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Medien-Tresen | 01.05.2026
Weiße Sneakers
Oder: Warum der Coronawiderstand eine Fehlkonstruktion war. Urszene, Grundsatz und Symptome – wahlweise einer Verstörung oder einer Verwechslung.
Text: Daniel Sandmann
 
 

Vorbemerkung: Dieser Text unternimmt keine historische Einordnung des Coronawiderstands. Für eine solche verweise ich auf den Beitrag Die Querfront als Falle von Ulrich Gausmann, der die Konsequenzen einer Ausblendung von Kapitalmacht unter anderem im Kontext des Nationalsozialismus diskutiert. Achtung: Die Lektüre seines Essays kann den Horizont erweitern. Erst recht, wenn man die gänzlich anders gearteten Zugänge zur Thematik verschränkt.

Urszene

Eine Szene im ‚Widerstand‘ (ab Minute 51). Es geht um Sneakers. Ich lese die Szene aus der Distanz – das Gespräch hat im April 2024 stattgefunden –, lese sie als Urszene des Widerstands. Dirk Pohlmann und Dirk C. Fleck. Fleck spricht von jenen, die sich engagieren, gemeint: die sich widerständig engagieren, sich da „reinschmeißen“. Das ist die Anerkennung. Sein Einwurf: Es gehe „nicht weiter“. Es sei höchstens „Eitelkeit“, was daraus gezogen werden könne. Fleck fängt diese Aussage mit einem Bild ein: Daniele Ganser in weißen Sneakers vor großem Publikum. Fleck sagt: „Jetzt auch er in den obligaten weißen Sneakers. Das hat mich entsetzt“. Meine Lektüre: Fleck eröffnet über das Bild der weißen Sneakers die Spur zum Kern. Es ist die Konformität. Die Übereinstimmung mit dem System. Die Bedeutung der Darstellung, des Medialen im Widerstand. Da lauert – noch verdeckt – das Reaktionäre.

Pohlmann, erkennbar anhand seiner Mimik, versteht den Vorgang nicht. Kam bislang im Widerstand nicht vor, dass jemand aus dem Widerstand den Widerstand und sein Auftreten kritisiert. Dass jemand ‚spaltet‘. Den Widerstand selbst erst noch. Spalten ist schlecht, die Impfung hat gespalten. So hat es der Widerstand erzählt. Pohlmann ist einer der Verständigen im Widerstand, kann gesagt sein. Und doch kann er nicht verstehen, was Fleck mit dem Bild der weißen Sneakers wirklich zeichnet.

Zwischenbemerkung: In Gaza fand ein Genozid statt, im Iran weitere Kriegsverbrechen, Hunderttausende weltweit leiden an Impfschäden, jetzt soll es um Sneakers gehen?

Bildbeschreibung Bild: Dirk Pohlmann (links) und Dirk C. Fleck (Screenshot)

Was legt Fleck also frei? Die Formel: Sneakers fungieren als Bild für den Eingang des Widerstands ins System. Das ist die bitternötige Herausstellung in diesem Gespräch (und überhaupt). Aber nicht ad personam, nicht an Ganser gerichtet, sondern qua erkenntnistheoretische Herausstellung. Was Fleck freilegt, didaktisch, mit viel Lob für den Mann, der in weißen Sneakers erscheint, ist die Ästhetik, die gilt. Es ist die Ästhetik des Systems, also des Kapitals. Die Ästhetik ist wichtig. Ein jedes System, jeder Totalitarismus, auch Auschwitz: Es beginnt und endet mit Ästhetik. Dessen war sich Goethe schon bewusst und nicht erst Baudrillard.

Pohlmann, ich lese die ganze Szene stellvertretend und nicht persönlich, führt sodann den Abwehrreflex des Widerstands vor. Er verteidigt Ganser ad personam, einen Ganser, der von Fleck nicht angegriffen wurde. Mein Vorgriff an dieser Stelle: Ein im Kern reaktionärer, Natur und Kapital verwechselnder Widerstand kann nicht anders. Er muss das von Fleck freigelegte Sneakerbild als Angriff ad personam begreifen, denn er verteidigt in Wirklichkeit (sich dessen kaum bewusst) ein mediales Setting, ein erfolgreiches Businessmodell (also Kapital), das er als Widerstand – und dabei der Natur des Menschen zudienend – anschreibt. Die Verwechslung macht Widerstand als Businessmodell erst möglich. Und mit der Deklaration des ‚Sneakers-Einwurfs‘ als Angriff auf die Person kann die Kritik an der Fehlkonstruktion entschärft werden. Dem Businessmodell sind nicht die Sneakers selbst, aber die Ästhetik der Sneakers, genauer noch: die gesellschaftliche Konformität dieser Ästhetik wesentlich. Ganser trägt sie. Also gilt es im Verständnis des Widerstands, den Angriff (‚die Spaltung‘) auf Ganser hin abzuwehren, anstatt die Erkenntnis freizulegen, wie sehr das System im Widerstand aufleuchtet.

Was entsetzt Fleck, wenn ihn die weißen Sneakers entsetzen? Nicht die Sneakers an sich, nicht dass Ganser sie trägt. Es entsetzt ihn, das leuchtende Zeichen des Systems da anzutreffen, wo dieses kritisiert wird. Es entsetzt ihn das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit. Und selbst wenn man den Sneakers diese Wertung nicht zugestehen wollte, wäre zu erkennen, was Flecks Vorhaben ist. Fleck spaltet nicht, er zeigt auf die Spaltung. Ein reaktionärer Widerstand, der auf eine heile Welt der bürgerlichen 1980er (oder gar des 19. Jahrhunderts) referiert, versteht diesen Verweis selbst als Spaltung. Er muss ihn so verstehen, sollen Natur und Kapital bzw. deren Verwechslung unbeleuchtet bleiben. Dirk C. Fleck aber ist ein generöser Herr mit Stil. Ein Poet. Ihm ist der zwanghafte Reflex seines Gegenübers zur Abwehr jedweden ‚Spaltungsgeschehens‘ nicht entgangen. Und so gestaltet er seine Kritik gar versöhnlich, baut Lob für den Sneakers-Träger ein, bleibt aber klar im Kern: Ja, die Sneakers sind ein lapidares Detail, geschenkt. Irgendwelche Schuhe muss er doch an den Füßen haben, der Ganser, nicht wahr. Doch sie fungieren im medialen Setting, in dem sie weiß aufleuchten, als Träger des Systems. Seiner Wertigkeit, seiner Ästhetik. Sie verkörpern in der gegebenen szenischen Augenblicklichkeit den Markt. Fleck holt diesen Aspekt sehr bewusst in den Diskurs, indem er explizit auf den Preis solcher Sneakers verweist.

Bildbeschreibung Bild: Berlin, 29. August 2020 (Foto: Hans der Kleingärtner)

Die Szene auf den Punkt gebracht: Ganser hat die weiße Ästhetik des Kapitals an den Füßen, wenn er die Widerstandsveranstaltung moderiert, für die ein erhebliches Eintrittsgeld zu entrichten ist. Als Mode- und Marktfigur stehen die Sneakers hierbei für das Businessmodell selbst, das die Widerstandsveranstaltung in diesem Augenblick geworden ist. Wobei das Businessmodell qua kapitalistisches Modell, wofür die Sneakers mit der Ästhetik des Kapitals stehen, den Widerstand als solchen im gleichen Augenblick aushebelt.

Das ist der Vorgang, erkenntnistheoretisch ausgeführt. Fleck vollzieht ihn bildlich-poetisch und natürlich improvisierend (die Sneakers waren kaum als Thema eingeplant, nehme ich an). Doch bleibt es gerade im Rahmen einer solchen spontanen Aktion recht präzise und anschaulich, wenn er erläutert:

An dieser Stelle brechen für mich Menschen zusammen.

Nein, er spricht weiterhin nicht ad personam und also nicht von einem bürgerlichen Zusammenbruch, nicht von einem Scheitern eines Menschen in seiner Laufbahn. Er spricht vom Zusammenbrechen (oder Zerbrechen) derjenigen, die den Widerstand tragen. Zu Ende gedacht: vom Zusammenbruch des Widerstands als Konstrukt. Und ja, da brechen dann schon Menschen zusammen. Jene, die den Widerstand ‚ausführen‘ (sich „reinschmeißen“): Sie zerbrechen in sich, genauer: in ihrer Glaubwürdigkeit als Widerstandskämpfer. Ad personam dagegen zerbrechen sie keineswegs. Das Businessmodell läuft, daran lässt Fleck keinen Zweifel.

Das ist die Tragik, die Fleck fasst und die ein Widerstand in ihrer Fehlkonstruktion nicht begreifen kann. Was dann folgt, gehört mit zur Urszene und führt soeben Gesagtes aus: „Das ist zu hart für Daniele“, so die Korrektur Pohlmanns. Seine ‚Gegenstory‘ verschiebt Flecks poetisch-systemisches Entsetzen in ein gänzlich anderes Feld, ein moralisches, und hat mit den weißen Sneakers nichts zu tun. Pohlmann, ein Schwuler und Ken Jebsen (jetzt Kayvan Soufi-Siavash) sitzen in einem Restaurant. So erzählt Pohlmann zur Abwehr der Kritik. Das Servierpersonal bedient Ken Jebsen nicht. Er sei homophob, so die Begründung. Dabei sei Ken der toleranteste Mensch, der jeden anderen Lebensentwurf zulasse, so Pohlmann, das Urteil völlig falsch, zumal sie erst noch zusammen mit einem Schwulen am Tisch gesessen hätten. Wie falsch also Kritik sei, wie schablonenhaft, und welch ungerechtfertigte Urteile der Widerstand aushalten müsste: Dies zu zeigen, musste die Intention Pohlmanns gewesen sein.

Flecks Fokus auf die Sneakers war – im Gegensatz zur Reaktion des Servierpersonals in der Kneipe, von der Pohlmann erzählt – nicht der Fokus des Systems. Das allein ist eine fundamentale Differenz. Die ‚Spaltungen‘ von außen her verstand der Coronawiderstand ohne weiteres einzulesen. Das war auch nicht schwierig, waren es doch die ständig gleichen Schablonen, welche den Widerstand allzu leicht in seinem Selbstbild bestätigten. Indes, sollen das Homophobie-Urteil und die Bedienverweigerung des Servierpersonals eine Parallele zu Flecks über die Sneakers in Gang gesetzte De-Konstruktion des Widerstands sein? Fleck hätte an dieser Stelle des Gesprächs allen Grund zu einem zweiten erkenntnistheoretischen Entsetzen gehabt, musste er doch gewissermaßen wenn nicht die Sneakers selbst, so doch deren Blendungseffekt in diesem Augenblick an Pohlmanns Füßen aufleuchten sehen. Er blieb höflich und nahm die irrlichternde Gegenstory ohne Widerspruch entgegen.

Auch ich habe erfahren, dass der Widerstand auf Kritik aus sich selbst heraus gesetzt, von Segmenten formuliert, die nicht zu den business- und videoformatmäßig zertifizierten Teilen seiner selbst gehörten, nicht anders als das System selbst reagierte und eine solche Kritik ins Feld des Moralischen verschob. Es ist unmoralisch und schlecht, Menschen, die Gutes tun (Ganser und Jebsen sind in der hier besprochenen Urszene genannt, aber die Namen sind unwesentlich), Böses vorzuwerfen. Eine solche Verlagerung der Kritik qua Abwehr ist Teil des erkenntnistheoretischen Supergaus, den der Widerstand nur bei/an den Anderen erkennen konnte. Das Fleck‘sche Sneakerbild – die Mimik Pohlmanns in dieser Szene spricht Bände, gelesen als Mimik des Coroanwiderstands – musste verstörend einfallen. Zumal mit Flecks Hinweis auf die Eitelkeit sich der Elefant explizit und im Grunde anschaulich nun im Gesprächsraum vorfand.

