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Oben & Unten | 29.07.2026
Wohnen von unten
Unser Autor erzählt, wie er Millionär geworden ist – eine Geschichte über Familie, Glück, ein Heim und Heimat.
Text: Michael Sailer
 
 

An die erste Wohnung meines Lebens kann ich mich nicht erinnern. Es gibt wohl auch kein einziges Photo davon, wie es aus meiner Kindheit überhaupt sehr wenige Photos gibt, weil in meiner Familie lediglich ein Onkel eine Kamera (damals sagte man „Photoapparat“) besaß, die er nur sehr selten benutzte, um Landschaften abzubilden.

In dieser ersten Wohnung wohnte ich nicht lange, wohl etwas über ein Jahr, aber das erste Jahr im Leben ist bekanntlich das prägendste; zumindest stellt man später irgendwann fest, daß jedes Jahr und jeder Tag kürzer scheint als das und der zuvor. Darum wundert es mich hin und wieder, daß ich mich an einige Sachen erinnern kann – zusammenhanglose Eindrücke und Blitzbilder, etwa das Schienenrondell am Moosacher Bahnhof, wo die Tramlinie 1 endete und begann –, aber an die Wohnung nicht.

Um die Jahrtausendwende herum bin ich mal hingeradelt, um mir das Haus anzuschauen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes unscheinbar: nicht im mindesten schön noch grell häßlich, eher ärmlich als bescheiden; eine Mietskaserne aus einer Zeit, als es noch gar keine Mietskasernen gab. Unter Denkmalschutz würde eine bürgerliche Gesellschaft so etwas nie stellen, weil an solche Häuser niemand gerne denkt, wenngleich sie den meisten egal sind. Man sieht sie auch nicht gerne, weil sie das, was in dieser Gesellschaft falsch läuft, ausdrücken, als sozusagen stumme Zeugen. Aus dem gleichen Grund versteckt man übrigens auch die Villen derer, die sich Villen bauen lassen können, weil andere in solchen Häusern wohnen müssen, gerne hinter hohen Mauern, Zäunen und viel Gebüsch. So finden sich letztlich die Sieger und die Besiegten der kapitalistischen Brandrodung am gleichen Stadtrand wieder, nur an ganz unterschiedlichen Orten.

Letzte Woche bin ich wieder hin geradelt, um meine Erinnerung wenigstens optisch aufzufrischen. Das Haus war weg, ebenso wie die alte Gärtnerei daneben. Jetzt steht dort eine angemessen proletarische (also platzmäßig eingedampfte, proportional verzerrte und optisch ins Extrem brutalisierte) Ausgabe der grell häßlichen Betonklötze, die nicht nur in München überall dort aus dem Boden schießen, wo etwas Altes verschwindet, weil sich niemand mehr daran erinnern mag, und deren Zweck es ist, die Bewohner durch die ständige Konfrontation mit aggressiver Häßlichkeit (also Haß), falschen Proportionen, materieller Kälte, scharfen Kanten sowie bewußter Stillosigkeit und Antieleganz zu demütigen, abzustumpfen und auf ein Leben in Unterwerfung, Ausbeutung und Krieg zu dressieren.

Wir bewohnten in dem verschwundenen Haus zu dritt zwei Zimmer; als meine Schwester zur Welt kam, wurde die Wohnung zu eng und wir zogen in eine Sozialwohnung in einem moderneren, ebenfalls recht unscheinbaren, aber schon deutlich häßlichen Haus in Giesing. Dort war ich nach meinem Auszug (mit achtzehn) bis zum Tod meiner Mutter unregelmäßig zu Besuch, und jedes Mal fiel mir auf, wie das Wohnen das Leben prägt. Als Kind hatte ich zum Beispiel nicht bemerkt, wie eng die Küche war: Man kann sich als Mensch, der nicht (mehr) dort wohnt, nicht umdrehen, ohne etwas umzuwerfen oder irgendwo anzustoßen, die niedrige Decke drückt auf den Kopf und die Raumwahrnehmung; man wird – wenn man dort wohnt – klein, was für Kinder, die dort groß werden (sollen), von nicht geringer Bedeutung ist.

Immerhin hatte ich dort mit vierzehn mein erstes eigenes Zimmer, noch kleiner als die Küche, weil vollgestellt mit Schreibtisch, Klappsofa, Chemielabor, vielen Büchern und dem Kleiderschrank der Familie – also abgesehen von Handtüchern und Bettwäsche dem meiner Mutter und ihres Lebensgefährten; meine Schwester hatte einen eigenen, und ich besaß neben zwei Hosen, drei T-Shirts, Socken und Unterwäsche nur die diversen Paraphernalien meiner Punk-Rock-Ausstattung, die im Klappsofa lagerten, weil sie sowieso versteckt werden mußten, um nicht im Zuge einer pädagogischen Vergatterung im Müll zu landen.

Mein Vater war inzwischen ausgezogen und bewohnte ein Einzimmerapartment in einem sehr modernen und häßlichen Haus, wo es einen Aufzug gab. Die Kabine war etwa halb so groß wie die Kochnische und die Schlafnische in dem Apartment, das dennoch und trotz der niedrigen Decke einen angenehm modernen Eindruck machte. Aus irgendeinem Grund roch es in dem Haus immer wie auf einem Bahnhofsklo, aber die beiden riesigen einteiligen Fenster waren zwar äußerst unpraktisch – wenn man sie öffnete, durchquerten sie fast das gesamte Zimmer, weshalb man alles Mögliche wegräumen und beim Aufstehen vom Sofa sehr vorsichtig sein mußte, weil sie sich nicht arretieren ließen –, aber eben auch sehr groß und ließen viel Licht herein.

