Wer heute in Deutschland politisch heimatlos ist, bekommt ein Angebot. Mehrere sogar. Von rechts: die Freiheitsbewegung, das Alternativ-WEF, der Volkssozialismus als Gemeinschaft gegen die Globalisten. Von links: Antiimperialismus, Friedensbewegung, Kapitalismuskritik ohne Schuldgefühl. Und immer wieder diese eine Einladung, die beide Seiten aussprechen:
Vergiss links und rechts. Das sind Schubladen der Herrschenden. Komm rüber. Wir sind alle im selben Boot. Eine Menschheitsfamilie.
Diese Einladung hat einen Namen. Sie heißt Querfront – und eine Geschichte, die uns in die deutsche Zwischenkriegszeit führt, mit einem Satz, der heute noch genauso klingen könnte.
Im Oktober 1931, als die Weimarer Republik schon zu sterben begann, publizierte Hans Zehrer einen vielbeachteten Grundsatzartikel in seiner Monatszeitschrift Die Tat unter dem Titel: „Links oder Rechts? Die Verwirrung der Begriffe“. Zehrer war der journalistische Wortführer des jungkonservativen Milieus – seine Zeitschrift, die junge Bildungsbürgerschaft las sie wie ein Evangelium und hatte bis zu 30.000 Abonnenten, war der Treffpunkt einer Generation, die sich politisch rechts verortete. Seine These: Die Gemeinsamkeit des konservativen Menschen und des neuen linken Menschen sei größer, als sie ahnen. Der Weg der Zukunft führe dahin, diese beiden zusammenzuführen – zu einer neuen Volksgemeinschaft jenseits von rechts und links. Zehrers Anliegen war nicht die NSDAP, obwohl er sie für historisch notwendig und eine produktive Kraft hielt. Sein eigentliches Ziel war die Beseitigung der letzten Reste liberaler Demokratie aus dem deutschen politischen Denken. Nach 1945 wurde er in der Publizistik wieder höchst einflussreich, unter anderem als Chefredakteur der Welt. Er überlebte die Republik, die er mitzerstört hatte.
Bild: Hans Zehrer 1927 und ein Cover seiner Zeitschrift aus dem März 1933 (Public Domain via Wikimedia Commons)
Neunzig Jahre später, im deutschen Winter 2020 bis 2022, erklangen ähnliche Sätze auf Querdenker-Bühnen, in Telegram-Kanälen, auf Demonstrationen. Links und rechts – das seien Schubladen der Herrschenden. Wir seien doch alle eine Menschheitsfamilie, die gegen dieselbe übermächtige Kontrolle kämpfe. Daniel Sandmann, der dieser Bewegung eine Zeitlang angehörte, nennt das rückblickend „Menschheitsfamiliengezirpe“: ein warmes Gesumme, das die wirklichen Verhältnisse verdeckt. Diese Rhetorik ist nicht neu. Sie hat eine Geschichte, die an ungute Traditionen anknüpft. Und diese Geschichte endet nicht gut.
Die „Nationalrevolutionären“ der Weimarer Zeit – und am Rande auch die kleinere Strömung der „Nationalbolschewisten“ – trugen zur Zerstörung der Republik bei: nicht trotz ihrer programmatischen Uneindeutigkeit, sondern wegen ihr. Sie ebneten ideologisch den Boden, auf dem die NS-Bewegung groß und mächtig werden konnte. Einige von ihnen leisteten später Widerstand. Aber die wenigsten. Ihr elitärer Anspruch sollte sie von den als „spießbürgerlich“ empfundenen nationalen Großorganisationen absetzen; das Verhältnis zur Hitler-Partei war ambivalent und veränderlich. Mancher Nationalrevolutionär wurde Funktionär des NS – mancher linke Mann von rechts wandte sich Anfang der Dreißiger der KPD zu, weil er dort den Antikapitalismus ernst gemeint sah oder hoffte, im Bündnis mit der Sowjetunion die Nation zu alter Größe aufzurichten. (Nachzulesen bei Ernst-Otto Schüddekopf: Linke Leute von rechts. Die nationalrevolutionären Minderheiten und der Kommunismus der Weimarer Republik. Stuttgart: Kohlhammer 1960.) Zu letzteren gehörte etwa der Schriftsteller Bodo Uhse, der nach 1945 in der DDR lebte.
