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Buch-Tresen | 26.03.2026
Mit dem Teufel im Bund
TechBros, Teil 3: Alex Karp und Nicholas Zamiska werben für eine Allianz von Silicon Valley, Staat und US-Geheimdiensten.
Text: Beate Broßmann
 
 

Das 2025 bei Crown Currency erschienene Buch der beiden Vorstandsmitglieder von Palantir Technologies Inc. Alexander C. Karp und Nicholas W. Zamiska ist keine Darstellung der Forschungs- und Entwicklungsarbeit des Start-ups, sondern ein dezidiert politischer Text an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft. Im Grunde haben die Verfasser sich vorgesetzt, den gesellschaftlichen Status der digitalen Technologie einschließlich KI in den USA herauszuarbeiten und dabei insbesondere die Geschichte des Silicon Valley kritisch zu beleuchten.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Beispiel oder einem historischen Exkurs. Es folgen Ableitungen für die heutige Zeit und die (geo-)politische Situation. Hier schreiben intellektuelle, im abendländischen Bildungskanon beheimatete Großdenker. Ihr amerikazentrierter Blick und das pragmatische Philosophieren dieser Tradition gewinnen allerdings immer wieder die Oberhand. Europäische Denker werden zwar ein ums andere Mal zitiert, und Karp hat sogar in Deutschland auf geisteswissenschaftlichem Gebiet in deutscher Sprache promoviert, doch der Text des Buches überfordert keinen Leser durch allzu tiefgehende Analyse, sondern bleibt auf der Ebene der Phänome. Das macht ihn anschaulich und gut lesbar – sieht man davon ab, daß immer wieder dieselbe Titelmusik erklingt.

Das Mantra der Autoren lautet: Das Silicon Valley hat seine Orientierung verloren. Es vergeudet seine Energie und Kreativität, in dem es sich auf den Konsummarkt zurückzieht, anstatt seine Arbeit in den Dienst von Wohlstand, Wohlergehen und Sicherheit des Heimatlandes und all seiner Bürger zu stellen. Jedes Kapitel behandelt einen bestimmten Aspekt dieser Palantir-Obsession, die gleichzeitig deren Gründungsmythos liefert.

Bildbeschreibung Bild: Alex Karp 2023 bei einem KI-Gipfel in Bletchley (Foto: Ben Dance, CC BY 2.0)

Das Buch hebt die Firma Palantir auf die Ebene eines gesamtgesellschaftlichen, postmodernen Projektes (und wirbt damit indirekt für das Unternehmen), indem es das Thema Technologie auf einer theoretischen Metaebene behandelt.

Die Erzählung geht so: Der Staat habe die Aufgabe, die nächste Welle an wegweisenden Technologien zu entwickeln, dem Privatsektor überlassen, was Ausdruck einer vollständigen Vertrauenssetzung in den Markt war. Dieser versage allerdings häufig dabei, „im richtigen Moment das zu liefern, was am dringendsten gebraucht wird“. Viele Unternehmensgründer seien mit dem idealistischen Motiv angetreten, die Gesellschaft voranzubringen oder sicherzustellen,

dass sich die menschliche Zivilisation Stück für Stück emporarbeitet. Das vorherrschende ethische Grundgerüst im Silicon Valley, die techno-utopische Ansicht, dass Technologie alle Probleme der Menschheit lösen kann, entwickelte sich zu einem engen und dünnen utilitaristischen Ansatz,

nämlich vom Goldrausch zu profitieren.

Die entscheidenden … Fragen, was ein gutes Leben ausmacht, welche kollektiven Anstrengungen eine Gesellschaft angehen sollte und was eine gemeinsame und nationale Identität möglich machen kann, wurden als Anachronismen eines vergangenen Zeitalters außer Acht gelassen.

Der Fokus der Technologieindustrie richtete sich im Zuge dessen auf schnelle Gewinne in der Konsumindustrie.

Die Technikelite des Silicon Valley hat die Handlungspflicht, an der Verteidigung der Nation und der Artikulation eines nationalen Projektes mitzuwirken – was ist dieses Land, was sind unsere Werte und für was stehen wir – und darüber hinaus den noch bestehenden, aber fragilen geopolitischen Vorteil zu bewahren, den die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in Europa und anderswo über ihre Gegner errungen haben.

