Ich habe Schwierigkeiten mit der Definition eines Wir, eigentlich schon immer.
In der Schule konnte ich den Klassenverbund nicht immer fühlen; später war ich skeptisch gegenüber Cliquen, da ich wechselnde Untergrüppchen beobachtete und mich fragte, worin die alles verbindende Gruppenloyalität wohl bestand. Keine Allianz schien sicher, und manchmal wurde sogar jemand von jemandem verraten, mit dem er gerade noch gut stand. Solche Beobachtungen haben mich zu einem vorsichtigen Menschen werden lassen. Als Kind wird man dann schüchtern genannt; in frühen Zeugnissen wurde alle Jahre wieder befunden: „Sabine ist zu ruhig“.
Zu Schulzeiten lernte ich neben den Cliquen ein weiteres trügerisches Wir kennen, das behauptete, man könne als Gemeinschaft irgendwelchen Anfängen wehren, und dass Ausgrenzung nie mehr möglich wäre …
Als junge Erwachsene nahm neben der konventionellen meine alternative Bildung an Fahrt auf, aber meine Kernfamilien-Erziehung, für die ich meinen Eltern dankbar bin, hielt mich noch eine Weile brav. Meine Eltern lebten meinem Bruder und mir vor, dass es keine Unterschiede in der Wertigkeit von Menschen gibt und dass die eigene Freiheit da endet, wo die des anderen beginnt. Das bedeutete für uns, uns im Gespräch nicht über andere zu stellen oder gar laut zu werden; uns war bewusst, dass die andere Meinung nicht weniger wiegt als unsere.
Schon vor meinem 20. Lebensjahr begann ich mich schreibend zu sortieren. Obwohl es zu Anfang eher belletristisch war, wurde es nach und nach sachlicher: Ich fing an, mich praktisch und theoretisch mit Kunst und immer mehr auch gesellschaftspolitisch auseinanderzusetzen.
Als ich mir damals meinen Lehrberuf ausgesucht und im selben Haus nach bestandener Abschlussprüfung meine Stelle angetreten habe, konnte ich manche Entwicklung nicht vorhersehen. Ich habe einen Beruf gewählt, von dem ich mir vorstellen konnte, dass er mir auch nach Jahren noch gefällt, unabhängig davon, dass mir das Abitur auch etwas anderes ermöglicht hätte, und komplett unabhängig von Karriere-Gedanken. Das entsprach mir nie und entspricht mir bis heute nicht. Das einzige, das ich wollte, war: zufrieden sein. Auch gefiel mir die Idee von niederschwellig erreichbarer Kultur und Information. Jeglicher Information.
Angestellte im öffentlichen Dienst legen ein Gelöbnis ab, in dem sie versprechen, ihre Pflichten gewissenhaft zu erfüllen und die Gesetze zu wahren. Dem nachzukommen, ist mir lange nicht schwergefallen. Obwohl ich theoretisch wusste, dass wir als Stadtbibliothek eine freiwillige Leistung der arbeitgebenden Stadt sind und von der Politik abhängen, konnte ich mir nicht vorstellen, welche Unfreiheiten das nach sich ziehen könnte. Dass es einmal Verordnungen geben könnte, die ich mit umzusetzen hätte, obwohl sie fundamental menschlichen wie grundgesetzlich verbrieften Vorgaben widersprechen. Dass es eine riesige Rolle spielt, der Politik anzuhängen, ihr gefallen zu müssen. Naiv, wie ich jung war, ging ich davon aus, zwar von einer Farbe regiert zu werden, aber dass das nicht abfärben würde auf die Idee der freien Bildung und Informationsbeschaffung. Und dass das kollegiale Wir durch nichts angetastet werden könnte. 32 Jahre später, 2020, war es dann so weit: Letzte Naivitätsreste sollten mir in den kommenden drei Jahren ausgetrieben werden.