Bildbeschreibung Bild: Die Corneliusstraße im Münchner Gärtnerplatzviertel 2019 (Fred Romero from Paris, France, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

In den späten siebziger Jahren fand mein Vater eine andere Wohnung in einem Altbauhaus im Gärtnerplatzviertel. So etwas kannte ich bislang nur von Besuchen bei Bekannten, die in der Geyerstraße ebenfalls in einem Altbau wohnten. Von dort erinnere ich mich an wenig, nur daß es auf dem Klo, das am Ende eines langen, ansonsten nutzlosen Schlauchs von Zimmer vor dem Fenster stand, das auf den Westermühlbach hinausging, immer kalt war und daß in dem Zimmer des Freundes, bei dem ich dort ein- oder zweimal übernachtete, mitten in der Nacht der kleine Kohlenofen ausging, woraufhin wir (gefühlt) stundenlang versuchten, ihn wieder anzuheizen, bis wir aufgaben, frierend unter die Decke schlüpften und morgens froh waren, in die Küche zu dürfen, wo der Ofen zuverlässig immer brannte.

Einen Ofen gab es weder daheim noch bei meinem Vater, ansonsten aber fast überall. Bei meinen Großeltern in Aubing wurde das Wohnzimmer nur bei Bedarf (abends) und das Schlafzimmer überhaupt nicht beheizt. Ein Bad gab es nicht, nur eine Dusche mit kaltem Wasser in der ebenfalls unbeheizten Waschküche, weshalb man sich im Winter (notdürftig) am Spülstein in der Küche wusch. Auch im Klo fror man sich im Winter buchstäblich den Arsch ab. Dafür brannte in der Küche den ganzen Tag über der große Herd, auf dem fast immer eine Pfanne mit Bratkartoffeln stand, aus der wir uns jederzeit bedienten, was einem Paradies ziemlich nahekam.

Bei meiner anderen Oma in Kleinhadern wurde samstags der Badeofen angeheizt. Das reichte, um die Wanne einmal zu füllen. In das annähernd kochende Wasser setzte sich zuerst mein Onkel, dann meine Tante, dann ich – aber erst nachdem ich hinunter vors Haus gescheucht worden war, um mit nackten Füßen durch den Schnee zu stapfen, wodurch das inzwischen lauwarme und undurchsichtige Wasser wieder wärmer wirkte – und am Ende meine Oma. Diese Art von Festivität fand nur im Winter statt; im Sommer (und unter der Woche) gab es kaltes Wasser am Waschbecken und einen Waschlappen.

Bildbeschreibung Bild: München-Schwabing, überzelteter Durchgang am Peterhof wegen des U-Bahn-Baus 1967 (Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 068506B / Fotograf: Willy Pragher, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Aber zurück zum Gärtnerplatz: Die Wohnung, die mein Vater dort bezog, lag im vierten Stock, hatte drei hohe Zimmer, eine Art Ankleidenische, Klo und eine kleine Küche mit einer Badewanne, die man unter der Spüle hervorziehen konnte. Das alles erschien mir unvorstellbar luxuriös. Der Blick in den Hinterhof ging auf das wegen des U-Bahn-Baus trockengelegte Bachbett und typische Relikte der Nachkriegszeit: viel Ziegel, Schutt und Schrott, diverse wackelige Schuppen, ein paar wilde Bäume und Sträucher, dazwischen Vögel, Ratten, Mäuse, Plunder, Müll und herumkletternde Kinder.

Die Miete kostete (wenn ich mich richtig erinnere) 120 Mark im Monat, was damals recht normal war. Der Speicher unter dem Dach war ein tief verstaubtes Durcheinander, das man mittels Dachluken mit Licht fluten konnte: eine Schatzkammer für ein Kind wie mich; und der Keller war dunkel und eher naß als feucht, da drückte die Isar hinein, die dreißig oder vierzig Meter weiter mindestens dreimal im Jahr Hochwasser führte. Wenn drunten die Trambahn vorbeifuhr, klingelten im Schrank die Gläser, und die alte Holztreppe knarzte bei jedem Schritt unterschiedlich bedenklich; trotzdem erschien mir dieses Haus lebendiger und … ja, freier als alle anderen Stadthäuser, die ich kannte.

Bald nach dem Einzug meines Vaters erkrankte die Hauseigentümerin unheilbar. Ich habe sie nie kennengelernt, aber sie muß ein guter Mensch gewesen sein: Um sicherzustellen, daß die Bewohner nach ihrem Tod im Haus bleiben könnten, verkaufte sie ihnen das Haus zum Grundstückspreis. Mein Vater erwarb die Wohnung und den darüberliegenden Teil des Speichers für einen niedrigen fünfstelligen Betrag in Mark. Allerdings war es dafür nötig, unsere Kindersparbücher – auf denen sich seit der ersten Klasse ein paar hundert Mark angesammelt hatten – heranzuziehen und einen Kredit aufzunehmen, der über etwa zehn Jahre hinweg abbezahlt werden sollte.

