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Oben & Unten | 25.02.2026
Bildung von unten
Bericht über einen lebenslangen Selbstversuch, der nicht zu einem Doktortitel geführt hat, sondern in „eine subtile Matrix der Faulenzerei“.
Text: Michael Sailer
 
 

Ich erinnere mich an meinen ersten Schultag. Den Weg kannte ich schon aus dem Kindergarten, aber nun, im September 1969, sollte ich nicht mehr zum Herumrennen und Spielen und Schlafen hingehen, sondern etwas lernen. Wer die Giesinger St.-Martin-Schule – die kaum verändert heute noch steht – zum ersten Mal sieht, fühlt sich möglicherweise an ein Gefängnis oder ein ehrfurchtgebietendes Amtsgebäude erinnert; aber das fiel uns „ABC-Schützen“ (ein Wort, das ich an diesem Tag zum ersten Mal hörte) nicht auf: Wir kannten ja keine andere Schule und hatten hier schon drei Jahre verbracht, waren also gewissermaßen hineingewachsen.

Diesmal waren unsere Eltern dabei; sie und die Kinder mit ihren Schultüten versammelten sich in der Turnhalle, wo jemand etwas sagte, vermutlich der Direktor. Daran kann ich mich aber nicht erinnern; im Gedächtnis blieb mir lediglich der „Test“, mit dem einige Wochen zuvor meine Eignung für den Unterricht geprüft wurde: Da mußte ich ein kindisch simpel gezeichnetes Bild von einem Haus mit „Haus“ benennen, dasselbe mit einem Baum, und dann noch versuchen, mit dem rechten Arm über den Kopf hinweg mein linkes Ohr zu greifen. Ich bestand ohne Tadel.

Im Klassenzimmer gab es Tische und Stühle, eine Tafel und sonst weitgehend nichts. Die „lieblose“ Ausstattung der Schulen, in denen dafür gesorgt werde, „daß im Lande Goethes nicht eine Generation von Analphabeten und Höhlenmenschen heranwächst“, hatte Werner Friedmann in typischem Nachkriegseifer („Armut ist keine Sünde. Und wenn sie eine ist, dann die Sünde der Reichen.“) schon 1950 in der Süddeutschen Zeitung beklagt. (Friedmann gründete übrigens neben der Abendzeitung später selber eine Schule: die „Deutsche Journalistenschule“, die nicht mehr nach ihm heißen darf, weil man ihn 1960 wegen „Unzucht mit Abhängigen“ zu einer Bewährungsstrafe verurteilte, und – Verzeihung – ein reichlich nutzloser Laden ist, dessen Abschlußzeugnis höchstens und leider als Eintrittskarte für die „seriösen“ Propagandaleitmedien taugt.)

Bildbeschreibung Bild: Absolvententreffen des Werner-Friedmann-Instituts, aus dem die Deutsche Journalistenschule wurde. Von links: Hannelore Schmidt (später von der Leyen), Ronald Koelbel (SZ), Heinz Bäuerlein (BR), Marianne Bock (Sekretärin) (Foto 1959: MoSchle, CC BY 3.0)

Mein erstes Schuljahr brachte ich vor allem damit zu, in ein großes Heft Begriffe wie „Elemelemule“ (mit dem Merkreim: „Wir gehen in die Schule“) hineinzuschreiben, in einem Büchlein namens „Fibelkinder“ zu blättern und mich zu langweilen. Ablenkung boten lediglich zwei kleine Klappdeckel für Tintenfäßchen am oberen Ende der Tischplatte, der sehnsüchtige Blick aus dem Fenster in den blauen Himmel und Gespräche mit Mitschülern, für die man allerdings bestraft wurde, indem man fünf Minuten oder auch länger in der Ecke stehen und die Wand betrachten mußte. Immerhin: Außer einer im zweiten Schuljahr von Fräulein Schütz eingeführten „Eselsbank“ (direkt vor ihrem Tisch) gab es keine weiteren Strafen. In anderen Klassen war das anders. Da wurde gebrüllt und gekeift, und mindestens zwei Fräuleins waren dafür berüchtigt, daß ihnen die Hand und Schlimmeres ausrutschte. In der Klasse eines Freundes fing das schon am ersten Tag an: Da sollte sich jeder Schüler auf die Ausrufung seines Namens hin erheben und nach vorne treten. Er fand das unoriginell, schlitterte lieber auf dem Bauch zum Pult, wurde daraufhin auf selbiges gelegt und mit dem Stock verdroschen. Einer Broschüre zum hundertsten Geburtstag der Schule im Jahr 2002 entnehme ich, die „körperliche Strafe“ sei 1970 verboten, das Verbot jedoch erst 1974/75 „mit Nachdruck auch in die Realität umgesetzt“ worden. Da hatte ich wohl Glück.