Schon vorher hatte mir manches Ereignis, manches Verfahren gezeigt, dass Bildung alles andere als frei ist: dass Menschen, die frei lernen wollen, der behördlichen Verfolgung ausgesetzt sind, man an Universitäten seit 1999 lernt, die richtige Antwort aus vorgegebenen Möglichkeiten auszuwählen, Drittmittel anwerben muss, weil die Konzerne bestimmen, wonach geforscht wird (und meist auch schon das Ergebnis), dass man grundsätzlich nicht jedes Thema öffentlich diskutieren darf, ohne mindestens sozial ausgegrenzt zu werden. Bis man in den frühen 2020er Jahren gegen Professoren demonstrierte statt argumentierte und Experten in ihren Gebieten nur noch so genannt wurden, wenn sie der Regierungsmeinung entsprachen.
9/11 ereignete sich, als ich 34 war. Einige Zeit danach lieh mir ein Bekannter eine Filmdokumentation zum Thema; leider habe ich mir Macher und Titel nicht gemerkt. Nach dem Anschauen blickte ich noch sehr viel kritischer auf die Regierungen der Welt als zuvor. Die Vorträge Daniele Gansers lagen in meiner noch ferneren Zukunft, aber sie holten das, was bereits damals Gegenstand von begründeten Spekulationen war, auf bemerkenswert nüchterne und sachliche Art zur Auseinandersetzung für mich zurück, und die University of Alaska Fairbanks bestätigte 2020, dass Feuer als Ursache – die offizielle Erklärung – nicht zum Einsturz von WTC 7 geführt haben kann.
Bild: Ansgar Schneider im Apolut-Gespräch zu WTC7 (Ende 2022)
Gansers Forschungen und Vorträge, aber vor allem sein widerständiges Dranbleiben trotz sehr realer Bedrohungen sind deshalb so hoch einzuschätzen, weil es Integrität zeigt in einer Welt, in der dieser Wert aus der Mode zu kommen scheint. Ich habe kein einziges Mal darauf geschaut, welche Mode er am Leib trägt. Der Vorwurf Daniel Sandmanns an Dirk Pohlmann, dieser hätte im Gespräch mit Dirk C. Fleck in seiner Verteidigung Gansers einen „Abwehrreflex des Widerstands“ gezeigt, suggeriert, dass es keine abwehrenden Argumente gäbe.
Corona war nicht Daniele Gansers Fachgebiet. Er ist weder Arzt noch Jurist und konnte diesbezüglich nicht die von Sandmann geschätzten Sach-Analysen dieser Berufsgruppen liefern; er ist Historiker und forschte zu inszeniertem Terrorismus und 9/11. Wohl lehnte auch er die Injektion der nicht ausreichend getesteten mRNA ab. Sein Ansatz, mit Corona auf ein anderes Thema zu schauen, beleuchtete doch auch das Machtgefälle zwischen Menschen, die eine Erzählung prägen, und Bürgern, denen es schwer gemacht wird, an alle für ein Urteil relevanten Informationen zu kommen. Und die mit Diffamierung zu rechnen haben, wenn sie es versuchen. Ist er kein „echter“ Systemkritiker, weil er weiße Schuhe trägt? Verwies nicht auch er mit seinen Bemühungen auf Zentren der Macht?
Für mich waren seine Vorträge zu 9/11 eine Erinnerung an meine ersten kritischen Stimmen, die ich zur Sache gehört hatte; für die Jüngeren waren es vielleicht seine Untersuchungen, die, eben argumentativ und manchmal humorvoll im Ton, wichtige erste Risse in die hochwahrscheinlich von höchsten Kreisen geklitterte Fassade gebracht haben. Diese Verdienste sind erst einmal unbenommen, und auch Fleck rudert im Gespräch mit Pohlmann in mehreren Äußerungen schließlich zurück.
