974b600d07ada6612068c2c2ed9694ba
Buch-Tresen extra | 09.07.2026
Druck von unten
Ein Streifzug durch die analoge Gegenöffentlichkeit – frisch ausgepackt, wenn man so will, und auch als Werbetext zu lesen.
Text: Michael Meyen
 
 

Wer schreibt, der bleibt, hieß es am Kartentisch, als ich jung war, und später dann auch in den Archiven, wo ich in die Vergangenheit eingetaucht bin und aus den Hinterlassenschaften von Politikern und Journalisten eine Mediengeschichte geformt habe, die fast immer ohne das Publikum auskommen musste – es sei denn, Leser, Hörer und Zuschauer hatten einen Fragebogen ausgefüllt oder ihren Protest in einen Brief gepackt.

Wer schreibt, der bleibt: Das war einmal. Das Internet ist zwar ein Fenster zur Welt, aber (ich zitiere hier Patrik Baab) dieses Fenster wird von der Macht geputzt und ist (das wird oft übersehen) nicht erfunden worden, um für Klarheit zu sorgen, sondern um uns zu beobachten. Die Putzkolonnen wischen dabei direkt vor unseren Augen und lernen jeden Tag dazu. Warum noch löschen, wenn es doch reicht, Algorithmen und Suchmaschinen so zu steuern, dass sie das ignorieren, was nicht passt und zu viele Leute verwirren könnte?

Die Lösung liegt bei mir auf dem Tisch. Genauer: auf mehreren Tischen. Heute gilt: Es bleibt der, der druckt – zusammen mit dem, der beim Lesen sicher ist, dass ihm niemand über die Schulter schaut. Punkt eins: Zeitungen. Ganz frisch: Forum Aktuell, Untertitel: „Regionalzeitung für den Freiberger Raum“. Ich habe die erste Ausgabe bekommen, weil ich ein Grußwort geschrieben habe (Bild), und darf jetzt sagen: ein guter Start. Lokalpolitik, etwas zu den Windkraftplänen vor Ort und zum Freiberger Forum, bei dem ich schon zu einem Vortrag war und das jetzt diese Zeitung auf den Weg gebracht hat. Mein Highlight: ein Bericht aus dem Alltag einer Supermarktverkäuferin. Kostprobe: „The Walking Dead. Nur mit Einkaufswagen.“ Journalismus darf auch Spaß machen, wenn er nah dran ist am Leben.

Bildbeschreibung

Die Bergische Freiheit ist etwas älter als Forum aktuell (15 Ausgaben seit Sommer 2022), etwas dicker (zwölf statt acht Seiten) und, wenn man so will, gewichtiger. Mehr Text und damit mehr Nutzwert, durch Rezensionen zum Beispiel (sonst oft eine Leerstelle in der Gegenöffentlichkeit), Reisetipps, Rätsel und Übernahmen aus dem Netz. Der Kern ist aber auch hier regional – mit Vortragsberichten, Veranstaltungstipps, Leserbriefen. Iris Plehn, Kopf des Projekts, war bei uns zum Kompaktkurs Journalismus und hat gleich ihr Buch Der Sozi-Virus dagelassen, ebenfalls noch druckfrisch, geschrieben mit Sebastian Weirauch und wie die Zeitung im Institut für Gesellschaftsentwicklung entstanden. Auch im Rhein-Sieg-Kreis wächst also etwas.

Bildbeschreibung

Und damit zu Punkt zwei, zu den Büchern, für die ich zwei Tische brauche – auf der einen Seite Analysen wie von Iris Plehn und Sebastian Weirauch, für die etablierte Reihen (etwa: Hintergrund) und selbst Neugründungen aus der Corona-Protestbewegung wie Discorso zu hohe Hürden haben, und auf der anderen Chroniken des Geschehens.

Bildbeschreibung

Auf Tisch eins liegt das neue Buch aus dem Kulturkreis Pankow, gestaltet von Robert Schumann und seinen Leuten und damit sowohl haptisch als auch sonst ein Lesegenuss. Auf dem Cover steht ein Hölderlin, und innen warten Texte von Florian Warweg, Gabriele Gysi, Michael von der Schulenburg, Kay-Achim Schönbach, Karin Leukefeld, Jochen Kirchhoff sowie jeweils gleich zwei Stücke von Michael Andrick und Martin Sonneborn. Manches ist schon an anderer Stelle erschienen, und die Mischung ist so bunt, dass die Werbung nicht ganz einfach wird. Verleger suchen Prominenz (wenigstens als Herausgeber), die auf den Plattformen sticht, und schicken damit den guten, alten Sammelband in die Nische.

Bildbeschreibung

Gut eingerichtet hat es sich dort in einem langen Schreiberleben Michael Sailer, mit dem ich gleich dreimal über seine monumentale Dokumentation der Corona-Jahre sprechen durfte und der jetzt nachgelegt hat mit einem „satirischen Jahrbuch 2025“. Gedruckter Hörfunk, wenn man so will, da die Kolumnen mit Franz Esser vorher bei Radio München gesendet wurden. „Nobel und selbstlos“, sagt Helmut Schleich in seinem Vorwort. Zwei Kollegen, die bereit sind, „schriftlich nachzureichen“, was sie da eingesprochen haben – bei Kabarettisten sonst offenbar nicht üblich, weil das Publikum die Gags so ja auswendig lernen könnte. Ich kann sagen: selten so viel geschmunzelt beim Lesen. Und dabei noch einmal all das vorüberziehen lassen, was den „Wahnsinn“ ausgemacht hat. Das Buch arbeitet dabei nicht im Wochentakt, sondern von Monat zu Monat. Vielleicht ein Tipp für die Ausgabe 2026 und an den Verlag von Thomas Kubo, der kurz vor Redaktionsschluss noch „Band I“ einer Bundespressekonferenz-Dokumentation von Florian Warweg auf meinen Chronik-Tisch wirft (für die Monate September bis Dezember 2023), versehen mit einer Einführung von Helge Buttkereit, der hier bei uns alle zwei Wochen am Medien-Tresen steht und Warwegs Buch als ein „wichtiges Stück journalistischer Zeitgeschichte“ adelt.

Bildbeschreibung

Weitgehend abgeschlossen ist das Werk von Winfried Wolk. Ich hatte das Glück, seine Memoiren besprechen und dabei einen DDR-Künstler kennenlernen zu dürfen, der, hier zitiere ich mich selbst,

im Herbst 1989 kurz ein gesamtdeutscher Star wird und dann erleben muss, dass Menschen aus dem Westen nicht nur sein Leben neu bewerten, sondern auch viel besser wissen, wie das gelaufen ist mit der Malerei hinter der Mauer.

Wir schreiben uns seitdem hin und wieder, von Dorf zu Dorf gewissermaßen oder von der Oberpfalz nach Mecklenburg. Ich wusste also, dass zwei Bücher folgen würden, knapp tausend Seiten insgesamt, in denen Winfried Wolk protokolliert, wie sich die „Zeitenwende“ durch die Brille eines Menschen ausnimmt, der sehen und vergleichen kann, weil er nahezu alles erlebt hat. In diesem Doppelband funktioniert das so ähnlich wie bei den Corona-Notaten von Michi Sailer. Zeitungsschnipsel, Beobachtungen, Reflexionen – hier weniger satirisch, aber genauso persönlich und damit ein Dokument für die nächste oder übernächste Historikergeneration, die das Gedruckte hoffentlich findet. Zur Not halt hier im Internet.

Freie Medienakademie

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto