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Medien-Tresen | 27.03.2026
Ausflug der toten Mädchen
Wo Sinn, wo Irrsinn. Folge 5. Gewidmet den Mädchen von Minab, gestorben für die Freiheit eines Golfrasens.
Text: Daniel Sandmann
 
 

Kann es noch irgendeine Bedeutung haben, wenn in den USA gerichtlich oder politisch in Sachen Corona – Impfung et cetera – in diesen Tagen eine Korrektur erwirkt wird? Oder in Sachen Genderei? Die Antwort ist nein. Am Marmortisch in Washington sitzen Gates, Zuckerberg und all die anderen Buben. Die Palantirhelden treffen sich beim Golfen in Florida. 6G als nächste Vision. Was als „geistiges“ Produkt aus dem Mund des Golfkönigs und des Kriegsministers dringt – am Oberkörper mit zu Heilszeichen gewordenen evangelikalen Vergewaltigungsfantasien zutätowiert –, lässt keine Zweifel zu. Teuer textilierte Buben sind es, die ihre Bubenträume erfüllen, die Anschrift als Kriegsminister einer davon. Sie hätten nahtlos in alle Nazistrukturen gepasst. Und eigentlich kann man den Konjunktiv weglassen.

Bildbeschreibung Bild: Pete Hegseth 2021 in Tampa (Foto: Gage Skidmore, CC BY-SA 2.0)

Schwarze Milch der Frühe. Von dieser Milch hat Paul Celan geschrieben. Und im Grunde müsste ich da weiterschreiben, wenn ich von den schwarzen Tüchern spreche, unter denen die Mädchen von Minab liegen. Da kann ich aber nicht weiterschreiben. Niemand kann es. Und es ist auch nicht nötig, etwas neu zu setzen. Der Tod ist immer noch auch ein Meister aus Deutschland, ja. Aber er ist – und im Grunde war das damals nicht anders – ein Meister der Westzivilisation überhaupt. Das heißt nicht, andere könnten nicht massakrieren, nicht niedermetzeln, nicht auslöschen. Und doch hat es John Mearsheimer gerade neulich wieder festgehalten: Seit 1991 haben die US-Apparaturen 35 Millionen Menschen ermordet. Rechnet man die europäische Leistung hinzu, werden es bald 50 Millionen sein. In Zeiten ohne Weltkrieg. Da hält kein anderes Land mit, keine andere „Kultur“.

Zeit, neu zu skalieren. Überfliegt man in diesen Tagen etwa die Weltwoche, wo Trump und Netanyahu als die neuen Maßstäbe der Vernunft gezeichnet sind, liest man in Beiträge auf achgut.com rein, wo das Massaker an Mädchen als Freiheitsakt stilisiert wird, liest man Beiträge auf Tichy, so rückt ein Lauterbach, seine Beiträge zu Corona-Blütezeiten als Maß genommen, vom Rande des Irrsinns weg ohne eigenes Zutun. Eingebettet wird der neue Irrsinn in „Analysen“, in denen zum Beispiel eine Islamophilie von Hitler in Stellung gefahren wird, um den Terror, der von Israel und den USA (ich spreche von den Staats- und Sicherheitsstrukturen) über den ganzen Nahen Osten gelegt wird, ins richtige KZ-Scheinwerferlicht einzubetten. Und dass in den Golfschlägerstrukturen irgendwo scheinbar noch eine Tulsi Gabbard (wer hat von ihr irgendetwas gehört in den letzten Monaten?) eingelagert sein soll, ist eine Groteske, basierend wohl auf einem monströsen Missverständnis, das ein wenig auch das meinige war. Hat man mit diesem Irrsinn zusammen in Berlin demonstriert? Wie konnte das sein? Diese Frage bleibt nun doch einmal erst im Halse stecken.

Bildbeschreibung Bild: Mädchenschule in Minab am 28. Februar 2026 (Foto: Mehr News Agency, CC BY 4.0)

Die Rechnung mit der Dekonstruktion des Systems ist nicht aufgegangen, die schlimmstmögliche Wendung genommen. Mit Trump und seinen Palantirhelden, die an Fanatismus jeden Chomeini oder Chamenei in den Wind schlagen. An narzisstisch-psychopathologischem Wahn sowieso. Dabei ist am Ende unerheblich, wie sehr und wie weit die Buben von einem israelischen Ministerpräsidenten angestachelt sind. Und es ist auch unerheblich, welche Rolle das Epsteinnetzwerk hierbei spielt. Denn die Strategie mit den sieben islamischen Ländern, die zu löschen sind, und die Strategie mit den Militärstützpunkten, karzinogen über die Welt gelegt, und die Strategie, alles und jeden zu beherrschen weltweit, steht schon lange, und wäre der Epsteinkomplex als Druckmittel nicht gegeben, wäre es ein anderer Komplex, und dass es neben Epstein noch weitere solche Komplexe gibt, davon ist auszugehen.

