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Oben & Unten | 13.05.2026
Schreiben von unten
Ein autobiographischer Text, der in die Abgründe des Literaturbetriebs führt und zu ganz neuen Formen der Zensur.
Text: Michael Sailer
 
 

Seit ich denken kann, wollte ich Schriftsteller werden. Weil das eine meiner frühesten Erinnerungen an einen „Plan“ oder einen über den Augenblick hinausgehenden Wunsch überhaupt ist, weiß ich selbstverständlich nicht, wieso ich es wollte, nur noch daß. Ich kann auch nicht mehr sagen, wann das war. Schreiben und lesen lernte ich mit ungefähr vier Jahren, zweiteres freilich rudimentär und ersteres recht krakelig, aber sobald ich ungefähr wußte, wie es geht, begann ich Bücher zu schreiben.

Das heißt: Ich begann in Bücher zu schreiben. Es gab recht viele Bücher bei uns (ein ganzes Regal voll), in denen ich sehr gerne blätterte, vor allem wenn es neben Text auch Bilder zu betrachten gab. In manchen dieser Bücher stand viel zu wenig; das ergänzte und erweiterte ich handschriftlich, nicht immer zur Freude meiner Mutter, die zum Beispiel in ihrem einzigen wertvolleren Kunstband (etwas aus China, wenn ich mich recht erinnere) gerne weniger Schriftzeichen gehabt hätte, vor allem auf den Bildern.

Ich weiß, wie gesagt, den Grund für diese Obsession nicht, die mich sogar noch vor dem unbedingten Anspruch befiel, Popstar zu werden. Das weiß ich deshalb, weil, als ich fünf Jahre alt war, zwei Schallplatten ins Haus kamen, die mein Leben bis heute (wie man so sagt) prägen und deren Hüllen bemerkenswert weiß und leer waren: „Beggars Banquet“ von den Rolling Stones und „The Beatles“ von den Beatles. Wäre der Wunsch, Popstar zu werden, damals schon vordringlich gewesen, hätte ich selbstverständlich meinen eigenen Namen zur Liste der Musiker hinzugefügt. Tat ich aber nicht. Zwar wollte ich ausschauen wie wahlweise Keith Richards oder George Harrison (und ließ mir in den folgenden vier Jahren die Frisur dementsprechend stylen, bis Dave Hill von Slade dazwischenkam), ansonsten deren Musik aber vorläufig lieber hören als spielen. Allerdings stand, wie gesagt, auf den Hüllen viel zu wenig drauf, und das fügte ich hinzu, wobei mir entgegenkam, daß ich inzwischen auch Englisch konnte – allerdings ein Englisch, das im größten Teil der Welt unbekannt war und ist. Bei einigen der Texte, die ich da verfaßte, frage ich mich bis heute, was ich damit wohl meinte, bei anderen kann ich es mindestens erahnen.

Bildbeschreibung Bild: Keith Richards und George Harrison 1973 (Fotos: Dina Regine, CC BY-SA 2.0; Public Domain)

Als ich dann aber in die Schule kam und richtig amtlich schreiben lernte (obwohl meine Schrift laut Auskunft meiner Lehrerinnen „saumäßig“ beziehungsweise „ausreichend“ war), wuchs mein Anspruch, und so verfaßte ich mit sechs Jahren meinen ersten Roman. Er hieß „Der geheimnisvolle Pfarrer“ und spielte in einem fiktiven Dorf namens „Buchnwald“ (es war die Zeit, in der die Naziverbrechen langsam aufgearbeitet wurden, so wie man das in zwanzig Jahren vielleicht mit den „Corona“-Verbrechen tun wird, und da schnappte ich wohl dies und das auf). Die Handlung umfaßte einen Pfarrer, der in Schmuggelgeschichten verwickelt ist, deshalb ein schlechtes Gewissen bekommt und vor lauter Nervosität in seinem Sonntagsgottesdienst einen solchen Blödsinn erzählt und tut, daß er ungewollt zum Totschläger wird (mittels Totlachen); am Ende triumphiert selbstverständlich das Gesetz. Keine Ahnung, wie ich auf eine solche Geschichte kam – Krimis kannte ich damals noch nicht, und außer Donald Duck hatte ich so gut wie nichts wirklich gelesen.

Auf der Umschlagrückseite kündigte ich weitere Folgen der Reihe an, die aber nie erschienen, weil mir wohl die Lust an dem Genre verging. Oder nicht ganz, aber fortan verband ich die Pflicht mit der Kür (oder umgekehrt) und schrieb meine spekulativen Kriminalgeschichten um Spione, Einbrecher und geheimnisvolle Geschehnisse lieber als „Erlebnisaufsätze“, was mir von der Lehrerin die schriftliche Mahnung „Nicht so stark übertreiben, Michael!“ einbrachte, die meine Phantasie aber eher noch beflügelte.

Eine Abneigung gegen gewisse Formalitäten blieb mir erhalten. Als es in der vierten Klasse um den Übertritt aufs Gymnasium ging – den ich bevorzugte, weil das Asam-Gymnasium fünf, die Hauptschule an der Perlacher Straße hingegen zwanzig Gehminuten von zu Hause entfernt lag –, war ein Aufsatz zu verfassen, den wir zunächst mit Bleistift entwerfen und dann mit dem Füller in Schönschrift übersetzen sollten. Ich mochte meinen Füller (einen Pelikan mit sachgemäß verbogener Feder, mit dem ich heute noch schreibe und der den teureren Geha ersetzte, nachdem dieser bei einem seiner Nebeneinsätze als Raumschiff eine Havarie erlitten hatte), aber einen Aufsatz zweimal zu schreiben, das erschien mir als unzumutbare Zumutung. Also trödelte ich so lange herum, bis die drei Schulstunden vorüber, ich aber noch nicht „fertig“ war und die Rohversion abgeben durfte. Die einzige Eins in der Klasse bekam ich trotzdem.