Der Speicher wurde zu einem Wohnraum ausgebaut, und dort zog ich mit achtzehn nach der generationsüblichen finalen pubertären Auseinandersetzung mit meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten ein. Zwar gab es anfangs weder Möbel noch sonst etwas außer spreißeligen ungeschliffenen Bodenbrettern und einer Matratze unter der Dachschräge, trotzdem erschien mir der Luxus nun kaum noch zu überbieten.

Anfang der achtziger Jahre verwandelte sich das Viertel außenrum: Wo zuvor eher ärmliche Leute gewohnt hatten und zwischendrin auch mal ein Haus leer stand, in dem sogenannte Penner bei dem Versuch, sich zu wärmen, ein Feuer gelegt hatten, wo anarchistische Studenten in schummerigen Spelunken mit alten Säufern und heruntergekommenen „Existenzen“ Schafkopf spielten und die noch halblegale Szene der Homosexuellen aufregende Läden mit geheimnisvollen Schaufensterauslagen betrieb, hielt nun die „Gentrifizierung“ Einzug. Häuser wurden erstmals seit hundert Jahren renoviert beziehungsweise abgerissen und durch moderne Betonklötze ersetzt (in einem solchen alten Haus zerlegte ich mit meinem Vater einen wunderschönen Kachelofen, den wir vorläufig in unseren Keller transportierten). Traditionsreiche Läden – etwa die „Deutschen Ersatzglieder-Werkstätten“ und ein kurioser Schraubenhändler, in dessen zehntausend Schubladen sich für jeden Zweck die richtige Schraube fand – verschwanden, aus Kneipen wurden „Bistros“ und Restaurants, unter der Tram fuhr nun die U-Bahn, und was übrig blieb – etwa das „Tanzlokal Größenwahn“ und die „Fraunhofer Schoppenstube“ im Nebenhaus, in der es wie auch in der „Bodega“ und im „Slivovitz-Keller“ ein paar Straßen weiter keine Sperrstunde gab –, verwandelte sich in Kuriositäten von touristischem Interesse, in denen die alte Stammbesetzung zunehmend von neugierigen Neuen verdrängt wurde. Aus unserer Stammkneipe (der „Burg Pappenheim“) verschwanden Klavier und Kohlenofen, wie generell eine oder zwei Generationen recht schnell im neuen Trubel versickerten und unsichtbar wurden.

Damit wurde auch das Wohnen zum Problem: Die Mieten schossen in die Höhe, weil die Hauseigentümer angesichts der Nachfrage sehr schnell jede Scham über Bord warfen. Zudem ließen die Stadt und der Staat in einem damals noch spektakulären Aufflammen von mafiöser Korruption eine Straße weiter ein ganzes Karree abreißen und dort das „Europäische Patentamt“ errichten, das häßlichste Gebäude im ganzen Viertel.

Bildbeschreibung Bild: Europäisches Patentamt mit Corneliusbrücke, 2013 (blu-news.org, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Freilich reden wir hier immer noch von den Achtzigern – der Turbowahnsinn von heute wäre damals nicht einmal im Traum vorstellbar gewesen. Die westdeutsche Gesellschaft spaltete sich zwar zusehends in Gewinner und Verlierer; zu den alten Ausbeutern gesellten sich neue (sogenannte Yuppies – also „Young Urban Professionals“, von denen viele lustigerweise ehemalige Sanyassins waren), zu den alten Ausgebeuteten ebenfalls (Tagelöhner, Arbeitsmigranten und junge Leute, die sich vom Arbeitsamt „Umschulungen“ in modischen „Berufen“ aufschwatzen ließen, die es bald darauf nicht mehr gab). Aber die Unterschiede waren, rückblickend verglichen mit heute, sehr gering. Erst mit dem Siegeszug des sogenannten Neoliberalismus explodierten Armut und Reichtum in epochalem Ausmaß. Heute gibt es dort, wo früher Postamt, Stehausschank, Tabakladen und Antiquitätenhändler waren, „Gated Communities“, bewacht von schwerbewaffnetem Personal, wo der Quadratmeter zehnmal so viel kostet wie dortmals ein fünfstöckiges Haus.

Ende der Achtziger zog ich aus dem Viertel weg. Ich hatte während der „Umschulung“ auf einen modischen Beruf (den es vielleicht noch gibt, den ich aber zum Glück nie ausüben mußte) eine Frau kennengelernt, die in Schwabing wohnte, und war bei ihr eingezogen. Unsere Wohnung im Parterre eines 1907 erbauten Hauses kostete 700 Mark; nachdem wir einen unangenehmen Untermieter losgeworden waren, bewohnten wir nun (samt Pflegekind) drei Zimmer plus selbstinstallierter Küche und Bad auf knapp siebzig Quadratmetern, was den Luxus sozusagen auf einen neuen Höhepunkt schraubte. Die Wohnung hatte ein paar Nachteile; unter anderem war sie seit dem ersten Verkauf des Hauses Anfang der fünfziger Jahre nicht mehr renoviert worden. Die drei alten Gasöfen ratterten, klapperten und stöhnten im Winter wie sterbende Großtiere und bekamen die Zimmer trotz den Winterfenstern, die sommers im Keller lagerten, kaum warm, zumal sie auch noch Berge von Wäsche trocknen mußten.