„Nationalrevolutionäre“ wollten eine „deutsche Revolution“ – weder liberal noch marxistisch, sondern eine Synthese aus nationalem Aufbruch und sozialem Umbau, die den Klassenkampf durch Volksgemeinschaft ersetzen sollte. Sie lehnten Weimar als „westlerisch“ und zu bieder ab, forderten einen starken Staat und die Überwindung des Kapitalismus – aber eines Kapitalismus ohne Eigentümer, nicht ohne Kapital. Die „Nationalbolschewisten“, eine schmalere Strömung am Rand, sahen in Sowjetrussland den natürlichen Verbündeten gegen Versailles – nicht aus marxistischer Überzeugung, sondern weil der Sowjetstaat für sie Disziplin und antiwestliche Härte verkörperte. Was beide Strömungen verband, war das Milieu der bündischen Jugend: jene jugendbewegten Kreise seit dem Wandervogel, die Lagerfeuerromantik, männerbündische Gemeinschaft und Ablehnung des spießbürgerlichen Geschäftslebens pflegten. In Diskussionszirkeln und kleinen Zeitschriften wurde die politische Fantasie der jungen Bildungsbürgerschaft geformt und für nationalrevolutionäre Ideen empfänglich gemacht. Die bündische Jugend lieferte das emotionale Rohmaterial; die Ideologen gossen es in Programme.
Damit das nicht abstrakt bleibt, vier historische Szenen.
Berlin, November 1932. Die Berliner Verkehrsbetriebe streiken. Vor den S-Bahn-Höfen stehen Schulter an Schulter: Kommunisten der KPD und SA-Männer der NSDAP. Gemeinsam verteilen sie Streikflugblätter. Die KPD-Führung feiert es als „revolutionäre Einheit der Arbeiterklasse gegen das System“. Drei Monate später sitzen Kommunisten in Konzentrationslagern – errichtet von denselben Männern, mit denen sie gerade noch auf den Barrikaden standen.
Zwei Jahre zuvor, im Sommer 1930, hatte Otto Strasser die NSDAP verlassen – mit dem Ruf: „Die Sozialisten verlassen die NSDAP.“ Strasser war mit seinem Bruder Gregor der Führungskopf des „linken“ NSDAP-Flügels gewesen: Gregor als Reichsorganisationsleiter der Partei, Otto als Chefideologe eines nationalen Sozialismus, der die Betriebe vergesellschaften und die Großgrundbesitzer enteignen wollte. Hitler ließ Gregor am 30. Juni 1934 ermorden. Otto gründete im Exil die Schwarze Front und ließ 1937 auf der Titelseite seiner Prager Zeitung drucken: „Das Hitlersystem bringt den Krieg, der Krieg bringt die Aufteilung Deutschlands!“ Richtig vorausgesagt, falsche Mittel. Strasser war kein Antifaschist. Er war ein anderer Nationalist, der dasselbe wollte wie Hitler – nur mit anderem Gesicht. Seine antikapitalistische Rhetorik hatte nie die Eigentumsordnung im Blick, immer nur den Feind.
Bild: Adolf Hitler (stehend) bei der Neugründung der NSDAP im Februar 1925, rechts Gregor Strasser (Public Domain via Wikimedia Commons)
Komplizierter und in gewisser Weise tragischer liegt der Fall Ernst Niekisch. Niekisch kam von links: 1919 war er als Sozialdemokrat Mitglied der Münchner Räteregierung. Dann driftete er ab, und bis Mitte der zwanziger Jahre war er zum wichtigsten Theoretiker eines radikalen, antiwestlichen Nationalismus geworden. In seiner Zeitschrift Widerstand beschwor er den „preußischen Sozialismus“: die germanische Substanz gegen den „Geist des Westens“, Blut und Boden gegen Parlamentarismus und Liberalismus. 1937 wurde Niekisch verhaftet, 1939 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. 1945 befreite ihn die Rote Armee – halb blind, halb gelähmt. Später zeitweise Hochschullehrer in Ostberlin, wurde er Repräsentant der „Nationalen Front“ in der DDR, brach aber 1953 mit der DDR-Führung. Er hatte Hitler frühzeitig als Katastrophe erkannt. Aber die Alternatividee, für die er stand, war nicht Demokratie oder Eigentumsordnung – es war ein anderer Nationalismus, nur ohne Hitler. Die Nationalrevolutionären der siebziger Jahre in der Bundesrepublik verehrten ihn als Ahnherrn. Das sagt alles.
