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Medien-Tresen | 27.02.2026
Eigentlich möchte ich leben
Wo Licht, wo Irrlicht, Folge 4: Das eigentliche Leben, Medien und Gewalt. Mit Epstein, Auschwitz und Tablets in der Schule.
Text: Daniel Sandmann
 
 

Eigentlich möchte ich leben. Eigentlich möchte jeder Mensch leben. Er möchte nicht leben, um ständig nur vorzukehren, für ein Leben, das einmal sein wird, und somit gleichsam, um dieses Leben zu erreichen, jetzt nicht zu leben. Er möchte nicht leben für eine Zukunft, schon gar nicht für eine future qua Businessmodell angeschrieben an einem Lieferwagen. Kinder leben nicht in der Zukunft. Seid wie die Kinder. Sprach einmal einer. Der Mensch möchte leben im Augenblick. Weil er so gemacht ist, weil er Mensch ist. Und weil nur im Augenblick eine Ankunft liegt. Sie ist nirgendwo sonst, niemals in der Ausdehnung. Gerade der göttliche Augenblick ist ein Augenblick. Hier und Jetzt. Frei von Zwecken. Denn nur der zweckfreie Augenblick ist eigentlich. Alles außerhalb dieses Augenblicks ist uneigentlich. Ist kein eigentliches Leben. Es ist ein Planen, ein Anpeilen, ein Verarbeiten, aber nichts Eigentliches. In den Planungen und Verarbeitungen gilt nicht das Eigentliche. Es gilt das Uneigentliche, das Aufgestülpte. Es gelten die Maßstäbe von anderswo. Die Narrative.

Danser encore – nochmals Tanzen

Angesichts einer Drastik – der Tod steht plötzlich vor der Tür – schimmert das Eigentliche am ehesten noch durch. Als würde es ein letztes Mal durchschimmern („Jedes Mal ist ein erstes Mal ein letztes Mal“, Jacques Derrida). Und da und dort – angesichts der Drastik – zu einer kleinen Geltung kommen. Es ist gewissermaßen eine Erinnerung von außen her an das Leben, das ich eigentlich leben möchte. 2020 hat einige Menschen dieses Durschimmern erfasst. Im Lied Danser encore fand es Gestalt. Dieses Lied war eine verdichtete Erinnerung an das Eigentliche. An den Wunsch, eigentlich zu leben. Es hat sich in einer Welt, die sich gänzlich im Uneigentlichen aufgelöst hatte, gemeldet, obgleich selbst zumeist schon eine uneigentliche Meldung, da, wo es eintraf. Alsbald wurde es rasch und schnell von der Angst überschrieben, welche im schlimmsten Fall die Angst war, dass es nicht weiterginge wie bisher. Mit dem Geld und dem Erfolg und dem Wirtschaften. Im Kern aber – und darin lag seine Heilung für Augenblicke – war es (ich rede immer noch von Danser encore, dem Lied) aus dem Eigentlichen hervorgekommen. Und es war diese Eigentlichkeit, die einen – trotz medialer Vermittlung des Liedes – zuweilen nicht nur berührte, vielmehr aber traf wie ein Schlag und die hinter Staumauern gefangenen Tränen befreite. Die Überschwemmung im Tal reichte manchmal für einen Tag, manchmal für eine Woche, zuweilen für Stunden und Minuten bloß. Bald war alles wieder unter Kontrolle. Doch die Erinnerungsspur zum Eigentlichen: Sie hat aufgeleuchtet. Augenblicklich.

