingt nach Sicherheit. Sicherheit? Damit ködert das Totalitäre das, was es tilgt. Hörrlein stellt die Wertigkeit nicht in Frage. Weder Sicherheit noch Klanganfälligkeit. Stattdessen begründet sie über den Klang das Manöver des Systems, an dem wir teilnehmen. Nicht „Wir und die anderen“, stattdessen „Wir im Andern, wir im Machtgefüge“. Hörrlein sagt es, ohne zu wissen, dass sie es sagt. Wir partizipieren. Effizienter, besser, schneller. Optimieren als Heil und KI als letzter Schrei. Tom Lausen, auch ein namhafter Kritiker des Systems, preist es ausdrücklich:
Mit KI bin ich zehnmal schneller.
Schneller wo eigentlich? Müssten wir nicht Langsamkeit erflehen, sollte eine Rettung noch sein? Und Flavio von Witzleben, ebenso ein Kämpfer für die Freiheit aus glücklichen Coronatagen, fragt einen ob seiner Begeisterung („besser, schneller, optimal“) in Verheißung geradezu erstrahlenden „Experten“ (41:50):
Wie kann die KI uns helfen, den Alltag einfacher und effizienter zu gestalten?
Ist uns noch zu helfen? Das fragt er nicht. Auch sonst keine Brechung irgendeiner Art. Schon gar nicht ein Verweis auf die Szene in Bernardo Bertoluccis Monumentalwerk Novecento, wo der Faschismus in Gestalt des Gutsherrn den technologischen Fortschritt als Heil der Menschheit preist: Bequemer, schneller, besser. „Wie kann die KI uns helfen?“ Die Gottesfrage transhumanistisch übersetzt – wer braucht da noch Dissidenz? Kann man mit ARD und ZDF zugleich entsorgen. Zeit, sich dem Klang zu widmen. Effizienz und Tempo – der ewige Bubentraum. Sicherheit die Verheißung. Sicher nie und nie und niemals sterben (und wo stirbt es sich weniger als in der Gewalt des Tempos?). Vergeblich versuchte ich es in den alternativen Redaktionsstuben zu erklären: Epstein ist nicht der Abartige. Epstein verkörpert die Art. Die Art dieser Zivilisation. Er verkörpert das Streben: Überwindung des Todes. Die Werte der Zivilisation sein Antrieb: Natur besiegen und dann smarter Synapsenspaß ohne Ende. Das ist im Kern die gute alte Eugenik, vom Wegfiltern der Schlechten ins Optimieren aller überführt. Dafür die jungen Frauen als Labormäuse für Experimente. Austrägerinnen von Genmaterial. Soweit würden 90 Prozent der Massen im Augenblick nicht gehen. Sie hätten nämlich die Mittel nicht, das Geld. Aber die Wertigkeiten sind gesetzt. Wer von Effizienz spricht, ist mit im Heil der Bewegung. Im Wuchern. Totalitäres kennt kein Maß. Es ist das Maß.
Bild: Frank Höfer spricht über sein Epstein-Buch (Screenshot)
Häring – ich bin zurück aus den Wolken – referiert nicht auf Wertigkeiten der Massen, nicht auf Sicherheit, nicht auf Bertolucci, nicht auf Effizienz. Er stellt die Karzinome heraus, die Metastasen, das Wuchern. Fertig. Das ist kein Fehler – im Gegenteil: Es ist das Licht. Erhellt den Raum für die Frage: Wie weit ist das, was das Metastasieren antreibt, in denen angelegt, die mit den Metastasen gelöscht werden? Und was führt die pathologische Zellteilung herbei? Eine Antwort wäre für eine andere Welt – ich greife kurz mal zu den Sternen – essentiell. Ohne sie zu kennen, in Umrissen, in Ahnungen, braucht man nicht anfangen mit Anwendungswissen. Und wer beim Versuch, eine Antwort zu finden, bei den Individuen des Schmierentheaters stehen bleibt, wird zu keiner Antwort finden, die taugt.