Aber die Vorzüge überwogen bei weitem, unter anderem die hohen Decken, die großen dreiteiligen Fenster, der Gasherd, der gegenüber den mittlerweile üblichen „Induktions- und Umluftherden“ eine ungeheure Erleichterung war, und der kleine, idyllische Hinterhof, in den man durchs Fenster steigen konnte. In unmittelbarer Umgebung (fünfzig Meter) gab es mindestens zehn Kneipen, die meisten sehr gemütlich, eine davon (der „Jennerwein“) ein legendärer Anarchistentreffpunkt, dessen Wirt die jeweilige Zeche nach Sympathie, Tagesform und verfügbarem Hosentascheninhalt über den Daumen peilte („Michi, paßt scho! Gib ma den Zwickel. Und du da, hey, dua an Hunderter her!“).

Eine Zwischenbemerkung: In den siebziger Jahren hatte München einen SPD-Oberbürgermeister namens Hans-Jochen Vogel gehabt, den niemand in meiner Familie ausstehen konnte – außer mir, aber das war vielleicht eine Trotzreaktion oder einfach nur Respekt; von Politik hatte ich als Kind ja kaum eine Ahnung. Ich schnappte auf, er sei ein „Technokrat“, der Autos mehr Rechte gewähren wolle als Menschen, die er am liebsten in Wohncontainer am Stadtrand verfrachten täte; zudem habe er mit den Olympischen Spielen die Stadt ruiniert und in einen Supermarkt verwandelt. Das Einzige, was man ihm zugutehielt, war, daß er theoretisch für eine Änderung der Eigentumsrechte an Grund und Boden (eine „Bodenreform“) eintrat.

Bildbeschreibung Bild: Hans-Jochen Vogel, Willy Brandt und Helmut Schmidt 1983 beim SPD-Wahlparteitag in der Dortmunder Westfalenhalle (Bundesarchiv, B 145 Bild-F064859-0020 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons)

Hier ist eine weitere Abschweifung nötig. Der Großvater meiner Kleinhaderner Großmutter war Landwirt und daher Grundbesitzer. Sein Hof lag dort, wo später der Flughafen Riem gebaut wurde. Als er 1923 starb, wurde nach dem üblichen Erbrecht verfahren: Der älteste Sohn erhielt den Hof, die jüngeren wurden „ausgezahlt“. Mein Urgroßvater erhielt fünfunddreißigtausend Mark in bar, was damals ein Vermögen war – allerdings nicht lange. Während er noch Angebote prüfte, um ein neues „Sachl“ zu erwerben, mit dem er seine Familie ernähren könnte, ging – wie meine Oma mir später erzählte – „das Geld kaputt“: Die Inflation im Sommer und Herbst 1923 bewirkte, daß das Erbe binnen weniger Wochen nur noch ungefähr so viel wert war wie ein Stück Würfelzucker oder eine Semmel – und wenige Tage später höchstens eine Millionstelsemmel. Als in den Achtzigern eine Schwester meiner Großmutter starb, fanden wir beim Ausräumen ihrer Wohnung das Erbe wieder – zweiundsechzig Geldscheine (Hunderter und Tausender) in einer zerlumpten Ledermappe. Ich bewahre es bis heute auf.

Bildbeschreibung Bild: Flughafen München 1937 mit einer Junkers 52 der Regierungsstaffel und KdF-Wagen VW Käfer (German Federal Archives, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Den Teil der Familie, der den Hof erbte und bald darauf für einen Wahnsinnspreis an die neue Naziregierung verkaufte, damit die ihren Flughafen bauen konnte, hat nie jemand von uns kennengelernt; es waren „andere Leute“, über die man auch nicht sprach.

Meine Aubinger Großeltern und ihre Vorfahren haben nie Grund und Boden besessen. Geheiratet hatte man bis etwa 1910 auch nicht – beim Lumpenpack war das nicht üblich, es gab ja nichts zu vererben. Der Vater meiner Oma war von Beruf Schweizer und daneben Volkssänger. Er zog nach Feierabend durch die Wirtshäuser der Vorstadt und sang querdenkerische Lieder, von denen keines überliefert ist. 1919 wurde er wegen seiner Teilnahme an der Räterevolution von Württembergischen Truppen standrechtlich erschossen, seine Frau wegen ihrer Ehe mit einem Kommunisten und Anarchisten für „erziehungsunfähig“ erklärt; die Kinder verteilte der neue Staat auf diverse Pflegefamilien. Von meinem Großvater ist in Sachen Herkunft nichts bekannt, wahrscheinlich war er ein uneheliches Kind. Zu ihrer Hochzeit im Herbst 1937 erhielten die beiden vom Bürgermeister Fiehler ein Exemplar von „Mein Kampf“ (das ich ebenfalls bis heute aufbewahre und seit meinem zwölften Lebensjahr mehrmals gelesen habe, um zu verstehen, was damals geschehen ist und wie es geschehen konnte) und zogen in eine Art Erdloch: ein Einzimmerhaus am Stadtrand, in dem es keinen gebauten Boden gab; man stand buchstäblich auf der Erde. Meine Mutter ist, wenn ich mich recht erinnere, noch dort geboren, ebenso wie ihre ältere Schwester und der ältere Bruder (der Onkel mit dem Photoapparat). Bald darauf fanden sie eine Einliegerwohnung in einem kleinen Haus in Neuaubing, in dem ich als Kind furchtbare Angst vor der Klospülung hatte, und in den frühen Siebzigern landeten sie schließlich in dem oben erwähnten alten Haus in Aubing, das dem Mann meiner Tante gehörte.