Geburt der Medien

Das eigentliche Leben findet hier und jetzt statt. Es ist nicht dort. Und nicht in einer Zukunft. Das eigentliche Leben schneidet sich mit allem, was auf etwas zielt. Am allermeisten mit Erfolg (dieser Erfolg ist einen eigenen Gedankenfaden wert). Es ist überschrieben worden, als der Mensch zu glauben begann, das eigentliche Leben sei nicht da, sondern dort und er müsse mit diesem Dort verbunden sein, müsse es erreichen, müsste etwas erreichen, etwas werden, um vom Leben nicht abzufallen. Auch über diesen beginnenden Glauben an das Dort und den Ab-fall vom Hier – Wahn zu nennen – ist ein eigener Gedankenfaden auszulegen. Es ist die Geburtsstunde der Moral, der Norm, des Zwangs, der Haltung, der Etikette, der Sicherheit. Das Problem, zu erklären, wie das gekommen sei, haben alle Schöpfungsgeschichten. Hat die Bibel, die uns eine Allmacht erklärt, die ein Böses generiert, von dem das Gute, das die Allmacht ist, nicht tangiert sein soll. Hat aber auch eine matriarchale Erzählung, die davon berichtet, wie das Patriachat danach trachtet, das, woraus es selbst in die Welt gesetzt, die Gebärmutter, zu ersetzen. Mit Technik. Ist das Uneigentliche eine Anlage des Eigentlichen? Claudia von Werlhofs Opus ultimum Die Väter des Nichts, es sollte in diesem Jahr endlich erscheinen, hat vielleicht eine Antwort darauf.

Ich an dieser Stelle stelle das Urproblem zurück und bleibe beim Phänomen eines Lebens, das uneigentlich geworden wird. Die Welt des Uneigentlichen ist die Welt der Medien und damit der Technik. Auch dieser Text unterliegt ihr, er ist Medium. Der Wahn, das DORT sei das eigentliche Leben – in diesem Wahn liegt der Kern des ständigen Wucherns und Ausbreitens, also des Imperialismus und damit aller Verheerungen und Kriege –, kann nur zu einem Schluss führen: Das DORT muss HIER anwesend werden, damit ich, der eigentlich leben möchte, zu diesem eigentlichen Leben komme. Ich muss also teilnehmen (mich einmischen) am Leben dort, damit ich zum eigentlichen Leben gelange. Diese Verdrehung (man kann es auch als Verschiebung aus dem Jetzt oder als Abfallen aus einer goetheanischen Weile begreifen) ist das anthropologische Urverhängnis. Dieses Verhängnis hat die Medien geboren. Und über tausend Militärstützpunkte der USA ebenso.

Medien transportieren das Uneigentliche im Anspruch, es zum Eigentlichen zu machen – eine Usurpation im Kern und aus der Urgeste nach Leben heraus gesetzt. Uneigentlich ist es, weil das andernorts abgegriffene Leben nur über die Vermittlung anwesend wird, als Pseudo-Augenblick gewissermaßen. Die angepeilte Suggestion: Du bist überall dabei. Du bist Herr über alles. Eine Herrschaftsgeste, wie gesagt. Die Wirklichkeit aber ist die: Der Mensch verliert das Leben als Eigentliches, indem er den Raum des Eigentlichen hergibt, um ihn durch Vermitteltes und daher Uneigentliches überschreiben zu lassen, das sich als Neu-Eigentliches (Neu-Schöpfung) ausgibt. Das Medium selbst, im Handy zum Ersatzgral mutiert – ich kann das bei meiner Tochter sehr genau erkennen –, erhält in einem finalen Stadium dabei den verdinglichten „Status“ des Eigentlichen. Weil sein Wesen aber die Vermittlung ist, ist es ein Pseudo-Eigentliches. Vermittlung und Augenblick schließen sich aus. Dass Techniken erfunden werden, die Suggestion als Eigentliches erscheinen zu lassen, ist Teil des Prozesses. Diese Techniken sind nichts weiter als fortgesetzte Vermittlungen. Es ist das karzinogene Wuchern der Technologie selbst, das hierbei als immerwährender Zwang den Prozess in Gang hält. Hier schlösse das Kapital als thematischer Faden an, den ich aber für einmal außen vor lasse.