Ich weiß nicht, ob der Schreiber, der eine Kritik zum Artikel „Weiße Sneakers" veröffentlichte, Recht hat mit seiner Einschätzung, dass Daniel Sandmann fordere, dass alle Corona-Widerständigen „gleichzeitig eine fundamentale Kapitalismuskritik [hätten] formulieren sollen“. Aber ich verstehe Sandmann so, dass Daniele Ganser das hätte tun oder zumindest auf sein verräterisches Schuhwerk hätte verzichten müssen.
Die mögliche Ökonomisierung von Widerstand anzusprechen, wie Sandmann und Gausmann es tun, ist für mich erst einmal völlig legitim. Es kann tatsächlich widersprüchlich wirken, wenn eine gesellschaftliche Bewegung, die sich unter anderem gegen Machtkonzentration richtet, selbst Mechanismen reproduziert, die Aufmerksamkeit in Reichweite und letztlich in Einkommen überführen. Doch es stellt sich doch sofort die Gegenfrage: Ist es überhaupt möglich, Reichweite aufzubauen, ohne in solche Dynamiken zu geraten? Und bedeutet Wiederholung zwangsläufig geistigen Stillstand? Oder ist sie nicht ebenso ein Mittel, neue Menschen zu erreichen, die zuvor keinen Zugang zu bestimmten Argumenten hatten? Der Wunsch nach intellektueller Weiterentwicklung kollidiert hier mit den realen Bedingungen öffentlicher Kommunikation: Wer spricht, wiederholt sich zwangsläufig; nicht unbedingt aus Mangel an neuen Gedanken, sondern weil jedes Publikum ein anderes ist.
Bild: Daniele Ganser im Herbst 2025 in Moers (Foto: Dirk Wächter)
Selbstverständlich hätte auch ich es begrüßt, wenn etwas hätte aufgebaut werden können, das die im wahrsten Wortsinn Mittelloseren ihre Interessen gegenüber den Wirkmächtigeren auch wirksamer und nachhaltig hätte vertreten lassen können.
Aber es ist meiner Wahrnehmung nach nicht richtig, dass die Menschen im Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen (alle) keine gesellschaftlichen Gegenentwürfe hatten. Viele von ihnen wollten jedoch nicht den Fehler derjenigen machen, die sie kritisierten: in einem Anfall von Dogmatismus und Totalitarismus ihr Modell eines für sie besseren Zusammenlebens allen anderen überzustülpen. Daher gab es Angebote und Zusammenschlüsse, und zahlreiche Initiativen experimentierten mit Formen von Teil-Autarkie, solidarischer Landwirtschaft, gemeinschaftlichem Leben oder Konsumreduktion. Dass viele dieser Ansätze nach dem Wegfall des akuten Drucks wieder zerfielen, verweist weniger auf inhaltliche Leere als auf ein grundlegendes menschliches Phänomen: Gemeinschaft entsteht meist situativ und ist schwer dauerhaft zu stabilisieren, wenn das verbindende Element (vermeintlich) verschwindet.
Sandmann lenkt zu Recht ein, wenn er schreibt: „Allerdings wäre fairerweise zu diskutieren, ob der Widerstand nicht doch eine in sich stimmige Bewegung gewesen sei, bestimmt, an übermächtig gefügten gesellschaftlichen Verhältnissen zu zerbrechen.“ In diesem Satz steckt mehr, als vielleicht auf den ersten Blick sichtbar wird. Denn die Vorannahme, dass der Widerstand zerbrochen, dass aus ihm „nichts geworden“ sei, wie an anderer Stelle formuliert, ist für mich eine Fehleinschätzung. „Fertig mit dem Widerstand“ zu sein, wird den tapferen Widerständigen nicht gerecht. Ich gehe fest davon aus, dass ohne sie die parlamentarisch legitimierte Pflicht zur mRNA-Injektion bereits gekommen wäre.