Bildbeschreibung Bild: Füllhaltertinte aus den 1950ermn, aufgenommen im Heimatmuseum Neuhaus (Oste) (Foto: Oxfordian Kissuth, CC BY-SA 3.0)

Am Gymnasium wurde ich nach einem Schuljahr Eingewöhnungszeit Journalist. Das heißt: Chefredakteur und weitgehend einziger Autor einer „Klassenzeitung“, die alle paar Wochen handschriftlich in einem Exemplar erschien und neben Science-Fiction-Episoden, Fußballberichten, Comics und Witzen vor allem Artikel über „Mißstände“ an der Schule und in der Klasse enthielt, für die ich mich meistenteils heute noch schäme, weil sie stilistisch nicht über das Niveau der Bildzeitung (damals so etwas wie der journalistische Antichrist) hinausreichten und mit Zeigefingern (heute könnte man sie „moralisierend“ nennen) nur so um sich warfen. Später wurde daraus eine getippte und gekritzelte Zeitschrift einer Jugendgruppe, die fast hundertmal erschien, um die fünfzig Leser hatte und für die ich manchmal fünfzig Artikel pro Woche schrieb, auch weil mich die Schule ansonsten nur punktuell interessierte, ich mich aber notenmäßig immer irgendwie durchzuschwindeln wußte. In dieser Zeitung fanden sich unter anderem Zeug auch meine ersten „politischen“ Artikel, weil ein guter Freund und „Mitarbeiter“ in Klasse acht oder neun gerade Neonazi wurde und wir unsere diesbezüglichen Streitereien (ich betrachtete mich als linksradikalen Anarchisten) gerne schriftlich austrugen.

Daneben schrieb ich wie manisch anderes Zeug: Science-Fiction-Geschichten, Phantasieerzählungen, Tagebücher, Gedichte, Songtexte für die Band, die ich mit dreizehn gründete … Und jetzt drängt sich die Frage auf: Was hat das alles mit „unten“ zu tun?

Das weiß ich auch nicht so genau. Der nächstliegende Anknüpfungspunkt ist vielleicht der, daß ich niemals, zu keinem Zeitpunkt damit rechnete, mein Zeug könne jemals in einem Verlag oder auch nur in einer „echten“ Zeitung oder Zeitschrift erscheinen. Tatsächlich brachte ich in den drei „offiziellen“ Schülerzeitungen, die nach- beziehungsweise nebeneinander an unserer Schule erschienen, nur einen einzigen Text unter: einen Leserbrief zu meinem Abschied als Schülersprecher, kurz vor dem Abitur. Alles andere, was ich den etwas hochnäsigen Redakteuren anbot, wurde belächelt und als zu radikal, zu irre, zu abseitig, zu direkt, zu unverständlich, zu was weiß ich abgelehnt. Man blieb da gerne unter sich und bei seiner als seriös empfundenen „Linie“, wie man das im „Medienbetrieb“ kennt. Ob jemand davon später tatsächlich „was mit Medien“ machte, weiß ich nicht.

Weil mir mit achtzehn nichts einfiel, was ich studieren oder werden wollte (außer Popstar, womit ich „hauptberuflich“ sowieso beschäftigt war), gab ich zwei Jahre lang ein „Fanzine“ heraus, das nun schon in Hunderterauflage erschien und wiederum hauptsächlich von mir vollgeschrieben wurde. Das war indes mit einer Menge un- bis höchstens halbkreativer Mühe verbunden: tippen, abtippen, zerschneiden, zusammenkleben, kopieren, heften, in Plattenläden radeln und mit den Inhabern verhandeln, kassieren und Rechnungen verschicken – das war mir nach vierzehn Ausgaben zu viel „Drecksarbeit“; deshalb beschloß ich, mich an der Münchner Journalistenschule anzumelden.

Das konnte man jedoch nicht: Ich erfuhr, daß man dazu im Grunde schon Journalist sein mußte, indem man nämlich zu einem vorgegebenen Thema einen Artikel oder eine Reportage zu verfassen hatte. Aufgenommen würden dann nicht etwa die Bewerber, die – was logisch gewesen wäre – das noch nicht konnten, sondern nur die, die es am besten konnten. Das Thema, das man mir stellte, interessierte mich so wenig, daß ich es längst vergessen habe. Ich phantasierte einen halbherzigen „Bericht“ zusammen, der auf erfundenen Recherchen beruhte, erfundene Zitate und Fakten enthielt und sich laut Auskunft einiger Probeleser „toll“ las, und wurde erwartungsgemäß abgelehnt. Später erfuhr ich, daß man an dieser „Schule“ sowieso nur durch „Connections“ und familiäre oder sonstige Voraussetzungen einen Platz ergattern konnte, was mir aber egal war, weil ich ja nun wußte: Was dort zu lernen war, wußte ich bereits oder wollte es sowieso nicht lernen. Im Laufe der Jahre begegnete ich einigen Leuten, die die Schule besucht und ganz offensichtlich überhaupt nichts gelernt und folglich auch vorher nichts gekonnt hatten, was den Verdacht bestätigte.

Bildbeschreibung Bild: Deutsche Journalistenschule München auf der re:publica 2017 (Foto: Jan Zappner, CC BY-SA 2.0)

Später wurde ich übrigens doch noch Journalist, allerdings durch eine Verkettung von Zufällen: Weil ich Geld brauchte, bot ich einem Freund (der Redakteur war) an, ein paar Plattenkritiken zu schreiben, schrieb dann auf seinen Wunsch hin sehr viele Plattenkritiken und wurde eingeladen, selber Redakteur zu werden. Man fragte mich, ob ich Erfahrung im Umgang mit Computern hätte, ich sagte ja (was streng genommen gelogen war) und schob an meinem ersten Arbeitstag eine Floppy-Disc verkehrt herum ins Laufwerk, was umfangreiche Reparaturen nach sich zog.