Und dann der Mai 1933, wenige Tage vor dem Ende der freien Gewerkschaften. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund schreibt in seinem Zentralorgan: Vom Nationalsozialismus unterscheide ihn keine andere Rangordnung der Werte Nation und Sozialismus – lediglich eine andere Prioritätsordnung. „Wir wollten erst den Sozialismus, um die Nation zu gestalten. Der Nationalsozialismus forderte und verwirklichte jetzt die Einheit der Nation, um auf diesem Fundament den deutschen Sozialismus aufzubauen.“ Eine Woche später wurden die Gewerkschaftshäuser gestürmt, das Vermögen beschlagnahmt, die Führer verhaftet. Die Kapitulation vor der Querfront-Logik hatte die stärkste Arbeitnehmerorganisation des Landes wehrlos gemacht.
Was verbindet diese vier Szenen? Es ist nicht Dummheit, nicht Feigheit, nicht böser Wille. Es ist etwas Subtileres: echte Gesellschaftskritik ohne Strukturanalyse. Zehrer, die Strasser-Brüder, Niekisch, die Gewerkschaftsführer – sie alle erkannten wirklich etwas. Sie sahen die Schwäche der Weimarer Demokratie, die Macht des Kapitals, die soziale Zerrüttung der Mittelschichten, den Verrat der etablierten Linken. Ihr Antikapitalismus war keine bloße Pose – er war Ausdruck eines echten Unbehagens. Doch an die entscheidende Frage – wem die Fabriken gehören, wer über Boden, Kapital und Arbeit verfügt – trauten sie sich nicht heran oder wollten es nicht. Stattdessen: Mythos, Gemeinschaft, Nation, Volk – Schlagworte, die mit allem und nichts füllbar waren. Das ist das Muster der Querfront über alle Zeiten: Man erkennt das Falsche, benennt es laut – und scheut die einzige Frage, die wirklich wehtut. Die Spielregeln des Kapitalismus werden nicht befragt. Nur sein Gesicht. Das Ergebnis war keine Überwindung des Systems, sondern seine brutalste Variante. Dieser Befund ist nicht nur historisch interessant.
Im Dezember 2024 fand in Prag, hinter verschlossenen Türen eines Kongresshotels, ein Treffen statt, das sich selbst „Alternatives WEF“ nannte. Veranstalter war Stefan Magnet, Chefredakteur des rechtsgerichteten österreichischen Senders AUF1. Die Teilnehmerliste war handverlesen: medizinische Ikonen der Coronadissidenz, prominente Journalisten und Medienfachleute, dazu Markus Krall, der libertäre Goldhändler und Banken-Apokalyptiker, und Martin Sellner, der führende Ideologe der Identitären Bewegung. Magnet feierte, was ihn am meisten berührt habe: die „geglückte Überwindung der Spaltung in links und rechts“. Das Treffen stand unter dem Motto „Frieden schaffen, Krieg verhindern“ und versammelte rund 200 Personen „aus verschiedensten ideologischen Lagern“. Die Formel: keine Gesinnungsprüfung. Freiheit gegen Globalisten. Das Volk gegen die da oben. Zehrer hätte es wiedererkannt.
Die aufschlussreichste Einzelbiographie in diesem Milieu ist die von Jürgen Elsässer, Gründer und Chefredakteur des Magazins Compact. Elsässer kam von ganz links: Kommunistischer Bund, dann Mitherausgeber der Antideutschen, Redakteur bei Konkret, Junge Welt, Neues Deutschland. Seit Anfang der 2000er Jahre vollzog er eine Wanderung nach rechts, die ihn zum Chefstrategen einer nationalen „Volkssozialismus“-Rhetorik gemacht hat. Er verwendet das Wort „Querfront“ selbst und offen. Als Wagenknecht und Schwarzer 2023 zur Friedensdemonstration einluden, jubelte er: „So kann die Querfront doch noch gelingen!“ – und erschien mit Compact-Werbematerial. Elsässers Weg spiegelt Zehrers in fast perfekter Analogie: vom politischen Bildungsbürgertum zum Demonteur der Demokratie – über die Mitte der Querfront.
Eine subtilere Strategie verfolgt das Institut für Staatspolitik um Götz Kubitschek, das intellektuelle Zentrum der Neuen Rechten. Hier wird keine Querfront angeboten, sondern ein „Antiimperialismus von rechts“: Das linke Vokabular – Kapitalismuskritik, Souveränität, Anti-Nato – wird nicht als Brücke zur Linken benutzt, sondern als Erbmasse eingeklagt. Man will die Linke nicht einbinden. Man will sie beerben. Das ist strukturell näher an Niekisch als an Zehrer – und einen Schritt gefährlicher.