In meinen Ohren klingen Daniel Sandmanns Worte, als wünschte er sich den großen Wurf, eine Revolution der Mittelloseren gegen die Besitzenden, die zur Maßnahmenzeit endlich hätte losgetreten werden sollen. Will man keinen blutigen Umsturz, dann setzt man auf einzelne Menschen, die vielleicht zu kleinen und dann zu größeren Gruppen werden. Werden diese Gruppen zu groß, entstehen die gleichen Probleme wie vor der Revolution, eine neue „Animal Farm“. Kennt die Geschichte ein Gegenbeispiel, das ein für alle Mal Gleichwertigkeit hergestellt hätte?
Es geht immer nur um Balance bei Medienmacht und damit Deutungshoheit, Ressourcenverteilung und Schutzbalken gegen unser psychisches Gestrickt-Sein. Diese Balance, die wir nicht haben, bringt nicht das oder ein System, auch kein neues. Das bringt nur ewige Aushandlung, wie wir leben wollen, in jeder Generation wieder von vorn, mit jedem, der will, da, wo er steht.
Bild: Konzerthalle Bamberg am 1. November 2024 kurz vor einem Vortrag von Daniele Ganser (Foto: Dirk Wächter)
Gegensätzliche Positionen sind immer schnell mit der Argumentation, die andere Seite möge doch die Andersartigkeit als Geschenk an sie begreifen. Was aber ist mit der Andersartigkeit in den sogenannten eigenen Reihen? Wie oft wurde mir schon der Stuhl vor die Tür gestellt von Menschen, die – angeblich oder tatsächlich – gleiche Werte vertreten:
Ich nenne hier keine Namen, denn es geht nicht um das Nachtreten in Richtung dieser Kanäle und Menschen. Mir geht es darum aufzuzeigen, wie schwierig es sein kann, sich einzubringen mit dem, was man als Mensch und Mitbürger mit auf den Tisch packen kann. Und darum, wie wir miteinander umgehen – und wir sind nicht mal Gegner; wir begreifen uns als Menschen auf derselben Seite oder werden derselben Seite zugeordnet.
Dass sich Menschen mit einer entgegengesetzten Agenda nicht erreichen – geschenkt. Dass Menschen, die möglichst herrschaftsfrei leben möchten, nicht diejenigen überzeugen werden, die andere beherrschen wollen, ist bestechend logisch. Aber von denjenigen auf derselben Seite kann erwartet werden, dass sie respektvoll und im besten Fall neugierig auf den anderen Aspekt miteinander reden; das wäre doch das Mindeste. Produktiver als das, was stattdessen oft geschieht, wäre es allemal.
Eine der wichtigen Fragen dabei ist jedoch, wie Menschen „dieselbe Seite“ definieren; ob es jemals einen richtig zuordnenden Menschen gegeben hat, es ihn überhaupt geben kann oder jemanden, der für das Empfinden beider Seiten richtig zugeordnet wird.
Menschen neigen dazu, den Etiketten anzuhängen, die sie sich umhängen oder haben umhängen lassen. Die wenigsten passen. Es gibt weder einen vollkommen widerspruchsfreien Menschen noch einen reinen Widerstand, rein von jeglichem Widerspruch. Und liegt nicht in der Kritik, wie Daniel Sandmann oder auch Ulrich Gausmann sie formulieren, die Forderung, ein Mitmensch müsse auf genau die Art und Weise, wie sie es tun, denken und agieren? Auch die gut gemeinte Forderung auf grilleau.blogspot.com, Sandmann möge doch sein wie Gunnar Kaiser, an den dort dankenswerterweise erinnert wird, wäre als solche grotesk.
Kein Mensch ist wie der andere.
Ulrich Gausmann kritisiert Daniele Ganser wegen des Gebrauchs des Begriffs „Menschheitsfamilie“. Er steht auf dem Standpunkt, dass dieser Begriff asymmetrische Machtstrukturen verschleiere, weil er ein eher kitschiges Familienbild bediene. In meinen Ohren ist der Familienbegriff eher neutral, spricht von biologischer oder anderer Verwandtschaft und sagt im übertragenen Sinn, dass wir als Menschen derselben Spezies angehören. Ob wir fair miteinander umgehen oder in struktureller Ungleichheit, Ausbeutung, Missbrauch etc. leben – darüber sagt die Bezeichnung nichts. Dass auch in Familien verhandelt werden muss, die Mittel zur Auseinandersetzung vielleicht ungleich verteilt sind, man sich Dingen oder Familienmitgliedern schon mal erwehren muss – ja, natürlich ist das so. Aber im besten Fall bewahrt man seine eigene Würde im (Ver)Handeln oder geht friedlich. Das meinen wohl die allermeisten, die den Begriff „Menschheitsfamilie“ gebrauchen. Obwohl Menschen selbstverständlich ignorant, zu gutgläubig etc. sein können, negieren viele weder Unfairness und gelebte Ungleichwertigkeit, noch „simulieren“ sie Kritik; viele analysieren die Zustände glasklar, sprechen sie aus und handeln ihrer Erkenntnis entsprechend. Gemessen an den ebenfalls vielen, die vollkommen unbewusst und desinteressiert durchs Leben gehen, ist Gausmanns Kritik zu hart – und nicht nur „zu hart für Daniele“.
Bild: Daniele Ganser 2016 (Foto: Anidaat, CC BY-SA 4.0)
Aber Kritik darf immer sein; kein Mensch ist über jeden Zweifel erhaben, und Daniel Sandmann und Ulrich Gausmann haben gut daran getan, ihre Wahrheit zu schreiben. Ich wünsche es mir lediglich differenziert, unverkürzt, nicht moralisierend oder Symbole überhöhend. Unser Schuhwerk ist meines Erachtens kein zuverlässiger Indikator für unsere Haltungen, aber sollte Daniel Sandmann meinen, dass es doch so sei, wünschte ich mir, er ginge mit Daniele Ganser in einen direkten Austausch.
Wenn Sandmann sich mit Ganser in keinem Verbund sah, nicht heute und nicht damals, dann ist klar: Ganser könnte ein Gegner sein, der den „echten“ Widerstand schwächt. Und in Gegnerschaft wäre dieser Versuch nicht weiter verwunderlich; es wäre folgerichtig und in dem Fall sogar lächerlich, von Ganser eine Haltungs- oder Verhaltensänderung zu erwarten. Und was wäre, wenn er kein Gegner wäre? Waren beide einmal unter dem Dach eines Widerstands gegen eine Übermacht verbunden und hatten nur unterschiedliche Ansatzpunkte, dann stellt sich ebenfalls die Frage, wie realistisch es ist, dass der eine vom anderen eine Änderung verlangt, ob es nun um Auftreten oder innere Einstellung geht. Und wie sähe es Ganser? Sähe er sich mit Sandmann auf derselben Seite, vereint in einem gemeinsamen Anliegen?
Die Frage, die an die Definition „derselben Seite“ anschließt und die vielleicht die alles entscheidende Frage ist:
Beides ist eine Illusion: das statische homogene Wir, in dem wir immer gleich gut aufgehoben sind, und die absolute Unabhängigkeit, die unser vollständig eigenständiges Denken bewahrt. Obwohl gerade auch interne Kritik Angriffsflächen (dann oft auch nach außen) bietet, Vertrauen untergraben, Entscheidungen lähmen, verhindern oder komplett destruktiv werden kann, kommen wir als soziale Wesen in Gruppen und Zusammenschlüssen nicht ohne sie aus. Es ist keine „Nestbeschmutzung“. Es ist gut, dass sich Menschen in gemeinsamem Interesse finden und zusammen für etwas streiten können, aber sie müssen es auch miteinander widerstreitend tun können. Es wäre günstig, wenn wir dabei erkennen würden, wann der Streit tatsächlich sinnlos ist: bei unterschiedlichen Motivationen, Werten, der negativen Beantwortung der Frage, ob das Ziel rational getragen werden kann, auch wenn emotionale Resonanz fehlt, man kein gemeinsames Endziel formulieren kann, die Meinungsverschiedenheiten nicht als Möglichkeit der Präzisierung zu schätzen weiß, das Gefühl hat, sich nicht auf Augenhöhe zu begegnen. Die Einsicht allzu großer Unterschiedlichkeit hält vom Aufeinandereindreschen meistens ab.