Ein paar Jahre lang flog ich dann in der Welt herum, führte Interviews, schrieb Reportagen und alles mögliche, bald auf Anfrage für alle möglichen anderen Zeitungen und Zeitschriften, und nachdem ich erfahren hatte, daß Photographen viel mehr verdienen als Texter, kaufte ich mir eine Nikon F2 und machte auch meine Photos selbst.

Bildbeschreibung Bild: Nikon F2 (Foto: Runner1616, CC BY-SA 2.0)

Am meisten wünschte ich mir aber eine regelmäßige Kolumne, in der ich noch mehr als sonst – nämlich ausschließlich – schreiben konnte, was mir gerade durch den Kopf ging, und auch dafür fand ich einen Platz. Die Kolumne heißt „Belästigungen“ und erscheint bis heute, seit bald dreißig Jahren, aber längst nicht mehr am ursprünglichen Ort, sondern aufgrund meiner sturen Weigerung, mich vorgeschriebenen „Linien“ und dem Zeitgeist zu unterwerfen, nach mehreren Umzügen und Hinauswürfen nun beim freigeistigsten Sender des Landes, Radio München, sowie bei Manova und auf meinem Blog.

Auch hier erwies sich meine Sturköpfigkeit: Als ich im Sommer 1996 während meiner Arbeit als Buchhandelslagerist am Münchner Hauptbahnhof die ersten zwei Folgen geschrieben, aber noch niemandem zum Abdruck angeboten hatte, schwebte mir bereits eine Buchausgabe vor, die (äußerlich) der schmucken Nabokov-Edition des Rowohlt-Verlags ähneln, nur wesentlich mehr Bände umfassen sollte. Sieben davon sind erschienen, aber selbstverständlich nicht bei Rowohlt und auch in keinem anderen Verlag, geschweige denn als Leinenhardcover in Bleisatz und Fadenheftung mit Farbschnitt und Lesebändchen.

Als „wirkliches Schreiben“ (oder sagen wir: „Verfassen“) geht so etwas indes bekanntlich eh nicht durch; da muß schon von den zuständigen Instanzen „Literatur“ draufgestempelt werden, und als solche gelten Kolumnen höchstens in Ausnahmefällen und frühestens hundert Jahre nach ihrem Erscheinen. Ich schrieb aber ja auch noch weiterhin Kurzgeschichten, und Ende der Achtziger beschloß ich, das „ernst“ zu meinen. Es gab bereits eine Sammlung von „Prosaskizzen“, die unter dem Titel „Zurück ins Reich der Schatten“ zum Glück nur in einer Auflage von zwanzig photokopierten Exemplaren erschienen war und hoffentlich bis auf mein mahnendes Belegstück – das ich hin und wieder errötend aufschlage – vom Erdboden verschwunden ist.

Der Literaturbetrieb – das konnte ich nicht ahnen – war eine andere Nummer als das Filmgeschäft (das ich über eine Hauptrolle in einer schlechten Fernsehserie schon kannte) und der Medienzirkus (dessen obere Etagen, in denen sich dem Peter-Prinzip folgend die dümmsten und eingebildetsten Hornochsen zum Prosecco versammeln, ich erst Jahre später ansatzweise kennen und verspotten lernte). Auch hier blieb man unter sich und zelebrierte die eigene Wichtigkeit; hinzu kam indes ein sozialer Dünkel, der in sozusagen reziproker Manier dem ähnelte, was ich (größtenteils aus der Außensicht) von jugendlichen Rabaukenbanden in Giesinger Hinterhöfen kannte: Da kam man nur hinein, wenn man schon drinnen war.

Bildbeschreibung Bild: Michael Sailer im Februar 2026 beim Gespräch mit Michael Meyen

Nachdem ich einige Jahre lang projektierte Textsammlungen an diverse Verlage, die mir würdig erschienen, geschickt und nur sehr sporadisch offensichtlich tausendfach kopierte Ablehnungsschreiben erhalten hatte, war mir die kurzzeitig aufgeflammte Hoffnung auf Einlaß in den elitären Zirkel der Literaten schnell wieder vergangen. Daß ich es weiterhin versuchte, lag wohl an einer Art Pflichtgefühl: Ich wollte mir nicht irgendwann in ferner Zukunft vorwerfen müssen, ich hätte irgend etwas nicht versucht. Zudem – das erfuhr ich ja in meinem beruflichen Alltag und inzwischen (in den frühen Neunzigern) auch als Student der Germanistik und Geschichte – erschienen dermaßen viele Bücher, von denen die allermeisten höchstens mittelmäßiges Fließbandzeug waren, daß es mir nicht in den Kopf wollte, weshalb in diesem Massenheer von Schreibern ausgerechnet für mich kein Plätzchen freizuräumen sein sollte.

Aus einer Laune und dem unbewußten Drang heraus, eine Phase meines Lebens aus der schmerzenden Erinnerung in eine Art Museum auszulagern, schrieb ich ungefähr zu dieser Zeit den irgendwann angefangenen Roman mit dem Titel „Die Verrückten stehen in der Sonne“ zum ersten Mal fertig und stand unvermittelt vor einem neuen Problem: Das Ding lag mir sehr am Herzen, ich befand es aber für eine Veröffentlichung als zu persönlich und … wie soll ich das nennen? „Unliterarisch“? Es blieb vorläufig in einer Schublade mit vielen begonnenen und aus diversen Gründen abgebrochenen Versuchen liegen.