Bildbeschreibung Bild: Frankfurt am Main, 7. Juni 2020 (Foto: photoheuristic.info, CC BY 2.0)

Grundsätzliches im Überblick

Die Frage, was aus dem Coronawiderstand geworden sei, ist auch die Frage nach den Wirkungen, die von einem solchen angenommenen Widerstandskonstrukt ausgegangen sein mögen. Solche Wirkungen aber sind – nicht zuletzt angesichts des gegenüber den frühen 2020er-Jahren abermals gesteigerten Irrsinns (eine erschlagend-brillante aktuelle Analyse von Tom-Oliver Regenauer bringt es auf den Punkt) – als marginal einzustufen und führen zum Schluss, es hätte sich bei dem, was Coronawiderstand genannt wird, mehr um eine mythische Größe (und bei den Berliner Demonstrationen folglich um mythische Ereignisse) denn um eine reale politische Kraft gehandelt. Die sogenannte Coronaaufarbeitung steht paradigmatisch und sozusagen als letzter Schrei und Krönungsfigur für diese Wirkungslosigkeit. Allein die Vorstellung, es könne im Rahmen der gleichen Strukturen, welche die Strukturen der Coronaregulatur hervorgebracht haben, diese Regulatur „aufgearbeitet“ werden, schreibt den Widerstand final dem System ein. Allerdings wäre fairerweise zu diskutieren, ob der Widerstand vielleicht nicht doch eine in sich stimmige Bewegung gewesen sei, bestimmt, an übermächtig gefügten gesellschaftlichen Verhältnissen zu zerbrechen. Doch waren – bald einmal erkennbar – den Dynamiken gegen die Corona-Repression Muster eingeschrieben, welche die Muster des Systems selbst und nicht die eines gesellschaftlichen oder gar zivilisatorischen Gegenentwurfes waren. Spätestens mit den „Verdrehungen“, die mit Trump und seiner Dealomanie – einer Variante des Bestehenden – einen Pseudo-Paradigmenwechsel und leider keine De-Konstruktion eingeleitet haben, musste dies klar sein, empfanden erhebliche Teile des Coronawiderstandes doch große Sympathien für die Trump-Boys und führten den Golfkönig in mannigfaltiger Weise als Referenz für einen angeblichen Wandel auf. Vor allem dessen Abneigung gegen alles Woke und seine Ausfälle gegen Migranten stießen bei keineswegs marginalen Teilen der deutschsprachigen Coronadissidenz auf Zustimmung und dies selbst nach den Kriegsverbrechen Israels und der USA in Gaza, Libanon und Iran. Dass Stimmen aus der (ehemaligen) Coronadissidenz (beispielsweise hier) zwar zu Recht die Hinwendung der europäischen Eliten zu Trump kritisieren, Eliten, die dessen zweite Amtszeit noch vehement zu verhindern versucht haben, ist verständlich. Dass diese Stimmen dabei die Zustimmung für und zu Trump auf Seiten der Systemdissidenz ausklammern, ist allerdings ein Indiz dafür, dass dieser Widerstand als Widerstand von Anfang an eine Fehlkonstruktion war, eine allerdings, die man als solche aufgrund der Drastik, gegen die sie gesetzt war, nicht subito erkennen konnte.

Bildbeschreibung Bild: Berlin, 29. August 2020 (Foto: Hans der Kleingärtner)

Die Notwendigkeit, dass gegen die Repression der Corona-Regulatur etwas gesetzt sein musste, ist mit diesem Text nicht in Frage gestellt. Es geht allein darum aufzuzeigen, weshalb das Dagegengesetzte sich am Ende nicht als Dagegengesetztes halten konnte. Die Komponenten einer Fehlkonstruktion sind freizulegen. Diese Freilegung zeigt die Richtung an, welche eine Zivilisation wohl einschlagen müsste, sollte eine menschliche Gesellschaft es wert sein zu überleben. Dass alles und jedes es wert sei, auch wieder zu vergehen, diese Option darf allerdings nicht vergessen sein. Sie kann den Blick schärfen. Vielleicht auch eine Entkrampfung einleiten. Entkrampft lässt sich besser denken. Die Freilegung des Coronawiderstandes als Fehlkonstruktion macht die Verhältnisse, gegen die sich die Konstruktion gewandt hat, in keiner Weise besser. Das sei ebenso betont. Diese bleiben totalitär auf der ganzen Linie.

Von Anfang an und durch die Jahre fortbestehend fehlte der coronakritischen Bewegung eine ideelle Grundlage, die über ein flammendes Bekenntnis zur einer von einzelnen zwar durchaus akkurat mit Merkmalen aufgereihten (der Wissenschaftsphilosoph Michael Esfeld wäre hierbei beispielhaft zu nennen), politisch insgesamt jedoch als diffuse Größe verbleibenden Freiheit hinausgegangen wäre. Mit zur diffusen Konstellation zählten Bekenntnissen gegen einen übergriffigen Staat bei gleichzeitiger Betonung von starken Ordnungsstrukturen, übernommen aus dem Migrationsdiskurs, der bereits vor Corona eine Art Dissidenz geformt hatte. Auf diese Reibung hin wurde der Fokus innerhalb der Dissidenz nur spärlich gelenkt – wie überhaupt Widersprüche innerhalb der Dissidenz in den Wohlfühlzonen von FairTalk und anderen alternativen Talkgefäßen, in denen naturgemäß stets die Anderen die Bösen waren, wenn nicht gänzlich ausgeblendet, so doch deutlich zu wenig beleuchtet blieben. Weiter waren häufig Bekenntnisse gegen ein Diktat „von oben“ zu vernehmen. Allerdings blieb das Kapital als a priori gesetzte Systemkomponente gänzlich außerhalb des angeblich kritischen Fokus‘. Ein empörungsschwangeres Oben-Unten-Paradigma verdrängte überwiegend die Analyse von Macht- und Kapitalverhältnissen. Von Basisdemokratie war gar viel die Rede, selten davon, wie Kapital und Basisdemokratie zusammengehen sollen. Dass dies aus lapidar einfachen Gründen nicht geht und dass also auch die im Widerstand vielgepriesene Schweiz keine Basisdemokratie darstellt, sollte wohl nicht begriffen sein, setzte sich doch manches Sprachrohr des Widerstandes, das es sich leisten konnte, in die Schweiz ab (einige der dort ansässigen Dissidenten sind sich dessen durchaus bewusst).