In der Gruppe befinden wir uns ständig zwischen Zusammenhalt und Selbstkorrektur, zwischen Gruppendenken bis hin zum Gruppenzwang und Zerfallen. Die Gruppe handelt nicht – wir handeln als Individuen innerhalb eines Gruppenrahmens. Wir bringen unterschiedliche Temperamente, Werte, Erfahrungen und Strategien mit. Und die meisten von uns wünschen sich, gehört und gesehen zu werden, in ihrem Leben wirksam zu sein.
Was haben meine früheren Erfahrungen miteinander gemein, und was verbindet sie mit aktuelleren? Es ist die Erkenntnis, dass nicht frei und fair miteinander gesprochen wird, was, wenn es geschähe, viele Probleme pulverisieren würde; dessen bin ich mir ziemlich sicher. Ich möchte fragen können und ich wünsche mir, dass andere einander fragen:
Es gibt Gegnerschaft in der Welt, Gegnerschaft bis hin zum Krieg; ich möchte da nichts schönreden. Mir tut es lediglich schon mein ganzes Leben lang leid, wenn Menschen, bei denen ich die Gegnerschaft nicht augenblicklich erkenne, beginnen, sich aufgrund ihrer Unterschiede abzulehnen und zu bekämpfen. Natürlich könnte ich auch auf dem Standpunkt stehen: Lass sie; dir steht kein Urteil darüber zu; kümmere dich um deinen eigenen Kram. Allerdings mische ich mich nicht in Privates ein, sondern in gesellschaftliche Debatten, bei denen ich mir noch viel, viel mehr Beteiligung wünschte, gerade auch von Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen.
Denn wir brauchen positive, konstruktive Beispiele von Bürgerbeteiligung im ganzen Land. Was sonst ist die vielgepriesene „Demokratie“? Ich bin sehr dankbar für all die Kanäle, Bücher, Artikel, Dokumentationen; Menschen, die sich in ihr eigenes Leben und über die genannten Medien auch in meines einbringen und mich inspirieren, mich ebenfalls zu beteiligen.
Die Vorstellung, Daniel Sandmann oder Ulrich Gausmann gingen mit Daniele Ganser gemeinsam die oben genannten Fragen durch, um zu eruieren, ob Kritik aneinander konstruktiv sein könnte – gemeinsam; nicht von Ferne über den anderen urteilend –, lässt mich schmunzeln. Vielleicht würde einer von ihnen dem anderen antworten, wie es die Psychoanalytikerin Jeannette Fischer mal in einer Talkrunde tat, als ihr von demjenigen, der gerade sprach, bescheinigt wurde, dass sich ihr Weltbild von seinem doch sehr unterschiede: „Aber Sie haben auch einen anderen Beruf!“ (Ich weiß nicht mehr, ob sie noch das Schweiz-typische „Oder?“ angefügt hat.)
Das Definieren der eigenen Reihen ist schwer, und ich habe immer noch und immer wieder Schwierigkeiten mit einem Wir, das eine Homogenität vorgaukelt, die es so nicht gibt. Aber ich habe mich auch – so wie jeder Mensch – vom kindlichen Entweder-oder zum erwachseneren sowohl als auch entwickeln können. Ich hoffe für uns alle auf das Nachspüren dieser Entwicklung, die in uns allen angelegt ist.
Sabine Pint hat uns mehrfach geschrieben und sich auf dem gleichen Weg auch mit Daniel Sandmann und Ulrich Gausmann ausgetauscht. Ihr Angebot, nicht „nur“ in Leserbriefen zu reagieren, haben wir gern angenommen.
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