Statt dessen verschickte ich weiter Kurzgeschichten. Durch Zufall (ich weiß nicht mehr welchen) erfuhr ich, daß es für literarische Bemühungen einigermaßen junger „Nachwuchsautoren“ finanzielle Förderung in Form eines Literaturstipendiums der Stadt München gab, was zu einem erneuten Aufflammen der Hoffnung führte, weil ich keine Ahnung hatte, daß die Jury dieses Stipendiums ein noch elitärerer Haufen war als die Verlagslektorate, an denen ich mir bislang die Zähne ausgebissen hatte. Weil in dieser Jury nämlich die gleichen Lektoren saßen, die es als weit unter ihrer Würde empfanden, unverlangt eingesandten Typoskripten auch nur einen zufälligen Blick zu gönnen. Statt dessen versuchte man, hauseigene Favoriten, deren Bücher aus nachvollziehbaren Gründen niemand lesen wollte, auf diese Weise wenigstens einmal in die hinteren Randspalten der – wiederum noch elitäreren beziehungsweise komplett desinteressierten – Tageszeitungen hineinzuschieben.

Das Stipendium gab es alle zwei Jahre. Mein erster Versuch erntete ein photokopiertes Trostschreiben. Es hätten sich leider so viele Bewerber beworben bla bla und man wünsche mir für die Zukunft dies und das. Immerhin lud man mich zu einer Veranstaltung im Hinterzimmer eines Wirtshauses ein, wo die Ausgewählten sich und ihre Werke vorstellen sollten. Dort erlebte ich im wesentlichen das, was ich erwartet hatte: Die Texte waren schlecht und voller Stilblüten (ich machte mir ausgiebig Notizen), die einführenden Präsentationsarien unerträglich langweilig und mit typischen peinlichen Klappentextphrasen gespickt, die Preisträger sensibel, blaß, karikaturartig eingebildet und nicht in der Lage, auch nur einen Satz fehlerfrei vorzulesen. Das Publikum bestand aus zwei oder drei Praktikanten der Lokalpresse, der gesamten Verwandt- und Sippschaft der Stipendiaten und den abgelehnten Bewerbern, die sich erstaunlicherweise alle irgendwie zu kennen schienen und sich – was ich noch erstaunlicher fand – nicht etwa abfällige, sondern hochachtungsvolle Bemerkungen über die Vorträge zuraunten.

Daß ich niemanden kannte und mich niemand kannte und auch nicht kennenzulernen versuchte, empfand ich als selbstverständlich. Ich trank so viel von dem kostenlos ausgeschenkten Bier, wie ich konnte, ohne ausfallend zu werden oder jemanden in die Ecke zu rempeln; der Rest der Belegschaft blieb bei Wasser und gönnte sich nur zum kurzen Netzwerkanbahnungsgeplauder im Nachgang ein Gläschen Sekt mit Orangensaft. Auch da sprach niemand ein Wort mit mir. Man schien mich für etwas zu halten, was sich in der Tür geirrt hatte und zufällig in die Veranstaltung hineingerutscht war wie ein verirrter Fußballrowdy in eine Opernpremiere: möglicherweise ein Stammgast der Kneipe oder irgendwas von weiter draußen.

Das ganze Theater machte mich so zornig und trotzig, daß ich aus meinen Notizen einen derben Verriß über den Abend und die Literatur insgesamt tippte, dann aber doch nirgendwo hinschickte. Einige der Textauszüge, die ich gehört hatte, erschienen später tatsächlich als Bücher, wobei ich erstaunt feststellte, daß Lektoren offenbar doch recht tüchtig arbeiteten: Ich erkannte keinen Satz wieder. Ich war aber auch recht froh, daß ich noch nie solche Sätze geschrieben hatte, und sicher, daß ich das nie tun würde.

Damit sind wir vielleicht bei dem angelangt, was ich mit „Schreiben von unten“ meine. Man könnte es auch „Schreiben von draußen (oder heraußen)“ nennen, wobei das „von“ in diesem Fall eher stört. Ich kann das nicht näher beschreiben als so, jeder andere Versuch führt in die Irre: Freilich wollte ich Leser, aber nicht diese Leser, wobei ich gar nicht wußte (und weiß), wer „diese“ Leser gewesen wären. Daß ich in den Literaturbetrieb (wie ich ihn nun tatsächlich nannte) absolut nicht hineinpaßte, war mir bei der persönlichen Begegnung schlagartig klargeworden; ich fand aber auch in dem kaum zu überblickenden Sortiment in unserem riesigen Buchlager nie ein einziges Buch, das so war, wie ich schreiben wollte, oder das ich gerne geschrieben hätte. Außer Nabokov und John Fante, die ich damals obsessiv las, bei denen ich mir aber sicher war, daß ich nie so schreiben würde können.

Bildbeschreibung Bild: Vladimir Nabokov – Graffiti in Opatija (Foto: Henry Kellner, CC BY-SA 4.0)

Zwei Jahre später hatte ich den peinlichen Stipendiatenabend längst vergessen, als ein amtlich aussehender Brief im Briefkasten lag: ein (wieder einmal kopierter) Hinweis auf die nächste Runde der Literaturstipendien, für die ich mich bewerben könne, wenn ich wolle. Leider wollte ich zwei Tage später nach Italien fahren und erst eine Woche nach dem Abgabetermin zurückkehren. Also zog ich, weil ich mir sowieso nicht die geringste Hoffnung machte, den inzwischen gealterten Roman aus der Schublade, kopierte ein paar Seiten daraus fünfmal, steckte den ganzen Papierhaufen mit einer ironisch zusammengeschwurbelten, vier oder fünf Sätze kurzen „Projektbeschreibung“ samt Autobiographie in einen Umschlag, schickte ihn ab und dachte nicht mehr dran.