Es hat einen Namen, diese Sicherheit vor dem Leben. Kapital. Der Name außer Mode und nicht smart, ich weiß, und er deckt allein bestimmt nicht den ganzen Unfall ab. Aber so ziemlich viel mehr davon als alle anderen Begriffe noch immer. (Nick Land, Curtis Yarvin und andere Verwaltungstechniker des digitalen Endlagers erkennen im Unfall den Glücksfall, das nur so zur „Info“). Wenn von Sicherheiten die Rede ist, von Effizienz, von Optimierung: Es sind Figuren des Kapitals. Auch das Reden selbst. Und das digitale Durchstrahlen kommt nicht aus dem Nichts, Karzinom und Chemietherapie finden in der Bewegung zusammen. Überschrieb und Simulation als ontologischer Witz für Zweitklässler. Wuchern ist das Sein des Kapitals. Und greift die Wucherung auf das Mentale, ist der Abgesang angestimmt (das Agnus Dei der Totenmesse, gesungen von der KI). Für das Bewusstsein ist die Zeit gekommen. Und wenn danach Algorithmen – ganz ohne Angst vor dem Tod und ohne jedes Glück, diese Angst verloren zu haben – durch Raum und Zeit jagen, so ist es nicht mehr beteiligt.
Ich meine also (das ist bloß ein Meinungsbeitrag, Kinder), das Muster sei im Kapital angelegt und übertrage sich auf seine notwendige Ausstülpung: die Technologie. Dieser ist, als Ausgeburt des Kapitals, die Totalität der Bewegung eingeschrieben, eine Totalität, aus der kein Entrinnen ist. Kein Heraus-Erinnern. Zwischen Kapital und Algorithmen ist nichts, nichts zwischen Kapital und Palantir. ALLES ist die Bewegung. Die Bewegung des Überschreibens mit dem Begehren zu kontrollieren. Ein Begehren, geboren aus dem semiotischen Urknall oder Unfall heraus (die anthropologische Schwachstelle, lieber Gott). Das Kapital in seiner einzigen Eigenschaft (es hat keine zweite), sich in einem fort an die Stelle der Welt zu setzen (es heißt ja „Kapital“, nicht wahr, und wuchert es nicht, ist es nicht), endet, banal genug, in der Auflösung des Mentalen, des Geistigen, der Seele. Das Virendelirium noch ein harmloses Kalenderbildchen dafür. Kapital muss das Un-Sinnliche, muss die Un-Welt, muss das Digitale generieren. Seine Bewegung ist der Griff zum Apfel, diesen tilgend und die Negation – ein Bubentrick – als Sein 2.0 setzend (mit De-Konstruktion hat das nichts zu tun, so nebenbei gesagt).
Ich fasse also, damit es nicht ganz beim Meinen bleibt, zusammen, für mich bloß, nur für mich: Die Un-Welt muss die Welt überschreiben, um in der Bewegung, das Bewusstsein verlierend, zu sich zu kommen. Im Doppelgänger steckt der Tod, steckt die Spirale der Überschreibung zum Wahn: Technologie. Bequemer, schneller, besser und am Ende todsicher abgeschirmt von Welt und Körper. Sicher vor allem Überwucherten und sicher vor allem Todgestrahlten. Das wusste die Romantik schon, der Sandmann lässt grüßen. Und dieser Auflösung ausgesetzt, am Abend aller Tage, einsam vorm Bildschirm, grenzenlos verloren, kommt es noch einmal heran, das kapitale Säuseln. Und es flüstert gar lieblich ins getriggerte Ohr: Bequemer, schneller, besser. Eine neue Botschaft ist das nicht, oh nein, aber der Klang, der Klang ... er ist soooooo schön.
In der Bildschirmeinsamkeit ist das Ja-Wort zur Flucht ein Reflex nur noch. Und so glückt sie, „unterstützt von KI“ und wohl etwas Nanolipiden als Gleitmittel dazu. Hilfsmittel beim letzten Geschlechtsverkehr. Bereits anal. God rid us from our conscience, so we can float away. Singt Archive, in den besten Momenten nahe an Pink Floyd. Ist das nicht die ersehnte Erlösung? Aber wer ist dieses floatende WIR dann noch? Wer erzählt die Geschichte? Wer war Pink Floyd?