Im Kern blieb bei wesentlichen Schichten des Widerstandes ein ‚Zurück-auf-vorher‘ und dann ein ‚Weiter-so‘ das angepeilte Paradigma, als wären das Virengeschehen und die daraus folgende Repression keineswegs in den gesellschaftsbestimmenden kapitalen Strukturen angelegt gewesen, sondern von einem fremden Planeten durch kranke Eliten, mythisch aufgeblasene Sozialisten – die es in Wirklichkeit seit Jahrzehnten nicht mehr gab und gibt – oder abartige Liberale auf eine in sich stimmige, bürgerlich-emsig-geschäftige Welt herübergeworfen. Dass die „Eingeborenen“ rund um diese zivilisierte, rechtschaffene Welt einstmals irgendwelchen Viren und Bakterien zum Opfer gefallen seien, eingebracht durch die unternehmungslustigen, erfolgreichen und toll-waghalsigen Europäer, Bakterien und Viren, an denen ihr Immunsystem zerbrechen musste, und nicht, dass sie von den zivilisierten, tatenfrohen und deallustigen Europäern vollständig abgeschlachtet wurden, dieses Narrativ gehört weiterhin mit zur (in Schulbüchern bis heute gepflegten) Nostalgie, die auch in einem Teil des Widerstands virulent war und ist.

Bildbeschreibung Bild: Wien, 8. Januar 2022 (Foto: C.Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0)

Echt dagegen waren – und das soll keiner Lächerlichkeit anheimgegeben sein – die emotionale Verbundenheit in der Abwehrbewegung gegen die Drastik, mit der die Repression zuschlug, und ebenso das Entsetzen über die Millionen an Schafen, die sich das alles nicht nur gefallen ließen, sondern vielmehr die Regulatur identifikatorisch mittrugen, alsbald gar missionarisch. Es war die Drastik der Repression, welche den Widerstand zusammenschweißte, die Wucht, mit der die Repression in den Alltag einfiel. Und die dadurch herbeigeführte Verschwisterung bei den Skeptikern – ein euphorisierendes Erlebnis für all jene, die es zuließen, ein grenzsprengendes Ereignis – verstellte die Erkenntnis, dass Grenzen eben doch nicht gesprengt wurden. Marx hätte es kaum erstaunt. Der Schrei nach denen „da oben“ (WHO, Brüssel, Eliten etc.) ließ die Tatsache in den Hintergrund treten, dass ein Großteil des Widerstandes an „naturgegebenen“ Verhältnissen sich festhakte – an Verhältnissen, die in Wirklichkeit kapitalgegebene waren. Und so kam es zu fundamentalen Verdrehungen, in etwa, wenn wahlweise Sozialismus oder Liberalismus als Ursachen für das zivilisatorische Malheur herausgestellt wurden, Verdrehungen, die im reaktionären Kern des Widerstandes angelegt waren und die in Teilen sich bis zur Begeisterung für den Kettensägepräsidenten aus Argentinien – Pinochet als Vorbild inklusive – ergossen.

Eine Bewegung, die von der Konkretion des Ereignisses zehrt, das sie auslöst, und (in Verschränkung damit) keine tragfähige ideelle Grundlage aufweist, implodiert spätestens, wenn das Ereignis durch abstraktere Konfigurationen ersetzt wird. Die Bedeutung des Konkreten (insbesondere der Masken) für den Widerstand und sein Zustandekommen machte es deswegen von Anfang an wahrscheinlich, dass der gleiche Widerstand bei abstrakteren Formen des Monströsen und bei Tilgungen in der Ferne (Minab? Wo liegt das? Und überhaupt: Sind das nicht Muslime?) zumindest nicht „anspringen“ oder aber die Tilgung mittragen würde. Die Impfung ging in den eigenen Oberarm, Gaza war und ist nicht dieser eigene Oberarm. Besonders auf Portalen, welche aufgrund der Verteidigung des bürgerlichen Wohlstands aus dem 20. Jahrhundert – Ausbeutung in der Ferne inklusive – zu Widerstandsportalen wurden (Reitschuster, Achgut, Tichy, Nius), war und ist diese Bindung an die Konkretion ausgeprägt. Der kausale Zusammenhang von Kapital und Corona-Repression blieb und bleibt da – wie auch bei einem Roger Köppel – gänzlich außen vor. Noch in diesen Tagen lebt eine Reitschuster-Seite vom Versuch, die Coronakonkretion auf ewig zu konservieren. Da sie ideologisch mit dem System zusammenfällt, gegen das sie sich qua Businessmodell wendet (allein die „Haltung“ zu Nato und Russland weist es aus), bleibt ihr nichts anderes. Folgerichtig musste und muss, wie bereits angedeutet, auf all diesen Widerstandsportalen der Mythos dauererzählt werden, ein sozialistisches Regime hätte das gute alte Europa – vor allem aber das tüchtige Deutschland – übernommen, ergänzt durch Schuldzuschreibungen an einen abartigen Liberalismus, der die Migranten reinlässt und sexuell keine Ordnung schafft.