Als ich aus dem Urlaub zurückkam, erfuhr ich per Telephon, ich sei als einer der fünf Stipendiaten ausgewählt worden und müsse umgehend ein Photoportrait einreichen, damit die entsprechende Broschüre gedruckt werden könne. Man sei spät dran, weil man mich nicht erreichen habe können. Ob ein Paßbild aus dem Automaten genüge? (nach längerem Zögern:) Na gut, ausnahmsweise. So gelang es mir auch in diesem Fall (ohne daß ich das bewußt gewollt hätte), mich von den anderen Autoren – die offensichtlich professionelle Photographen aufgesucht hatten – schon rein optisch zu unterscheiden und aus der Reihe zu fallen.

Bei der „Besprechung“ mit der Jury, die (neben einer fünfstelligen Summe in Mark) im Stipendium inbegriffen war, erfuhr ich, daß sämtliche Juroren (einige Verlagslektoren plus eine Dame von einer Literaturinstitution) meinen Text grundsätzlich und vehement abgelehnt hatten und haßten – mit zwei Ausnahmen: Ein etwas gestelzter jüngerer Mann von einem alteingesessenen Münchner Verlag, der sich seit einiger Zeit bemühte, „modern“ zu wirken, erklärte mir, er finde den Text nicht gut, man könne aber eventuell „etwas daraus machen“, nur leider nicht in seinem Verlag, weil er sich „so etwas noch nicht traue“. Und dann gab es noch Klaus Siblewski, den Cheflektor des Luchterhand-Verlags, der meinen Roman befürwortet und gegen alle Widerstände „durchgekämpft“ hatte, indem er den „Joker“ zog, der jedem Juror zustand. Leider mußte mir auch Herr Siblewski später mitteilen, es sei ihm nicht gelungen, das Buch „in seinem Haus durchzusetzen“. Da war ich vielleicht zum letzten Mal ein kleines bißchen enttäuscht.

In den folgenden Wochen und Monaten schickte ich den Roman an sämtliche Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz, deren Adressen ich auftreiben konnte. Es waren weit über hundert, wobei ich mir mit der Zeit jeglichen Rest von Scham und Ressentiment austrieb und nicht einmal Bastei, Moewig und Bertelsmann ausließ. Im Anschreiben erwähnte ich das Literaturstipendium sehr prominent und unterließ den Hinweis, daß ich nur einer von fünf „Preisträgern“ war. Möglicherweise deshalb war diese kostspielige und zeitraubende Arbeit außergewöhnlich erfolgreich: Ich erhielt etwa zwanzig Ablehnungsschreiben, von denen – neben dem von Klaus Siblewski, der eine Postkarte schickte – drei sogar individuell formuliert und mit der Hand unterschrieben waren. Ein österreichischer Verlag, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte (und seitdem auch nie wieder gehört habe) attestierte dem Roman, er sei ein einziger Haufen Schund über Sex und Drogen, der zwar leidlich an Bukowski erinnere, den es aber halt schon gebe und der das viel besser könne. Ich merkte, wie mir an dem imaginären Organ, mit dem ich mit dem Literaturbetrieb hantierte, eine Hornhaut wuchs. Ebenfalls im Stipendium enthalten war eine Lesung im Münchner Literaturhaus, wo zudem der damalige Kulturreferent Nida-Rümelin eine Laudatio halten sollte. Leider merkte man der Rede an, daß Herr Nida-Rümelin nicht nur keine Zeile von meinem Text gelesen, sondern auch nie ein Wort mit mir gesprochen hatte (im Gegensatz zu den anderen Autoren, mit denen er auch an dem Abend flüchtig und höflich plauderte). Die Veranstalterin bat mich vor der Lesung, eine ganz bestimmte Stelle in meinem Roman auf keinen Fall vorzutragen, weil sie übelkeiterregend, widerlich und gänzlich unliterarisch sei. Ich fand die Passage jedoch recht witzig und die Dame ziemlich blöd und las deshalb genau diese Stelle und nichts anderes. Das Publikum applaudierte verhalten, aber immerhin hörbar.

Bildbeschreibung Bild: Julian Nida-Rümelin 2013 (Foto: Heinrich-Böll-Stiftung, CC BY-SA 2.0)

Als mir keine Verlage mehr einfielen und auch keine Ablehnungsschreiben mehr eintrafen, gab ich die Sache auf und machte mal wieder was anderes, was sich zufällig so ergab: Ein Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung rief mich an. Er hatte meine „Belästigungen“ gelesen und fragte, ob ich Lust hätte, für sein Blatt (oder vielmehr dessen „Münchner Seiten“) eine ähnliche Kolumne zu schreiben. Wir trafen uns auf ein paar Bier, schwadronierten und lachten einen langen Abend lang und sind bis heute beste Freunde. Der Kolumne gab ich den Titel „Schwabinger Krawall“ und lästerte darin (wie man so sagt) „genüßlich“ und mit angemessen gebremster Polemik über Münchner Phänomene und Sauereien.

Nach einigen Wochen zeigten sich einige Redakteure unzufrieden und meinten, das sei ja nur eine verkleinerte Version meiner „echten“ Kolumne und ob man da nicht was anderes, etwas „Eigenes“ machen könne. Weil mir die „Münchner Seiten“ in Windeseile ans Herz gewachsen waren und ich nicht von Bord fliegen wollte, erfand ich aus dem Stegreif ein Ensemble von (wie ich fand) typischen Schwabinger Figuren zwischen grummeligem Bierdimpfel, „Szene“-Adabei und schwer erziehbarem Bams und ein neues „Format“, das dem Titel viel besser entsprach und sich unerwarteter Beliebtheit erfreute, weshalb man mich auch noch einlud, Redakteur zu werden.