Bild: Pink Floyd 1974 (Public domain)
Bei Häring – endlich bin ich aus dem Wolkenwirrwarr zurück und sein Mund auf dem Monitor ist wieder groß vor mir – wird solches nicht ausgeführt. Er analysiert seine Recherchen, politisch dem BSW nahe stehend. Aber er streicht die Illusion, es könne weitergehen. Ja, eigentlich streicht er sie, weil da keine Show ist, kein Rausch, kein Tempo, zuweilen gar Langsamkeit. Und dann ist das Gespräch zu Ende und ich irre in meiner Verlassenheit weiter, finde ein anderes Gespräch, ein ganz anderes. Kayvan Soufi-Siavash redet, Elisa Gratias stellt Fragen. Alle zehn Minuten eine. Und ich erfahre: Ein neues Projekt wird gestartet, ein Projekt, DEM ALLEM zu entkommen und endlich wieder die Fäden in Händen zu halten. Brainbooster heißt die Sache („www.gehirnbooster“ war schon besetzt für Nahrungsergänzungsmittel) und der Name scheint Programm (ob man mit Ironie dieser Art dem System entgeht?, oder ist es gar keine Ironie ...?). Nicht dass ich die Bewegung nicht teilen würde, die Illusion einer anderen Richtung – ich brauche Illusionen. Und ich teile sie noch immer, wenn ich bei einer ersten Probe des Produkts auf die gleichen alten weißen Gesichter treffe, die ich seit 2020 beim Altern verfolgen kann. Und gar lachen muss ich herzhaft, wie ich in den vergangenen Jahren oft herzhaft lachen konnte, wenn Kayvan Soufi-Siavash, damals noch als Ken Jebsen, den Irrsinn des Politbetriebs im Lande, in das es mich verschlagen hat, ein weiteres Mal als Performance vorführt. In einer pausenlosen Turbo-Dekonstruktion (hier trifft der Begriff!) aus Stimmenschnipseln, Metakommentar und mich zuweilen ans südindische Kathakali erinnernder Mimik montiert er das Geschehen zur Kenntlichkeit. In diesem Augenblick aber ist das Licht gar wunderbar hell und das schreibe ich ohne jede Ironie. Wie oft hat er mir den Tag gerettet damals, zur Zeit der Viren. Und dann höre ich, dass das neue Projekt komplett digital sei, technologiebasiert, Ganser werde bald einmal in einem schweizerisch angehauchten Japanisch vortragen und es wird aller Tage Abend.
Eine Erkenntnis unserer Zivilisation: Nach 45 Minuten muss eine Botschaft sein, zum Mitnehmen. Anwendung, Schuldidaktik, Verkaufspsychologie: egal. Und so will es auch das Projekt, das Kayvan Soufi-Siavash als Gamechanger einbringt. Ich aber gehe für einmal mit der Zeit, mache es mir zu eigen.
Am Nebentisch dann doch ein Gespräch noch. Links und Rechts seien längst überwunden. Das ist die Botschaft, unzählige Male hin und her gehandelt mit gedankenschweren Gesichtern. Zu hören, wenn die Kapelle unterbricht im Klirren der Gläser. Der Satz aber, cumuliartig ins Geklirr gesetzt, ist so schwerelos wie Links und Rechts selbst. In welchem Jahr sind wir? 1912? 2026? Mmmmmh, mmmmh ....; ein Titel aus einem anderen Jahr der Erkenntnis). Und dann wird der größere Witz aufgelegt: Hier Nationalstaat, dort Globalgovernance. Lachen alle, lacht keiner? Spielt es eine Rolle, wie die Rettungsboote angeschrieben sind, wenn man vom Dampfer nicht loskommt? Gemeinsam in die Zukunft. Steht auf dem Wahlplakat des grünen Bewerbers für das Bürgermeisteramt der Stadt in Küstennähe. Besser, schneller, sicher. Dass das Schiff mit dem Eisberg schon kollidiert ist, kümmert nicht wirklich. Wer lebt noch im Analogen?
Bild: Wahlplakat mit Helmut Kohl, 1994 (Quelle: CDU, CC BY-SA 3.0 DE)
Die KI kann ein hilfreiches Werkzeug sein, sollte aber nicht dazu verführen, sein eigenes Denken ganz an sie zu delegieren.
Das habe ich – wirklich genau so – jüngst gelesen. Nicht FAZ. Nicht Spiegel. Nicht Welt. Wer von einem „hilfreichen Werkzeug“ spricht, spricht nicht. Er wird gesprochen. Ist schon drüben auf der Seite der Untoten. Ich bin die Hilfe, ich bin dein Werkzeug. So sagt es der Apparat nicht. Algorithmen operieren sachlicher. Und dann lese ich es als Beitrag im kritischen Segment. Ich reibe mir das sehende Auge und kann es nicht fassen: ... man sollte das Denken nicht ganz aufgeben ... Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne. Beim Wuchern gibt es kein bisschen, Kinder. Hätte man den Crash-Test-Dummies vor dem Crash sagen sollen. Digital ist nicht ein bisschen. Ein bisschen Auschwitz? Ein bisschen Gaza? Kommt das Totalitäre daher, reichen die Küchenmaßbecher nicht aus. Nicht extrem, nicht zu links, nicht zu rechts, nicht zu viel Technik, alles im Maß, nicht wahr. So sind wir vorangegangen und vorangekommen. Über Jahrhunderte. Flott Richtung Irrsinn. Beim Sex und der Heirat war es nicht wirklich zu verstehen, hier aber wär‘s vonnöten, dass einer es sagt: Keine KI vor dem Tod.