Solches übertrifft naturgemäß den größten Irrsinn, den ein Lauterbach zu Ministerzeiten als Welterklärung absonderte. Dabei wäre, was den Liberalismus betrifft, der Aussage sogar eine Wahrheitskomponente mit eingeschrieben, vorausgesetzt, es würde begriffen, was gesagt wird: Es waren totalitäre und nicht liberale Maßnahmen, welche die Coronaregulatur ausgezeichnet haben. Das ist evident. Dass Liberale totalitäre Positionen bezogen, das macht den Liberalismus nicht totalitär, sondern streicht diese Liberalen als Liberale. Auch das lapidar. Erkenntnistheoretisch fundiert gelesen enthält eine Schuldzuschreibung an den Liberalismus im Hinblick auf die gesellschaftliche Entwicklung jedoch eine wesentliche Schicht: Der Liberalismus ist eine Figur des Kapitalismus. Und zwar jene, die – grob besehen – davon ausgeht, das Kapital reiche (fast) gänzlich für Strukturen, reiche für Ordnung. Darüber hinaus könne die Freiheit ‚herrschen‘, Repression sei nicht vonnöten. Dass die Repression des Kapitals genügt, das ist das Credo des Liberalismus, in aller Regel etwas angenehmer und schöner ausgeschrieben. Als Figur des Kapitalismus (jedoch nicht in seiner Eigenschaft, keine weitere Repression über das Kapital hinaus anzuwenden) ist der Liberalismus also durchaus mit verantwortlich für das, was Emanuel Todd als den Niedergang des Westens bezeichnet. Eine tragische Figur auf Seiten des Kapitalismus ist er insofern, als dass er aus sich selbst heraus die Endfiguren des Kapitalismus nicht begreifen kann. Diese Endfiguren verlangen nämlich zwingend die große Repression über das Kapital hinaus, weil das Kapital für Milliarden von Menschen „in echt“ nicht mehr „erreichbar“ ist, also auch nicht in einem Ausmaß, das sedierend wirkt und den Fokus von den Zentren der Macht abzieht, ein Ausmaß, das mustergültig mit dem Mittelstand der 1980er als flüchtiges Epiphänomen gegeben war. Die Digitalisierung allen Lebens mit Palantir als Krönungsfigur vollzieht diese für den Spätkapitalismus notwendige Repression in Form einer totalitären Rundumkontrolle, welche jedweden Widerstand vom Kapital fernhält. Ist das, wie gesagt, aus einer (naiven) liberalen Sicht allein schon tragisch, so ist tragischer noch, dass viele dieser „Liberalen“ (und diese „Haltung“ herrscht auch auf Portalen wie Reitschuster, Achgut, Tichy spätestens dann vor, wenn es um die Abwehr des Fremden, die Abwehr der Migranten geht) den Digitalismus, KI inbegriffen, als Freiheit der Tüchtigen preisen und nicht als das, was er wirklich ist: als Welt-KZ reloaded, technologisch perfektioniert. Dass Trump und Thiel und Karp daran Freude haben und es vorantreiben, versteht sich. Buben müssen alles kontrollieren im Sandkasten.

Bildbeschreibung Bild: Berlin, 29. August 2020 (Foto: Hans der Kleingärtner)

In vielerlei Segmenten des Coronawiderstands war es die Angst um Besitz und Vermögen, was als Antrieb fungierte – unzählige Youtube-Videos belegen es. Dadurch war von Anfang an eine Konstellation gegeben, die für einen grundsätzlichen Widerstand gegen das System nicht taugen konnte, zumal es sich als Täuschung erweisen musste, ohne ideologische Reflexionen auszukommen und allein auf Freiheitsemotionen zu setzen, welche in DANSER ENCORE einen ergreifenden und tief berührenden Ausdruck fanden, einen Ausdruck indes, der politisch nicht greifen konnte. Die erste Revolution der Weltgeschichte ohne ideelle Grundlage zu kreieren: Dies musste am Umstand scheitern, dass das Kapital sozusagen als erratischer Klotz reflektorisch und emotional unangetastet blieb und stattdessen Empörungsbewirtschaftung, Personifizierung des Bösen und generell Simulation von Kritik betrieben wurde wie es beispielsweise in diesem erst jüngst auf Manova erschienenen reitschusterhaften Artikel über angebliche Linke, welche dem christlichen Glauben den Garaus machen wollten, den Islam aber lieben würden, mustergültig vorgeführt wird (es sind die Kirchen selbst, Kinder, welche im Begehren, ihre Kanäle zum Kapital offenzuhalten, Jesus abräumen: Das wäre das erste, was man dem Schreiber erklären müsste, ebenso, dass es die Linken, die er als Feind des Christentums ausgemacht hat, als Linke gar nicht gibt ...). Bei Simulation von Kritik bleibt der Abzug der Kritik von den Zentren der Macht gesichert. Und das soll so sein, denn zu viele der Widerständigen wollten und wollen ja immer noch einzig und allein, dass der Hausherr sich wieder verhält, wie er sich in den 1970er und 1980er Jahren verhalten hat, als die Ausbeutung der Welt durch die Westzivilisation auch für den Mittelstand noch genügend Pfründe abwarf.

Auszunehmen von der Kritik an der simulierten Kritik sind allerdings Menschen im Einzelnen, sind medizinisches, in einigen Fällen auch juristisches Fachpersonal, welches es als seine berechtige und darüber hinaus für eine Systemkritik notwendige Aufgabe erachtete, Komponenten der Virenerzählung mit Sach-Analysen zu de-konstruieren, auf dass der Blick frei würde für die machtpolitische Dimension des Ganzen. Ärzte, die in einem emanzipativen Sinne für die sachliche Richtigkeit und also in gewisser Weise für eine wahrhaft verständige, ideal-wissenschaftliche Logik einstanden und dafür erhebliche Repressionen aushalten mussten und müssen (einige von ihnen sitzen noch immer in deutschen Gefängnissen), sind gewissermaßen die echten Systemkritiker gewesen. Nur war eine Repression im Gange, welche weit über einen rein wissenschaftlichen bzw. medizinisch-biologischen Supergau hinausreichte, auch wenn der herbeigeführte Zusammenbruch einer verständigen Logik essenziell Teil dieses Supergaus war und ist. Und so konnte dieses fachliche Segment des Widerstandes die Dinge allein niemals wenden. Im Gegenteil: Es ist durchaus bitter für all jene, die jetzt noch im Gefängnis sind und/oder ihren Job als Arzt verloren haben bzw. aufgeben mussten, dass aus diesem Coronawiderstand nichts geworden ist und sie am Ende zumindest gesellschaftlich gesehen für nichts eine soziale und/oder gesundheitliche Vernichtung auf sich genommen haben.