Leider wurden die „Münchner Seiten“ kurz nach meiner Vertragsunterzeichnung auf Geheiß einer Unternehmensberatung eingestellt. Die „Kolumne“, die nun eine Serie von rumpelig-komischen Kurzgeschichten war, fand Asyl auf der letzten Seite der taz, deren Redakteur allerdings die unangenehme Gewohnheit hatte, meine Pointen nicht zu verstehen und sie aus Platzgründen herauszukürzen, ohne mich zu konsultieren. Als die taz 2013/14 immer unerträglicher wurde, verging mir die Lust, und so „kündigte“ ich sozusagen stillschweigend, indem ich einfach keine Texte mehr schickte. Es fiel nicht groß auf.

Ich stelle gerade fest, daß ich keine Ahnung habe, worauf dieser Text hinausläuft, aber jetzt bin ich schon mal am Erzählen, also erzähle ich weiter.

2006 rief mich die Veranstalterin einer … wie nennt man das? … „Kulturreihe“ an: Sie wolle im Rahmen ihrer Reihe einen „bayerischen Abend“ organisieren und suche dafür neben Liedermachern auch etwas „Literarisches“. Der „Schwabinger Krawall“ sei ihr empfohlen worden, ob ich da etwas vorlesen wolle? Ich hatte mir mittlerweile (oder ehrlich gesagt: schon immer) angewöhnt, kein Angebot abzulehnen, und wurde dadurch also zum „Bühnenliteraten“: Einer der beteiligten Liedermacher begann bald darauf eine wöchentliche „Mixed-Show“ zu moderieren, lud mich dazu ein und lud mich danach jeden Montag ein. Inzwischen war ich nicht mehr wirklich Musiker (weil meine Band aufgrund ihrer „kontroversen Haltung“ so gut wie nirgendwo mehr spielen durfte) und stellte fest, daß es mir ungeheure Freude bereitete, ganz ohne Instrument und Soundcheck auf der Bühne zu stehen, jede Woche neue Texte vorzulesen, Blödsinn zu erzählen und in Applaus und tosendem Gelächter zu baden. Das ist ein Zeichen für galoppierenden Narzißmus, aber wie man weiß, ist Narzißmus nicht heilbar. Andere Bühnen luden mich ein, ich sagte nie ab, und 2007 wurde ich gefragt, ob ich nicht bei einer wöchentlichen Lesebühne mitmachen wolle, als Stammautor, was ich selbstverständlich tat, vierzehn Jahre lang, bis ich wegen „2G“ das Lokal, in dem die Veranstaltung stattfand, die ich inzwischen organisatorisch und technisch praktisch allein leitete, plötzlich nicht mehr betreten durfte und also wieder „unten“ (oder „draußen“/„heraußen“) war.

Mit der „richtigen“ Literatur blieb ich ebenfalls „in Kontakt“, zumindest punktuell. Anfang der Nullerjahre, nachdem mir durch Zutun eines lieben, leider verstorbenen Freundes, der für eine Tageszeitung schrieb, auch noch der „Schwabinger Kunstpreis“ zugeschustert worden war (wodurch meine Oma zu ihrer grenzenlosen Freude Gelegenheit bekam, den Münchner Oberbürgermeister kennenzulernen), erhielt ich die Einladung zu einem „Romanseminar“ in einem „Literaturhaus“, das von Juli Zeh und dem Verlagslektor Jo Lendle geleitet werden sollte. Um etwas vorzuweisen, zog ich wiederum einen zwischendurch liegengebliebenen Romanentwurf (der aus ähnlicher Motivation entstanden war wie der erste) mit dem Titel „Wegerichs Heft“ aus der Schublade und diskutierte einige Tage lang mit Menschen, mit denen ich nicht allzu viel und die mit mir nichts zu tun haben wollten, über Texte, die ich größtenteils fürchterlich fand, und meinen Text, den die anderen fürchterlich fanden. Es gab auch eine „Gastdozentin“, die bei Suhrkamp veröffentlichte, etwas aus ihrem Werk vortrug und kein Wort mehr mit mir sprach, nachdem ich ihr zu erklären versucht hatte, daß ein Blick nicht „fließen“ kann, schon gar nicht einen Türrahmen entlang.

Der Verlagslektor Lendle wiederum erklärte mir, er wisse lediglich von einem einzigen „unverlangt eingesandten“ Manuskript, das jemals als Buch erschienen sei. Auf meine Frage, wie man als Autor denn sonst einen Verlag finden könne, wußte er keine Antwort. Er selbst veröffentlichte in unterschiedlichen Verlagen (allerdings, dies sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, nicht in seinem eigenen). Jahre später schickte er mir eines seiner Bücher zum Korrekturlesen. Ich strich etwa dreitausend falsche Konjunktive an; er meinte, das alles zu ändern, sei zu viel Arbeit und sowieso sei der falsche Konjunktiv laut „Duden“ nun „erlaubt“, also nicht mehr falsch. Unsere lose Beziehung endete 2024, als er mir auf Facebook in wütendem Furor attestierte, ich sei (nicht wörtlich) vollkommen verrückt geworden, weil ich nicht nur nicht „an Corona glaube“, sondern nun auch noch „die Correctiv-Recherche“ in Zweifel ziehe. Seitdem habe ich kein Buch aus seinem Verlag mehr in die Hand genommen. Freilich, jeder hat seine Ressentiments, es ist aber auch so, daß Literatur als Angebot einer Welt, die es objektiv nicht gibt, eine Art „Grundvertrauen“ voraussetzt und man von einer Straßenlaterne nicht erwartet, daß sie im Sommer Kirschen trägt. Ohne daß man das an jeder Laterne jedes Jahr aufs Neue überprüfen müßte.