Auf der anderen Seite des Spektrums: das Bündnis Sahra Wagenknecht. Das BSW ist keine nationalrevolutionäre Partei – aber es schafft strukturell die Anschlussflächen, die Querfront-Projekte von rechts brauchen. Das Compact-Magazin setzte Wagenknecht bereits 2022 als „Kandidatin für Links und Rechts“ auf die Titelseite. Die programmatische Mischung – sozial links in Wirtschaft und Rente, national-konservativ in Migration und Sicherheit, antiamerikanisch in der Außenpolitik – ist strukturell dieselbe wie bei den historischen Nationalrevolutionären: echte Gesellschaftskritik kombiniert mit nationaler Emphase, die die Eigentumsordnung nicht angeht. Das BSW hat immerhin an einer Stelle mehr Substanz als seine historischen Vorbilder: Es will eine „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen“ als neue Unternehmensrechtsform einführen – ein Schritt in Richtung Eigentumsordnungsfrage. Ob er konsequent gedacht wird oder Ornament bleibt, ist die Frage, an der sich entscheidet, ob das BSW Querfront-Falle ist – oder ein anderes Projekt.
Daniel Sandmann hat in einem Text, den er Ausflug der toten Mädchen nannte, die Bilanz eines anderen gescheiterten Aufbruchs gezogen – schonungslos auch gegen sich selbst. Er schreibt über die Coronadissidenz, der er selbst angehörte, und über die Mädchen von Minab, die im Februar 2026 in Iran bei einem Angriff auf ihre Schule getötet wurden. Diese Toten sind für ihn der moralische Prüfstein: Wer sie wegrechnen kann, um eine Bewegung zu rechtfertigen, hat sich verabschiedet.
Die Coronabewegung habe sich im Gefühl einer gemeinsamen Feindschaft gegen „das System“ zusammengefunden – und darin gleiche sie, ob sie es wollte oder nicht, den Querfronten von 1931. Das „Menschheitsfamiliengezirpe“, das warme Gefühl, dass wir doch alle zusammengehören gegen die da oben, war schon bei Zehrer im Angebot. Und beim Prager Alternativ-WEF hieß es: Gemeinsam, aus verschiedensten ideologischen Lagern, für eine freie Welt von morgen. Immer dasselbe Gesumme. Immer dieselbe Leerstelle.
Sandmanns Schlüsselsatz lautet: Die Unterscheidung zwischen links und rechts sei nicht aufgehoben, weil beide dasselbe wären, „sondern weil alle rechts sind. Alle sind dem Kapital zugewandt, alle sind Sklaven davon, alle werfen nicht einmal mehr die Frage auf.“ Das ist keine Querfront-Aussage, sondern ihr Gegenteil: die Diagnose einer Leerstelle. Und diese Leerstelle ist dieselbe, die 1932 auf den Berliner Streikbarrikaden klaffte und 2024 in Prag: Wem gehört was – und nach welchen Regeln?
Beppo Römer, Hans Ebeling, Harro Schulze-Boysen – Menschen aus dem nationalrevolutionären Milieu, die später im Widerstand gegen Hitler endeten, einige mit dem Leben bezahlend. Was half denen, die den richtigen Ausweg fanden? Nicht die nationale Emphase, nicht das Menschheitsfamilien-Gefühl eines Kampfes jenseits aller Klassengrenzen, sondern die Bereitschaft, das Eigentum am System, an der Herrschaft, an der Gewalt zu benennen. Schulze-Boysen landete am Ende bei einem konkreten Nein: nicht zum Deutschen, nicht zum Volk, sondern zur faschistischen Eigentumsordnung und zum Kriegsimperialismus, der aus ihr folgte. 1942 wurde er hingerichtet.
Niekisch dagegen, der klügste Kopf in diesem Milieu, blieb in der Falle. Er hatte Hitler richtig eingeschätzt und bezahlte mit sieben Jahren Zuchthaus. Und doch blieb sein Denken national-mythologisch bis in den Kern: nicht Eigentumsordnung, sondern Völkerpsychologie; nicht Klassenanalyse, sondern germanische Substanz gegen römischen Geist. Elsässers Weg – vom Marxisten zum Querfront-Strategen der Rechten – wiederholt dieses Muster in umgekehrter Richtung, ohne Niekischs persönliche Integrität. Die Struktur aber ist dieselbe: Kapitalismuskritik ohne Kapitalanalyse, Systemüberwindung ohne Eigentumsordnung, Rebellion ohne Substanz.
