Ich habe schon einmal erwähnt, daß ich Eigentümer eines Gartengrundstücks bin, und dabei selbstverständlich gelogen: Ein Grundstück kann niemand zusammenklappen oder -falten, in einen Behälter geben und mitnehmen, wohin auch immer. Man kann Grundstücke, Grund und Boden insgesamt, also höchstens besitzen (solange man sitzen kann), und streng genommen kann man auch das nicht oder höchstens sehr beschränkt: Das Stück, auf dem man sitzt, ist natürlicherweise kaum größer als der eigene Hintern, und weil man nicht an drei oder zehn oder tausend Stellen gleichzeitig sitzen kann, gilt das auch für den Besitz, und damit ist die Frage eigentlich erledigt; wer es genauer wissen will, braucht nur von der Stelle, auf der er gerade gesessen ist, aufzustehen und nachzuschauen, ob da vielleicht noch jemand sitzt oder steht oder krabbelt, wurmt, hüpft und so weiter oder oben drüber fliegt, schwebt und so fort: Das Konzept „Besitz“ wird dabei sofort unscharf bis absurd. Ganz ohne daß man sich Gedanken über die Luft und den Himmel über dem Stück Grund oder ein Tröpferl flüssiges Eisen tausend Kilometer weiter unten macht. Vielleicht gelingt es im Laufe eines Lebens, Teil des Grunds zu werden, auf dem man lebt, wenigstens als Möglichkeit ist das plausibel.
Aber das ist nicht mein Thema; es könnte ein juristisches oder rechtliches oder philosophisches sein – für Menschen –, zu dem jeder eine etwas oder ganz unterschiedliche Meinung hat. Und dann fragen Sie mal einen Baum, wie er das sieht, oder einen Vogel, der meistens gar nicht sitzt, sondern seinen Besitz danach definiert (!), wie weit sein Gesang schallt oder wie weit er fliegen kann, um sich am Kirschen- oder Mäusebestand zu bedienen, ohne Ärger mit einem Art-, Reihen- oder Klassengenossen zu kriegen. Es ist kompliziert.
Und doch hat der Mensch ein Bedürfnis nach einem Ort, wo es grün ist und wo er sitzen kann, ohne gestört zu werden, also einem Garten, und das hat mehrere Gründe. Zum einen ist hinlänglich bekannt, daß man wahnsinnig wird, wenn man nicht mindestens ein paar Stunden am Tag – und zwar jeden Tag – keine Wände, sondern Bäume, Pflanzen und Tiere um sich hat. Das ist ja der Grund, wieso ein großer Teil der sogenannten zivilisierten Menschheit spätestens seit der Industrialisierung und erst recht im „Medienzeitalter“ einer totalitären Marktreligion wahnsinnig geworden ist beziehungsweise es im Laufe eines individuellen Lebens unausweichlich wird.

Und zum anderen muß der Mensch etwas essen. Das war nicht immer so scheinbar leicht zu kriegen wie heute. Ich erinnere mich an den Garten meiner Oma, in dem Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Kohlrabi, Zwiebeln, Lauch, Bohnen, Tomaten, Erbsen und einige andere Dinge sowie ihr geliebter Rhabarber wuchsen, dessen befürchtete (und manchmal teilweise realisierte) Fledderung durch unseren Fußball sie fuchsteufelswild werden ließ. Das meiste von den Sachen konnte man auch kaufen, aber zum Kaufen brauchte man Geld, und davon hatten schon damals viele Leute nicht genug, um sich etwas anderes zu kaufen als Büchsenzeug, obwohl es den billigen Dreck, der heute als „Fertiggericht“ angeboten wird, noch gar nicht gab. Und selbstverständlich schmeckte das Eigene immer besser als das Gekaufte, schon weil man es – so wie im Herbst Schwammerl, Nüsse, Kastanien und Bucheckern – selber gebrockt, geschält, geputzt, gekocht, geröstet, eingemacht hatte. Hinzu kommt, daß man viele Dinge gar nicht kaufen kann: Himbeeren zum Beispiel, weil die eine halbe Stunde nach dem Pflücken ihr Aroma verlieren, und Erdbeeren, weil die genießbaren Sorten nicht transportabel sind.