Bildbeschreibung Bild: Juli Zeh 2018 auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: Sven Mandel, CC BY-SA 4.0)

Mit Juli Zeh hatte ich als tatsächlich einziger Protagonistin des „Betriebs“ mehr Glück: Wir trafen uns noch mehrmals zu sogenannten „Romanseminaren“, wobei mir empfohlen wurde, den zweiten Teil (von drei) des Romans komplett zu tilgen und durch „etwas anderes“ zu ersetzen. Ich wehrte mich nach Kräften, fuhr danach nach Hause, löschte den zweiten Teil, erfand eine völlig neue Geschichte und schrieb sie in drei Tagen zu Ende. Juli Zeh empfahl den Roman ihrem Verleger, der eigens nach München anreiste, sich sehr begeistert gab und nach einem ungefähren Fertigstellungstermin fragte. Als ich ihm das Buch dann schickte, erhielt ich einen knappen Ablehnungsbescheid von seiner Gattin.

Danach legten mehrere bekannte bis sehr berühmte Literaten ihren jeweiligen Verlegern den Roman wärmstens ans Herz, so daß ich erneut eine ganze Reihe diesmal überwiegend individueller Ablehnungsbriefe erntete, die teilweise auch amüsant ausfielen. So meinte eine Lektorin etwa, das Buch sei „zu literarisch“ für ihren Verlag, und eine „Agentin“ teilte mir mit, es sei aufgrund der vielen prominenten Fürsprecher „überempfohlen“.

Bildbeschreibung Bild: Cover der Neuauflage 2025

Statt weiter in einem Fluß von Anekdoten einem ungewissen Ufer entgegenzuschwimmen, fasse ich mich nun kurz: Trotz allem sind im Laufe der Jahre drei Romane (den „Geheimnisvollen Pfarrer“ zähle ich nicht mit) fertiggeworden, etliche andere Bücher auch, und weil vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert die „Books on demand“-Technik neben einer unüberschaubaren Masse von Schund auch dafür gesorgt hat, daß man als Autor von unten (draußen) nicht mehr automatisch ein ganzes Leben damit zubringen muß, Sachen zu schreiben, denen es per se nicht gelingen kann, die allmächtigen Torwächter des Literaturbetriebs zu überwinden, und die deshalb niemals dort ankommen können, wo sie hingehören, kann diese Bücher nun im Prinzip jeder lesen. (Am blauen Himmel dieser schönen Realitätsvision ziehen gerade ein paar Wolken auf, darauf komme ich gleich noch.)

Mit der anrollenden „Corona“-Kampagne und dem damit einhergehenden Staatsstreich wurde ich dann noch zum Blogger, einerseits weil die Atmosphäre und Stimmung im „sozialen Netzwerk“ Facebook, wo ich bis dahin launige Bemerkungen zur Tages- und Weltlage „veröffentlicht“ hatte, schlagartig ungemütlich wurde, zum anderen aus der Not heraus, aufgrund des exponentiell grassierenden Irrsinns schneller und mehr „ausstoßen“ zu müssen, als bei Umfang und Turnus der „Belästigungen“ möglich war. Zum ersten Mal in meinem Leben fand ich mich (wie viele, wenngleich erstaunlich wenige andere) in der Situation, daß in den „offiziellen“ Verlautbarungen, Darstellungen und Erzählungen nicht nur „gewichtet“, verzerrt und gebogen wurde, sondern tatsächlich alles, also: sämtliche Informationen, die von dort – über Radio, Fernsehen und Zeitungen – kamen, mindestens falsch, meistens dreist gelogen waren. Das schuf die Notwendigkeit, Welt, Wahrheit und Wirklichkeit vollkommen neu nicht nur zu erlesen und zu ergründen, sondern vor allem zu um-schreiben, be-schreiben und er-schreiben, weil das die einzige Möglichkeit ist, mit den Lawinen von Informationen umzugehen, die man selbst auslöst. Um zu begreifen, was geschieht, indem man das Chaos durch die Mühlen von Logik, Plausibilität, Syntax, Grammatik und Witz dreht. Auf diese Weise entstanden Textflüsse und Textnüsse – mäandrierende Ketten von Gedanken und Tatsachen, aphorismische Blitze, ein scheinbar endloses Feld, das sich mit der Zeit doch in eine Art Form ordnete und in dem wie die seltsamen „Kornkreise“ der achtziger und neunziger Jahre Strukturen, Muster und Zusammenhänge sichtbar wurden. Am „Ende“ (das eines von vielen und immer nur vorläufig war) schüttete sich das alles in (bislang) zwei unverschämt dicke Bücher, die ich wie mittlerweile gewohnt gar nicht erst einem Verlag „anbot“, sondern gleich als „Books on demand“ erscheinen ließ.

Ähnliches taten übrigens in den Jahren seit 2020 viele andere Autoren, auch einige „etablierte“, die erfahren mußten, daß abweichende Meinungen zum Narrativ der „Pandemie“-Operation als neue Form unerwünschter Regimekritik behandelt und nach Möglichkeit unterdrückt wurden – zumindest im Literaturbetrieb, wodurch sie im schnell wachsenden Biotop zwischen Blog und Selbstverlag um so üppiger blühten (wobei nicht wenig ungenießbares Unkraut ins diverse Sortiment geriet, was sich in Zeiten epochaler Umbrüche halt nicht vermeiden läßt).