Sandmann landet 2026 an einem ähnlichen Ort wie Schulze-Boysen, von einer anderen Seite kommend. Die Coronabewegung scheiterte nicht daran, dass sie zu radikal war. Sie scheiterte daran, dass sie die falsche Radikalität hatte – eine, die das Kapital als Naturgesetz hinnahm und deshalb für jeden Mythos offenblieb. Für Trump. Für Palantir. Für das Prager Alternativ-WEF, wo Identitäre und Coronakritiker gemeinsam „die Globalisten“ bekämpften – mit der Parole, die 1931 schon existierte: Wir kämpfen gegen das System. Sie meinen damit nur das Gesicht, nicht die Struktur.
Die Frage nach dem Eigentum ist die eigentliche Scheidelinie. Nicht die Frage, ob man sich links oder rechts nennt. Nicht die Frage, ob man für oder gegen Impfpflicht war.
Die Frage ist: Wer besitzt was – und nach welchen Regeln?
Wer diese Frage stellt, kann keine Querfront bilden mit denen, die sie nicht stellen. Denn eine Genossenschaft und ein Private-Equity-Fonds sind keine zwei Seiten derselben Medaille. Ein gemeinwirtschaftliches Unternehmen und ein Hedgefonds, der Betriebe aufkauft und ausschlachtet, verfolgen entgegengesetzte Logiken. Das Grundgesetz weiß das. Artikel 14 – „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ – steht seit 1949 im Recht. Er wartet noch auf ernsthafte Anwendung.
Zehrer hatte keine Antwort auf diese Frage. Die Strasser-Brüder hatten sie nicht. Niekisch hatte sie nicht. Die Gewerkschaftsführer von 1933 hatten sie nicht. Elsässer hat sie nicht – er ersetzt sie durch den Feind: die Globalisten, die Eliten. Das Prager Alternativ-WEF hat sie nicht. Und wer beim BSW die Eigentumsordnungsfrage nicht konsequent stellt, landet strukturell am selben Ort: Gesellschaftskritik ohne Kapitalanalyse, die für jeden Mythos offenbleibt.
Ist damit alles verloren? Sandmanns Text ist bitter, aber nicht hoffnungslos. Er endet mit einer Landschaft: dem Elbursgebirge, dem Persischen Golf, Körpern unter schwarzen Tüchern. Kleinen Körpern, die gerne gelebt hätten. Celans Todesfuge („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“): Das ist der Meister, dem solche Tode zu verdanken sind. Man kann sie sehen. Man kann sie zählen. Er hat eine Eigentumsordnung, eine Logik, eine Geschichte. Und er kennt keine Menschheitsfamilie. Sandmann weigert sich, diese Körper in eine politische Erzählung einzupassen. Sie beginnt damit – bei allem Schmerz –, mit dem anzufangen, was er nicht wegrechnen kann.
Die Widerstandskämpfer aus dem nationalrevolutionären Milieu, die wirklich Widerstand leisteten, ließen sich irgendwann von Abstraktionen nicht mehr blenden. Sie sahen die konkreten Opfer. Den konkreten Krieg. Die konkrete Vernichtung. Niekisch, dem es nicht gelang, diesen Schritt zu vollziehen, blieb ein brillanter Analytiker und ein politisch gescheiterter Mensch – respektiert für seinen Mut, aber ohne Antwort auf die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen soll, die diesen Namen verdient.
Eine Politik, die diese Linie hält – konkret, eigentumsanalytisch, ohne Querfront-Illusion und ohne Menschheitsfamilien-Gesumme –, ist nicht die einfachste. Sie hat keine großen Bühnen. Wer beim Prager Alternativ-WEF mitmacht, hat eine. Wer die Eigentumsordnung befragt, hat keine. Aber diese Frage ist die einzige, die dem Test der toten Mädchen von Minab standhält – und dem Urteil der Geschichte über die Berliner Streikbarrikaden von 1932.
Diese Frage ist links. Nicht im Sinne einer Partei. Im Sinne einer Weigerung, das Kapital als Naturgesetz hinzunehmen. Wer das begreift, hat verstanden, warum die Querfront damals eine Falle war – und warum Elsässer, Magnet und ihre Plattformen sie heute wieder aufstellen.
Dr. Ulrich Gausmann ist Gesellschaftswissenschaftler, Autor und Gründer der Utopie-Akademie. Zuletzt erschien von ihm (gemeinsam mit Peter Schmuck): „Wem die Welt gehören könnte“.
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