Mit „Bildung“ hatte all das wenig zu tun. Auch was wir lernten, weiß ich nur noch in Umrissen und Rudimenten: Den „Elemelemule“-Heften folgten ein Setzkasten mit kleinen Plastikbuchstaben, den niemand richtig begriff, dann richtige Schreibhefte mit je nach Klasse unterschiedlichen Linienmustern, kariertes Papier zum Rechnen, Textaufgaben und eine sogenannte „Sachkunde“, in der uns beigebracht wurde, daß Stecknadeln auf der Oberflächenspannung schwimmen können und Benzin riecht, weil es verdunstet.

Wir lernten, wie man liest, schreibt, rechnet, malt, turnt und singt, wie ein Verkehrszeichen aussieht und warum, daß Heinrich der Löwe die Föhringer Brücke niederbrennen und sich selbst in eine Kuhhaut einnähen ließ, wie man ein Fahrrad putzt, einen Topflappen häkelt und daß man als Schüler keinen Purzelbaum mehr macht, sondern eine Rolle vorwärts. Wir lernten, daß Fische während der Osterferien gerne aus dem Aquarium hüpfen und auf dem Fensterbrett vertrocknen, daß viele verknotete Schuhbänder im Garderobenraum sehr lustige Folgen haben, daß man auch in der Ecke stehen muß, wenn man seinen Füller allzu auffällig als Raumschiff benützt und dabei vom Stuhl oder mit dem Stuhl auf die Grenze des Universums fällt, daß die „Eselsbank“ für die bestimmt ist, die nicht nur dumm, sondern dazu noch frech sind, daß man Donald-Duck-Hefte notfalls unter die Bank legen darf, aber nicht um sie während des Unterrichts zu lesen, daß man wegen einer Note sitzenbleiben kann (ein Wort, das es seit der „Rechtschreibreform“ nicht mehr gibt oder nur noch „umgangssprachlich“).

Bildbeschreibung Bild: Schulanfänger 1958 (Foto: Dirk Helms, Rechte: Gregor Helms, CC BY-SA 3.0)

Wir lernten des weiteren, daß Berufsschüler nicht zur Schule gehen, sondern aufs Klo, um zu rauchen, daß Polizisten in Turnhallen kommen, um Kasperltheater aufzuführen, daß man sich der Bank eines Scharlachkindes nicht einmal auf einen Meter nähern darf, daß man von einem kleinen Pflaster auf der Brust TBC bekommen kann, daß die Windpocken überhaupt fast jeder bekommt, wenn sie einer erst mal hat; wir lernten, daß es verboten ist, auf gebohnertem Boden Weitrutschrekorde aufzustellen oder Treppengeländer anders als mit den Händen zu benützen, daß man seine sieben Zwetschgen beieinanderhalten soll, weil man sonst nachmittags beim Hausmeister klingeln muß, daß man den Schulgarten nicht zu betreten hat, wenn Fräulein Burghart (die mit dem Stock) nicht dabei ist. Wir lernten, daß es verschiedene Arten gibt, zu sprechen, von denen eine „schwätzen“ heißt und ganz schlimm ist. Wir lernten, daß Buben Fußball und Mädchen Völkerball spielen, daß Buben morgens am Knabeneingang und Mädchen am Mädcheneingang um die Ecke auf den Gong warten müssen, daß die im Kindergarten Zurückgebliebenen „Bamsler“ sind, daß Kakao besser schmeckt als Milch (zumindest aus Pyramidentüten). Wir lernten einen gezeichneten Mann namens Pamfi kennen, der uns beibrachte, daß man links, rechts und geradeaus schaut, um „sicher gut nach Haus“ zu kommen. Und wir lernten, daß trotzdem regelmäßig Kinder überfahren werden und daß sie dann im Krankenhaus einen Gips und Geschenke bekommen.