Ich habe einen Text zugesandt bekommen, von geschätzter Seite. Ich habe den Text gelesen und war bass erstaunt. Kleist, echt Kleist. Aber die Staffage verändert, die Protagonisten von jetzt, die Infrastruktur jetzt, die Ökonomie, das Leben: jetzt. Und doch bis in Verästelungen der Syntax hinein Kleist – und ist die Syntax nicht alles bei Kleist? Und dann gab es wenige Brüche, die mich aufatmen ließen. Einbau von inhaltlich neuen Elementen, gar mit tagespolitischer Konnotation. Die Türe zum Genialen aufstoßend, so schrieb ich zurück, trunken noch von der Syntax, die so absolut kleistmäßig daherkommt, trunken von der Stimmigkeit der Szenerie, die ob der Syntax geradezu zeitlos wird. Neben Lob und Erstaunen aber schießt es endlich durch den Kopf: KI?
Ich schreibe, wie gesagt, zurück, Tür zum Genialen, schreibe was von einer bangen Frage nach KI, verweise aufatmend auf die Brüche, die eine KI nicht ... (sind Brüche algorithmisch nicht unendlich zu brechen, besser schneller, sicher ...)?, schreibe, bei Wiederholung wäre sie da, die Kopie. Rückmeldung: Mit Hilfe der KI sei es erstellt. Gemeint: bloß mit Hilfe, der Mensch ist noch mit dabei. Hurra. „KI kann ein hilfreiches Werkzeug sein ...“ – wir haben es oben gelesen. Verwendet als zynischer Schläger gegen das System, sei‘s aus Ratlosigkeit, sei’s aus Atemnot: ja. Ein hilfreiches System, die Menschheit aufzulösen (gibt bestimmt Gründe, fragt mal die Tiere). Angewandt da, wo einst der einstige Mensch das Neue aus tiefer Not und größter Ekstase hervorgeschrien hat, ist es der Sargnagel. So banal ist es. Ein bisschen KI, ein bisschen Subjektlöschung und schwupps ist es weg. ALLES.
Wir sprechen vom Fluch der Teilnahme, und dies nicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, um pathetisch auszuholen (Adagio maestoso). Aber diesmal ist‘s das letzte Mal. Und wenn es der Gott des Alten Testaments wäre, der uns den Fluch vorhalten müsste – der Mensch sei mit Code 666 und so auf der Stirn nicht mehr erreichbar für die Vergebung, steht in der Apokalypse –: einer, verdammt nochmal, muss es sagen. Einer immerhin. Oder eine. Anwendungswissen: KI kann Kafka, kann Goethe. Wenn Goethe ein Können ist, kann es ihn.
Die Un-Information dazu aber hat eine andere Gestalt: Ich schreibe also die Tür zum Genialen geöffnet. Schneller Kleist. Besser Kleist. Sicher Kleist (der Klang ..., wir erinnern uns, so viel Hippocampus ist noch da). Und ich lese das Geniale und erkenne (zu spät?): Kleist ermordet zu Füßen eines Produkts. Und ich schaue nochmals hin: Da aber liegt ermordet nicht Kleist, ermordet liegt der Mensch, ermordet liege ich, wenn ich diesen Kleist 2.0 oder 4.0 oder 666 „lese“. Jedes Mal. Ein erstes Mal. Ein letztes Mal. Ist das ein Mensch? Hat Primo Levi gefragt, bevor er sich das Leben nahm.
Verführt vom Traum, Teil von Kleists Genius zu sein ... Mensch zu sein ... vom Traum zu sein, endlich zu sein ... Und dann: Genius als Apparat. Wucherung. Kapital. Anwendungswissen: Ich bin zehnmal schneller, wenn ich so schreiben kann, nicht wahr. Vielleicht ist auch dieser Text mit KI generiert, Kinder, habt ihr dran gedacht? Und da hülfe es wenig, man könnte die Metastasen, die Häring freilegt, aus jedem einzelnen entfernen, aus den Individuen. Denn das in uns Wuchernde und wir wären nicht mehr voneinander zu trennen.
