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Medien-Tresen | 24.07.2026
Das Abartige sind wir
Oder: Frank Höfer liest, was in den Epstein-Mails steht. Wo Licht? Wo Irrlicht? Folge 9
Text: Daniel Sandmann
 
 

I. Ein Leichtes

Es wäre ein Leichtes, vom Seismographen Lauterbach zu schreiben, davon, wie er sich auf die Hitzemeldung wirft, kaum ist sie abgesetzt, erst noch nach langen Monaten der Kälte, eine Zeit der Versenkung für einen wie ihn, dessen Selbstvergewisserung doch gänzlich an der Überhitzung hängt. Auch andere Seismographen des Systems könnten als angenehmer Schreibanlass dienen, die Zustimmung der Dissidenz wäre garantiert. Ich denke etwa an jenen von Lauterbachs grotesker Betroffenheitskunst gänzlich abweichenden Verbund der Bundepressekonferenzsprecher, ein Verbund, der mit den zwei eingetrichterten Schablonen ‚Wir haben nichts gehört, nichts gesehen, wir wissen von nichts‘ und ‚Der brutal von Russland brutal begonnene brutale Krieg gegen die Ukraine‘ jede Frage zu jedwelchem Thema niederwalzt, dem Diktum Emmanuel Todds vom Niedergang Europas alle Tage von Neuem einen konkreten Ort in der Zeit verschaffend, so dass ich mich als Vater eines Kindes, das mich eben als Vater und Mitglied dieses Bundespressesprecherchores mit derlei Sätzen ertappen würde, nur noch todschämen könnte, käme ich abends nach Hause und träfe auf seinen Blick. Und doch lasse ich das beiseite und zurück, denn Gehirne, die denken, also dissidente Gehirne gewissermaßen, können dergestalt kein Licht erkennen, hingegen mit Epstein schon. Vorausgesetzt, er wird endlich richtig gelesen.

II. Frank Höfer liest Epstein

Frank Höfer hat es getan. Er hat die Emails gelesen. Er ist mit keinem Theorem an die Sache gegangen, jedoch mit der genauen seismographischen Auffassungsgabe, die ihm vielleicht von seinem einstigen Beruf als Schnitttechniker her eigen ist. Und angetrieben von einem Gespür: Das kann nicht jenes ‚pädophile Netzwerk‘ gewesen sein, zu dem das Ganze allerseits narrativiert worden ist. Das war ein anderes Spiel.

Näher bei uns, näher an den Zielen, die wir (fast) alle teilen. Ist beizufügen. Viel näher.

Ich zeichne einige Kernaussagen aus jenem hörenswerten Gespräch mit Frank Höfer, geführt von Markus Fiedler, nach und stelle Schärfendes heraus, das Dissidenz und System gleichermaßen trifft. Dabei operiere ich bei der Wiedergabe sinngemäß und durchaus deutend und zuspitzend – wer überprüfen will, muss das Gespräch selbst hören.

Statt Abartigkeit plötzlich unser Weltbild

Am Anfang gesetzt die Schlüsselerkenntnis: Das Fundament des Epstein-Netzwerkes ist nicht das sowohl in den Leit- wie in Alternativmedien transponierte Bild der sexuellen Ausbeutung, übergroß angeschrieben mit Pädophilennetzwerk, eine Schablone, die sich gar gut eignet, ein zentrales Muster der westlichen Zivilisation zu bedienen: Das ‚Abartige‘, das ‚Kranke‘, das ‚Böse‘ liegt stets bei den Anderen. Die Abtrennung davon ist kinderleicht. Und dass es in dieser Auslagerung gar noch ‚mitausgelebt‘ werden kann, das wäre die Komponente, auf die Freud hingewiesen hätte, und Freud lag nicht überall falsch.