Auch auf dem Einödhof meiner Verwandten in Niederbayern, wo ich mit elf Jahren zum ersten Mal die Sommerferien verbrachte, gab es einen Garten, den meine Großtante hegte und pflegte und mit der Schaufel bewachte, wenn die Entenbagage sich ihm auch nur auf Sichtweite näherte. Hier hatte die Sache aber schon eine andere Dimension, weil man auf einem Einödhof sowie nichts kaufen kann – außer Bier, das vom Bräu geliefert wurde, und Brot, das einmal in der Woche der fahrende Bäck brachte (was eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, weil es im Haus eine Mühle und unter den Feldern auch solche gab, auf denen Roggen und Weizen wuchsen). Alles andere hatte man selbst: Milchkühe, Schweine, Hühner, Enten, Tauben, Hasen, einen Fischteich, Kartoffeln, Rüben, ein Sammelsurium an Obstbäumen, Wald voller Schwammerl, Blaubeeren und Holz für die Öfen sowie eben einen Garten.
Vielleicht ist damals schon der Wunsch, die Sehnsucht nach einem Garten in mir gekeimt, weil ich es auf unerfindliche Weise höchst befriedigend fand, zu wissen, was ich in den Mund nehme und wo es herkommt. Anfang der 1970er Jahre gab es Gärten unterschiedlichster Dimension noch hinter den meisten älteren Häusern zumindest in der Vorstadt, selbst hinter Mietskasernen, dazu Klein- und Schrebergärten, teilweise in Kolonien und Siedlungen. Und auch das Obst und Gemüse, das es bei unserem Lebensmittelhändler Schuster gab, stammte zu einem nicht geringen Teil aus dem eigenen Garten oder der Gärtnerei ein paar Häuser weiter. Ananas konnte man dort nur in Büchsen kaufen, und was Wörter wie „Mango“, „Avocado“, „Kaki“, „Kiwi“ und „Litschi“ bedeuten, erfuhren wir erst viele Jahre später.
Inzwischen habe ich also einen Garten und schäme mich hin und wieder, weil ich aufgrund angeborener Faulheit so ungärtnerisch damit umgehe. Das hat auch mit den Umständen zu tun. Meine Mutter wollte mich immer mal wieder von einer produktiveren Nutzung überzeugen und legte dazu selbst Hand an, pflanzte Salat, Gurken, Topinambur, die allesamt kurz darauf so vollständig verschwunden waren, als hätte es sie nie gegeben, ebenso wie die Radieschen, an denen sich meine Liebste vor Jahren versucht hat. Es gibt da halt viele schattige Bereiche, in denen Nacktschnecken prächtig gedeihen, und diese Zonen zu roden und quasi trockenzulegen kommt nicht in Frage, weil dort auch Schlangen, Blindschleichen, Glühwürmchen, junge Frösche und was weiß ich wer noch alles ihr Zuhause haben. Da sind wir wieder beim Besitz.

Erträge gibt es trotzdem reichlich, vom Apfel bis zur modernen Kiwi – ich habe das an anderer Stelle eh schon mal aufgezählt – und nächstes Jahr vielleicht die ersten Passionsfrüchte. Selbstverständlich schmecken die eigenen Käferbohnen besser als die (sündteuren) gekauften, und auch wenn der Rhabarber meistens ungeerntet verkümmert, bewahrt er das Andenken an meine Oma. Seltsamerweise stelle ich jedes Jahr aufs Neue fest, daß es weniger die gewöhnlichen Sachen sind, die mich begeistern, als die etwas eigenartigen, von denen man kaum satt wird, die ich aber dennoch sammle wie in Anflügen von Besessenheit: Samen von Brennnessel und Nachtkerze, diverse wilde Gewürzkräuter, Hopfenblüten, kaum kirschgroße Wildkakis, ganz gewöhnliches Grünzeug (Löwenzahn, Giersch, wilder Gemüselauch, Baldrian) und die Bitterorangen, aus denen man mit viel klebriger Mühe eine Art bitteren Weingummi herstellen kann, der wunderbar duftet und angeblich unfaßbar gesund ist. Andere Sachen trivialisiert der Überfluß und nimmt ihnen ihren Reiz, spätestens nach drei Tagen. Wer schon mal versucht hat, eine Woche lang jeden Tag ein halbes Pfund Himbeeren zu essen, ohne ihrer überdrüssig zu werden, weiß vielleicht, was ich meine. Und mein herzliches Desinteresse an der hohen Kunstwissenschaft der Kompostologie mag man großstädtischer Hochnäsigkeit zuschreiben, verursacht durch eine ganz andere Art von Überfluß als den, mit dem der Gärtner lebt und zurechtkommen muß.