Agnus Die. Es mag Gründe geben, die KI „zu Hilfe zu nehmen“ und die Menschen als sich erinnernde Bewusstseinswesen einem Ende zuzuführen, ernsthafte Gründe. Und damit meine ich nicht einmal die Gewinnmaximierung. Ich meine Erschöpfung. Und doch geht es nicht auf. Wer Kleist als digitales Produkt, als Code, generiert – und sei es, um den „echten“ Kleist heraufzubeschwören –, entzieht jeder Logik den analogen Raum für Koordinaten, aus denen eine Sinn(es)struktur hervorgehen könnte. Im Gegensatz zu den zurückgebliebenen riesigen Leerstellen in den Felswänden von Bamiyan – die Taliban sprengten da im Jahre 2001 zwei kolossale Buddha-Statuen in die Luft –, kommt der digital erzeugten Leere keine Analogizität zu. Gaben die Taliban durch ihre Sprengung den Buddhas eine Er-Innerung, die analog ist, so wird mit der Digitalisierung das kulturelle Gedächtnis als solches gelöscht. Die Digitalisierung ist das Ende der Geschichte, ein Ende, das keine Geschichte hinterlässt, der phänomenale Augenblick schwindet selbst als Erinnerungsspur. Apparatesurren. Das verstehen Katholiken, Orthodoxe, verstehen Sufis und Derwische, Siddharthas und Zarathustras, verstehen Radha und Krishna sogleich, und für Protestanten übersetzt: Die KI suggeriert Er-Innern als Code und es bleibt Code und wird kein Erinnern. Das ist die Ewigkeit, vor der wir stehen, Kinder, und die Luther nicht auf dem Schirm hatte (oder war sie sein Ziel?). Aber das geschieht alles unmerklich, fast übergangslos, seit Jahrzehnten, seit wann? Bereits mit dem Buchdruck, dann mit der Lokomotive sei der Untergang des Menschen prognostiziert worden. So frohlocken die Buben mechanisch grinsend. Das Mentale hat sie eh gestört.
Bild: Bamiyan im 19. Jahrhundert (Quelle: Alexander Burnes, Public domain)
Lux aeterna. Ist es mehr als Erschöpfung, ist es Strategie, Subversion? Kann so das System in sich zusammenkrachen? Ist das der Ausweg? Und gäbe es ein Bewusstsein noch, das sich auf den Ausweg machen kann? Aus dem Theater fort und weg? Aber vielleicht ist das ALLES ein Geschehen ohne Notwendigkeit und ohne Gegenteil davon. Und wenn am Ende die Menschen QR-Codes geworden sind – tatsächlich reden alle um mich herum zunehmend in Schablonen, bewegen sich monitorhaft, lachen fast digital und wenn sie Rad fahren, wandern oder schwimmen, sperren sie sich mit allerhand Kunststoffhüllen vom analogen Raum aus –, wenn alles Code geworden ist, hat das eine Bedeutung noch? Interessieren sich Steine für QR-Codes, ändern sie ihre Richtungen, ihr Sein? Und dann erwache ich endlich hinter dem Fenster und stelle fest: Die Musik spielt noch immer, die Gespräche laufen, die Interviews der Dissidenz. Am Abend aller Tage. Der Dampfer so schief, dass es fast wieder grad ist. Auf dem Programm des Schmierentheaters nun aber die Komödie: „Der zerbrochene Krug“. Mit Hilfe der KI. Steht kleingeschrieben in einer fernen Galaxie. Es sind die gleichen Algorithmen, die den Dampfer auf Kurs halten.
In paradisum. Zuletzt aber im Traum die Nachricht von irgendwoher, die KI habe, noch bevor die Titanic abgesunken sei, Kleists zerbrochenen Krug umbenannt. Nicht aller Tage Abend, so der neue Titel. Russische Hacker aber hätten die Negation getilgt. Ist das nicht alles traurig, frage ich Gott im Traum, und bitte ihn: Libera me. Aus den Wolken aber taucht Gott auf. Vor mir auf dem Monitor. Er trägt das Zeichen. EXIT.
Daniel Sandmann ist promovierter Philosoph und Linguist. Er betreut bei Manova den Literatursalon und hat – unter verschiedenen Namen und in kleinen Verlagen – Romane, Dokumentationen und Erzählungen veröffentlicht; jüngst erschienen: Teer Sandmann: Raffen, Sterben, Trance; demnächst in noch unbekanntem Theater: ZWERG, Roman.
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