Wenn das Nichts das Fehlen des Eigentlichen ist, so ist die Welt, die jetzt ist, die Welt des Nichts, egal, ob von Vätern oder Müttern oder Cyborgs betrieben. Wir leben im Uneigentlichen und auch die Coronajahre, gerade diese, waren Jahre des Uneigentlichen. Sie verloren noch schneller als die Zeit davor alle Kontur. Das Leben – der digital durchgezogenen Isolationen wegen – war nur als uneigentliches vorhanden und die Suggestionstechniken ob der lagermäßigen Radikalität der Inszenierung eines „Hereinbruchs des Uneigentlichen“ – was würde sich besser eignen als Viren, die per se nichts Eigentliches sind – zumindest zeitweilig überfordert. Die seelischen Erkrankungen, die daraufhin sich noch massiver ausbreiteten als zuvor, waren im Grunde und im Kern Erkrankungen ob der Leere.

Bildbeschreibung Bild: Kundgebung mit Sänger HK in Tours, März 2021 (Foto: Lilidufau, CC BY-SA 4.0)

Gewalt

Leere, erzeugt durch Medien, ist nicht harmlos. Das Pseudo-Eigentliche der Vermittlung ist Gewalt. Wesentlich in zweierlei Hinsicht: Gewaltsam ist das Abgreifen von Leben dort, und gewaltsam ist das Überschreiben des Lebens wie das Ersetzen durch eine technische Illusion hier. Erst wenn die Menschen gänzlich Ware geworden sind, werden die seelischen Krankheiten enden. Eine bittere „Heilung“ und ebenso ein anderer Faden im Gewühl.

Die Brutalität zu betonen, scheint mir wichtig, ich fasse sie nochmals: Wenn ein Eigentliches (ein Geschehen im Hier und Jetzt) vermittelt wird, so wird ihm das Eigentliche weggeschlagen und es wird zum Uneigentlichen. Das bedeutet sehr konkret Verlust von Würde, von Schönheit und letztlich von Subjektivität und Autorenschaft. Wer sich in der Presse verhandelt sieht, ist ausgeliefert. Das gilt für jeden Bericht, jede Meldung, jede mediale Erfassung von irgendeinem Geschehen, von Handlungen, von Menschen. Menschen, medial gefasst, werden zu Objekten, mehr noch: Schablonen. In der Zielscheibenanschrift – die Hexen, die Juden, die Abartigen: Es sind immer die Anderen, und das sexuell Verdächtige eignet sich besonders gut – kommt es zum Anschlag. Sich dessen bewusst zu sein, ist keine Lösung von irgendwas, aber ein erster Schritt zur Ausheilung. Dass es Sprachen gäbe, die diesen Übergriff ausbalancieren und mehr noch: in ein neues Eigentliches überführen können (Thomas Manns Zauberberg fällt mir ein, Novalis mit seinen Hymnen an die Nacht, bei Kafka ist die Heilung am komplexesten, Ingeborg Bachmann hat von nichts anderem als dieser andauernden Zersetzung des Eigentlichen durch das artige System geschrieben) ist Thema eines weiteren Gedankenfadens.

Ich bleibe bei der Auslegung dieses Gedankenfadens indes bewusst bei der Sprache der Medien und damit des Systems stehen, kurz: bei der Sprache, die gekommen ist und die gilt (auch bei Medien, die sich als alternativ begreifen). Bleibe bei der Sprache, die etikettiert und also der Tötung des Eigentlichen zudient. Dieser medialen Sprache ist als Eigentliches einzig die technische (heutzutage also digitale) Struktur der Vermittlung eingeschrieben. Das Medium, erfunden, um die Welt zu vernetzen und damit das Uneigentliche über das Leben zu legen (das Leben sicher zu machen: so ist es angeschrieben für die Massen), wird zum neuen Eigentlichen, das im Kern aus Uneigentlichem besteht. Das Medium erzeugt außer der Struktur, die es selber ist, kein Leben. Die Vermittlung – und damit das ständige Verweisen – IST das Leben. In einer solchen Struktur aus der Kindheit herausgerissen zu werden, verwundet die Menschen, macht sie schwerkrank. Noch bevor sie das zwanzigste Jahr erreicht haben. An deutschen Schulen (nicht nur an diesen) ist man vollständig dazu übergegangen, per Tablet zu unterrichten. Junge Gehirne sind umzingelt von uneigentlichen, digitalen Landschaften. Umzingelt von Tod. Und wie in einer solchen bewusst herbeigeführten Todes-Szenerie der Ruf, „die Kinder“ vor den Social Medias schützen zu müssen, zu deuten ist, sei an dieser Stelle den Lesenden überlassen.