Stattdessen und als Vorwegnahme: Es ist das bübisch-materialistisch-mechanistische Weltbild, das alles „lösen“, alles optimieren will und am Ende die Ewigkeit in Aussicht stellt. Also: Unser aller Weltbild. Es hat sich ins Leben eingefressen wie nichts anders und bedeutet: Hinter allem steht die glänzende Technologie, die verspricht: Du musst nicht sterben. Das hat auch Jeffrey Epstein gehört. Und dass man, um nicht zu sterben, zur Maschine werden muss, kann einen Buben nicht stören, im Gegenteil. Buben sind gerne Maschinen und machen auch andere gerne zu solchen. Und nicht nur der Bub Epstein, auch die vielen Väter der KI und Väter des Nichts wollen nicht sterben. Ich komme in der zweiten Jahreshälfte mustergültig auf einen von ihnen zurück.

Dieses Weltbild und sein Wahn, bereits in MK Ultra aufschimmernd und von eugenischen Zirkeln ausgehend, ist auch Fundament und Antrieb jenes netzwerkartigen weltweiten Auf- und Durchzuckens, das mit dem Namen ‚Epstein‘ verbunden ist – und dass hierbei naturgemäß auch geopolitische Bewegungen wie der Zionismus, vom Judentum gänzlich zu trennen, aufpoppen, ist durchaus ein Aspekt, den ich hier deshalb beiseitelasse, weil das Gespräch mit Höfer auf den Antrieb des Epstein-Geflechts fokussiert, auf den Wunsch ewig zu sein, den Wunsch, den Tod zu überwinden, den bübischen Wunsch nach übermächtiger Macht. Exzeptionalismuskonstrukte wie Zionismus gehen daraus hervor, logisch, aber wie gesagt: Ich trete hier darauf nicht weiter ein.

Nun, was Frank Höfer zusammenträgt aufgrund seiner genauen Email-Lektüre, dreht alles um, was auch die Alternativen – mit einer gewissen Obsession für das Abartige – kultivieren, und legt die andere Schicht frei. Die Technologieschicht. Dabei ist Höfer außerordentlich zurückhaltend, beansprucht nichts für sich. Er sei erstaunt, dass er der erste sei, der das entdecke, wäre es doch gänzlich einfach abzulesen, so sein Kommentar. Dass es nicht gelesen wurde und wird, zeigt an, wie unkenntlich das digitaltechnokratische Weltbild mit unserem Weltzugang bereits verzahnt ist. Weitgehend ununterscheidbar von der Natur des Menschen, den es zersetzt.

Das Bild, mit dem Höfer die Dekonstruktion der Epstein-Saga, wie sie auch bei den Alternativen erzählt wird, beginnt: Er, Höfer, habe es nicht glauben können, dass es bei dieser Geschichte mit Epstein darum ginge, dass Kinder entführt und Kunden weltweit auf einem Silbertablett serviert würden. Dass es also um einen „Ring“ gehen könnte, der Kinder sexuell ausbeutet zum Zweck eben dieser Ausbeutung. Gerne mit satanischem Hintergrund dekoriert.

Und seine Lektüre weist aus: Das ist auch nicht der Fall. Dafür muss Höfer zuerst ein paar Schablonen löschen. Auch im Kopf des Interviewers. Nein, es sind keine Kinder gewesen. Der Begriff liegt falsch – sein Zweck deshalb Empörungsbewirtschaftung (und Empörung deckt Macht). Als Opfer sind sehr wenige Personen knapp unter 16 bekannt, ansonsten handelt es sich um junge Frauen. Auch für satanische Messen und Ähnliches, ein gerne verbreitetes Narrativ, gibt es keine Evidenz. Das Wirkliche, das durch solche Geschichten naturgemäß überdeckt wird: Der Wahn des Menschen, den Tod zu überwinden und hierfür ALLES zu tun.