Und hier wären wir beim Kernpunkt der Mission beider Autoren. Noch hört man den alten Linken heraus, als der Karp ins Berufsleben startete, aber schon wird der Paradigmenwechsel hin zum Patrioten sichtbar, der die Überlegenheit der westlichen Welt und in Sonderheit der USA bewahren will und Amerika wieder great machen will, koste es, was es wolle. Die „einzige Weltmacht“ Zbigniew Brzezińskis läßt grüßen.

Die Konsequenz, die die Autoren ziehen, liegt auf der Hand: Der Technologie-Sektor habe die ausdrückliche Handlungspflicht, „den Staat zu unterstützen, der seinen Aufstieg ermöglichte“ (eben war Karps Prämisse noch, daß der Staat sich nicht um die Tech-Industrie gekümmert und sie den Kräften des Marktes überlassen habe). Und wie unterstützt die Tech-Industrie den Staat am besten? Durch Zusammenarbeit mit und Zuarbeit für die amerikanische Militär-, Polizei- und Geheiminstitutionen.

Bildbeschreibung Bild: Silicon Valley 2013 (Foto: Patrick Nouhailler, CC BY-SA 2.0)

Palantir wurde 2003 von Peter Thiel und Alex Karp gegründet, um gegen Terror und Gewaltkriminalität effektiver vorgehen bzw. ihr vorbeugen zu können. So allgemein wurde das Anliegen damals von den meisten „Techis“ und Bürgern unterstützt. Das Unternehmen arbeitete aus diesem Grund (oder unter diesem Vorwand?) auch für militärische und Geheimdienste. Aber – wie ich bereits bei der Vorstellung der beiden Bücher über Thiel und Karp schrieb – 2014 kam es zu dem, was diese einstigen Unterstützer und Sympathisanten, das linksliberal tickende Silicon Valley und sogar zahlreiche Mitarbeiter als Sündenfall erlebten: Palantir nahm Aufträge der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE an, also einer Institution noch teuflischer als der Teufel selbst. Das Buch kann als Rechtfertigung der Staatsnähe von Palantir gelesen werden sowie dafür, daß es sich als erstes aus dem Konsens und Selbstbild der „Techis“ verabschiedet hat, pazifistische Posthippie-Selbstverwirklicher zu sein, die nach dem Motto leben: „Wir nennen es Arbeit“ und für die technologische Entwicklung nicht gerechtfertigt werden muß, weil sie ein Wert an sich ist.

Die beiden Autoren sind findig in ihren Argumenten und greifen Aspekte auf, die bestimmt noch nicht jeder Leser gesehen hat. Ich zitiere einige Textstellen, die uns Europäern die amerikanische Wirklichkeit und Denkungsart näher bringen können:

  • Viele Führungskräfte vermeiden es, Diskussionen vom Zaun zu brechen, die mit moralischen oder weltanschaulichen Argumenten geführt werden müßten, „und zwar aus Angst, dass sie in der gegenwärtigen politischen Sphäre dafür bestraft würden“. Die politische Korrektheit legt nahe, „daß die Abwesenheit von Glauben an irgendetwas“ den „Weg zum Erfolg garantiere“. Viele sind sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt über irgendwelche „authentischen Überzeugungen“ verfügten. – Merke: Nur Palantieris wagen es zu philosophieren.
  • Franklin D. Roosevelt habe in einem Brief „das einzigartige Experiment“ gewürdigt, „das die Vereinigten Staaten während des Weltkrieges durchgeführt hätten, um der Wissenschaft im Dienste der militärischen Ziele zum Durchbruch zu verhelfen“.
  • Das Valley ist skeptisch, was die Arbeit für die Regierung oder nationale Anliegen angeht. „Der Markt belohnt eine oberflächliche Beschäftigung mit dem Potenzial der Technologie, und Start-up nach Start-up versorgte die Launen der spätkapitalistischen Kultur, ohne sich für die Konstruktion einer technischen Infrastruktur zu interessieren, die unseren drängendsten Herausforderungen als Nation angemessen wäre. Das Zeitalter der Social-Media-Plattformen und Essenslieferung-Apps ist heraufgezogen. Medizinische Durchbrüche, Bildungsreformen und militärischer Fortschritt müssen dann eben noch warten.“
  • „Jahrelang verstand man im Silicon Valley die US-Regierung als Hindernis für Innovation“ – „eine Barriere vor dem Fortschritt, nicht der logische Partner auf dem Weg dorthin. Die Technologie-Giganten der heutigen Zeit gingen einer Zusammenarbeit mit der Regierung lange aus dem Weg. Das Ausmaß der internen Dysfunktionalität innerhalb vieler staatlicher und bundesstaatlicher Stellen schuf scheinbar unüberwindliche Barrieren für Außenstehende, darunter auch für die aufstrebenden Start-ups der New Economy. Die Tech-Industrie verlor frühzeitig das Interesse an Politik und umfassenden kommunalen Projekten.“
  • „In der Zeit der fortgeschrittenen KI, die unseren geopolitischen Widersachern die seit Ende des Zweiten Weltkrieges einmalige Gelegenheit liefert, unsere Position in der Welt herauszufordern, sollten wir zur Tradition der engen Zusammenarbeit zwischen Tech-Industrie und Regierung zurückkehren. Es ist diese Kombination aus Streben nach Innovationen und den Zielen der Nation, die nicht nur den Fortbestand unseres Wohlstandes sichert, sondern auch die Legitimität des demokratischen Projekts als solches.“
  • „Wir haben die Wahl: Wollen wir die Entwicklung der fortschrittlichsten Formen künstlicher Intelligenz, die die Menschheit eines Tages bedrohen oder sogar verdrängen könnte, bremsen oder gar einstellen – oder erlauben wir uneingeschränktes Experimentieren mit einer Technologie, die das Potenzial besitzt, die internationale Politik dieses Jahrhunderts so zu prägen wie Atomwaffen das vergangene Jahrhundert bestimmten?“
  • „Es ist entscheidend, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf die Entwicklung einer nächsten Generation von KI-Waffentechnik richten, die das Mächtegleichgewicht nicht nur in diesem Jahrhundert, mit dem das Atomzeitalter endet, sondern auch im Folgenden bestimmen wird.“
  • „Unsere gesamten Verteidigungseinrichtungen und der Komplex der militärischen Bevorratung wurden entwickelt, um Soldaten für eine Art des Krieges auszustatten – auf großen Schlachtfeldern und mit dem Aufeinandertreffen zahlloser Soldaten –, die wohl nie wieder ausgefochten wird. Die nächste Ära des Konflikts wird mit Software gewonnen oder verloren. Eine Ära der Abschreckung, das Atomzeitalter, geht zu Ende, und eine neue Ära der Abschreckung, aufgebaut auf künstlicher Intelligenz, beginnt gerade.“

Da zieht einer alle Register. Und ob er überzeugen kann oder nicht: Klar dürfte aus den Zitaten hervorgehen, daß Amerika unter neurechtem Einfluß der Ideologie des Globalismus ein Ende setzt: Globale Technik – nationale Identität. Und wir müssen uns darauf einstellen, daß der amerikanische Imperialismus – wie zu Zeiten des Kalten Krieges – die Welt wieder bedroht, seine Weltmacht-Ideologie aufrecht erhält und bereit ist, sie jederzeit und mit allen Mitteln der ohnehin gefährlichen modernen Technologie umzusetzen.

Alexander C. Karp und Nicholas W. Zamiska: The Technological Republic. Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. München: Finanzbuchverlag 2025, 318 Seiten, 22 Euro.

Bildbeschreibung

Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist – unter anderem in der Zeitschrift TUMULT. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.

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Bildquellen: Sicherheitsgipfel 2017. Von links: David Ignatius (Washington Post), Christopher Wray (FBI-Chef), Michael Rogers (NSA-Chef), Robert Cardillo (NGA-Chef), Melissa Drisko (DIA-Direktorin) und Frank Calvelli (NRO-Direktor). (Titelfoto: FBI)