Bildbeschreibung Bild: Mathe mit Tablets 2019 (Foto: Ronja Aigner, Michelle Kohlmeier, CC0)

Menschenopfer

Alles, was als mediale Vermittlung – als Meldung, als Bericht et cetera daherkommt – ernährt sich von dem, was als eigentliches Leben einmal vorlag. Wir haben vielleicht einst noch von den Zerstörungen durch Medien gelesen (auch dies in Medien – die Wirklichkeit ist komplex). Die Medien – das sind durchaus Menschen und letztlich wir alle – brauchen, um leben zu können, Nahrung. Die Nahrung der Medien sind die Anderen. Diese anderen, einmal zum eigentlichen „Fraß“ geworden, zahlen den Preis für den Unterhaltsbetrieb. Es ist nicht nur ein faschistischer Preis, es der faschistischste Preis überhaupt. Auf der einen Seite der Bund (= lateinisch fascis) der medial ins uneigentliche Leben Überführten (und mittels einer künstlichen Dauersuggestion Sedierten) und auf der anderen Seite die Ab-fallenden, das ausgepresste Eigentliche als Nahrung des medial-digital-technoiden Bundes, in dem bald alles nur noch Ware ist (der ideale Bund – fascis – und denkende Subjekte: das schließt sich aus; die Bewegung des Faschismus ist die Bewegung hin zur Auflösung autonomer Subjekte).

Lagerfunktion

Die Milliarden an sozialen Tilgungen, Suizide inbegriffen, fungieren als „Bild“ für die Lagerfunktion von Medien. Allein was die BILD-Zeitung und in der Schweiz der nicht minder faschistoide Blick an Leben zerstört haben, entzieht sich der Sprache. Günter Wallraff und andere mehr haben in einer Zeit, die noch etwas mehr an Kritik erduldete, versucht, hinter diese Vorgänge zu leuchten. Heute werden die medial-technoiden Tilgungen als Teil einer Neu-Schöpfung (Fortschritt hat seinen Preis, nicht wahr?, doch wir wollen ihn nicht missen) entgegengenommen. Allein über andere zu schreiben (ich nehme mich nicht aus) stellt eine Züchtigung dar. Das gilt auch dann, wenn diesem „Anderen“ Gewalt unterstellt wird bzw. wenn dieser sie tatsächlich begangen hätte und die mediale Vermittlung als Rechtfertigung darauf verweisen kann. Die grundsätzliche Struktur der Gewalt, die im Medium einlagert, wird dadurch nicht aufgehoben. Von daher ist eine mediale Gesellschaft, ist jedes Medium Teil einer Destruktionsprozedur. Denn sie erhebt das Uneigentliche über das Eigentliche, es streicht: Eigentlich möchte ich leben.