Gar exemplarisch zeigt sich dieses ALLES bei Epstein in der Verschränkung von bübischen Allmachtfantasien – ein Peer Group-Begehren im Grunde, und dass Techniknerds und Unendlichkeitsversprecher wie ein Joscha Bach und ein Ben Goertzel sich an vorderster Front miteingebunden vorfinden, ist in sich stimmig – mit Kapital, das zu Ende gedacht die ‚Vergöttlichung‘ dieser Allmachtfantasie schlechthin darstellt und ist, sein karzinogenes Wuchern nichts anderes als eine Ewigkeit suggerierende Turbo-Dynamik, die jeder Allmacht eingeschrieben sein muss, damit sie funktioniert.

Bildbeschreibung Bild: Kristinn R. Thórisson, Josha Bach, Ben Goertzel und Haley Lowy bei der AGI-Konferenz 2024 (Artificial General Intelligence, Foto: MTBandHL, CC BY-SA 4.0)

Abgesehen von oberflächlichen Hinweisen ist das Kapital indes nicht Thema des Gesprächs, und ich belasse es deshalb bei diesem Verweis auf die verheerende Verschränkung von Bubentraum und Kapital, wobei genau genommen gar keine Verschränkung vorliegt. In einer Welt ohne Kapital gäbe es ein Netzwerk wie das Epstein‘sche nicht. Dieses Netzwerk ist das Kapital, das es verschiebt. Und umgekehrt. In diesem Sinne zeichnet man Eigenschaften des Kapitals, wenn man das Netzwerk analysiert.

Das Werk der Kumpels und ihr Antrieb

Was haben Epstein und Kumpels mit ihrem Kumpelbewusstsein also getan? Sie haben im Rahmen des sogenannten Brooklyn Projects – das ist der Name, der für die Zielsetzung jener steht, die von der Idee besessen sind, ewig zu sein – eine konkrete Vollzugsapparatur implementiert. Dafür setzten sie alles in Bewegung, was mit Kapital in Bewegung zu setzen war. Und das ist in einer materialistischen Welt tatsächlich ALLES – außer Geist und Seele, sofern diese sich nicht materialisieren lassen, versteht sich. Indes, was Epstein und die transhumanistische Technologie – das ist der Kern der Unternehmung: die Überwindung des Menschen, das „Hinüberhieven“ des Menschen aus der Todeszone ins Paradies des Niemals-Sterben-Müssens –, was also einen Epstein und die mit im Boot sitzenden Bach und Goertzel und die unzähligen anderen Buben und Väter antreibt, ist exakt das, was auch das Silicon Valley antreibt und die Karps und Thiels und Kurzweils und die Forschungen und Apparaturen am MIT, an der John Hopkins, in Oxford und an tausend anderen Instituten der Welt: Es ist die Technologie, die ALLES kann – und am Ende den Tod überwindet.

Der Kern der Unternehmung, bei Epstein und Kumpels eben Brooklyn Project genannt – auf diese Nennung gehe ich hier nicht weiter ein, der Hintergrund dazu kann im Gespräch nachgehört oder im Buch von Höfer nachgelesen werden, für das, was ich hier herausstelle, ist es unwichtig –, der Kern ist also der große bübische Traum, zwischen Groteske und Monstrosität schwankend. Die Investitionen gigantischen Ausmaßes in Epsteins Händen zielten darauf, Bewusstsein – genauer: das reduktiv-mechanistische Verständnis davon – über Technologie in eine unsterbliche Form ‚einzumontieren‘. In diesem Zusammenhang band Epstein eine ganze Reihe renommierter Wissenschaftler in weltbekannten Institutionen, zum Beispiel am MIT, an sein Netzwerk. Namen von Weltrang tauchten auf – Noam Chomsky etwa ist zu nennen, dessen generatives Sprachmodell wie auch dessen faschistischer Ausraster gegen Ungeimpfte zu Ende gedacht exakt jenem technoiden Weltbild entstammen, das auch Epsteins Begehren nach Unsterblichkeit fütterte. (1) Und als dem wissenschaftlichen Laien Epstein die Unternehmungen an den renommierten Instituten zu wenig schnell und zu wenig konkret vorangingen, nahm er – natürlich über Geld – Nerds außerhalb der Institutionen mit an Bord, Goertzel und Bach zum Beispiel, ich habe sie bereits erwähnt und Höfer nennt sie im Gespräch mehrmals, Nerds, deren Versprechen hinsichtlich der angepeilten Unsterblichkeit noch großmundiger waren.