Dass Trump mit dem Losschlagen exakt zu diesem Zeitpunkt von seinen eigenen Verflechtungen ablenken wollte, darf als gesetzt gelten und stellt – auf systemischer Ebene – abermals die Beschaffenheit dieser westlichen Zivilisation heraus, die kein Massaker, keinen Massenmord, keinen Genozid scheut, wenn es gilt, etwas zu eigenen Gunsten – Kapital, Macht, Golfplatz – zurechtzuschlagen. Trump würde die 150 Mädchen wieder und wieder tilgen, würde das Wachstum des Rasens seines Golfplatzes es erfordern.

Soweit so schlecht und ja: Dieser Text setzt sich zu wenig ab vom medialen Dauergemetzel des Immergleichen. Ich selbst kann diese Sätze allesamt nicht mehr lesen, gerade auch auf den alternativen Kanälen nicht, und habe jedes Verständnis, Sie hören spätestens hier auf. Tschüß.

Bildbeschreibung Bild: Donnerstagsmarkt in Minab 2019 (Foto: Fars Media Corporation, CC BY 4.0)

Allerdings bleibt die verstörende Perspektive aufs Ganze. Das Imperium mit dem blonden Haardeckel als Führungsmarionette hat den Weg zum denkbar geistlosesten Patriarchalfeudalismus genommen. Mit dieser Wendung – und es ist angesichts des Ausmaßes schon eine Wendung, wenngleich im Rahmen des gleichen Paradigmas – aber wurde überdeutlich, was von der Coronadissidenz geblieben ist. Nämlich nichts. Zu Ende gedacht gilt allerdings: Es ist nicht nichts geblieben, es war nie etwas. Denn alles, was war, war Projektion. Menschheitsfamiliengezirpe und Wohlfühlausgleich zum in der Tat gänzlich durchgelagerten Coronaalltag. Kann es sein, dass in jenen bleiernen Tagen eine Gemeinschaft zustande kam, die von Anfang an eine Fehlkonstruktion war?

Dass in diesem „Coronawiderstand“ sich nicht zu wenig Leute fanden und finden, die Israel (erst noch Impfstaat!) und die Palantirhelden gegen alles verteidigen, vor allem gegen alles Islamische, und dabei das Auslöschen Hunderttausender Menschen in Gaza glätten, das führt jedenfalls auf direktem Weg zu den schwarzen Tüchern von Minab. Und aus diesen Tüchern fließt in einem fort die schwarze Milch.

Hatten die damals doch Recht? Waren viel mehr Nazis im Coronawiderstand, als dieser Widerstand sich selbst eingestehen wollte? Dass der Vorwurf aus Kreisen kam, welche ebenso für Lagerstrukturen standen, war mit ein Grund, weshalb der Fokus verstellt war. Und dass diese Kreise das imperialistische Auslöschen im Nahen Osten und allüberall ebenso als Freiheitsakt rechtfertigen, macht alle Maße voll. So finden sich heute – absolut gesehen sind es immer noch einige – Menschen, die gänzlich heimatlos geworden sind. Die links-emanzipative Heimat ging (spätestens) bei Corona drauf, die freiheitlich-emanzipative mit der Wendung gegen Rechts, vorangetrieben von den Trumpisten und Palantirhelden – und dass auch auf emanzipativen Kanälen der Mythos von der Irrelevanz, ob rechts, ob links, erzählt wird, ist Teil dieser Heimatlosigkeit. An der Oberfläche – und die ist in dieser digital-kapitalistischen Gesellschaft zum Kern geworden – hat sich der Unterschied ausgeebnet, in der Tat. Nicht weil links und rechts das Gleiche wären, sondern weil alle rechts sind. Alle sind dem Kapital zugewandt, alle sind Sklaven davon, alle werfen nicht einmal mehr die Frage auf, die Oberflächenlinken, gerade die woken, welche sich vom Pharmakapital alles haben gefallen und bieten lassen, tatsächlich am allerwenigsten. Und Beamtenphilosophen wie der soeben abgegangene Habermas, bei dem auch Alex Karp von Palantir irgendeine Gehirnbildung abbekommen hat, stehen als Paradigma hierfür. Das besagt keineswegs, dass ein links-kapitalkritischer Ansatz aus der Sackgasse führen würde, es besagt bloß: Es gibt eine Differenz, und diese Differenz auszuebnen bedeutet, das Kapital als Naturgegebenheit hinzunehmen. Das ist die ultimative Voraussetzung für die Warenwerdung.

