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Buch-Tresen | 12.03.2026
Im Darkroom der Weltelite
Tech-Bros, Teil 2: Wer ist Peter Thiel, woran glaubt er und was macht das mit der Welt? Das Buch von Max Chafkin hilft nur bedingt weiter.
Text: Beate Broßmann
 
 

Ein linksliberaler US-Journalist stellt den Lesern einen Immoralisten vor. Er selbst verwendet diesen Begriff nicht, aber alles, was er beschreibt, läßt keinen anderen Schluß zu.

Nun, die Welt beherrscht Peter Thiel allein zwar nicht, doch hat es der Investor mit seinen wirtschaftlichen Aktivitäten und politischen Ansichten in die gesellschaftliche Elite mindestens der USA geschafft und zeitweise politischen Einfluß ausgeübt, als er seine Person und seine Firma Palantir in den Dienst der Neokonservativen im Allgemeinen und von Donald Trump im Besonderen stellte. Es herrscht Einigkeit unter den „Techies“ darüber, daß es sich bei Thiel um einen libertären Nonkonformisten handelt, der konstitutionell nicht in der Lage ist, der Herde zu folgen. Dennoch fragten sich Medien und Freunde, wie ein „gelehrter schwuler Emigrant“ (Peter Thiel kam 1968 im Alter von einem Jahr mit seinen deutschen Eltern in die USA)

aus der liberalsten Gegend Kaliforniens, der in einer der am stärksten globalisierten Branchen der Welt reich geworden war und so dem Versprechen einer besseren Zukunft verpflichtet schien, einen Reaktionären mit Möchtegern-Autorität unterstützen

konnte. – Schon hat man als Leser die Linksbrille auf, durch die es erscheint, als ob nur diese eine politische Überzeugung dem Ziel gerecht würde, einer „besseren Zukunft“ zu dienen. Jeder Theoretiker oder Visionär – auch der Nichtdemokrat – ist schließlich der Überzeugung, seine Auffassungen dienten dem Glück der Menschheit. Folgerichtig ist die Übersetzung von Chafkins Buch dem Gendern zum Opfern gefallen. Und man muß leider konstatieren, daß das umfangreiche Buch der positivistischen Methode folgt, das heißt: Es liefert umfangreiches und kleinteiliges Material, fleißig gesammelt und gut aufbereitet, aber ohne analytische Durchdringung des Stoffes. Systematisierend wirkt einzig die vom Autor gewählte chronologische Darstellungsweise. Folglich werden nur Leser das Buch spannend finden, die alles ganz genau wissen wollen.

Bildbeschreibung Bild: Peter Thiel 2022 (Foto: Gage Skidmore, CC BY-SA 2.0)

Chafkins Ausgangsfragen lauten:

Wie war Thiel, der Mitte der 1990er-Jahre als unbekannter, gescheiterter Finanzier ins Silicon Valley gekommen war, zu solchem Einfluss gelangt? ... Woran genau, so frage ich mich, glaubte Thiel? Und wie stark war das Silicon Valley selbst von diesen Überzeugungen geprägt?

Das sind spannende Fragen, an deren Beantwortung die Rezensentin auch interessiert wäre. Leider spielen diese Aspekte im Folgenden kaum mehr eine Rolle, und es gibt auch keinen Epilog, in dem auf diese Fragen zurückgekommen wird.

Was aber erfährt der geduldige Leser, der wissen will, wie die amerikanische Tech-Branche tickt?

Thiel war maßgeblich am Aufbau des Silicon Valley beteiligt, obwohl diese Parallelwelt ursprünglich linksorientiert und liberal war – allen voran Facebook. Chafkin ist der Ansicht, daß sich unter der glänzenden Oberfläche des linksorientierten Idealismus der Tech-Branche im Silicon Valley nationalistische Unterströmungen gebildet haben. Die rechtsextremen Ideen seien von Beginn da gewesen.

Doch es hatte eines Peter Thiel bedurft, um diese Ideen an die Oberfläche zu befördern und als Waffe einzusetzen.

Er sei für die Entstehung der Ideologie verantwortlich, die das Valley inzwischen prägt:

Dass technischer Fortschritt unerbittlich realisiert werden muss, gänzlich oder zumindest weitgehend ungeachtet der potenziellen Kosten oder Gefahren für die Gesellschaft.

Die Tech-Sphäre habe sich zu einer gewinnsüchtigen, scheinbar amoralischen Kraft entwickelt. Die ihr Angehörenden stünden dem Suchtverhalten von Internetnutzern, der politischen Radikalisierung und der wirtschaftlichen Verelendung, die der technische Fortschritt mit sich brachten, gleichgültig gegenüber.

Die Thiel-Fellows leben in einer Welt mit eigenen Gesetzen und eigener Moral, die stets um das Gravitationszentrum Thiel kreist – auch „Thieloversum“ genannt. Thiels Name würde sogar in bestimmten Kreisen als Verb verwendet: Jemanden zu „peterthielen“ heißt, ihn in den Ruin zu treiben. Thiel wird von vielen geschätzt und bewundert, obwohl er als skrupellos gilt. Seine „Freunde“ sehen in ihm einen brillanten Denker und Visionär, der seine überdurchschnittlichen Fähigkeiten allerdings nur dafür einsetzt, immer genau zu wissen, wie er gewinnen kann: Geld, Macht, Einfluß. Doch diese „Freunde“ lieben ihn nicht, sondern fürchten ihn, weil er mächtig ist und – nachtragend. Sie wissen, daß jeder in seinem Umfeld (ausgenommen vielleicht seine Familie, bestehend aus Ehemann und zwei Kindern) als Mittel zu seinen Zwecken benutzt wird. Ein solcher Mensch ist nicht freundschaftsfähig.