Bildbeschreibung Bild: Andreas Sönnichsen in Wien, 15. Januar 2022 (Foto: C.Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0)

Erhellende Symptomatik

In diese grundsätzlich gehaltenen Gedankenlinien fügen sich, aufschlussreich, wie ich denke, etwelche symptomatische Beobachtungen, welche reaktionäre Muster im Coronawiderstand und damit die Brüchigkeit des Widerstandes in sich selbst bestätigen. Ich füge sie ohne Augenmerk auf die Reihenfolge an:

Die Neinsager-Kunst

Oft habe ich in dissidenten Gefäßen gelesen, es gälte Nein zu sagen. Ganze Geschichten (etwa hier) wurden über diese Neinsager-Kunst geschrieben in der Meinung, es ließe sich damit das System ausbremsen. Ich aber dachte stets: Nein, es geht nicht um das Nein. Es geht um einen autarken Raum. Um autarke Entscheidungen. Die Entscheidung selbst kann Ja, kann Nein, kann irgendwas sein. Die Dissidenz aber hat das Autarke verwechselt mit der Negation. Das ist – zum Kern einer Haltung gemacht – reaktionär. Und dieses Nein war ein erster Auslöser eines gar unguten Gefühls, ein erstes Indiz für tiefgreifende Verwechslungen, denen im Kern die Verwechslung von Natur und Kapital zugrunde lag und liegt.

Die Klage der Frühsexualisierung

Die Empörung über die Frühsexualisierung durch die woke Ideologie, die zu Recht als mit der Coronaregulator ideologisch verschränkt begriffen wurde, zog sich durch viele Schichten des Widerstandes. Mitunter fungierte die kritisierte Frühsexualisierung qua Empörungsgrund noch vor dem Maskenzwang, den man auch den Kindern auferlegte. Tendenziell ebenso vor der (wiederum zu recht) kritisierten medial durchorchestrierten Propaganda, Geschlechter als eine Frage des Marktes bzw. des Konsums und damit der kapitalistischen Machbarkeitsideologie zu betrachten. Vor allem aber verschwand neben der Kritik an der Frühsexualisierung der eigentliche Kern der Sache aus dem Blick. Dieser Kern bestand und besteht darin, dass das (Pharma-)Kapital durch die woke Ideologie Zugriff auf die „junge Biomasse“ nahm und nimmt. War und ist diese Gewichtung der Kritik bereits wieder als Symptom eines im Kern reaktionären Ideologie zu lesen, so verstärkte sich das durch den Umstand, dass in der Wokeismus-Kritik (und dem Wokeismus entgegengestellt) fast durchweg auf eine Heile-Welt-Familie als Naturgröße referiert wurde, eine Instanz, die durch das „Abartige“ des Wokeismus bedroht sei. Als wäre in dieser bürgerlichen Familie an Jammer und Gewalt über die drei Jahrhunderte hinweg, seit es sie gibt, rein gar nichts angefallen. Hierbei zeigte sich sodann der Kitsch als Blendungsfigur einer jeden reaktionären Ideologie, selbstredend weitgehend ohne Bewusstsein auf Seiten derjenigen, die ihn einsetzen und formen (ausführlich beschäftige ich mich mit Kitsch und reaktionärer Systemkritik hier). Diesem Kitsch liegt im Kern wiederum die Verwechslung von Natur und Kapital zugrunde, die hierbei umso grotesker ist, als dass dem Woken (Unnatur, Kapital) die Familie (Natur) entgegengesetzt wird und gleichzeitig die Position, von der aus dies formuliert ist, als eine dem Kapital zugewandte verbleibt. Wer das Kapital nicht kritisiert, dem bleibt nichts anderes, als dem Wokeismus als Vergehen die (angebliche) Frühsexualisierung anzulasten.

Bildbeschreibung Bild: Berlin, 29. August 2020 (Foto: Hans der Kleingärtner)

Der überaus starke Fokus in der Coronadissidenz auf die Sexualisierung ließ jedenfalls aufhorchen: Es war wieder da, das Reaktionäre, gekoppelt an die in sich stimmige, weil notwendige Verdrängung der Erkenntnis, dass der Wokeismus und die Institutionalisierung der Sexualität keineswegs eine Frühsexualisierung bedeuten, sondern vielmehr und im Gegenteil den Tod aller Sinnlichkeit und damit die Tilgung eines stark zum Subversiven tendierenden Gefahrenpotentials (im Orgasmus verlieren Staat, Konzern und Palantir alle Bedeutung, nicht wahr), indem Begriffe und Haltungen über die Körper und in die Gehirne junger Menschen gestülpt werden, bevor überhaupt etwas stattfinden kann, bevor ein autarker Raum für Sexualität aufgehen könnte, ein Raum, wo keine Experten und keine Instanzen und keine Stiftungen und keine Institutionen auch nur irgendetwas zu suchen haben (das wäre nämlich der Naturraum, dem Kapital entgegengestellt ...). Angepeilt indes sind aus machtpolitischen Gründen Körper, die pharmazeutisch abhängig sind und damit den Kapitalfluss sichern. In einem Naturraum aber müssen Kinder nicht sexualisiert werden, das weiß man nicht erst seit Freud. Es geht beim Wokeismus wie bei allen Eingriffen – und das kann ein reaktionärer Widerstand nicht erkennen – um die Zerstörung des autarken Raums an sich, um das Geheimnis, das jeder Totalitarismus ausrotten muss, um seine Geltung überall einzuschreiben. Die Empörungsbewirtschaftung rund um die sogenannte Pädophilie schlösse da an. Weil darin indes eine Tausendjährige Geschichte des Abendlandes (mit Hexen und Juden) einlagert, ist hierzu ein eigener Text angesagt.

