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Bericht | 01.06.2026
Handwerk für jeden
Der Kompaktkurs Journalismus der Freien Medienakademie ist eine Einladung, die Wirklichkeit für sich selbst und das Publikum begreifbar zu machen.
Text: Alexander Grunicke
 
 

Landluft befreit, denke ich mir auf dem Weg zu Antje und Michael Meyen, die weitab der nächsten Stadt wohnen. Als Professor für Medienforschung an seiner Universität nicht mehr willkommen, gründete Michael gemeinsam mit seiner Frau die Freie Akademie für Medien & Journalismus. Jenseits der Burgen der Bildungsbürger ist so in der Oberpfalz ein Katalysator und Kristallisationspunkt der Gegenöffentlichkeit entstanden.

Antje und Michael heißen die Teilnehmer zwischen 25 und 65 am Vorabend des Kurses bei sich zu Hause willkommen. Ohne die Zeitenwende des „New Normal“ wären ich und viele von uns hier wahrscheinlich nicht zusammengekommen. Die Teilnehmer wirken alle wach und aufmerksam. Einige haben schon erste Erfahrungen als Autor oder Blogger.

Aus der Vorstellungsrunde macht Michael kurzerhand die erste Übung. Wir sollen uns paarweise interviewen und unseren Gesprächspartner dann allen Teilnehmern in wenigen Sätzen vorstellen. Ich frage mich: Was kann und möchte ich in zehn Minuten über einen Menschen erfahren, den ich noch nie zuvor getroffen habe? Was interessiert mich und meine Zuhörer und wie bringe ich das in wenige Sätze? Später bin ich überrascht, wie viel Interessantes in jedem von uns steckt – und wir schon in so kurzer Zeit zu Tage gefördert haben.

Was ist guter Journalismus?

Am nächsten Morgen erarbeiten wir gemeinsam die Kriterien von gutem Journalismus. Sauber recherchieren, verschiedene Quellen heranziehen, Interessen hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven einfangen, sachlich und klar formulieren sowie Transparenz herstellen. Die Frage, was Unabhängigkeit bedeutet, lässt sich hingegen nicht so leicht beantworten. Objektivität existiert nicht, weil jeder Autor und Journalist durch seine eigene Biografie, Erfahrungen und Wertvorstellungen geprägt ist. Wir stimmen aber überein, dass ein Medium, das sich vorrangig durch Abonnenten finanziert, einen höheren Grad an Unabhängigkeit gewährleistet als jene, die auf Werbe- oder Steuereinnahmen angewiesen sind. In Zeiten von De-Monetarisierung und De-Plattforming ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Dann folgt schon die nächste Übung: Wir sollen einen Werbetext für ein Medium unserer Wahl formulieren. Ich wähle Multipolar. Die Idee für die Überschrift – Wachhund statt Schoßhund – und für die Struktur kommen mir als regelmäßigem Leser dieses Onlinemediums schnell. Dennoch bin ich erstaunt, wie viele kreative Texte wir unter Zeitdruck – oder vielleicht gerade wegen der knappen Zeit – produzieren können. In weiterer Folge sollen wir dann Thema und Absicht für einen Bericht unserer Wahl schreiben. Und später dann eine Überschrift und einen Teaser für unseren Werbetext. Konkret und kurz, aber gleichzeitig kreativ und kurzweilig.

Sprache und Wirklichkeit

Überhaupt, die Sprache! Korrekt sei sie, verständlich, gut und interessant! Wolf Schneider lässt grüßen. Und: Texte schreiben wir auch für die Ohren. Also lies dir deinen Text selber vor und feile dann an Stellen, über die du dabei gestolpert bist … Während ein Bericht die subjektive Sicht des Beobachters auf ein Ereignis oder einen Prozess sowie kreative Sprache erlaubt, verlangt die Nachricht als journalistisches Genre Sachlichkeit, Prägnanz und Präzision.