Bildbeschreibung Bild: Demavand im Dezember 2024 (Foto: Safa.daneshvar, CC BY 4.0)

Schwarzes Tuch der Frühe, wir nähen dich morgens, wir nähen dich mittags, wir nähen dich abends. Es liegt an der Küste des Persischen Golfes, wo es keinen Rasen gibt, und es liegt am Fuße des Demavend, gebreitet über Körper. Kleine Körper, die gerne groß geworden wären. Die gerne gelebt hätten. Womöglich gerne im Iran gelebt, in der Stadt beim Persischen Golf, oder am Fuße des Demavand, wo ich einst mit Iranern um ein großes Feuer tanzte. Zu Shine On You Crazy Diamond. Da war Chamenei bereits an der Macht und der Reformer Chatemi Präsident. Die Haare der Frauen lösten sich unter den Kopftüchern weg und flatterten im Wind. Die Augen strahlten und mit ihnen eine Würde und ein Verheißung, wie ich sie in der Westzivilisation niemals angetroffen habe. Augen, die den Mullahs entfliehen wollten, das auch. Was ist aus ihnen geworden? Haben sie überlebt? Wäre der Tod unter US-Bomben das Ende, das sie sich gewünscht hätten? An sie musste ich denken, an Shorena und Sara, am Tag, als die Bomben fielen auf Teheran. Sie wünschten, den Iran zu verlassen, Shorena erst recht, sie war Georgierin. Gelebt aber: Das hätten sie gerne.

Die von schwarzen Tüchern bedeckten Körper sind nun die Ware, zu der sie die Dealbuben mit den weißen Zähnen hinübergegrinst haben, die Palantirrevolver im Anschlag. Freiheit. Die Ware gewordenen kleinen Körper sind Mädchen gewesen. Die Mädchen sind tot. Kleines Missverständnis. Im Grunde hat Sergio Leone mit seinen zwei Epen (Once upon a time in the West und Once upon a time in America) vielleicht mehr, als ihm und allen, welche die Filme gesehen, bewusst, das Fundament der US-Freiheit ausgelegt: Gewalt und Einsamkeit.

Nach den schwarzen Tüchern, über die sich die schwarze Milch von damals ergießt, ist die Erfolgsmeldung, in den USA sei einer Impfklage Recht gegeben worden, für mich keine Erfolgsmeldung mehr, sondern Sedativum. Im besten Fall. In Wirklichkeit aber unerträglich im Fundament. Nein, es ist nicht Kontaktschuld, die ich mit diesen Worten abweisen möchte. Es ist etwas gänzlich anderes: Ich muss mich aus diesem Coronawiderstand auf- und davonmachen, will ich nichts mit diesen schwarzen Tüchern und der abscheulichen Siegesgeste über ihnen zu tun haben. Einsamkeit mit schwarzen Tüchern überdecken, das bedeutet: Vernichtung allen Lebens. Und sollte kein Ausweg bleiben zur Warenwerdung und Palantir, dann möchte ich mit auf den Ausflug der toten Mädchen, hinauf ins Elburzgebirge und in die Landschaft am Persischen Golf, so gewaltig und schön wie eine Partitur von Bach, Mozart und Beethoven in einem.

Daniel Sandmann ist promovierter Philosoph und Linguist. Er betreut bei Manova den Literatursalon und hat – unter verschiedenen Namen und in kleinen Verlagen – Romane, Dokumentationen und Erzählungen veröffentlicht; jüngst erschienen: Teer Sandmann: Raffen, Sterben, Trance; demnächst in noch unbekanntem Theater: ZWERG, Roman.

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Bildquellen: Beerdigung der Opfer in Minab (Titelfoto: Tasnim News Agency, CC BY 4.0)