Wer im ganz späten Sommer und frühen Herbst durch Gegenden spaziert oder radelt, in denen es Gärten gibt, erlebt ein typisches, vertrautes Bild: An allen Ecken, Zäunen, Hecken stehen Kisten mit der Aufschrift „zu verschenken“, randvoll mit Äpfeln, in den Gebüschen sind Gebirge aus Äpfeln aufgefaltet, dazwischen liegen Einzelexemplare herum – oft schon angefault oder ganz schrumpelig-braun, umschwirrt von Wespen, später im Herbst besiedelt von Maden, Würmern, Käfern, Pilzen. Niemand nimmt sie mit, nicht mal einen. Ich habe mal eine sichtlich urban-mittelschichtige Passantin, die so eine Kiste betrachtete und derweil einen wachsglänzenden Apfel mit „Rewe“-Aufkleber verspeiste, angesprochen und gefragt, ob sie nicht zwei, drei Äpfel mitnehmen wolle, für morgen oder so. Lieber nicht, sagte sie. Man wisse ja gar nicht, wo so was herkomme, und die Qualität sei fraglich.
Der – vom Eigentum zu trennende und jetzt mal als solcher genommene – Besitz eines Gartens ist immer mit Überfluß, bisweilen ungeheurem Überfluß verbunden, der kein Luxus ist: denn die Äpfel, die da den Gang ihrer Natur gehen, haben keinen Wert und bringen nichts, zumindest wenn man die Sache aus einem Blickwinkel betrachtet, der sich auf den Menschen beschränkt. Der Besitzer selbst könnte die Äpfel zwar zu Mus, Kompott, Gelee, getrockneten Scheiben und anderem verarbeiten, was aber – das Wort sagt es – mit Arbeit verbunden ist sowie mit der Erfahrung, daß allein der Ertrag von zwei, drei Bäumen in guten Jahren unbezwingbar ist, zumal die Lust darauf mit der erzwungenen Regelmäßigkeit des Verzehrs stark abnimmt. Verschenken kann man die Äpfel auch nicht, weil sie der moderne, von Reklame und „Studien“ manipulierte Konsummensch – wie erwähnt – nicht will, weil ihr Produktcharakter zu wenig eindeutig ist.

Ähnliches gilt in unterschiedlichem Maße für so gut wie alle weiteren Erträge eines hinreichend (also das Schreberformat um mindestens hundert Prozent überschreitend) großen Gartens: Hasel- und Walnüsse, Weintrauben, Zwetschgen, Maronen, Feigen, Pfirsiche, Aprikosen, Kaki, Kiwi, Him-, Brom-, Heidel-, Johannisbeeren, Mirabellen (ein Extremfall), Reneclauden, Pflaumen, Pilze – es ist immer alles zu viel in zu kurzer Zeit. Ausnahmen gibt es, aber nur sehr wenige, bei denen dann immer alles zu wenig in zu kurzer Zeit ist, etwa bei Spargelstangen, Chilischoten und Morcheln. So haben sich die Zeiten geändert. Früher stapelten sich die Marmelade- und Geleegläser in Stellagen, die ganze Speisen füllten, wurde noch die kleinste Erbse eingedost, die schrumpeligste Zwetschge zu Mus verarbeitet, die letzte Hollertraube durch das Sieb gestrichen und zu unverderblichem Sirup gekocht (unter meinen Vorräten befindet sich ein Glas von meiner Oma mit der Aufschrift „1977“), landeten nach der Einführung der Gefriertruhe noch ganz andere Alltäglichkeiten geputzt und zerkleinert in Behältern mit Etiketten. Weil man aus relativ frischer Erinnerung wußte, daß jederzeit Zeiten daherkommen können, in denen man froh darüber sein wird, so froh wie über eine Maikäfersuppe oder einen Pastinakeneintopf mit nichts als Pastinaken – vor allem immer dann, wenn Deutschland plötzlich außer Waffen gar nichts mehr herstellen will und der Haß auf den slawischen Untermenschen schon in der Grundschule gepaukt wird.
Heute meint man, es werde selbstverständlich auch im Blackout und notfalls sogar im Atomkrieg irgendein asiatischer Bringsklave durch die Gegend radeln und die frische Pizza an der Haustür abliefern; schlimmstenfalls geht man eben selber kurz zum „Pick Up“-Discounter und besorgt sich ein Fertiggericht.