Als Investor und Hinterzimmerdiplomat, dem sein wirtschaftlicher Erfolg nicht ausreichte und der nach „richtiger“, politischer Macht strebte, steht Thiel an der Spitze der sogenannten „PayPal-Mafia“, eines

inoffiziellen Netzes aus finanziellen und persönlichen Beziehungen, die bis in die späten 1990er Jahre zurückreichen. Zu dieser Gruppe zählen Elon Musk sowie die Gründer von YouTube, Yelp und LinkedIn.

Thiels erste Firmengründung ist die von „Paypal“ gewesen. Nach der Präsidentschaftswahl 2016 wurde Thiel in Trumps engerem Kreis hofiert und bekam ein Büro im Trump Tower sowie die Möglichkeit, seine Mitstreiter in der neuen Regierung unterzubringen. Die meisten Vorschläge wurden aber vom Trump-Kabinett abgelehnt. Gute Beziehungen endeten im Zuge von Thiels Unterstützung des Trumpschen Wahlkampfes – unter anderem die zu Marc Zuckerberg. Für die Linke war Thiel ohnehin der Schurke an und für sich:

ein Machtjongleur des Silicon Valley, der geholfen hatte, die Amerikaner mit einer Reihe von Tech-Diensten anzufixen, und seinen Einfluss auf die Dienste später nutzte, um einem Kandidaten zum Wahlerfolg zu verhelfen, der angekündigt hatte, Muslimen die Einreise in die Vereinigten Staaten zu verbieten und Millionen illegaler Immigranten zu deportieren.

Zudem hatte Thiel mit seiner Firma Palantir den Weg zum Überwachungsstaat geebnet und bereits mit Paypal beabsichtigt, die Weltherrschaft zu übernehmen.

Bildbeschreibung Bild: Peter Thiel (links) und David Graeber 2014 in New York (Foto: mike, CC BY-SA 2.0)

Thiels Weltanschauung ist komplex und in Teilen widersprüchlich. Er ist Ayn-Rand- und Tolkien-Fan. Dazu kommen eine Obsession von technischem Fortschritt, sein Trump-kompatibler Nationalismus und Chauvinismus und das Liebäugeln mit weißer Vorherrschaft. In seinem Buch „Zero to one: Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet“ von 2021, einer Programmschrift des Libertarismus, plädierte er für Monopole statt freier Marktwirtschaft und Konkurrenz und für die Monarchie als effizienteste Regierungsform. Und er behauptete eine Gottesnähe von Tech-Gründern. Endziel der Demokratie sei die „Aristokratie der Intelligenz“. Wen wundert’s, daß Thiel sich ein ewiges oder doch zumindest außergewöhnlich langes Leben wünscht? Konsequenterweise investierte er in Anti-Aging-Firmen und entsprechende Technologien wie Kryonik und Parabiose.

Auf der anderen Seite kämpfte er von Jugend an gegen die Ideologie des Multikulturalismus, gegen political correctness und „positive Diskriminierung“ – auch Homosexueller – und war damit meist ein Außenseiter. Chafkin fragt:

Ist Thiel ein Genie, das man bewundern und von dem man lernen musste, oder ein soziopathischer Nihilist? Könnte er beides zugleich sein?

Ja, warum nicht? Das eine schließt das andere ja nicht aus. Wie auch immer: Der Tech-Mogul ist auf jeden Fall ein amoralischer technokratischer Denker und schon allein als solcher gefährlich.

Thiels libertärer Ethos heißt „Sei schnell und brich die Regeln“. (Und in der Tech-Branche gilt: „Es ist besser, sich hinterher zu entschuldigen, als vorher um Erlaubnis zu fragen.“)

Die Mafia-Philosophie von PayPal wurde zur Grundlage einer ganzen Generation von Techunternehmen.

Disruption ist das Gebot der Stunde. Moral ersetzt der Milliardär durch Skrupellosigkeit, Fairness durch Rücksichtslosigkeit. Berechenbarkeit, Vertrauen und Zuverlässigkeit hingegen sind Bedürfnisse der Masse. Für ihn selbst spielen sie keine Rolle. Er gehört zur Elite, für die Regeln und Gesetze nicht gelten. Wie uns die Epstein-Papers einmal mehr zeigen, steht Peter Thiel mit dieser Haltung nicht allein im Darkroom der Welt-„Elite“.

Nachtrag der Rezensentin: Mittlerweile stellte sich anhand der Files heraus, daß die Verbindung Thiel-Epstein nicht nur eine im Geiste war, sondern sie tatsächlich in häufigem E-Mail-Kontakt standen. Bislang liegen keine Indizien dafür vor, daß Thiel Teil des Pädophilen-Rings war. Verbunden waren beide wohl nur durch ihre antidemokratische Gesinnung, ihr Engagement für eine quasi-monarchistische Eliten-Weltregierung und ihr starkes Interesse an Macht, Geld und politischer Einflußnahme.

Max Chafkin: Peter Thiel. Wie der Pate des Silicon Valley die Welt beherrscht. München: Finanzbuchverlag 2025 (Original 2021), 383 Seiten, 20 Euro.

Bildbeschreibung

Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist – unter anderem in der Zeitschrift TUMULT. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.

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Bildquellen: Karikatur von Donkey Hotey, CC BY 2.0 (Titel)