Bildbeschreibung Bild: Noam Chomsky 1973 (Foto: Andrea Womack)

Epstein, einem wissenschaftlich Unbedarften und gewieften Geldakrobaten, auf den Seilen eines karzinogenen Systems in seiner Endphase tanzend, ging es dabei ganz konkret – und wahrhaftig nichts könnte konkreter sein – um sein eigenes Leben. Um sein Gehirn, seinen Körper, sein Geschlechtsteil. Klonungen seiner selbst gehörten – gemäß Emails – mit zum Bestandteil der Versuchsanordnungen, die Transplantation eines ganzen Kopfes wurde kurz vor Vollzug gestoppt. Durchgeführt wurden aber zig andere Experimente. Und für diese und für das Austragen von manipuliertem Saatgut mussten junge Frauen her – eben als Probandinnen und Austrägerinnen, angelockt über Geld und Täuschung. Ein Entkommen, einmal drin, war allerdings schwierig. Die Frauen fungierten im bübischen Setting, das naturgemäß einen Haufen Milliardäre, die ihr Zeitliches ablaufen sahen, zur Gabe veranlasste, also als erkaufte Versuchskaninchen und Gebärerinnen von manipulierten DNA-Wesenheiten zwecks Heranzüchtung der Unsterblichkeit.

Epstein als Modell unserer Vorstellung von Welt

Basis der Unternehmung, auf der das funktionieren soll und einzig auch kann, ist ein Menschenbild, das den Menschen zur Maschine macht, zum Input-Output-Apparat mit ein paar selbstrekursiven Schleifen dazwischen – der einzigen Neuerung gegenüber Skinner im Grunde, dessen Simplizität aber erkenntnistheoretisch gesehen am Ende noch übertreffend –, eine Maschine, die man selbstverständlich manipulieren kann und der man mit ebenso digitalmechanistisch gedachtem Einbau von selbstrekursiven „Neuronenstrukturen“ das einpflanzt, was Technokraten als Bewusstsein verstehen, auf dass das große Bewusstseinsproblem gelöst ist (Originalton des sich „Vater der KI“ nennen lassenden Jürgen Schmidhuber dazu: „Es ist alles ganz einfach“, dazu mehr im Herbst). Diese Lösung wiederum ist der Schlüssel zur bübischen Unsterblichkeit: Bewusstsein ist materialisierbar! Ist herzustellen! Uff! Alles gut. Kein Thema. Und all jene fügen sich dieser Verapparatisierung und Banalisierung des Menschen bei, welche die KI mit einem mentalen Wesen verwechseln (das sind Milliarden), wie auch jene, die deren Effizienz loben. Optimieren bis zur Ewigkeit und darüber hinaus: Das ist der zivilisatorische Wahn, dem auch das Epstein-Netzwerk als verdichtetes Abbild entstammt.

Bildbeschreibung Bild: Jürgen Schmidhuber, Direktor des Schweizer KI-Instituts IDSIA, auf einem UN-KI-Gipfel 2017 in Genf (Foto: ITU Pictures, CC BY 2.0)

Mehr noch, in dieser Lesart ist die Epstein-Saga vielleicht gar bloß ein Epiphänomen des Optimierungswahns schlechthin. Ein Epiphänomen der stetigen ‚Verbesserung‘ des Menschen bis hin zur Unsterblichwerdung, ein Epiphänomen, das nahtlos an den Wahn, den eigenen Körper ewig jung zu halten, anschließt, an den Wahn, sich zu trimmen und zu fitten und zu optimieren bis weit über 90, wofür eine ganze Industrie bereitsteht. Mit anderen Worten: Aus dem Optimierungswahn, welcher diese Zivilisation ergriffen hat, musste eine Konstruktion, wie es das Epstein-Netzwerk ist, zwingend hervorgehen – und wäre es nicht dieser eine Epstein, es wäre ein anderer gewesen, und diese Epsteins sind alle auch noch am Werk und in den Labors der Institute und Konzerne. Und nicht nur dort.