Das ist die Geschichte meiner Familie, was Grundbesitz angeht: Niemandem gehörte jemals irgend etwas. Der Boden, auf dem sie lebten, war immer fremd; sie konnten jederzeit vertrieben werden und wurden das auch immer wieder. Ein Bruder meiner Aubinger Oma (er hieß Theo) lebte als Knecht auf einem adeligen Gut im Mühldorfer Land und kam aus dem Krieg mit einem Bein weniger zurück. Die Zahl der bei der Knechtschaft geduldeten Kinder war begrenzt: Als meine Großtante Maria wieder einmal schwanger war (möglicherweise mit ihrer dritten von fünf Töchtern, die Zeit ihres Lebens unter den Folgen einer Erkrankung an Kinderlähmung litt), wurde die Familie des Hofs verwiesen und kam in einem alten Haus in dem Dorf Haun unter, wo Theo fortan ebenso wie einst sein Vater als Schweizer tätig war. Dort war ich zuletzt Ende der Achtziger, Anfang Neunziger, zunächst zu Theos Beerdigung. Das alte Haus, das sich tatsächlich seit den späten sechziger Jahren nur insofern verändert hatte, als es inzwischen ans Stromnetz angeschlossen war, machte einen unwirklichen, fast gespenstischen Eindruck: Meine greise Großtante (sie war älter als Theo und vor ihrer Ehe bereits einmal geschieden worden) lebte dort seit dem Auszug der letzten Kinder allein; in den leeren Zimmern hingen noch die Poster aus der Glamrockzeit an den Wänden. Bald darauf starb auch Maria. Der Gasthof Straßer – einst vielbesuchter Mittelpunkt des Dorfs und Inhaber der Viehwirtschaft, wo Theo als Schweizer gearbeitet hatte – öffnete mittlerweile nur noch an Wochenenden für eventuelle durchreisende Touristen und zu Trauerfeiern im Ort. Das Haus stand nicht lange leer, es wurde luxussaniert. Als ich 2008 mal daran vorbeifuhr, erinnerte es in nichts an seine Geschichte. Das ganze Dorf sieht heute aus wie eine beliebige Schlafsiedlung irgendwo zwischen der Ostsee und dem Schwarzwald: putzig, sauber, konkret und geheimnislos. Das Gasthaus gibt es (wohl) nicht mehr, man holt heute den Pizzaservice.

Mein Leben änderte sich 1989 grundlegend. Meine Freundin war ausgezogen, um zu heiraten und Kinder zu kriegen, ich (als „Untermieter“) mit einer neuen Freundin in der Schwabinger Wohnung geblieben. Eines Tages erschien der Vermieter und erklärte mir, ich sei hier illegal, das „Fräulein“ sowieso, weil im Mietvertrag eine Untervermietung ausdrücklich untersagt war. Wir hätten also die Wohnung schnellstmöglich zu verlassen, weil er diese zu verkaufen gedenke – das war die Quelle seines Einkommens: Er lebte mit seiner Frau auf Mallorca und reiste alle paar Jahre nach München, um eine der ererbten Wohnungen zu verscherbeln. Es gab für die Wohnung aber nur eine Interessentin: die Tochter eines Richters aus Schwaben, die von der „Bruchbude“ (Zitat des Vaters) recht angetan schien und ihn bei der Besichtigung auf diverse Details hinwies – etwa die schönen alten Fenster, in deren Rahmen sogar noch Granatsplitter aus dem Krieg steckten und wo sie ihre Bettstatt zu errichten gedenke. Die Fenster, erklärte ich, seien sehr undicht und zugig und die alten Öfen, die ihr aus unerfindlichen Gründen ebenfalls gefielen, gehörten mir, die nähme ich mit.

Am nächsten Tag rief mich der Vermieter an: Was mir einfiele, seinen Kunden die Wohnung „madig zu machen“. Ich solle mich vielmehr vom Acker verzupfen und ihm nicht ins Geschäft pfuschen.

Ich: „Wenn Sie Ihre Bude nicht loswerden, kaufe ich sie halt.“ Er: „Womit wollen Sie Hungerleider denn eine Wohnung kaufen! Das lache ich ja!“

Ich hatte das nicht geplant, es war ein Einfall aus dem Augenblick heraus, auch weil ich sehr schlecht gelaunt war. In den Tagen zuvor hatten wir diverse „Mieterberatungen“ besucht und dort aber nur erfahren, es sei für einen Arbeitslosen und eine Abiturientin ohne Studienplatz vollkommen unmöglich, eine Wohnung zu finden. Wir sollten einen Umzug in eine andere Stadt erwägen, etwa im Ruhrgebiet oder irgendwo, „wo nicht viel los ist“ (den Osten gab es als Option noch nicht).

Ich rief meinen Vater an und berichtete ihm von der spontanen Idee. Er stellte fest, daß seine Wohnung gerade (am nächsten Ersten) abbezahlt sein würde, erkundigte sich bei einer Bank, die einen Gutachter schickte, der einen Wert errechnete, der für einen Kredit oder eine Bürgschaft reichen würde.

Was folgte, ging sehr schnell: Es wurde verhandelt und gerechnet; am Ende stand ein Betrag von 225.000 Mark (der dem Vermieter in bar übergeben werden sollte) und auf meiner Seite die Verpflichtung, zunächst 1.600 Mark monatlich abzubezahlen. Das war mehr als das doppelte der bisherigen Miete – mehr, als irgendeine Wohnung im Haus und in der Umgebung kostete und auf den ersten Blick unbezahlbar, zumal mein Anspruch auf Arbeitslosengeld gerade auslief und ich auf Arbeitslosenhilfe umgestellt wurde: etwas um die 500 Mark, ich weiß es nicht mehr genau. Meine Freundin erhielt 100 Mark Kindergeld monatlich und wollte studieren. Ich mußte mir also einen Job suchen.