Ich gestehe, daß auch mich eine ähnliche Einstellung bisweilen anfliegt, eben wenn ich zuschaue, wie die Wespen sich an den fauligen Äpfeln unter meinen Bäumen erfreuen, während ich Nachtkerzenschoten, Colasalbeizweige, Aronjabeeren und Dostblättchen sammle, die mir im Falle einer echten Notlage so viel nützen werden wie ein Donald-Duck-Heft von 1970. Ich bin mir dabei aber auch des Potentials bewußt, das da schlummert, und diesen Herbst habe ich zum ersten Mal eine Handvoll Kartoffeln ausgegraben, vielleicht nur um zu wissen, daß das geht, und obwohl ich Kartoffeln nicht mag.
Vielleicht kommt die Neigung, nicht vergessen zu wollen, was geschehen und sich ergeben kann, sozusagen von unten, aus der Erinnerung, auch aus Erinnerungen, die gar nicht meine eigenen sind und die mir wahrscheinlich schon den Wunsch nach einem „eigenen“ Garten eingepflanzt haben.
Ob ein Garten von „unten“ oder von „oben“ besessen, bewohnt, bewirtschaftet wird, merkt man an anderen Dingen. Zum banalen Beispiel am Rasen: Da toben sich die einen jedes sonnige Wochenende einen ganzen Samstag lang mit Aufsitzrasenmähern aus, die entfernt an Kriegspanzer erinnern und das müßige Umvolk ebenso wie sämtliches Gekreuch und Gefleuch daran erinnern, daß der Mensch nicht zum Spaß, sondern zur Leistung auf der Welt ist. Die anderen lassen das Gras wachsen, sicheln oder sensen höchstens ab und zu ein kleines Stück weg, falls sie zum Beispiel Hasen haben, die im Winter Heu brauchen.

Man merkt es an der Fremde zu Pflanzen und Tieren, die im Plan nicht vorgesehen sind, andererseits auch an solchen, die in der Natur nicht vorgesehen sind, sondern von bezahlten Gärtnern und Züchtern eingesetzt und meistens auch gewartet beziehungsweise gepäppelt werden müssen. Daß sich zumindest meinem Eindruck nach sämtliche Bienen und Vögel der weiteren Umgebung immer bei mir sammeln, liegt wohl nicht nur an wuchernden Gräsern und Blumen und einer reichen Auswahl an totem Holz voller Insekten, sondern auch an der (zum Glück zurückgehenden) Beliebtheit von Kirschlorbeerhecken, Forsythien, Flieder und anderem völlig unnützem bis schädlichem Gebüsch, das andere Gärten in geometrisch getrimmter Monokultur anfüllt. Daß es zudem am nagelscherengepflegten Rasen, am einheitlich pseudoluxuriösen Mobiliar (vom sinnlosen Sonnensegel bis zur Outdoor-Grill-Raumstation) und anderem zivilisatorischen Hyperklimbim liegt, mag ich nicht behaupten, weil man das als Neid deuten könnte.
Ein wesentliches Element eines Gartens ist seine Bebauung. Auf einem Nachbargrundstück wurde in den letzten vier Tagen eine neue Hütte errichtet, nachdem zuvor ein Fundament betoniert und mit Betonstein beplattet worden war. Der Bau folgte strikt dem Kastenprinzip: Die Einzelteile wurden geliefert, samt Aufstellanleitung; die am meisten zeitraubende Arbeit war das Verlegen der Dachziegel. Jetzt steht die Hütte da und schaut genauso aus wie im Katalog: schmuck und frisch, man könnte (nun tatsächlich) neidisch werden. Die Kosten mag ich nicht schätzen. Auf meinem Grundstück steht auch so eine Hütte, qualitativ hochwertig, vor ungefähr dreißig Jahren von den Vorbesitzern aufgeführt, zweimal neu mit Blech bedeckt. Schön mag sie nicht sein, aber zweckmäßig und stabil.
Die zweite Hütte schaut etwas wackeliger aus, die habe ich errichtet, ohne Plan im Lockdownfrühling 2020, als es ansonsten nichts Sinnvolles zu tun gab und der alte Schuppen (ein billiges Baumarktmodell) nach dem Aussterben der dort untergebrachten Kaninchen nur noch eine erbärmliche Ruine war, in der ein stinkendes altes Wespennest hing, in das sich später Hornissen und dann Zaunkönige eingenistet hatten. Das Hauptproblem bestand darin, daß auf den Grundstücken in unserer Gegend generell nichts Neues errichtet werden darf, weil wir in einem sozusagen kaskadierenden Schutzzustand als „Ausgleichsfläche“ für sämtliche Bausünden der Umgebung herhalten müssen. Ich mußte also die neue Hütte mehr oder weniger unauffällig in der alten Hütte und um sie herum zusammenzimmern.