An diese Grundproblematik schließen die konkreten publizistisch-ethischen Fragen an, die gerade in diesen Tagen der Empörungsbewirtschaftung rund um die Machtstrukturen gestellt werden müssten, die mit dem Namen Epstein sedierend versehen werden. Dieser Faden steht, grundsätzlich abgespult, ebenso für einen anderen Beitrag an. Und wer – es ist ein wiederkehrender Feedback-Topos – zum Schluss käme, in diesem Text fände er „nur Kritik“, aber keine Lösungsansätze, dem muss vielleicht einmal mit aller Freundlichkeit gesagt sein:

Lösungen sind Teil der Verheerungen

Zu verlangen, dass zivilisatorische, vielleicht gar anthropologische Verheerungen in Lösungen überführt werden müssten, ist Teil der Verheerung. Es ist die uneigentlich, in einem fort vermittelnd-wuchernde technoide Zivilisation, die ständig Lösungen einfordert: das Machbare als challenge. Die Lösung ist jeder Uneigentlichkeit eingeschrieben, nahtlos. Der Ruf nach Lösungen – mit der Endlösung als finalstem Schrei unter diesen Rufen – ist Ausdruck einer Machbarkeitsideologie und also einer patriarchalen Ordnung. Es ist der Schrei nach der Technik im Grunde (Endlösungen sind immer technische Lösungen). Es ist ein Schrei nach dem Uneigentlichen, das ein nicht zu kontrollierendes Eigentliches auf-„lösen“ muss, damit die Welt bequem bleibt und die Macht gesichert. Der Schrei nach Lösung selbst ist bereits das Uneigentliche. Claudia von Werlhofs Verweis auf die Alchemie als Manifestation einer paradigmatischen Verschiebung weg vom Matriarchat zur Herrschaft ist in diesem Zusammenhang erhellend: Die Alchemie – als Vorgängerin dessen, was man heute Wissenschaft nennt – basiert auf Lösungen. Dass eine an die Alchemie anschließende kapitalistische Wirtschaft in einem fort ebenso auf Lösungen fokussiert, Finanz- bzw. Kapitallösungen im Kern, ist nur folgerichtig.

Der Weg (zurück?) zum Eigentlichen ist indes kein Weg über Lösungen. Es ist ein Weg über ein langsames, ent-setzendes Erkennen auf vielen Ebenen. Von Verstandesstrukturen bis in abgründigste, aber auch heiligste Seelenräume. Dieser Text hier bietet keine Lösung. Er öffnet Wege zu einem ent-setzenden Erkennen und damit zu einem langsamen Ausheilen. Und wenn er keine Wege eröffnet – was sein kann –, so wirft er doch Licht auf mögliche Spuren, die zu Wegen führen.

Bildbeschreibung Bild: Szene aus Faust II, 1932 (Liebigs Sammelbilder, CC BY-SA 2.0)

Screen statt Schnee und kein Epstein

Wenn es schneit – und es schneit in diesem Winter in Deutschlands Norden oft – und ich lenke den Blick weg vom Fenster hin zum Screen, wo mir dieser Schnee medial vermittelt wird, so bin ich bereits in Gewaltstrukturen aufgehoben. Und es ist kein Epstein dabei. Die Unartigen und Abartigen, auf welche die Megamaschine, vor allem aber deren Entgleisung abzuschieben wäre, verlieren ihren explanatorischen Wert schneller, als eine Schneeflocke zu Wasser wird. Die Gewalt, die in der Tilgung des Eigentlichen liegt, reicht tiefer. Und es war Mathias Desmet in den Tagen von Corona, der auf die Spur des ent-setzenden Verstehens geführt hat mit seinem Fokus darauf, wie Repression, von oben eingegeben, von unten – verstärkend – gegengetragen wird. Diese Spur vermischt sich mit derjenigen, die Hannah Arendt in Bezug auf das Böse und dessen Banalität epochal freilegt. Die Spur, die dieser Text hier zu öffnen trachtet, ist mit der Gewalt verknüpft, die im Medium als Medium einlagert. Gemeinsam ist allen Ansätzen: Es sind keine Abartigen dabei, auf die man den Zivilisationscrash (oder was immer es ist) verschieben könnte.