Wir lernten, daß Tintentod giftig und deshalb streng verboten ist, daß man Diktate auch dann nicht selber unterschreiben darf, wenn man eine 6 bekommen hat, daß es nicht erlaubt ist, Fehler zu verbessern, wenn erst einmal eine Note dasteht, daß Uhu kein Kaugummi und Pelikanol keine Haarcreme ist, daß man Eiszapfen hängen läßt und sie schon gar nicht anderen in die Nase rammt, daß man einmal im Leben beichten und dazu eine Geschichte erfinden muß, die schlimm und harmlos zugleich ist, daß der Hausmeister einen Hund hat, und wenn wir nach der Schule im Erdgeschoß in den Hort gingen, lernten wir nicht nur, was ein „Erdgeschoß“ ist (was manche allerdings schon aus dem Kindergarten wußten), sondern daß man den Rasen eben doch betreten darf, allerdings nur nachmittags und keinesfalls zu dem Zweck, sich im Gebüsch zu verstecken, Jutenstrick zu rauchen und mit bei der Mittagsspeisung geklauten Messern die Zaunpfähle anzusägen, um zum Mississippi abzuhauen.

Das alles lernte ich so nebenbei. Das einzige, was mich wirklich interessierte, war die Heimatkunde, in der wir zum Beispiel die erwähnte Geschichte von Heinrich dem Löwen erfuhren sowie daß ein Münchner Bürgermeister einmal einen Zehnliterkrug Bier in einem Zug austrinken mußte, damit die Schweden die Stadt nicht in Schutt und Asche legten. Leider wurde die Heimatkunde, weil nicht mehr zeitgemäß, bald abgeschafft. Dafür erhielten wir nun Noten fürs Singen. Und turnten bei schönem Wetter neben dem Fußballplatz gegenüber der Schule, wo damals Franz Beckenbauer nicht mehr trainierte, weil er schon deutscher Meister war, sein Bruder Walter aber immer noch.

Bildbeschreibung Bild: Zugspitzstraße in Giesing: In dem weißen Haus wuchs Franz Beckenbauer auf (Foto: Chivista, CC BY-SA 4.0)

Nein, mit „Bildung“ hatte all das nichts zu tun. Oder doch?

Was eigentlich „Bildung“ ist, wußten wir Kinder damals nicht. Wenn ich mich nicht irre, kannten wir nicht mal das Wort.

Bildung ist eine zweischneidige, auch gefährliche Sache, und zwar nicht nur für den Gebildeten selbst, sondern insbesondere für andere. Das gilt übrigens um so mehr, je mehr man gesellschaftlich nach oben schaut, in die sogenannte akademische Schicht, deren „Bildung“ per se nicht bestreitbar ist. Diese „Bildung“ nämlich besteht vor allem daraus, daß man bestimmte „Inhalte“, die in dieser Schicht und damit für alle „Konsens“ sind, nicht etwa nur akzeptiert, sondern verinnerlicht und offensiv „vertritt“, um seinen Platz innerhalb der Schicht zu sichern und zu verteidigen. Den Rest dieser „Bildung“ macht es aus, daß einem beigebracht wurde, wichtig aufzutreten, gebildet zu wirken und zu wissen, wie man Menschen hoheitlich begegnet und sie abkanzelt.

Das hört sich erst mal unlogisch an; es erschließt sich aber schnell, wenn man bedenkt, daß die „Bildung“, von der hier und für gewöhnlich die Rede ist, kein Instrument zum begreifenden Erschließen der Welt und auch nicht Ergebnis kritischen Denkens ist, sondern ein Werkzeugkasten von Axiomen, Merksätzen und Leitlinien, die dazu dienen, ihren Träger gesellschaftlich zu orientieren, also (unter Änderung der Himmelsrichtung) „einzunorden“ und ihm klarzumachen, woher der Wind weht. (Uns machte man höchstens – handgreiflich – klar, wo der Bartl den Most holt.)

Stammt diese „Bildung“ lediglich aus Zeitung, Fernsehen und Propaganda, so ist sie ein dünnes Tuch, das ein starker Wind leicht davonweht, wodurch der sozusagen nackte Hausverstand – ein nur teilweise antrainiertes Fundament aus Intuition, Bauchgefühl und unterschwellig gelernten Lebensregeln – zutage treten könnte. Wenn er nicht durch „Bildung“ wirksam ausgetrieben worden wäre – wer sich an die „Corona“-Zeit und das von Anfang an haltlos blödsinnige Geschwurbel und Geblaffe sogenannter „Akademiker“ erinnert, weiß, wovon ich spreche.

In einer Gegend wie der Münchner Vorstadt Giesing ist es im Laufe der Geschichte – nicht nur an unserer Grundschule, sondern insgesamt – um solche „Bildung“ selten gegangen. Dem ersten Giesinger Lehrer, einem Mesner der Heilig-Kreuz-Kirche am Berg, wurde das „Schulhalten“ 1806 untersagt, weil er keine Prüfung abgelegt hatte. Ein zweiter Mesner versuchte es ab 1809 ein knappes Jahr lang, bekam aber kein Geld und gab daher auf. Auch als die Giesinger Gemeinderäte 1811 einen Andreas Lang als ersten „echten“ Lehrer kommen ließen, „weil der damalige Zustand eine Schande für Giesing und das ganze Abendland“ sei, hielt sich die Begeisterung in Grenzen: Das als Schulhaus angekaufte Schatzgütl brannte nach kaum einem Jahr vollständig ab, ohne daß geklärt werden konnte, ob Schüler oder Erwachsene oder verkettete Zufälle die Brunst entfacht hatten. Der Umzug ins Wirtshaus „Zum letzten Pfennig“ (nicht zu verwechseln mit dem späteren gleichnamigen Stehausschank, was verdeutlicht, daß in Giesing tendenziell fast jeder Pfennig der letzte war) in der Tegernseer Landstraße mißfiel manch einem verfrühten Vorläufer der Temperenzler. Zwar wurde damals generell auch Kindern Bier zum Trunk gereicht, aber zumindest dem Kramer und Kirchenpfleger Beutl erschien die Atmosphäre der dampfig-dunstigen Schankstätte wenig förderlich für das, was eine Schule zu tun hatte: gottesfürchtige Untertanen heranziehen, die das Maul halten, wenn die Obrigkeit befiehlt.

Drum saßen die Kleinen und Größeren fortan in seinem eigenen Haus, und zwar über vierzig Jahre lang, bis endlich der Orden der Armen Schulschwestern seine „Kleinkinderbewahranstalt“ gründete, wo ab 1858 wenigstens die Mädchen unter- und zugerichtet wurden. Daß das alles so lang dauerte, mag daran gelegen haben, daß die Giesinger Wichtigeres zu tun hatten: zum Beispiel einen anhaltenden Streit mit den Auern ausfechten, wem das Narren- und Irrenhaus am heutigen Kolumbusplatz gehörte und wem folglich die Malzsteuer auf das dort ebenfalls tüchtig ausgeschenkte Bier zustand. Es geht halt in der Weltgeschichte doch fast immer um das gleiche.

