Die sogenannten Tech Bros. haben mit der Präsidentschaft von Donald Trump die technologische und politische Macht in den USA übernommen. Sie sind der Überzeugung, daß mit der Durchdigitalisierung der Welt und dem Einsatz von KI, wo immer dies möglich ist, eine neue Regierungsform, eine governance durchgesetzt werden kann, die sich von der bisherigen im westlichen darin unterscheidet, daß Demokratie überflüssig wird, weil alle Daten und damit Bedürfnisse und Wünsche persönlicher und politischer Art dem Staat bekannt sind und er die Interessen der verschiedenen Gesellschaftsschichten kompetent vertreten und repräsentieren kann. Durch die Dauerüberwachung der gesamten Bevölkerung könne die verhaßte Anarchie auf der basalen Ebene von Gesellschaften, die das Ergebnis eines freien Willens sowie eines uneingeschränkten Individualismus und Egoismus ist, überwunden und das Verhalten der Bürger gelenkt und diese diszipliniert werden. Sozialkreditpunkte als Mittel der Steuerung von Gesellschaften werden zwar von den inzwischen reichsten Menschen der Welt noch nicht ausdrücklich gefordert oder begrüßt, doch sie sind die logische Folge dieses Konzeptes. Ein technokratisches Gesellschaftsverständnis führte bislang immer zu totalitären Strukturen. Wenn der Staat sich anmaßt, quasi jede Bewegung seiner Bürger zu organisieren und zu planen und nunmehr mittels KI auch zu berechnen, endet die bürgerliche Freiheit, und die Eigendynamik eines solchen Prozesses führt – ob intendiert oder nicht – zur Verselbständigung des Staates, zu seiner Repressivität und Unkontrollierbarkeit.
Der bekannteste und radikalste der Tech Bros. (neben Marc Zuckerberg, Elon Musk, Sam Altman, Larry Ellison und Sundar Pichai) ist zweifelsohne Peter Thiel, Gründer der Firma Palantir ( 2001) und bis heute Aufsichtsratschef. Thiel war es, der Alex Karp zum CEO dieser Firma machte. Aus einem wenig bekannten Startup sollte dieser Seiteneinsteiger ein erfolg- und einflußreiches Weltunternehmen machen. Und das hat Karp tatsächlich erreicht.
Bild: Alex Karp 2023 bei einem KI-Gipfel in Bletchley (Foto: Ben Dance, CC BY 2.0)
Vor kurzem erschienen in Deutschland zwei Bücher, die die Wegstrecke und die Ideen Karps ausführlich darstellen: Ein Buch von ihm und Nicholas W. Zamiska (The Technological Republic. Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens bei FBV) und das Buch über ihn von Michael Steinberger, das ich hier vorstellen will.
Was ist die Firma Palantir? Zunächst einmal ein auf Datenanalyse spezialisiertes Unternehmen, das Software kreiert. Durch Analyse enormer Datenmengen kann Palantir Technologies Muster, Trends und Verbindungen erkennen, die zu sehen menschliche Analytiker Tage, Wochen oder Monate benötigen. Ausgangsidee für die Gründung der Firma war,
dem amerikanischen Staat bei der Terrorismusbekämpfung beizustehen.
Finanziert wurde das zum Teil vom Risikokapitalarm der CIA. Als Auftraggeber fungieren inzwischen in- und ausländische Geheimdienste (etwa der Mossad), das US-Militär, Bundesbehörden wie das FBI, das Finanzamt und die nationalen Gesundheitsinstitute, Airbus, BP und mittlerweile sogar EU-Institutionen. Das relativ kleine Unternehmen mit 4.000 Mitarbeitern wirkt an der Schnittstelle der wichtigsten Probleme des 21. Jahrhunderts und breitet sich krakenartig über – zunächst – die ganze westliche Welt aus. Alex Karp versteht das Unternehmen und sich persönlich als Verteidiger des Westens und als Schild und Schwert Amerikas. Für Rußland und China arbeitet man nicht, da sie als Gegner angesehen werden. Anfänglich hatte die Firma ihren Sitz im Silicon Valley. Aus Abneigung gegen die Valley Startups und ihre Kultur zog man 2020 nach Denver um.
Bild: Arbeitstreffen mit Daniel Noboa, Präsident von Ekuador, im Januar 2026 in Davos (Foto: Isaac Castillo, Public Domain)
Alex Karp stieg als Außenseiter in die Tech-Branche ein: Er hatte weder Informatik noch Wirtschaftswissenschaften studiert und ist der Sohn einer Schwarzen und eines Juden mit linken Überzeugungen, die er teilweise bis heute teilt. Er studierte Jura an der Stanford University und erwarb an der Frankfurter Goethe-Universität einen Doktortitel mit einer deutschsprachigen Dissertation im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich. Er ist Legastheniker und verfügt über ein fotographisches Gedächtnis. „Nichts macht mir so Angst wie der Faschismus“, äußerte er 2019. Mit Palantir will er die Welt sicherer machen. Nach langem Zögern brachte er das Unternehmen 2020 an die Börse und ist seitdem bekennender Milliardär. Theoretisch empfindet er Solidarität mit den unteren Schichten der Bevölkerung. Sieht man sich seinen Werdegang bei Palantir an, liegt das nicht auf der Hand. Als Palantir seine Dienste der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE zur Verfügung stellte und Mitarbeitern verbot, sich kritisch über Israels Umgang mit den Palästinensern zu äußern, gab es auch intern Proteste und Kündigungen. Sowohl der gar nicht geleugnete Umstand, daß die Software von Palantir der Massenüberwachung dienen könnte, als auch seine Tätigkeit für Geheimdienste und Polizeibehörden waren von Beginn an Steine des Anstoßes für Bürgerrechtler und Datenschützer.
Seine Technologie hatte nicht nur das Potential, das globale Machtgleichgewicht im 21. Jahrhundert mitzugestalten, sie hatte auch das Potential, die Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem Staat zu verändern.
In den Händen autoritärer Regimes wäre diese Technologie eine wirksame Waffe gegen die Bevölkerung und liefert uns erste Einblicke in eine panoptische Zukunft. Bei der KI-Revolution der Gegenwart hatte Palantir im militärischen und zivilen Bereich die Nase vorn.
2019 nannte Karp sich immer noch „einen Progressiven“ – allerdings einen, der die identitäre Linke, die Wall Street, das Silicon Valley und die akademische Welt verachtet, die Republikaner und Trump lobt und aus Anlaß des Hamas-Überfalls auf Israel aufgrund seiner Verwurzelung im jüdischen Erbe mit den Demokraten entschieden brach. Er wurde von außen als Exzentriker und komischer Kauz betrachtet und bezeichnete sich selbst stolz als „voll durchgeknallten CEO“. Dennoch verfüge er über ein hohes Maß an emotionaler Intelligenz und habe ein feines Gespür für Bedürfnisse, Interessen und Wünsche der Menschen um ihn herum, befindet Steinberger. Karp bezeichnet Palantir als „Künstlerkolonie“ oder auch Sekte: ein eingeschworenes Team von enthusiastischen Selbstverwirklichern, die ihrem CEO – bis an die Grenzen des Personenkults – treu ergeben sind (oder zumindest waren).
Was zum Teil ihr Vertrauen in sein Urteilsvermögen reflektiert, den aus der Erfahrung geborenen Glauben, dass Karps Instinkt bei Themen von der Geopolitik über die Produktentwicklung bis hin zu Personalentscheidungen nahezu unfehlbar ist.
In Karp wie trust, spöttelt der Autor und postuliert: Ohne Karp ist Palantir nicht zu verstehen. In einem Arbeitsumfeld voller eigenwilliger Persönlichkeiten sorge er für den Zusammenhalt des Teams. Karp:
Es braucht das gewisse Etwas zum Zusammenhalt einer Gruppe, und mein exzentrischer, atypischer Charakter ist dieses Bindemittel.
Der CEO hat Humor und setzt diesen in berechnender Weise ein:
Humor sei eine Möglichkeit, das Unterbewusstsein zu erreichen, und er sehe seine Aufgabe unter anderem auch darin, sicherzustellen, dass das Unterbewusstsein jedes einzelnen Mitarbeitenden sich mit den Zielen von Palantir decke.
Steinberger erzählt eine in den Augen des Alten Europa typische amerikanische Unternehmensgeschichte mit ihrer ungewöhnlichen, postmodernen Kultur. Möglicherweise steht sie pars pro toto, und wir bekommen vor Augen geführt, auf welchen Denk- und Handlungsweisen und auf welchen Prinzipien die technologisch-technokratische Revolution beruht. Für die Softwareingenieure in den USA scheint es eine große, never-ending-party zu sein. Aber die Ironie der Geschichte besteht darin, daß das Trump-Regime und seine technologisch-technokratischen Steuermänner im Prinzip dieselben Ziele und Vorstellungen von einer Gesellschaft der Zukunft vertreten wie das WEF und die EU-Funktionäre – nur bereinigt vom ideologischen Ballast des Wokeismus, des Genderismus, der Migrationsagenda und dem Narrativ von der Klimakatastrophe. Sie sind Pragmatiker und halten sich für ideologiefrei. Als Argumente für einen Überwachungsstaat dienen ihnen einzig die Effektivität, die innere Sicherheit – Kampf gegen Terrorismus und Kriminalität – und die angebliche Unausweichlichkeit von Fortschritt.
Der Charakter der Produktivkräfte bestimmt die Art der ökonomischen und gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse, wußte schon Karl Marx. Demgemäß streben die Leittechnokraten einen radikalen Wandel der Gesellschaftsstruktur und der staatlichen Machtausübung an. Genau wie ehedem Klaus Schwab und das WEF wollen sie die Welt aus den Angeln heben, nach ihrem Bild umgestalten und alle Hemmnisse für die globale Durchsetzung von Digitalität in Form von Big Data und KI zerschlagen. Die disruptive Energie geht nunmehr von den USA aus, und Strukturen wie UNO und WHO werden im Zuge dessen von Trump und seinen Unterstützern für überholt angesehen und beiseite geschoben bzw. im eigenen Land aufgelöst. Die USA unter Trump verfolgen das Projekt New World Order mit größerer Verve, Geschwindigkeit und Rücksichtslosigkeit, als es WEF und EU gewagt haben. Halten wir uns fest und schnallen uns an, um diese Revolution von oben mit heiler Haut zu überstehen. Ihr zu widerstehen, scheint aussichtslos zu sein.
Michael Steinberger: Der Unsichtbare. Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat. München: Ariston 2025. 352 Seiten, 26 Euro.

Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist – unter anderem in der Zeitschrift TUMULT. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.
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