Wissen Sie, was ein Biogasfernseher ist? Oder dass Pinocchio Friedrich Merz verklagen will? Der Fernseher produziert Strom für seinen Betrieb „aus dem Scheiß, der gesendet wird“. Und das mit Pinocchio erklärt sich ja wohl von selbst … Helmut Schleich in Hochform und das erste Mal in Plattling. Das Bürgerspital platzt aus allen Nähten; wer nicht eine Viertelstunde vor dem Einlass da ist, sitzt fast schon an der Bar, weit weg von der Bühne. Aber der Ton ist perfekt (hier arbeiten Profis), und beim Kabarett kommt es sowieso vor allem aufs Hören an. Um die 200 Leute erleben Schleichs neues Programm „Live 2026“.

Ich gebe zu, den Mann nicht gekannt zu haben. Den Namen mal gehört, das schon. Aber so genau wussten wir nicht, was uns erwartet. Ihr müsst unbedingt mit, hatten Freunde gesagt, für die Helmut Schleich aus Münchner Zeiten und aus dem Bayerischen Rundfunk eine Nummer ist. Ein Kabarettist alter Schule. Für den Satire Kritik nach oben ist, nicht Treten nach unten. Und so dreht sich die erste Stunde in Plattling ums Aktuelle: Der Wal darf nicht fehlen, „wahrscheinlich längst von den Norwegern harpuniert und zu Biodiesel verarbeitet“. Die SPD und ihr Untergang, Tankrabatt und Tabaksteuer (wer teuer raucht, darf billiger fahren), die Koalition ohne Tatendrang (hat sich jetzt auf einen Fahrplan geeinigt, den man ja von der DB kenne als „Fahrzeitschätzung mit Gleisempfehlung“). Bitterböse und politisch unkorrekt, dabei immer bayerisch-charmant und auf den Punkt. Sogar der Witz mit Trump, dem Papst, einem Kind und einem alten Mann im Flugzeug, die allesamt abspringen müssen und nur drei Fallschirme haben – die Pointe dürfte Allgemeinwissen sein –, klingt bei Schleich, als hätte man ihn noch nie gehört.

Auch um das Thema Corona macht der Wort-Magier keinen Bogen. Aufarbeitung werde es nie geben, zu viele hätten Angst vor Gitterstäben. Unfassbar, sagt Schleich, dass Jens Spahn vor der Enquete-Kommission behaupten darf, die Impfung sei nie mit dem Ziel Fremdschutz entwickelt worden. Wo bleibt der Aufschrei? Überhaupt seien doch mehr Leute an Corona verblödet als gestorben … Dem Publikum bleibt das Lachen kurz im Halse stecken. Die Irritation ist greifbar im Raum, und auch der junge Radfahrer im Münchner Univiertel mit Maske, aber ohne Helm und auf der falschen Straßenseite unterwegs („vollkommen falsches Risikomanagement“) erzeugt eher verhaltenes Klatschen. Die Rezensentin der Passauer Neuen Presse erwähnt den Corona-Passus in ihrem Veranstaltungsbericht nicht, sicher ist sicher.
Nach der Pause geht es ums Zusammenleben, um Rhabarberschorle-Deppen im Biergarten und darum, ob Gott queer sein kann. Wenn ja, dann sei der Teufel divers – er hat ja den Schwanz hinten. Wir lernen den deutschen Traum kennen: vom Tellerwäscher zum Tellerwaschenden! Und dass uns das Problem mit der einen Billion Schulden für unsere Enkel egal sein kann, weil’s dann eh ein arabisches ist. Keine Angst vor schwierigen Themen, alles kommt auf den Tisch. Auch die Afghanen, die am Ende für Deutschland in den Krieg ziehen können – sie wohnen eh schon in Kasernen.
Auf Wikipedia hat Helmut Schleich den Ritterschlag erhalten, genannt „Kritik": Kulturelle Aneignung lautet der Vorwurf, weil er 2021 als schwarz geschminkter Maxwell Strauß auftrat, als unehelicher Sohn von Franz Josef und Diktator eines fiktiven afrikanischen Landes. Schleich sagt, die Figur zeige „den Import neokolonialer Strukturen aus dem globalen Norden nach Afrika“. Der Spiegel warf ihm „Ignoranz und Bequemlichkeit“ beim Thema Rassismus vor, und der Bayerische Rundfunk nahm die Figur aus dem Programm. So läuft das heute.
Zurück nach Plattling. Am Ende verwandelt sich Helmut Schleich in Franz Josef Strauß und teilt nochmal so richtig aus. Söder, Aiwanger – jeder kriegt sein Fett weg. Freie Wähler, was das überhaupt sei? Früher gab’s nur die Wahl, „am richtigen Stammtisch zu saufen“. Tosender Applaus nach gut zwei Stunden und eine Zugabe, die Helmut Schleich zur Werbung für sein Buch „Zugespitzt. Alles eine Frage der Perspektive“ nutzt. Zusammen mit einer Tasche zu erwerben, gleich am Ausgang. Ein Taschenbuch!

Die Schlange ist lang, jeder Käufer bekommt ein Autogramm. Zuhause neugieriges Blättern im Buch, eine Auswahl der Kolumnen auf Bayern 2 von 2017 bis 2024. Am 20. Mai 2020 geht es um den Spruch „Bleiben Sie gesund!“. Die Kolumne endet:
Aber auch da muss man sagen, wir sind ja deswegen nicht netter, aufmerksamer oder umsichtiger geworden, wir haben unsere Ignoranz nur mit Freundlichkeits-Phrasen zugekleistert. Drum ist das auch gar kein Problem mehr zu einem Herzkranken zu sagen „bleiben Sie gesund“. Kürzlich durfte ich folgenden Dialog belauschen: „Bleiben Sie bitte unbedingt gesund!“. Darauf die Antwort: „Sehr, sehr gerne!“ Vielleicht ist ja was dran an dem Satz, dass mittlerweile mehr Menschen an Corona verblödet sind als erkrankt. Eben alles eine Frage der Perspektive.
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