Als ich mit drei Jahren in die Kinderbewahranstalt im St.-Martins-Schulhaus einrückte, stand dieses schon 64 Jahre; mit meinem ersten Schultag im September 1969 wurde aus der ehemals sechsklassigen Volksschule eine vierklassige Grundschule. Männer gab es dort übrigens nur drei: den Direktor, den von sämtlichen Schülern (und manchen Lehrern) gefürchteten Hausmeister und einen Schularzt, den ich in vier Jahren nur einmal zu Gesicht bekam: als ich vor seine Buchstabentafel gesetzt wurde, von der ich ganz etwas anderes herunterlas, als da stand, um eine schöne Brille zu kriegen, die ich dann aber doch nicht kriegte, weil er es merkte (und dann war ich ganz froh, weil die, die eine Brille bekamen, als „Brillenschlangen“ ausgelacht wurden). Alle anderen Erwachsenen in dem Haus waren wie schon im Kindergarten und nun auch im Hort Fräuleins. Das erschien uns so normal, daß die Umbenennung meiner Erstklaßlehrerin Fräulein Müller in Frau Leiffer eine echte Sensation war. Heute gibt es an der Schule übrigens überhaupt kein Fräulein mehr, sondern fast nur noch Frauen; lediglich zwei von drei Religionslehrern sind Männer (evangelisch und alevitisch). Selbst den islamischen Unterricht leitet eine Frau (die katholische Abteilung wird nicht mehr erwähnt).

Aber das ist alles nicht so wichtig; wir waren ja bei der Bildung und der Frage, was das eigentlich ist, wenn man einer sozialen Klasse angehört, die weder auf einen „Aufstieg“ noch auf Reichtum, Erfolg und solche Dinge hoffen darf und auch nicht dafür vorgesehen ist, politische und wirtschaftliche Führungsrollen zu übernehmen. (Noch) zu Beginn meiner Schulzeit bedeutete das: Man bekam beigebracht, was nötig war, damit man später funktionierte und reibungslos auszubeuten war. Zufällig stand direkt neben unserer Grundschule das nach demselben heiligen Martin benannte Altersheim, das allgemein „Sterbeheim“ genannt wurde: Hier geht’s rein, dort geht’s raus, dazwischen wird pariert und geschuftet!

Bildbeschreibung Bild: Ehemaliges Armenversorgungshaus St. Martin in München (Foto: Mattes, CC BY-SA 3.0)

Darum ging es auch in den abendlichen und nächtlichen Debatten in unserem Wohnzimmer, die meist im Anschluß an informelle und autonome proletarische Studierrunden stattfanden (in denen tatsächlich gemeinsam gelesen, exzerpiert, kritisiert und diskutiert wurde: Marx, Engels, Lenin, Freud, Reich usw.): Es war die hohe Zeit des Klassenbewußtseins, des Bemühens um Emanzipation, Gerechtigkeit, Solidarität, eine neue Gesellschaft, begünstigt dadurch, daß offensichtlich die alte Gesellschaft den zweiten Weltkrieg mit gewissen Blessuren überstanden hatte, von denen sie sich schnell erholte und nun mit Dynastien und Führerfiguren wie Kiesinger, Strauß, Dregger, Springer, Flick, Finck, Barzel, Carstens, Krupp, Albrecht, Jaeger, Hassel, Stoltenberg und Filbinger energisch dort anknüpfte, wo sie – je nach individueller Ausrichtung – 1933 beziehungsweise 1945 unterbrochen worden war, perfiderweise unterstützt durch die SPD, die die Notstandgesetze zur Kriegsvorbereitung ebenso mittrug wie Berufsverbote für Regimekritiker (und die man aber trotzdem wählen mußte, weil die Alternative noch viel schlimmer und die KPD schon wieder verboten war). Das mußte Widerstand erregen: Es waren ja auch noch viele Opfer jener Zeit am Leben, die – wie meine Eltern – zumindest als Kinder mitbekommen hatten, wohin es führt, wenn man sich den herrschaftlich „Gebildeten“ unterwirft.