Weil ich so etwas noch nie getan hatte, schlug ich eine Zeitung auf und rief die erste Telephonnummer, die dort stand, an. Zwei Stunden später saß ich in einem Personalbüro im Hauptbahnhof und absolvierte mein erstes echtes „Bewerbungsgespräch“, drei Stunden später hatte ich einen Job als Lagerist einer Buchhandlung mit mehreren Filialen, der mir monatlich 1.600 Mark netto einbringen sollte. Hinzu kamen Sonderzahlungen für Wochenenden und Feiertage.

Es war – ich gestehe das gerne – ein schöner Job mit sehr liebenswerten Kolleginnen (tatsächlich arbeiteten dort außer den beiden Geschäftsführern nur Frauen) und ein paar Nachteilen: Das Lager hatte keine Fenster, lediglich weit oben zwei Dachluken, durch die man einen von Aluminiumgitter zerschnittenen Mikrohimmel sah, was mich – ohne daß ich es bemerkte – im Frühling, Sommer und Herbst in eine tiefe Depression warf. Außerdem spielte ich in einer Band, kam von Proben, Aufnahmen und Auftritten manchmal erst lange nach Mitternacht nach Hause und mußte dann um sieben Uhr früh im Lager am Hauptbahnhof sein, um riesige Gebirge von Kisten zu schleppen und Bücher auszupacken, zu sortieren und zu verteilen. Oder nicht „mußte“: Ich hätte auch um acht oder neun anfangen können, wollte aber nicht den ganzen Tag verpassen und verzichtete deshalb auch auf eine Mittagspause (mit mündlich erteilter Sondergenehmigung des Geschäftsführers, weil irgendwelche Tarifverträge und Arbeitszeitgesetze das eigentlich untersagten).

Nach fünf Jahren war die Abbezahlung der Wohnung so weit fortgeschritten, daß sich der zu zahlende Monatsbetrag auf 800 Mark halbierte. Das war sozusagen ein positiver Schock: Plötzlich schwammen wir (gefühlt) im Geld und mußten im Herbst nicht mehr in der Dämmerung in die Schleißheimer Gegend radeln, um bei der Ernte liegengebliebene Kartoffeln einzusammeln; plötzlich mußten wir kein „Kassenbuch“ mehr führen und konnten mehr als Mehl, Reis, Nudeln und ein paar Äpfel einkaufen. Weil ich (das hört sich irre an, ist aber wahr) mit dem Geld – ohne Auto, ohne Kinder, ohne Urlaubspläne – nicht wirklich etwas anzufangen wußte, begann ich zu sparen.

Das hatte zunächst einen sehr konkreten, aber auch irgendwie irren Grund: Nachdem ich etwa ein Jahr in dem Buchlager gearbeitet hatte, sagte mir eine sehr liebe Kollegin, ich solle mal in den Spiegel schauen – ich sähe fürchterlich aus und sei für ein solches Leben, wie ich es führte, nicht geeignet. Warum ich kein Studium anfangen wolle?

Das erschien mir so wahnsinnig, daß ich sofort beschloß, es zu probieren. Ich muß dazusagen, daß ich mich nach dem Abitur 1982 für Kunstgeschichte und Psychologie eingeschrieben und zwei Semester lang sogar diverse Vorlesungen und einen Grundkurs besucht hatte. Dann war mir das aber zu langweilig geworden, und weil ich mit Bands und einer Fernsehrolle viel zu viel zu tun hatte, war ich nicht mehr hingegangen und hatte die Sache vergessen. Nun war die Finanzierung zu klären, und nach einem langen Vormittag mit einem etwas verschrobenen, aber sehr hilfsbereiten Mitarbeiter des Studentenwerks wußte ich, daß ich auf den Tag genau lange genug gearbeitet, Arbeitslosengeld kassiert und Zivildienst geleistet hatte, um Anspruch auf Bafög zu haben, das ich allerdings nach dem Abschluß mindestens zur Hälfte zurückzahlen müßte. Zusätzlich konnte ich an Wochenenden und Feiertagen weiterhin im Buchlager arbeiten und das nicht benötigte Geld – eben – sparen, um schließlich irgendwann das gewährte Darlehen zurückzuzahlen. (Dazu demnächst mehr.)

Um die Leser nicht unnötig mit Details zu langweilen, springe ich nun ins Jahr 2003: Da erhielt ich ein Schreiben von einer Bank, in dem mir mitgeteilt wurde, für meine Wohnung sei nunmehr nur noch ein Restbetrag fällig, der demnächst abbezahlt sei. Weil ich es inzwischen haßte, Schulden zu haben, suchte ich meine Sparkassenfiliale auf und wies die zuständige Mitarbeiterin an, den Restbetrag auf einmal zu überweisen. Entsetzt erklärte sie mir, dabei machte ich einen „Zinsverlust“, was mir aber egal war. Nachmittags schrieb ich meiner Frau – ich war inzwischen zum zweiten Mal verheiratet, aber das ist eine andere Geschichte –, daß die Wohnung nun uns gehöre. Ganz ehrlich: Ich konnte das nicht fassen. Einige Stunden lang lief ich durch die Zimmer, betrachtete Wände, Tür- und Fensterrahmen, Böden, alte Bohrlöcher, wackelige Elektroanschlüsse, Öfen, Boiler, Möbel und konnte es nicht fassen.