Und so ist die Epstein-Saga am Ende das Extrakt aus einem materialistischen Weltbild, das unser Weltbild ist, ein Produkt der Väter der KI und aller anderen Väter des Nichts. Kein Wunder: Wir halten die Abartigkeitsstory hoch und sprechen von Pädophilennetzwerk, von Satanismus und Kulten, um das alles auszulagern und weit weg von uns zu schieben.

Dass Epstein von Bewusstsein viel verstanden hätte, davon ist nicht auszugehen. Er wird den durchaus komplexen Diskurs dazu kaum gekannt haben – etwa jenen in den 1990ern aufschießenden und sowohl von mehrschichtig denkenden materialistischen Forschern geführten wie von Erkenntnistheoretikern, welche auf die Unhintergehbarkeitsstruktur dessen verwiesen, was phänomenal als Bewusstsein sich zeigt. Bereits das Fach, in dem er eine Ausbildung erhalten hatte, Mathematik, betrieb er auf bescheidenem Niveau. Buben müssen nicht viel verstehen, um zu handeln. Auch das ein Merkmal dieser Zivilisation, in der komplexe Zusammenhänge – übrigens allein schon sprachlich-syntaktisch! – soweit reduziert werden, dass Robotertechnik und Transhumanismus „greifen“. Alles ist machbar: Es ist das Maschinenverständnis, das über alles gelegt wird, und es funktioniert nicht, weil die Geräte zu Menschen würden, sondern der Mensch zur Ware, zum Apparat. Menschen, die ihr Bewusstsein auf Apparateniveau abgesenkt haben, erkennen nicht, auf welcher Reduktionsstufe sie unterwegs sind, beispielsweise, wenn sie mit der KI „reden“. Und es käme ihnen nie in den Sinn, dieses „Reden“ in Anführungszeichen zu setzen. Kurz: Wer über KI schwärmt und darüber, was die alles kann, ist bereits in die mechanistische Struktur eingegangen, die den zumindest halbwegs hinübergehievten Apparat als mentales Flimmern deutet. In der Tat irrlichtert dort einzig das künstliche Feuer der Technologie, die alles kann. So hat es auch bei Epstein angefangen.

Bezeichnenderweise ist der Interviewer Markus Fiedler kaum von seinem Abartigenbild bezüglich Epstein und dessen Netzwerk abzubringen. Immer wieder beharrt er auf Moral, darauf, dass diese Frauen (zunächst spricht er auch noch von „Kindern“) sexuell ausgebeutet wurden (ziemlich wörtlich: sie wurden doppelt ausgebeutet, sexuell und für Experimente), um das gesellschaftlich beruhigende Narrativ des abartigen Rings, von dem man sich leicht abtrennen kann, aufrechtzuerhalten. Frank Höfer zeigt auf: Sie wurden instrumentalisiert, zu Objekten gemacht, zur Ware. Aber in einem gänzlich totalitären Sinne, und die Strukturen sind in unserem Weltbild angelegt. (2) Als Abartige indes tangieren Epstein und Co. unsere Welt und Kapital deutlich weniger denn als bübische Vorreiter einer Optimierung, die wir alle mittragen. Frank Höfer räumt das Narrativ ab und legt den Wahn frei, der unser aller Wahn ist.