Daraus resultierte neben vielem anderen auch der Wunsch, die „höheren“ Bildungsanstalten jenen zu öffnen, die bis dahin so gut wie hermetisch von „Abschlüssen“ ausgeschlossen waren, die mehr ermöglichten als lebenslange Fron in Fabriken, Büros, bestenfalls (wenn entsprechendes familiäres Erbe vorhanden war) eigenen Handwerksbetrieben. Wie mühselig das war, mag mein Grundschulabschlußjahrgang 1973 belegen: Von 32 Schülern meiner vierten Klasse durften vier nach den entsprechenden „Schulleistungstests“ aufs Gymnasium. Ob die anderen das überhaupt gewollt hätten, weiß ich freilich nicht. Es ist aber auch immer so eine Sache mit dem Wollen von Dingen, die man gar nicht kennt, von denen man aber über Generationen andressiert bekommt, daß sie schon deshalb von Übel sind, weil es sie früher auch nicht gegeben hat.

Das lag daran, daß inzwischen die SPD wenigstens teilweise regierte und ein paar tatsächlich anständige Sozialdemokraten (die letzten ihrer Art) so tapfer gegen das alte Establishment des Geld-, Blut- und Machtadels werkelten, daß es gelang, den heuchlerischen Bonzen an der Parteispitze ein paar Zugeständnisse abzuringen. Aber noch sieben Jahre später mußten ich und ein Freund (derselbe, dessen Schullaufbahn damals wegen Bauchsurfens mit dem Stock begonnen hatte) uns fragen lassen, was wir in der Oberstufe eines bayerischen Gymnasiums wollten:

Studieren könnt ihr doch sowieso nicht, weil eure Eltern kein Geld für die Bücher haben!

Das Gymnasium, auf das ich 1973 wechselte, war eine ziemlich andere Veranstaltung als die durch und durch proletarische Grundschule. Hier wurde ein Großteil meiner Klasse morgens von Eltern mit dem Auto aus Vororten herangeschafft, später war das Klassenzimmer zu Unterrichtsbeginn oft halbleer, wenn die S-Bahn Verspätung hatte. Und stellenweise fand tatsächlich so etwas wie Bildung statt, etwa wenn ein verkaterter Geschichtslehrer keine Lust auf den Lehrplan hatte und den Samstagvormittag damit zubrachte, Gedichte aufzusagen und obszöne Anekdoten aus der Historie zu erzählen, oder ein hinreichend alter Erdkundler von seinen Kriegserlebnissen berichtete.

Trotzdem verließ ich die Schule achtzehnjährig mit einem Abiturzeugnis, ohne mehr als zwei, drei Bücher freiwillig gelesen zu haben (Karl May, Science Fiction und Comics nicht mitgerechnet). Aber irgendwas muß doch hängengeblieben sein: Bald nach dem Abschluß und einem schnell wieder abgebrochenen Versuch, Kunstgeschichte und Psychologie zu studieren, packte mich ein regelrechter Heißhunger nach Gedrucktem, der galoppierend eskalierte und sich durch periodischen Überdruß auf immer neue Gebiete ausdehnte und verlagerte: Die anfänglichen Kriminal- und Moderomane (zwei bis drei pro Woche) wichen dickeren Schwarten, abseitigen Sachen, radikalpolitischen Raubdrucken, Kuriosa und Raritäten, philosophischen Traktaten, Geschichtsbüchern und Giftschrankfunden (und davon zwei bis drei pro Tag).

Zwischendurch arbeitete ich als Lagerist in einer Bahnhofsbuchhandlung, trug kistenweise Leseexemplare nach Hause, lernte wichtige Grundregeln (unter anderem diese: Die Verkaufszahlen eines Buchs sind meist umgekehrt proportional zu seiner Qualität), stellte fest, daß Lohnarbeit den Kopf lähmt, und fing mit 29 doch noch ein „richtiges“ Studium an, wunderte mich über Kommilitonen, die pro Semester einen oder zwei „Scheine“ absaßen und nicht „prüfungsrelevante“ Vorlesungen generell mieden, während ich die Universität ungefähr so erlebte wie heutige Teenager ihr TikTok: als atemraubendes Paradies des Suchens, Findens, Entdeckens und Begreifens, des Zweifelns und Diskutierens, von dem ich nicht genug kriegen konnte. Ich schrieb zum Amusement meiner Professoren die Geschichte der Völkerwanderung um und Kafkas „Schloß“ zu Ende, verfaßte endlich in schlaflosen Monaten mit einer flammenden, annähernd autistischen Begeisterung, die mich zwei bis fünf Liebesbeziehungen kostete, eine Magisterarbeit und hatte danach keine Lust mehr, noch mal ein solches Unternehmen anzugehen. Stattdessen besuchte ich weiterhin randständige Vorlesungen und Seminare, ohne Ambitionen auf Titel und Abschlüsse, ich wollte nur: lernen.