Die Spaltungsklage

Das (Zer-)Teilen und Herrschen ist eine Machtstrategie. Weltpolitisch gesehen wie auch in kleineren, gar privaten Formaten. Auf corona-dissidenten Kanälen wurde oft eine Spaltung beklagt. Mich irritierte das alsbald, nicht weil diese Spaltung keine Wirklichkeit gewesen wäre. Es irritierte mich, weil ich den Kitsch hinter der Klage aufschimmern sah. Der Kitsch lag in der Zeichnung einer Gesellschaft, in welche erst die Coronaregulatur als Spalter eingebrochen wäre. Die reaktionäre Komponente dabei – Kitsch ist reaktionär – bestand also in der Verstellung der Tatsache, dass die Gesellschaft bereits vor Corona eine ganz und gar gespaltene war. Es brauchte keine Impfungen hierfür, das Kapital hatte lange davor ganze Arbeit geleistet. Das aber – die Argumentationslinien vergleichbar mit jenen rund um Frühsexualisierung und Familie – konnte (oder wollte) ein reaktionärer Widerstand nicht erkennen, weil Spaltungen, herbeigeführt durch das Kapital, im Rahmen einer Ideologie, welche das Kapital als Natur begreift, keine Spaltungen sein dürfen. So konnten eine Vor-Coronagesellschaft als naturgegebene, spaltungsfreie postuliert und darauf fußend die Impfungen zu Spaltungsinstrumenten deklariert werden. Dieser Kitsch, wie gesagt, löste meine Irritation aus. Die Impfungen waren totalitär, ja, aber gespalten war die Gesellschaft längst. Und wer das nicht begreifen wollte, musste ein ideologisches Interesse haben, das im Kern mit demjenigen des Systems zusammenlief. In diesem Kern wurde und wird das fortwährende Spalten qua Basiseigenschaft von Kapital verschleiert und stattdessen der angeblich durch Impfen erzeugte Spaltungsprozess zur bösen Moral erhoben, welche nicht systemisch, sondern auf einer Gewissensebene anschlägt. Auf dieser moralischen Ebene (mit einem moralischen, aber keinem systemischen Vorwurf an das Impfregime) aber musste und muss das Spalten mit dem Denken/Aufzeigen von Spaltungen zusammenfallen. Das heißt, das Aufzeigen von Differenzen an sich wird moralisch ‚schlecht‘, weil Spaltungen bzw. Differenzen in dieser vom Systemischen hin zum Moralischen verschobenen Verständnis per se ‚schlecht‘ sind. Die Folgen davon konnte ich konkret erleben: Mehrmals wurden dissidenzkritische Texte von ‚coronakritischen‘ Medien zurückgewiesen mit der Begründung, die Texte enthielten Kritik an Personen aus dem Widerstand und würden so den Widerstand spalten und also schwächen. Das bedeutet die Verdrehung der Verdrehung und sichert – zu Ende gedacht – das Kapital bzw. die gegebenen Machtverhältnisse ab, indem sich die Dissidenz unter der Vorgabe, sich nicht selbst zu spalten, eines wesentlichen Erkenntnismittels beraubt, eines Mittels, das die systemstützenden Muster innerhalb der Dissidenz hätte freilegen und also zumindest potenziell deren Wirkmächtigkeit im Hinblick auf kapitale Veränderungen erhöhen können. Indes, eine im Kern reaktionäre Dissidenz will nicht nur nicht hören, dass die Gesellschaft lange vor den Impfungen längst eine gespaltene war, sie will noch viel weniger hören, dass sie selbst gespalten ist, auf dass sie weiterhin moralische Mission (qua Businessmodell) statt Systemkritik betreiben kann.

Die Spaltungsherausstellung musste also aus dieser Konstellation heraus selbst als Spaltung und also Sakrileg verstanden werden, nahm sie doch dem moralischen Argument, die Coronaregulatur sei der Spaltungsauslöser, den Wind aus den Segeln. Dass das Totalitäre der Regulatur durch eine präzise Analyse in keiner Weise geschmälert wurde, war für eine reaktionäre Dissidenz kein Gesichtspunkt (vielleicht auch nicht erkennbar), denn am Ende konnte es einer das Kapital als naturgegebene Größe begreifenden Dissidenz nicht um das Totalitäre gehen. Die Dissidenz brauchte vielmehr den naturgegebenen Zustand der Ungespaltenheit, um die Agenda der Rückstellung auf die 1980er Jahre zu betreiben und das karzinogene Wuchern und Spalten des Kapitals zu verschleiern, das selbstredend auch in den 1980ern und in den Jahrhunderten davor schon der Kern der Zivilisation war. Im Rahmen des Kapitals wieder tüchtig und erfolgreich zu sein: Das war das Begehren wesentlicher Segmente aus dem Widerstand. Unter dieser Prämisse standen sodann über Jahre die Gesprächsrunden mit einem Walter van Rossum, einem Jens Lehrich und wie sie alle hießen. Folgerichtig verkamen die Veranstaltungen nicht selten zu Story-Telling-Events, durfte doch nichts gespalten, also zerlegt und analysiert werden. Wo nichts gespalten werden darf, werden vorgefertigte Schablonen bedient oder Storys erzählt. Oder beides. Wann bist du aus dem WDR geflogen? Wie, wann, wo hat man dir gesagt, dass du nicht mehr erwünscht bist? Wie haben deine Kollegen reagiert? Und nochmals und nochmals und nochmals von vorne. Endlos Lebensgeschichten in angenehmer Atmosphäre, wo eigentlich der kritische Diskurs, auch der innerkritische, hätte gegeben sein müssen. Von Mensch zu Mensch. Davon kann man ja wohl nie genug bekommen.

Bildbeschreibung Bild: Berlin, 29. August 2020 (Foto: Hans der Kleingärtner)

Das hohe Lied des Erfolgs

Wurde über das Auswandern gesprochen – und das war häufig der Fall, in Büchern, in Talkrunden, in Interviews –, so nahm der Erfolg eine prominente Rolle ein. Take-Home-Message: Es sind die erfolgreichen Selbstständigen, welche am ehesten im Ausland bestehen können. Es sind die erfolgreichen Unternehmer (primär aus der IT-Branche), welche die beste Basis mitbringen für das Verlassen des verhassten Deutschlands, mehr noch: für das, was oft als konsequenter Widerstand und in diesem Sinne als Vorzeigeakt eines angeblichen Systembruchs vorgeführt wurde. Ausgeblendet dabei die Frage, was Erfolg heißt und politisch bedeutet.

Die Antwort auf die Frage nämlich ist gefährlich: Erfolg bedeutet, zum vornherein genügend Macht und also Kapital zu haben, um seine Ziele durchzusetzen. Oder Erfolg bedeutet: optimale Anpassung an die systemischen Dynamiken, um genügend Kapital und damit die Basis für den ‚erfolgreichen‘ politischen Widerstandsakt des Auswanderns zu generieren.