Zudem war der finanzielle Rahmen durch die damals auf Hochtouren laufenden „Corona“-Verelendungsmaßnahmen (samt Berufs- und Arbeitsverbot) extrem eng, weshalb praktisch jedes nicht verfaulte Stück Holz eine neue Verwendung fand, so auch einige urantike Dachbalken aus der näheren und ferneren Umgebung. Das Ergebnis ist sicherlich kein Glanzstück der DIY-Architektur, erfüllt aber seinen Zweck und wird hin und wieder nachgebessert. Irgendwann wird sich auch eine alte Dachrinne finden, irgendwo auf einem Schutthaufen oder an einem Straßenrand.
Fast direkt daneben steht die dritte Hütte, und die hat eine Geschichte. Erbaut wurde sie wohl in den zwanziger Jahren, laut dem, was ich so gehört habe, von einem italienischen Flüchtling, der möglicherweise in der bis in die 1970er Jahre angrenzenden Autowerkstatt beschäftigt war (deren Fossilien der Boden nach dem Winter immer noch ausspuckt: verrostete Sprühdosen, Scheinwerferteile, Stangen und Schrauben, Blech und „Fanta“-Flaschen).

Die Hütte ist in etwa so groß wie ein besseres modernes Einzimmerapartment. Als ich sie vor zwanzig Jahren vorfand, war sie schon lange Zeit nicht mehr bewohnt und in ruinösem Zustand mit durch herabbrechende Äste teilweise eingestürztem Dach; aber sie stand noch, weshalb ich sie renovieren durfte. Errichtet worden war sie aus Brettern unterschiedlichster Provenienz, immer wieder nachgebessert (die neueren Teile trugen gesprühte Aufschriften der US-Armee) und auf drei Seiten verkleidet mit zusammengenagelten alten Fenstern. Es gab nicht wie heute ein Zimmer und eine kleine Kammer, sondern sieben Räume, deren Funktion sich trotz des verfallenen Zustand (der Boden war wegen des undichten Dachs entsprechend verfault, die mit Teppichen und tausenden Nägeln „wärmegedämmten“ Wände vielmals mit neuen Teppichfetzen übernagelt, die nun in grünvermoderten Fetzen herumhingen) rekonstruieren ließ: Es gab eine Kammer mit unter dem Dach eingeschraubter Schlafkoje, einen Waschraum (mit improvisierter Dusche und Abfluß, rundherum abgedichtet mit einer Kunststoffverkleidung, deren Material sehr wahrscheinlich aus liegengebliebenen Resten vom Bau des fünfzehn Gehminuten entfernten Olympischen Dorfs 1971/72 stammte.

Hinzu kamen ein Lagerraum für Töpfe, Handschaufeln, Saatgut und Gartenutensilien, eine Werkstatt (mit einem unfaßbaren Fundus an verrosteten Schraubenschlüsseln und anderem Gerät), eine Art „Aufenthaltsraum“ mit komplett zerfetztem Sofa und von Ameisen bewohntem Kofferradio, eine winzige (aber abgetrennte) Nische, die wohl als Küche diente, und eine kaum größere Schnapsbrennerei. Außen angebaut waren ein kleines Gewächshaus zur Vorzucht und eine (gänzlich eingestürzte) Toilette mit Versitzgrube – darin wohnt heute der Fuchs, der Klopapierrollenhalter hängt noch an der Außenwand der Hütte.

Ich wußte lange nicht, was ich mit dem Gebäude anfangen sollte – allein die modrigen Wandteppiche hätten mindestens drei Container gefüllt und waren alle zehn Zentimeter mit rostigen Nägeln befestigt, die ich einzeln mit einer ebenfalls verrosteten Zange herausreißen mußte. Hinzu kamen Berge von verrotteter Dachpappe, Glasscherben, Blech, mumifizierten Textilien, Plastikzeug, undefinierbarem Gerümpel und Müll.
Statt „tabula rasa“ zu machen, stand und ging ich stundenlang in dem Ding herum, meditierte und sinnierte und versuchte mir das Leben vorzustellen, das hier gelebt worden war. Ich fand ein Holzkästchen mit zehn Schubladen, randvoll mit winzigen Nägeln, Stiften, Zwecken, Schrauben und Muttern, die zu rotbraunen Quadern verrostet waren; ich fand ein Sammelsurium an Sägen, Schaufeln, Spaten, Gabeln und Hacken mit längst verwesten Stielen, aber auch Stricknadeln, Gefäße unterschiedlichster Form und Größe, teilweise noch gefüllt mit absonderlich riechenden Flüssigkeiten, eine Erdfräse der Firma Ducati (die leider nicht mehr in Gang zu setzen war), Wandbehang (unter anderem ein nicht mehr lesbares Schild einer Arbeitergemeinschaft und ein geschnitztes Relief aus Südtirol), Hand- und Geschirrtücher, Treibketten, Ölkannen, Kerzen, Ersatz- und andere Teile für rätselhafte Geräte, Glasscheiben, Schlüsselbunde mit hunderten Schlüsseln aller Formen und Größen, Schmiermittel, Dosen mit Melkfett und anderen Substanzen, Kinderspielzeug (!), Geschirr und Besteck (teilweise aus Beständen der US-Armee), Erste-Hilfe- und andere Kästen und Kisten aus Kriegs- und Vorkriegszeiten, gefüllt mit Bleistiften, Schraubendrehern, Zangen, Hämmern, Verbandszeug, Glühbirnen, Drähten, Riechsalz, Streichhölzern, kleinen (leider unleserlich) beschrifteten Schachteln mit Samen und tausend andere Dinge.
Ich habe versucht, mir das Leben vorzustellen, das der Mann in dieser Hütte führte, aber es ist mir nicht gelungen. Irgendwann fing ich an, sie umzubauen: stand tagelang an einer Wand und rupfte tausende Nägel aus ihr, zerschnitt die Teppiche in kleine Stücke, die ich in Plastiksäcke stopfte und in Mülltonnen entsorgte, riß und sägte verfaulte Bodenbretter heraus, achtete dabei aber darauf, einigermaßen intakte Stellen zu verschonen. Die alten Fenster als Fassade fand ich zunächst dekorativ, stellte aber im ersten Winter fest, daß die ganze Konstruktion so undicht war, daß man sich in den offenen Kamin praktisch hineinsetzen mußte, um nicht zu erfrieren.
Inzwischen hatte mich die Bauweise der Hütte und die Denk- und Lebensweise ihres ehemaligen Bewohners möglicherweise inspiriert – ohne es bewußt zu merken, hatte ich Scheiben, Bretter, Balken gesammelt, und als ein Freund fragte, ob ich Interesse an den einigermaßen riesigen Fenstern einer abgerissenen Moschee in der Münchner Bahnhofsgegend hätte, fing ich nicht etwa an, irgendwas zu vermessen, sondern sagte ja, und nachdem auch dieser Transport geschafft war, begann ich die Fassade des Denkmals in einer Art Puzzletechnik zu „erneuern“ (ohne ein einziges wirklich „neues“ Trumm) – erst die großen Dinger, dann dazwischen immer kleinere. Das alles wurde windschief, krumm und grotesk; aber ich hatte das Gefühl, es sei im Grunde die alte Hütte mit neuem Gesicht; und als endlich auch das Dach mit neuem Blech belegt war, sah das ganze Ding innen wie außen tatsächlich aus wie eine Art Museum – für etwas, was es nie gegeben hat. Manchmal regnet es am Kamin herein; da kann man halt nichts machen, und das Innenklima einer solchen Hütte ist ein hochkomplexes System.

Für eine Analyse, was an all dem „unten“ ist – und im Vergleich oder Kontrast zu welchem „oben“ – fehlt mir der Abstand; ich überlasse das gerne der Phantasie des Lesers. Die Eingangstür immerhin ist noch original – eine alte Zimmertür (vermutlich aus der Jahrhundertwende 19/20), auf die zwei italienisch grüne Flügel geschraubt sind, von mir neu verriegelt mit einem improvisierten Mechanismus aus ausgegrabenen Metallteilen, die vor sehr langer Zeit vielleicht mal in einem Alfa Romeo verbaut waren.
Ich habe übrigens versucht, das in der Ruine überlieferte Saatgut auszubringen, bislang ohne Erfolg. Aber wer weiß, es ist noch einiges da, und das nächste Frühjahr trägt neue Hoffnung und neue Überraschungen.
Michael Sailer schreibt und und macht gelegentlich immer noch Musik. Er betreibt mit Franz Esser die Lese- und Musikbühne ‚Platz! der Freiheit‘ und denkt viel nach, über Oben & Unten und überhaupt über die Welt.
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