Gerade die in dissidenten Medien oft gestreute Wohlfühlschablone, die Menschen zur überwiegenden Mehrheit seien anständig und gut und nur paar wenige mit Macht seien vom Wege abgekommen, zeigt sich allzu bald als leeres Gerede, vielleicht sogar als Propaganda. Die Organisation des Warschauer Ghettos, die Organisation und der Betrieb von Auschwitz und allen anderen Lagern, die Logistik, welche unter anderem Tausende von Kindern und Jugendlichen in diese Lager getrieben hat mit dem einzigen Ziel, sie dort auszulöschen, hat nichts mit der Abartigkeit zu tun, die in diesen Tagen da und dort und bald überall mit moralischem Pathos bis zum Erschrecken als Urgrund des Bösen vorgeführt wird. Erreicht den Bürger die Meldung, dies oder jenes sei zu tun, so wird er seiner Pflicht nachkommen. Das ist der Anstand, den er hat. Und will er nicht hochkommen auf der Leiter, so will er zumindest nicht absteigen. Primo Levi hat das als Grundantrieb einer jeden Gewalt illusionslos herausgestellt. Es brauchte für die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie, die bislang in ihrer bürokratisch bis tief in die Gesellschaft verankerten Logistik wahrscheinlich in der Tat ohne Beispiel ist, zumindest nicht, was den Durchführungsgrad betrifft, keinen Epstein. Aber Millionen, die mitgemacht haben. Pflicht, Anstand, Arbeitsmoral.

Zu tun – das ist die These dieses Textes – hat das mit vielen Faktoren – vielleicht auch deutsch-spezifischen –, wesentlich aber mit einer „Zivilisation“, welche das eigentliche Leben mit dem Uneigentlichen überschrieben hat. Bei diesem Überschrieb geht die Empathie drauf. Ganz und gar. Gesellschaften, welcher die Tilgung industriell, bald nanotechnisch durchorganisieren, sind medial entseelte Gesellschaften.

Behutsamkeit

Ja, das Fenster selbst ist vielleicht schon ein Medium. Ich bin vom Analogen und Eigentlichen weg, wenn ich hinterm Fenster sitze. Und wo ich „weg bin“, übernimmt die mediale Vermittlung. Die Hexen, die Juden, die Abartigen. Die tauchen dann auf. Draußen auf der Straße sind es Menschen. Das ist kein Argument, Vernichtungstaten nicht zu benennen. Ausführende inbegriffen. Aber es gibt in einem Leben, das eigentlich wäre, keine diese oder jene. Keine Auslagerungsschablonen. Mit den Schablonen wird der Folgevernichtung der Boden bereitet, weil mit ihnen der Kern des Problems aus dem Fokus schwindet.

So ist dieser Text auch ein Plädoyer dafür, bei der Teilhabe am uneigentlichen Leben – also innerhalb medialer, vermittelter Zeichen, und niemand kann sich entziehen – so differenziert wie möglich sowohl aufzunehmen wie zu senden. Medien an sich haben einen unglaublichen Sog zum Faschismus. Diesen Sog gilt es mit einem Sprechen, das sich jeder schnellen Lösung und schon gar jeder Endlösung entzieht, auszubremsen. Der direkte Weg zum Eigentlichen liegt zu sehr verschüttet, als dass mit einer Räumung nicht die Reste dessen, was es zu retten gälte, mitliquidiert würden. Aber das Bewusstsein, dass Vermittlung stets Gewalt bedeutet, kann Behutsamkeit fördern. Und Behutsamkeit, nicht zuletzt ihrer Langsamkeit wegen, ist ein Merkmal des Eigentlichen.

Daniel Sandmann ist promovierter Philosoph und Linguist. Er betreut bei Manova den Literatursalon und hat – unter verschiedenen Namen und in kleinen Verlagen – Romane, Dokumentationen und Erzählungen veröffentlicht; jüngst erschienen: Teer Sandmann: Raffen, Sterben, Trance; demnächst in noch unbekanntem Theater: ZWERG, Roman.

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Bildquellen: Dülmen, Heilig-Kreuz-Kirche 2019 (Titelbild: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0)