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Buch-Tresen | 30.07.2026
Wer ist der Mensch?
Harald Walach beschreibt den Transhumanismus als Ideologie und zeigt, dass Corona genutzt wurde, um eine verdeckte Agenda voranzutreiben.
Text: Michael Meyen
 
 

Discorso hat mich erhört. Nach einem starken Start (Mut zum Widerspruch) und einem Hänger hatte ich dem Verlag gewünscht, möglichst schnell zurück in die Spur zu kommen. Und siehe da: Wenn der Chef selbst kocht, läuft es wieder. Harald Walach, auf der Team-Seite der Genossenschaft ganz oben, hat ein Buch über den Transhumanismus vorgelegt, das über das übliche Lamento hinausgeht, zu den Wurzeln einer Bewegung vordringt, die längst im Mainstream angekommen ist, und so zu einer Debatte über uns selbst auffordert. Was macht den Menschen aus? Sind wir mehr als eine Maschine und damit auch mehr als Knetmasse in den Händen von Ingenieuren, die versprechen, uns gesünder zu machen und intelligenter und am Ende sogar unsterblich? Und: Sollen wir das überhaupt wollen – ewig zu leben?

Harald Walach sagt: nein. Der Tod ist für ihn keine „endgültige Niederlage“ (S. 18), sondern „das ultimative Ziel unseres Lebens“ (S. 45). Wer jetzt enttäuscht weiterklicken möchte, ist vielleicht schon einem Glaubenssystem verfallen, das seit einem Vierteljahrhundert mit großem Geld und von den üblichen Verdächtigen gepusht und so langsam mehrheitsfähig wird. 47 Prozent der Deutschen, zeigt Walach mit repräsentativen Daten, glauben mittlerweile, dass die Digitalisierung uns helfen wird, über unsere Grenzen hinauszuwachsen. Jeweils 32 Prozent sagen, dass es „gut und richtig“ sei, Gentechnik beim Menschen anzuwenden, und dass der Tod schon bald „in sehr weite Ferne“ rücken werde, und 20 Prozent gehen noch einen Schritt weiter:

Gott ist tot – wir selbst sind Gott.

Mit dieser Formel bringt Halach Walach den Transhumanismus auf den Punkt. In drei Sätzen: Wir sind Produkte der Evolution. Wir sind die ersten, die das verstanden haben. Also können wir diesen Prozess jetzt selbst in die Hand nehmen und den genetischen Code zu unserem Vorteil umschreiben. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern passiert vor unseren Augen. Viagra, Antidepressiva, Transgender. Harald Walach wälzt die Forschungsliteratur und findet dort das große Aber:

Es gibt nichts umsonst. (S. 93)

Walach, Jahrgang 1957, hat eine akademische Karriere in der klinischen Psychologie hinter sich, die ihn 2010 auf eine Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin und Heilkunde an der Viadrina in Frankfurt an der Oder führte und ihn dort zu einem Opfer von Kulturkampf und Reputationsmord werden ließ, 2020 dokumentiert im Schwarzbuch Wikipedia von Andreas Mäckler. Harald Walach hat weitergemacht, auf seiner Webseite, die in den Coronajahren zu einer Anlaufstelle für Kritiker wurde, weil sie dort Argumente und Daten aus berufenem Mund bekamen, vor allem aber in Peer-Review-Journals – Goldstandard in der Wissenschaft, weil hier Kollegen entscheiden, ob das etwas taugt, was da veröffentlicht werden soll. Das heißt: Walach stellt sich weiter der Kritik von denen, die im System geblieben sind, argumentiert sachlich und ohne jede Polemik und bleibt so auch in seinem neuen Buch anschlussfähig für alle, die das wünschen.

Bildbeschreibung Bild: Harald Walach 2012 (CC BY-SA 3.0)

Wobei: Ganz neu ist dieser Text nicht. Es gibt eine englische Version, 2025 veröffentlicht von der Galileo Commission, einem Netzwerk von Wissenschaftlern, die das Materialismus-Dogma ablehnen, und einen Vorläufer mit dem Titel Beyond a Materialist Worldview, der 2019 im gleichen Umfeld erschienen ist. Walach lehnt dort jeweils das ab, was er „Szientismus“ nennt – die Idee, dass „alle wichtigen Fragen mit wissenschaftlichen Methoden beantwortet werden können“ (S. 13). Damit sind wir bei Spiritualität und Transzendenz, beim freien Willen, morphischen Feldern und beim Faktor X – bei allem, was sich der Beobachtung entzieht und damit auch den Messinstrumenten. In Frageform: Ist Materie alles und alles andere nichts? Reicht es also aus, Gehirnaktivitäten zu simulieren, um unser Persönlichkeit nachzubauen und das, was uns ausmacht?