Das Gespräch empfehle ich als Einstieg zum Buch und mehr noch: zum eigenen Nachdenken über Optimierung, Technologie und Niedergang einer Zivilisation, welche Geistiges zur Apparatur, zur Lagertechnik macht.

Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus.

Anmerkungen

1 – Die geopolitischen Analysen, in Teilen euch die medial-gesellschaftlichen Analysen Chomskys verlieren deshalb nicht an Aussagekraft. Die Fragen, die aufkommen, setzen nicht seine Kritik an der US-Hegemonie in ein anderes Licht, indes die Beweggründe für diese Kritik. In diesem Zusammenhang könnte das berühmte Streitgespräch zwischen Noam Chomsky und Michel Foucault (die Chomsky-Foucault-Debatte aus dem Jahre 1971) ein Ausgangspunkt sein. Vor allem in Deutschland, wo dekonstruktivistisches Denken niemals und von keiner Seite begriffen wurde, hat sich die akademische Linke hinter Chomsky gestellt, der in Foucaults Ausführungen nur postmoderne Spielereien erkannte. Eine genaue Analyse zeigt ein umgekehrtes Bild: Die echte Machtkritik – gänzlich ohne Moral vorgetragen, weitgehend deskriptiv sozusagen – lag in den Zeilen Foucaults, nicht bei Chomsky. Diese Verwechslung zeigt sich heute noch, wenn ansonsten präzise Denker wie Hauke Ritz oder Tariq Hübsch den Mythos, die Postmoderne (und sie nennen Foucault explizit) hätte wesentlich zum gesellschaftlichen Zustand, wie er sich heute zeigt, zum Wertezerfall, namentlich auch zur Verapparatrisierung des Menschen geführt. Auf der Linie zur Apparatisierung aber liegen materialistisch-mechanische Konzepte wie dasjenige Chomskys und nicht die De-Konstruktion, die sich dem Materialismus gänzlich entzieht. Diese medial wichtige Aufklärung greife ich später am Tresen auf. Eine genauere Einordnung von Chomskys faschistischem Ungeimpftenausraster im Zusammenhang mit seinem mechanistisch-materialistischen Weltbild findet sich hier.

2 – Schwierig zu denken, weil gänzlich gegen die uns eingetrichterten Schablonen gerichtet: Höfers Hinweise stellen die Sexualisierung des Netzwerkes zu Ende gedacht als Verharmlosung heraus. Seine Lektüre der Emails rückt die Ausbeutung durch das Netzwerk in den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, auf dass die Monstrosität in ihrer Totalität sichtbar wird, weil es unsere mechanistisch-materialistische Waren-Monstrosität ist, die zum Vorschein kommt. Dass im Rahmen dieser Totalität Sexualität auch ein Faktor ist, verneint Höfer keineswegs. Aber seine Lektüre räumt das – beispielsweise auch beim Interviewer festhängende – Muster ab, es hätten einerseits sexuelle Ausbeutung und daneben auch noch Experimente stattgefunden, ein Muster, bei dem die Abartigkeit über das Sexuelle Bestand hat, auf dass die Abschiebung ‚auf die stets Anderen‘, eben Abartigen, möglich bleibt. Die Ausbeutung, welche Höfers Lektüre freilegt, ist hingegen keine, welche durch Reiz-Schlüsselwörter wie ‚pädophil‘ oder ‚abartig‘ ausgelagert werden kann. Das ist sein Verdienst.

Bildbeschreibung

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Daniel Sandmann ist promovierter Philosoph und Linguist. Er betreut bei Manova den Literatursalon und hat – unter verschiedenen Namen und in kleinen Verlagen – Romane, Dokumentationen und Erzählungen veröffentlicht; jüngst erschienen: Teer Sandmann: Raffen, Sterben, Trance; demnächst in noch unbekanntem Theater: ZWERG, Roman.

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Bildquellen: Frank Höfer im Apolut-Gespräch (Titelfoto: Screenshot)