Mit der Auswahl, über was wir berichten, legen wir schon (un)bewusst den ersten Filter über die Wirklichkeit. So könnten einige Kurznachrichten, die wir aus dem Interview eines Vorstandsmitglieds der Deutschen Bahn destillieren, wie positive Werbung für die Bahn klingen, während andere kritisch zum Beispiel auf die vielen Baustellen hinweisen. Mir wird bei dieser Übung Verantwortung und Herausforderung des Journalismus gleichermaßen bewusst.

Vertrauen und Verantwortung

Besondere Verantwortung trägt der Journalist in Interviews. Das beginnt bereits mit der Kontaktaufnahme zum Gesprächspartner. Diesem sollte der Journalist das Medium, für das er arbeitet, und das Gesprächsthema offenlegen. Gleichzeitig muss er Vertrauen aufbauen und eine Atmosphäre schaffen, in der sich sein Partner öffnen kann.

In unserer Übung zeigt sich, dass Vorbereitung (fast) alles ist. Die Zeit ist immer begrenzt. Also muss ich im Vorfeld Hintergründe zum Thema und zum Interviewpartner recherchieren. Ein gutes Interview setzt vor allem voraus, dass ich aufmerksam zuhöre, nachfrage und Zwischentöne wahrnehme. Das gelingt nur dann, wenn ich meinem Gesprächspartner aufrechtes Interesse und Wertschätzung entgegenbringe. Also indem ich ein Gespräch auf Augenhöhe führe – weder konfrontativ noch kumpelhaft, sondern respektvoll und offen.

Jeder Mensch hat eine Geschichte

Die Ergebnisse unserer Interviews und unserer Gespräche zeigen, dass jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat, die es wert ist, dass wir über sie berichten: Hans, der mit seinem Motorrad schon die Hälfte aller US-Bundesstaaten sprichwörtlich er-fahren hat. Als er erzählt, wie er das erste Mal über den Highway fuhr und es kaum fassen konnte, dass er das als Ossi noch erleben würde, ist das Leuchten in seinen Augen zu sehen. Da ist Sabine, die als pensionierte Beamtin eines Verfassungsgerichtes ruhig schildert, wie der Rechtsstaat zu Zeiten von Corona außer Kraft gesetzt wurde. Oder Jens (alle Namen geändert): Er engagierte sich schon früh in Vereinen für solidarische Landwirtschaft und Gemeinwohlökonomie. 2021 wurden aus seinen Vereinskollegen von damals plötzlich Gegner, die gegen ihn und seine Mitstreiter demonstrierten.

Aufmerksamkeit und Neugier sind nicht nur in der Interviewführung wichtige Eigenschaften. Ein Journalist geht mit offenen Augen und Ohren und neugierig durch die Welt. Dann findet er Themen und die entsprechenden Quellen, Dokumente und Gesprächspartner. Vielleicht entsteht daraus am Ende eine Reportage, gemeinsam mit dem Porträt die Königsdisziplin der journalistischen Genres, wie Michael findet.

Antje und Michael ermutigen uns, Themen für einen Bericht oder eine Rezension zu suchen. Das Leben findet nicht in erster Linie in Berlin oder Brüssel statt. Spannende Ereignisse und interessante Persönlichkeiten gebe es überall und viele Geschichten warten darauf, erzählt zu werden. Guter Journalismus besteht im Kern darin, Öffentlichkeit herzustellen – indem wir zu den Menschen hinausgehen und deren Geschichten und Lebenserfahrungen aufschreiben.

Die vier Tage in der Oberpfalz waren intensiv. Nicht nur von den vermittelten Inhalten her, sondern auch von der Qualität der Begegnungen zwischen den Teilnehmern. Antje und Michael vermitteln Interessierten prägnant und praktisch die Prinzipien für guten Journalismus und geben ihnen dafür die Werkzeuge in die Hand. Es liegt an uns, damit und mit unseren Sinnen die Wirklichkeit sichtbar(er) zu machen.

Alexander Grunicke ist Jurist und hat am Kompaktkurs Journalismus der Freien Medienakademie teilgenommen.

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Bildquellen: Engin Akyurt auf Pixabay