Die beiden Varianten verlaufen ineinander und bedeuten im Kern: optimale Synchronisation mit dem System. Selten fand sich ‚im Diskurs‘ diese triviale Tatsche erwähnt, welche ein erhebliches Gefahrenpotential für jedweden Systemwiderstand in sich birgt. Das wiederum – erneut das reaktionäre Muster – konnte so nur sein, weil die Synchronisation mit dem System und also mit dem Kapital (da liegt der Erfolg) in wesentlichen Segmenten der Dissidenz keineswegs als zu Überwindendes fungierte. In der Tatsache, dass viele vorgezeigte ‚Settings‘ erfolgreichen Auswanderns (etwa solche in Paraguay) sich auf die Komponente beschränkten, am neuen Ort mehr oder weniger das tun und lassen zu können, was man mit dem Tun und Lassen im Deutschland der 1980er Jahre verband, indes auch nur leiseste Fragestellungen hinsichtlich Kapital außen vor blieben, zeigte sich das Muster eines derart verstandenen ‚Auswanderungserfolgs‘ paradigmatisch: Am neuen Ort Businessmodelle aufzuschlagen war das Ziel.

Selbstredend begriff ich, dass Leute, die verfolgt wurden – Medienschaffende, Ärzte, viele weitere Menschen, Bankenkündigungen inbegriffen – aus Deutschland flüchten mussten und weiterhin müssen. Und ich habe große Achtung vor diesem Akt und den Mühen, die damit verbunden sind. Während solche Flucht- und Absetzbewegungen selbstverständlich als politisch zu begreifen sind, galt meine Irritation den für einen ‚erfolgreichen Widerstand‘ unkritisch propagierten Merkmalen. Wie sehr muss man, aus der Sicht der Dissidenz, erfolgreich sein und also mit dem System zusammenarbeiten, um sich von diesem System abwenden zu können? Ist das wirklich ein Abwenden? Können solche Auswanderer einen Widerstand tragen? Welchen Widerstand? Schließen sich Widerstand und Erfolg nicht aus, soll es um einen Widerstand gegen das System gehen, in welchem der Erfolg erzielt wird? Nach dem Verhältnis der beiden Größen hätte gefragt sein müssen, immerhin.

Narzissmus und Businessmodell und patriarchale Ordnung

An die Erfolgreichen schließen die Narzissten an und damit Flecks Hinweis auf die Eitelkeit. Und vielleicht ist Narzissmus mehr als nur ein Symptom. Eine Dissidenz hat Sprachrohre. Das ist vielleicht eine anthropologische Universalie, vielleicht aber auch Eigenschaft einer patriarchalen Ordnung. Jedenfalls waren diese Sprachrohre eine wesentliche Komponente des Coronawiderstands. Die Analyse, woraus sich das Segment der Sprachrohre (ihr „Reinschmeißen“ ist hoch zu achten, das sei betont) zusammensetzt, soziologisch sozusagen, sagt etwas über den Widerstand aus. Aus diesem Fokus heraus die Frage: Welche Rolle können/müssen/dürfen Unternehmer, die sich für ihren Erfolg dem System vielleicht mehr noch anpassen als Beamte und Angestellte, bei einem Widerstand spielen, der ein Widerstand gegen das System sein soll (das Debanking als bezeichnende Figur des ‚Unternehmergeistes‘ fungiert als Bühnenbild für die Frage)? Und parallel ebenso gefragt: Welche Rolle können Medienschaffende, die sich in der Welt des Uneigentlichen professionell bewegen (dazu mein Tresen-Text vom Februar), das heißt in der Darstellung, der Vermittlung und der damit verbundenen Technologie, in einem Systemwiderstand spielen? Wie sehr laufen deren Denkstrukturen mit denjenigen des Kapitals und dessen (digital-totalitärer) Technologie per se zusammen, so dass Herrschaftsverhältnisse nicht aufgelöst, sondern zementiert werden? Dass von einzelnen Unternehmern und Medienschaffenden starke Impulse für die Coronabewegung ausgegangen sind, steht außer Frage. Ebenso wenig außer Frage steht, dass die Frage nach der Apriori-Verzahnung von Geschäftserfolg/Darstellung/Narzissmus mit dem System, das Corona hervorgebracht hat, innerhalb des Coronawiderstands nicht gestellt wurde. Daran, dass die Darstellung (also die Oberfläche) im Rahmen einer kapitalgetriebenen digital-technoiden Systematik zum Kern der Sache geworden ist, daran leidet die Welt ganz offensichtlich. Dass die Darstellung („666“/Mahnmal/Zeichen in der Offenbarung) auch im Rahmen eines Widerstand alles andere (und damit den Widerstand selbst) überschreibt, das war der Punkt von Dirk C. Fleck, als er auf die Sneakers wies.

Zeit, Dinge neu zu denken. Der Fokus auf Kapitalüberwindung ist essentiell. Dass sich auf Marx berufende oder andere Linke zu Zeiten, als es sie noch gab, hierbei irgendetwas Sinnvolles hervorgebracht hätten, ist nicht unbedingt meine These. Das Reduktiv-Bübische, das jedem Materialismus einlagert, macht solches auch für die Zukunft nicht wahrscheinlich. Bei Goethe, speziell Faust (vom System verdreht „verstanden“), gibt es Anhaltspunkte. In Claudia von Werlhofs Väter des Nichts, das in diesen Tagen endlich erscheint, Neuansätze außerhalb des Bübischen. Vielleicht. Die Suche beginnt mit dem Loslassen. Dieser Text mag es befördern.

Daniel Sandmann ist promovierter Philosoph und Linguist. Er betreut bei Manova den Literatursalon und hat – unter verschiedenen Namen und in kleinen Verlagen – Romane, Dokumentationen und Erzählungen veröffentlicht; jüngst erschienen: Teer Sandmann: Raffen, Sterben, Trance; demnächst in noch unbekanntem Theater: ZWERG, Roman.

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Bildquellen: Corona-Protest in Frankfurt am Main, Mai 2020 (Titelfoto: photoheuristic.info, CC BY 2.0)