Irgendwann Ende der 90er fiel das den Herren der inzwischen zur Berufsausbildungsdrillanstalt umfunktionierten Uni auf; man fragte mich, wann mit einer Doktorarbeit zu rechnen sein. Das wußte ich nicht; mir fiel kein Thema ein, zu dem nicht andere schon so viel Bemerkenswertes gesagt hatten, daß mir meine Bescheidenheit erlaubt hätte, meinen Senf dazuzuschmieren. Da war er wieder: der Giesinger Grundschüler, der lieber Geschichten von Heinrich dem Löwen hören wollte als gute Noten in Fächern, die ihn nicht interessierten.

Vielleicht war (oder ist) das irgendwie auch typisch (ohne in modisches „Klassismus“-Geschwurbel verfallen zu wollen). In der Cafeteria unseres Instituts lernte ich mal einen „Studenten“ kennen, der den ganzen Tag dort verbrachte, weil er seinen Lebensunterhalt damit verdiente, Seminar-, Magister- und Doktorarbeiten für Leute zu schreiben (zwei bis vier pro Woche, wie er sagte), die gerne etwas sein wollten (eben Doktor oder so) oder mußten, der Karriere oder der Familie oder beiden zuliebe.

Was Bildung ist, weiß ich bis heute nicht. Aber ich ahne, was sie nicht ist. Wenn ich bisweilen das steindumme, strohblöde Gequatsche wichtiger Menschen aus gutem Hause in entscheidenden Posten und Funktionen höre, wenn ich von einem Trottel nach dem anderen lese, der seinen Doktortitel entzogen bekommt, wenn ich mit der Arroganz und Hybris, dem angstgetriebenen Standesdünkel und der geistigen Leere dieser armseligen Gestalten konfrontiert werde, dann schäme ich mich körperlich und frage mich, wie sie das ertragen und wozu sie das durchstehen: ein ganzes Leben als Jenga-Stapel-ähnliches Konstrukt aus Lügen, Betrug, Einbildung, Täuschung und Falschmünzerei, von dem sie wissen, daß es ihnen jede Sekunde um die Ohren fliegen kann. Wozu mutet man sich so etwas zu?

Bildbeschreibung Bild: Mario Voigt (links) mit Amtsvorgänger Bodo Ramelow am 12. Dezember 2024 (Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0)

Vielleicht kann ich das nicht beurteilen, weil ich es nie erlebt habe. Weil man „unten“ von niemandem etwas erwartet, außer daß er sich einigermaßen zusammenreißt und daß er sich nicht blöder anstellt, als er ist. Alles weitere ist fakultativ, reine Kür oder im Ergebnis (in den Worten von Jean Baudrillard) „eine subtile Matrix der Faulenzerei“.

Und wenn das das einzige ist, was ich in meinem Leben gelernt habe, dann ist das ja auch schon was.

Michael Sailer schreibt und und macht gelegentlich immer noch Musik. Er betreibt mit Franz Esser die Lese- und Musikbühne ‚Platz! der Freiheit‘ und denkt viel nach, über Oben & Unten und überhaupt über die Welt.

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Bildquellen: Der Schwarze Fleck (1887): Elsass-Lothringen, 1871 abgetreten an das Deutsche Reich, als Thema in der französischen Schule (Titelbild: Albert Bettannier, Public domain)