Das Schöne an diesem Buch ist: Selbst ein Materialist könnte ins Grübeln kommen, weil Harald Walach ihn an etwas erinnert, was er wissen müsste. Jeder Wissenschaftler baut auf einem Fundament, das sich weder beweisen noch begründen lässt. Jede Theorie hat ein Axiom. Wenn dieses Axiom fällt, bricht alles andere wie ein Kartenhaus zusammen. Wer die beiden Fragen von eben mit nein oder mit „ich weiß nicht recht“ beantwortet, ist für Materialismus, Szientismus und Transhumanismus verloren – für eine Ideologie, die Walach als einen Religionsersatz entlarvt, der mit der Hoffnung arbeitet, dass das bessere Leben noch hier auf Erden zu haben ist, und dabei all die Kosten ausblendet, die schon bei Erektions- und Glückspillen anfallen und bei Geschlechtsumwandlungen auch für den Laien offensichtlich sind.

Ideologen und Missionare lassen sich, das wissen wir aus der Geschichte, von solcherart Evidenz nicht stoppen – vor allem dann nicht, wenn sagenhafte Gewinne winken und Macht und Ruhm. Covid-19 wird von Harald Walach ganz folgerichtig als „transhumanistisches Projekt“ (S. 145) und als „gentechnischer Aufschlag“ gedeutet (S. 122) – nicht unbedingt von langer Hand geplant (er argumentiert vorsichtig, wie gesagt), aber mindestens genutzt, „um eine Agenda voranzutreiben, die bereits in der Schublade lag“ (S. 127). Gentechnologie beim Menschen zum Standard machen, obwohl doch kurz zuvor noch heftig über Pflanzen diskutiert wurde – plötzlich möglich durch eine Angstkampagne und das Ausschalten aller Behandlungsmethoden, durch Lockdowns und Nachweiszwänge. Walach stützt sich hier auf seine eigene Forschung, seine Erfahrung und eine Serie von 40 Interviews mit auch international ausgewiesenen Fachleuten, die die Corona-Politik früh kritisiert haben.

Diese zwei Unterkapitel mit 70 Seiten sind der stärkste Teil des Buchs und gehören genauso auf den Debattentisch wie die großen Fragen, die die Propheten des Transhumanismus triggern. Was ist der Mensch, was macht uns aus? Harald Walach liefert am Schluss eine Liste, mit der sich gut einsteigen lässt in den Diskurs (S. 252-256):

  • ein „nicht materieller“ Kern, der „Respekt“ verdient und „nicht angetastet werden“ sollte,
  • Verbundenheit mit anderen,
  • durch Arbeit und auch sonst „aktiv in der Welt wirken“,
  • Eigentum (Dinge und Orte),
  • Freiheit und Unabhängigkeit als „Existenzbedürfnis“ und nicht zuletzt
  • „die Seele oder eine spirituelle Entität“ („das wahrscheinlich tiefste Element der menschlichen Natur und zugleich das umstrittenste“).

Damit das Gespräch tatsächlich starten kann, verlinke ich meine Rezension des Buchs Methode Mensch von Axel Klopprogge, das ohne Spiritualität auskommt und Lücken in Walachs Argumentation schließt – etwa: die Geschichte, die zu der Idee führte, der Mensch sei eine Maschine oder gar ein Computer, oder das, was uns jenseits aller Transzendenz im Hier und Jetzt ausmacht und von anderen Wesen unterscheidet, die sich weder gegen ihre Instinkte noch gegen ihren Schöpfer wenden können und so auch nicht die Freiheit besitzen, die Welt buchstäblich aus den Angeln zu hebeln. Also: Lasst uns diskutieren und dem Transhumanismus das Wasser abgraben.

Harald Walach: Transhumanismus. Welche Zukunft haben wir? Basel: Discorso 2026, 302 Seiten, 29,80 Euro.

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Bildquellen: Kuala Lumpur im Lockdown, April 2020 (Titelfoto: Renek78, CC BY-SA 4.0)