Auf meinem Sparkonto hatte sich inzwischen einiges angesammelt, und meine Betrachtung der Gegebenheiten hatte einiges enthüllt. In den folgenden Monaten begann ich/begannen wir eine Renovierungskampagne, die im Grunde erst im Frühjahr 2025 abgeschlossen war und streng genommen noch einige Jahre weiterlaufen wird. Fenster wurden abgeschliffen und gestrichen, Raufasertapeten entfernt (und ein wunderschönes Deckengemälde freigelegt), Teppiche, Linoleum, Teerpappe herausgerissen (und uralte Parkettböden entdeckt), unfaßbar rätselhafte Elektroleitungen nur zum Teil entschlüsselt (und wieder zugegipst), Regale herausgerissen und neu erbaut, Wände von Dutzenden Farbschichten befreit und neu bemalt (mehrmals), und am „Ende“ stand jedes Mal wieder das Gefühl, nun endlich nicht mehr nur zu wohnen, sondern in Räumen zu leben. Ein (ich scheue mich, das Wort benutzen, aber es muß sein) Heim zu haben, samt mittlerweile vertrauter Heimat außenrum.

Dann kam mir eine neue Idee: Ich wollte einen Garten. Ein Freund hatte mir den Kleingarten eines Kollegen im Nymphenburger Schloßpark gezeigt, und dort hatte mich sofort eine unwiderstehliche Begeisterung gepackt. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Idee, einen solchen Garten zu pachten, nicht zu verwirklichen war – man mußte sich entweder nach einer jahrelangen Wartezeit für eine wesentlich weniger attraktive Parzelle irgendwo entscheiden oder weitere Jahre warten, ohne die geringste Aussicht, irgendwann doch noch in Nymphenburg „Erfolg“ zu haben –, faßte ich den Plan, ein Grundstück zu kaufen. Das durch Bescheidenheit, Konsumunlust und gewohnte Entbehrungen begünstigte Sparkonto hatte sich weiter gefüllt und war nun fünfstellig.

Eines Tages fragte mich meine zweite Ehefrau: „Hast du schon mitgekriegt, daß man jetzt im Internet Grundstücke kaufen kann?“ Zehn Minuten später hatte ich „Gartengrundstück München Schwabing Umkreis 10 Kilometer“ eingegeben und einen Vorschlag mit einem Bild erhalten. Weitere zehn Minuten später hatte ich einen Makler am Telephon. Ich: „Ich möchte das Grundstück vielleicht kaufen. Wie geht das?“ Er: „Was machen Sie gerade?“ Ich: „Nichts.“ Er: „Ich bin im Moment da. Wollen Sie vorbeikommen?“ Noch einmal zehn Minuten später stand ich auf dem Grundstück, das mir (schon wieder) als Paradies erschien. Es sollte 50.000 Euro kosten. Allerdings, teilte mir der Makler mit, werde direkt daneben der „Transrapid“ gebaut, ein damals modernes Verkehrsmittel, mit dem der bayerische Ministerpräsident Stoiber angeblich Fluggäste in zehn Minuten zum Flughafen schießen wollte. Das sei etwas ungünstig, weil der „Gleiskörper“ in sieben Metern Höhe stehen werde und beim Vorbeirauschen des Dings sehr unangenehme Geräusche entstünden.

Ein alter Freund arbeitete bei dem zuständigen Baukonzern. Ich rief ihn an und erfuhr, ein Bau des „Transrapid“ sei völlig ausgeschlossen. Bei dem ganzen Projekt gehe es nur um das Abgreifen von Subventionen, von denen ein nicht geringer Teil an CSU-Bonzen und Immobilienfürsten fließe. Die Firma wolle nicht bauen, weil das ja Geld koste und völlig unrentabel sei, zumal man dafür tausende Grundstücke enteignen müßte, samt Wohnhäusern, wegen des „Sicherheitsabstands“. Das könne sich auch die CSU nicht leisten. Ich fragte, ob er sicher sei. „Absolut“, sagte er.

Ich kaufte das Grundstück, einige Jahre danach ein mangels Zugang völlig unverkäufliches zweites daneben, und dann wurde der Transrapid-Plan überraschend aufgegeben. Der Makler rief mich an und meinte: „Da haben Sie ja großes Glück gehabt!“ Ich: „Nein, ich habe Ihren Job gemacht: recherchiert.“ Er gratulierte mir dennoch. Allerdings dürfe man da halt nicht bauen. Zum Glück, sagte ich.

Und damit sind wir beim Rätsel der Überschrift dieser Kolumne gelandet und werden es lösen. Keine Sorge, das dauert nicht mehr lang.

Mein Grundstück hat mich insgesamt etwas mehr als 100.000 Euro gekostet, die ich deswegen zur Verfügung hatte, weil ich mit viel Glück eine Wohnung kaufen konnte, weil mein Vater mit viel Glück eine Wohnung kaufen konnte. Das ist Glück mal Glück mal Glück mal Glück und so weiter, aber die eigentliche Pointe ist eine ganz andere.