Dies könnte – wiederum im Prinzip – zumindest vermutlich dazu führen, daß der „alte“ oder „etablierte“, hofierte und obrigkeitlich gepäppelte Literaturbetrieb mangels Existenzberechtigung (er dient ja eigentlich nur dazu, Menschen auszuschließen, um weiterhin ein elitärer Club zu bleiben und die Klassenverhältnisse „kulturell“ zu festigen) ganz einfach sang- und klanglos verschwindet. Das hat er irgendwie auch getan. Wer heute noch Bücher „etablierter“ Verlage kauft, tut das offensichtlich nur noch zu dem Zweck, sie kurz aufzuschlagen und dann in „Zum Mitnehmen“-Kisten vors Haus zu stellen. Was darin liegt, ist – neben ererbten Altbeständen – meist billigstes Krimi- und Schnulzenzeug, das 1985 noch als Heftchen für 1 Mark 20 erschienen wäre. Selbst die einst abschreckend „hochgeistigen“ Literaturhäuser, in denen vor zwei Jahrzehnten eine gelangweilte Mittel- und Oberschicht ihre kulturelle Pflicht absaß und blassen Schnöseln und Dämchen lauschte, die genormte Sätze ausstießen, widmen sich neuerdings fast ausschließlich einer Art Nischenprogramm des „woken“ Propagandakarnevals, wo man sich mutmaßlich gegenseitig versichert, wie wichtig es ist, wichtig zu sein und „Haltung zu zeigen“, was jedoch draußen niemand mehr wahrnimmt. Und die einst so „angesehenen“ Edelverlage – soweit es sie noch gibt – lassen KI-generierte Aufrufe, Lebensbeichten und Appelle (am liebsten „gegen rechts“) drucken, die man (weil „Roman“ oder „Erzählung“ draufsteht) in solchen Häusern vorstellen und -lesen kann, die ansonsten aber außerhalb der Höllenblase von „Bluesky“ ebenfalls niemand mehr wahrnimmt.

Bildbeschreibung Bild: Literaturhaus München 2011, Veranstaltung zu Wikipedia (Foto: Amrei-Maria, CC BY-SA 3.0)

Daß er (der Literaturbetrieb) das (Aussterben) trotzdem nicht tut, liegt daran, daß er ebenso wie die unzähligen notorischen GONGOs mit Steuergeld gefüttert und in nächtlichen ÖRR-Sendungen (die niemand mehr wahrnimmt) für existent erklärt wird. Ab und zu werden spezielle „Anlässe“ ausgerufen, da füllt man dann das Feuilleton nicht mehr wahrgenommener Flaggschiffe der „Leitmedien“ mit belanglosen Interviews belangloser Protagonisten und Ablieferer „großer“ Romane zu den drei, vier aktuellen Zeitgeistthemen (Klima, Gender, Ukraine und so), wobei die Zeilenzahl der Artikel gerne mal die Stückzahl der jeweils abgesetzten Produkte übersteigt. Es ist halt wichtig, wichtig zu sein, und ab und zu überschreitet immer mal wieder jemand eine Grenze oder bricht ein angebliches „Tabu“, weil das eben sein muß, um „Haltung zu zeigen“.

Von unten oder heraußen betrachtet, schaut das alles ziemlich erbärmlich, banal und lächerlich aus, und zum Glück ist es vollkommen egal.

Ich bin übrigens – damit diesen Zeilen kein falscher Eindruck entsteigt – mit meinem Leben, meiner Arbeit und den Texten und Büchern, die ihr hier und da auf irgendeine Weise entsprungen sind, sehr zufrieden, manchmal regelrecht glücklich, und wüßte nichts, was ich mir im nachhinein anders gewünscht hätte oder wünschen täte. Nie Einlaß gefunden zu haben in den Betrieb, sondern immer und verläßlich unten und heraußen geblieben zu sein, ist von hier aus betrachtet ein Segen, ein Glück und unvorstellbar erleichternd. Ich habe bei meinen peripheren Spaziergängen in diesem Betrieb einige kennengelernt, die es hineingeschafft hatten oder dabei waren, es zu schaffen. Die meisten davon wirkten seelisch oder menschlich derart kupiert und verkrüppelt, daß ich mich fragte, ob sie das vielleicht vorher schon gewesen waren – und falls nicht, wer oder was sie dann überhaupt waren; immerhin konnte man ahnen, wer oder was sie sein wollten.

Ach so, zum Schluß die aufziehenden Wolken: Neulich wollte ich den ersten Band meiner „Belästigungen“-Sammlung neu herausgeben, und zwar bei demselben Books-on-demand-Dienstleister, bei dem das Buch vor einem Vierteljahrhundert in kürzerer Version schon mal erschienen ist. Nachdem ich den Buchblock ordnungsgemäß eingereicht hatte, erhielt ich eine rätselhafte Mail, in der man mir mitteilte, es gebe ein „Problem“, das man nur telephonisch besprechen könne. So erfuhr ich dann, in dem Buch kämen „Begriffe“ vor, die „unsere Gesellschaft heute nicht mehr verwendet“. Man konnte oder wollte mir allerdings auch auf mehrmalige Nachfrage bis heute nicht sagen und schon gar nicht schriftlich mitteilen, welche Begriffe das sind, weshalb es wohl noch ein bißchen dauert, bis das Buch dann doch erscheint. Notfalls mit ein paar schwarzen Balken im Text, die man ironisch lesen darf. Ich muß gestehen, daß mich auch diese unbeholfene Form der Zensur amüsiert. Vielleicht sollte ich mir Sorgen machen, aber ehrlich gesagt: wozu? Wer unten und heraußen vor sich hin floriert, muß die Ängste nicht teilen, die in den Elfenbeintürmchen um sich greifen.

Und nun: weiß ich nicht, ob das, was ich da zusammengeschrieben habe, Sinn ergibt, einen Zweck erfüllt oder irgend jemandem beim Lesen Gewinn oder Erkenntnis bringt oder brachte. Vielleicht ist auch das manchmal egal, vielleicht muß (oder sollte) man hin und wieder einfach nur erzählen.

Ist das ein Motto? Ach was, es ist nur eine Art Gedanke, von unten, von draußen.

Michael Sailer schreibt und und macht gelegentlich immer noch Musik. Er betreibt mit Franz Esser die Lese- und Musikbühne ‚Platz! der Freiheit‘ und denkt viel nach, über Oben & Unten und überhaupt über die Welt.

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Bildquellen: Michael Sailer (Titelbild)