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Buch-Tresen | 19.03.2026
Etikettenschwindel
Ein Journalist verspricht auf dem Cover, uns von „Propaganda und Manipulation“ zu befreien, und verrennt sich dabei.
Text: Michael Meyen
 
 

Das zweite Buch ist das schwierigste, sagt man bei Schriftstellern. Der Start flutscht oft wie von selbst, weil sich etwas angestaut hat, das raus muss und mit Autor und Erfolg einen Maßstab produziert, an dem man nur scheitern kann, wenn man sich nicht wiederholen und neues Terrain erobern will. Du musst das zweite Buch überleben, um zum dritten zu kommen und damit zu einem Werk.

Falls das auch für Verlage gilt, kann man Discorso nur wünschen, möglichst schnell nachzulegen. Mut zum Widerspruch hieß der Erstling dieser Genossenschaft, gegründet auch, um Texten zu helfen, so steht das jedenfalls auf der Webseite, die es sonst schwer hätten, „die Öffentlichkeit zu erreichen“. Für Buch eins trifft das zweifellos zu. Wolfgang Stölzle und Günter Roth haben dort Berichte von Menschen gesammelt (unter anderem von mir), die sie „Dissidenten der Alternativlosigkeit“ taufen, und so ein Dokument für die Ewigkeit geschaffen.

Nummer zwei markiert das andere Ende der Fahnenstange. Das beginnt schon beim Autor, der sich Arnaud Nyhm nennt und so jeder Kritik den Stecker zieht. Das mag angehen bei Leuten, die Brisantes zu erzählen haben und an Leib und Leben bedroht sind, wenn herauskommen sollte, wer da aus dem Nähkästchen plaudert. Aber hier? Ein Schweizer Lokalredakteur sagt, dass seine Kollegen zu Aktivisten geworden sind, bei Corona auf Linie waren und Zweifler wie ihn schnell ignoriert haben. Das würde 2026 selbst dann kaum noch als Nestbeschmutzung durchgehen, wenn es mit Namen und Adressen daherkommt und die Fehlleistungen im Detail auseinandernimmt. Tut es aber nicht. Stattdessen wird dieser Redakteur zum Gesellschaftsanalytiker, beruft sich auf Mattias Desmet sowie auf seine eigenen Erfahrungen als Süchtiger, Drogen plus Alkohol, und macht aus den Lautsprechern der Macht Kranke und Opfer – Menschen, die unter Hypnose standen und stehen, aber geheilt und gerettet werden können, wenn sie nur einsehen, was sie zu Konformisten werden ließ, Angst vor allem, und lernen zu meditieren. Darauf muss man erstmal kommen.

Ich will nicht ungerecht sein. Die Suchtgeschichte könnte ein Buch tragen, weil sie früh beginnt (mit zehn Jahren, als die Familie des Autors auseinanderfiel, wobei der Grund trotz Anonymität geheim bleibt) und weil sie Elemente enthält, die über das Einzelschicksal hinausweisen – Ursachen (fehlender Halt und eine entspiritualisierte Welt) und Muster der Sucht (Wunsch nach Kontrolle und damit nach Vereinfachung), einen Link zu Medienberufen, die Süchtige offenbar anziehen, und eine Rückkehr ins Leben, zu der eine Frau und Kinder gehören, eine höhere Macht sowie ein konkretes Programm.

Dieses Programm (zwölf Schritte, formuliert von den Narcotics Anonymous, einer Selbsthilfeorganisation, und im Buch abgedruckt) ist zugleich der Schlüssel zu Komposition und Argumentation. Der letzte Schritt verlangt vom Erwachten, „diese Botschaft an andere Süchtige weiterzugeben“. Arnaud Nyhm nimmt sich dafür die vor, die er am besten kennt – Journalisten.

Was Mattias Desmet damit zu tun hat? Ich weiß es nicht. Die Idee einer Massenbildung, die darauf baut, dass die Menschen heute allein sind, Angst haben, nach einem Sinn suchen und so gefangen werden können mit einer großen Erzählung, mit einer Pandemie zum Beispiel oder mit dem Klima oder mit einem Krieg, diese Idee ignoriert alles Materielle genauso wie alle Unterschiede zwischen Jung und Alt, Stadt und Land, Akademikern und Nichtakademikern. Psychologie halt, die keine Geheimdienste kennt und auch nicht die Drohmittel, die Verlockungen und die Statthalter der Macht, die die Atmosphäre in den Redaktionen bestimmen und Aufstiegswege ebnen oder verstellen. Platt gesagt: Wer heute bei einer großen Zeitung arbeitet, ist nicht allein und weiß, warum er jeden Morgen aufsteht – im Zweifel, um die „Demokratie“ vor „Dissidenten der Alternativlosigkeit“ zu schützen. Arnaud Nyhm zieht einfach eine Parallele zur Sucht und zu seiner eigenen Erlösung und sagt:

Wäre ich Verleger, ich würde nur noch Mitarbeiter beschäftigen, die bereit sind, regelmäßig Meditations-Kurse zu besuchen. (Seite 98)

Wenn es nur so einfach wäre. Noch einmal anders gewendet: Psychologie à la Desmet liefert dem Einzelnen eine perfekte Entschuldigung und nimmt uns jede Verantwortung. Da war nichts zu machen, liebe Leute. Massenbildung. Da habe ich halt wiederholt, was von oben kam, und auf alle Kritiker eingedroschen. Kommt mir also bloß nicht damit, dass ich Karriere machen oder wenigstens meine Ruhe haben wollte und diesen Kollegen da sowieso noch nie leiden konnte.

Vielleicht hätte Arnaud Nyhm Mut zum Widerspruch lesen sollen oder Raymond Unger, der das Nachplappern und das Anbeten der Macht schon auch mit permanenter Angst erklärt (Kriege, Viren, Erderhitzung), dann aber schnell zu einem Kulturkampf kommt, der unsere Identität attackiert, weil er uns von unserer Geschichte entfremdet und von Traditionen, von der Familie, von der Heimat und vom Glauben, und die physiologische Ebene nicht vergisst – angefangen bei Mangelstoffen wie Vitamin D3, Omega 3 oder Lithium über die Dopaminfalle Smartphone bis zur Spikeopathie, die Entzündungen auslösen kann, das Gewebe schädigt und den Hirnstoffwechsel verändert. „Entwurzelungstechniken“, sagt Unger, die das Erwachsenwerden auch deshalb erschweren, weil die Vaterfigur genau wie vieles von dem, was einst „Männlichkeit“ ausmachte, seit Jahrzehnten verpönt ist und so jede Triangulation verhindert – die beiden Eltern und man selbst. Das Ergebnis: Kinder mit Bärten, Bäuchen und grauen Haaren, die servil sind und sich „der Wissenschaft“ unterwerfen, Experten oder einer Instanz wie Angela Merkel, die mit einem mütterlichen Duktus klare, hochmoralische Ansagen gemacht habe, damit erfolgreich gewesen sei in einer infantilisierten Gesellschaft und von ihren Nachfolgern deshalb immer noch kopiert werde.

Sorry, dass ich hier einen Autor gegen den anderen ausspiele, aber bei der Kombination von Sucht, Gesellschaftsanalyse und Urteilskraft oder Souveränität führt kein Weg an Raymond Unger vorbei – zumal Arnaud Nyhm ganz offenkundig selbst die Krise durchlebt hat, die jedes Erwachsenwerden braucht. Das Milieu, aus dem Discorso stammt und das diesen Verlag braucht, hat Besseres verdient. Hoffen wir also auf Buch Nummer drei.

Arnaud Nym: Frei sein. So schützen wir uns vor Propaganda und Manipulation. Basel: Discorso Verlagsgenossenschaft 2026. 112 Seiten, 14 Euro.

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Bildquellen: Michal Jarmoluk @Pixabay