Etwa hundert Meter von meinem Garten entfernt schlummert eine alte Siedlung, die mal so etwas wie ein Pionierprojekt war: eine Gartenstadt, etwa 21 Hektar groß, in den 1920ern in einen „Ödgarten“, einen Teil einer ehemals königlichen Fasanerie hineingebaut (woher sie ihren Namen hat: Eggarten). Familien sollten dort in selbst entworfenen, kleinen Häuschen wohnen, samt Garten, um sich zu ernähren. Es gab ein Wirtshaus, einen Sportverein, ein Lebensmittelgeschäft (auch für „Kolonialwaren“), und dann kamen die Nazis. Die wollten dort einen Rangierbahnhof für den Krieg im Osten bauen und enteigneten das gesamte Gelände. Der Rangierbahnhof, für den drei riesige Kiesgruben ausgehoben wurden (heute der Lerchenauer, der Fasanerie- und der Feldmochinger See) wurde nicht fertig, sondern schon als Baustelle heftig bombardiert, und endete an der Lasallestraße, dann war der Krieg aus. Die Siedlung blieb bewohnt, aber „zurückübereignen“ wollte man die Grundstücke den Bewohnern nicht – der Krieg gegen Rußland war ja nur unterbrochen und sollte eines Tages weiter- und zu Ende geführt werden, samt Rangierbahnhof.

Bildbeschreibung Bild: Der Lerchenauer See 1970 (Themanta, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Der wurde dann weiter draußen gebaut, es entspann sich ein jahrzehntelang wucherndes Geflecht von Korruption, Spekulation und Gemauschel, das sich kurz so summieren läßt: Wieder einmal sollte durch die Errichtung einer Batterie von Betonsilos Wohnraum geschaffen werden; die letzten Bewohner wurden vertrieben, die Bushaltestelle schon zuvor abgebaut, das inzwischen entstandene biotopische Ensemble an geschützten Tieren und Pflanzen mit kriminellen Mitteln vergrämt und (zum Glück noch nicht endgültig) vernichtet, und endlich stimmte die mittlerweile rot-grün beherrschte Stadt München der Bebauung zu – unter der Bedingung, daß dort auch „bezahlbarer Wohnraum“ entstehe, wofür Genossenschaften „eingebunden“ wurden. Wie man das übrigens schon kannte: Da gab es bereits mehrere andere Projekte, aus denen die Genossenschaften dann jedes Mal rausflogen, weil die Grundstückspreise kurz vor Baubeginn ganz plötzlich und unerwartet explodierten und die finanziellen Möglichkeiten der Genossen sprengten.

Und hier kommt die Pointe: Kürzlich schickte mir ein befreundeter Nachbar eine neue Schätzung der Grundstückspreise in unserer Gartengegend. Die Berechnung dauerte (wir sind jetzt modern) drei Sekunden: Mein Grundstück, das etwas mehr als 100.000 Euro wert war, ist jetzt angeblich 1,06 Millionen Euro wert. Es darf allerdings nicht bebaut werden; was das für die bebaubaren Grundstücke nebenan bedeutet, kann man sich denken. Was die Genossenschaften dazu sagen und ob sie etwas dazu sagen, weiß ich nicht.

Ich sage dazu dies: Ich bin kein Millionär und will auch nie einer werden, weil ich dafür nicht auf der Welt und in der Welt bin. Ich werde meine Wohnung (von der ich mir gar nicht vorstellen will, was sie – in Geld – „wert“ sein könnte) und mein Grundstück nie mehr hergeben, wie das der andere Sohn meines Ururgroßvaters einst getan hat, damit er Millionär wurde und ein Flughafen gebaut werden konnte, den es nicht mehr gibt und auf dessen Gelände heute „bezahlbarer Wohnraum“ in Form unbewohnbarer Betonkisten herumsteht.

Ich will meine Räume, mein Viertel, meine Bäume, meine Tiere, meine Landschaft um mich haben. Ich möchte Äpfel, Pfirsiche, Weintrauben, Kiwis, Zwetschgen, Mirabellen, Kakis, Nashis, Bohnen, Kürbisse, Melonen, Kräuter, Bitterorangen, Kirschen, Quitten, Spargel, Feigen, Walnüsse, Haselnüsse, Maronen, Himbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren ernten und verschenken, ich will dem Krach der Frösche und dem Konzert der Vögel lauschen, ich mag Hornissen, Bienen, Schlangen, Molchen, Käfern, Fuchs und Has gute Nacht und guten Morgen wünschen, im Winter vor einem der Holzöfen sitzen, Scheite aus dem Garten hineinlegen, den Blick in den Flammen versinken lassen und meine Ruhe haben.

Ist das ein Blick von unten? Ich bin mir manchmal, wenn ich – nach einer Stunde Schwimmen im See – in der Wiese herumliege, mit dem Fuchs oder einem Rotkehlchen plaudere und plötzlich bemerke, daß ich ein Teil der Welt bin, nicht mehr so ganz sicher. Aber irgendwo tief drin in mir steckt ein Wunsch, der sicher von unten kommt: Ich möchte in einer Welt leben, in der jeder Mensch das Recht hat, so zu leben, und in der all das, was dafür nötig war, nicht mehr nötig ist, um so zu leben. Der Mensch, denke ich manchmal, braucht ein Heim und eine Heimat, damit er nicht unterworfen und beherrscht werden kann. Was das in Geld wert ist, spielt keine Rolle.

Michael Sailer schreibt und und macht gelegentlich immer noch Musik. Er betreibt mit Franz Esser die Lese- und Musikbühne ‚Platz! der Freiheit‘ und denkt viel nach, über Oben & Unten und überhaupt über die Welt.

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