98af5708e4f19301f4f3597553bb0f67
Essay | 11.02.2026
Sind wir eine Familie?
Warum die Metapher „Menschheitsfamilie“ mehr verschleiert als erklärt und wie wir stattdessen zu einer Gemeinschaft kommen, die diesen Namen verdient.
Text: Ulrich Gausmann
 
 

„Wir sind doch alle eine große Menschheitsfamilie“ – dieser Satz fällt derzeit häufig in alternativen Medien, auf Friedensdemonstrationen und in spirituellen Kreisen. Er klingt warm, versöhnlich, nach Zusammengehörigkeit. Wer würde widersprechen wollen? Doch bei genauer Betrachtung entpuppt sich die Metapher als problematisch. Sie verschleiert mehr, als sie erhellt – und erfüllt dabei eine spezifische gesellschaftliche Funktion.

Die vermeintliche Natürlichkeit der Familie

Wer von der „Menschheitsfamilie“ spricht, setzt etwas Fundamentales voraus: Familie als natürliche, quasi biologische Organisationsform menschlichen Zusammenlebens. Doch dieser Naturalismus hält historischer Prüfung nicht stand. Bereits Friedrich Engels zeigte 1884 in seiner Studie „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, dass Familienformen sich mit den jeweiligen Produktionsweisen entwickeln und verändern. Die bürgerliche Kleinfamilie etwa, die uns heute selbstverständlich erscheint, ist historisches Produkt der modernen Wirtschaftsordnung. Sie dient primär der Reproduktion von Arbeitskraft und der Aufrechterhaltung bestimmter Eigentumsverhältnisse. Was als „natürlich“ gilt, ist gesellschaftlich produziert – ein historisches Arrangement, kein biologisches Schicksal.

Bildbeschreibung Bild: Friedrich Engels und Karl Marx (Quelle: Artistosteles, CC BY-SA 4.0)

Wird nun die gesamte Menschheit als „Familie“ gedacht, verschwinden diese historischen Besonderheiten hinter einer scheinbar überzeitlichen Metapher. Soziale Beziehungen erscheinen nicht mehr als Resultat spezifischer Eigentums- und Produktionsverhältnisse, sondern als Ausdruck angeborener menschlicher Natur. Die Analyse konkreter materieller Bedingungen wird damit systematisch ausgeblendet.

Die Vorstellung einer Menschheitsfamilie impliziert: Letztlich haben alle die gleichen Interessen, sind durch natürliche Bande verbunden, verfolgen gemeinsame Ziele. Diese Harmonievorstellung ignoriert jedoch die strukturellen Gegensätze heutiger Gesellschaften.

Ein Beispiel: Der Gegensatz zwischen Vermögensbesitzern und Lohnabhängigen ist nicht Resultat persönlicher Bosheit oder mangelnder Empathie. Er entspringt der objektiven Stellung im wirtschaftlichen Gefüge. Die einen sind strukturell darauf angewiesen, Gewinn aus fremder Arbeit zu ziehen; die anderen haben ein ebenso strukturelles Interesse daran, diese Verhältnisse zu überwinden. Dieser Interessengegensatz lässt sich nicht durch Appelle an familiäre Solidarität auflösen. Die Familien-Metapher suggeriert aber genau das: Alle sitzen im selben Boot. Sie reduziert strukturelle Widersprüche auf zwischenmenschliche Missverständnisse, die sich durch mehr Verständnis beheben ließen. Damit wird das Verständnis der wirklichen Ursachen sozialer Konflikte systematisch verhindert. Eine Harmonielüge, dass alle im selben Boot sitzen.

Aufschlussreich ist ein Blick ins Englische: Dort spricht man von „human society“, nicht von „human family“. Dieser begriffliche Unterschied ist nicht zufällig. „Family“ bezeichnet eine kleine, auf Verwandtschaft basierende Einheit. „Society“ hingegen eine umfassende Totalität, die durch spezifische Produktions- und Reproduktionsverhältnisse konstituiert wird. Eine Gesellschaft ist eben keine vergrößerte Familie. Sie konstituiert sich nicht durch affektive Bindungen oder biologische Verwandtschaft, sondern durch die Art, wie Menschen ihre materielle Existenz sichern – durch Arbeit, Produktion, Verteilung. Die gesellschaftliche Struktur ergibt sich aus der jeweiligen Produktionsweise, nicht aus natürlichen oder moralischen Prinzipien. Die Substitution von „society“ durch „family“ ist daher mehr als eine sprachliche Unachtsamkeit – sie ist ein kategorialer Fehler mit Folgen. Denn damit werden genau jene Bestimmungen ausgeblendet, die Gesellschaft als Gesellschaft ausmachen: ihre ökonomische Struktur, ihre Eigentumsverhältnisse, ihre historische Dynamik.

Kitsch als politische Kategorie

Daniel Sandmann hat kürzlich am Medien-Tresen die Funktion der Menschheitsfamilie in einem bemerkenswerten Essay analysiert. Sein Befund: Der Begriff funktioniert als Kitsch – als „unterkomplexe, reduktive Abbildung der Welt zwecks Erzeugung einer schnellen Identifikation bzw. eines Wohlgefühls“. Kitsch, so Sandmann,

setzt die Reflexion außer Kraft und lädt stattdessen dazu ein, sich in einem Wohlfühlbund, einem WIR, niederzulassen und da zu dösen.

Die inflationär verwendete Menschheitsfamilie erklärt nichts, sondern schafft eine Komfortzone für jene, die nichts grundlegend verändern wollen. Sie bleibt dem bestehenden System zugewandt – als Systemerhaltungskomponente, wie jeder Kitsch. Die Unschärfe des Begriffs ist dabei funktional. Welche Familie ist gemeint? Die biologische? (Der Mensch ist taxonomisch keine Familie, sondern eine Art innerhalb der Familie der Menschenaffen.) Die soziologische der bürgerlichen Kleinfamilie? Ein metaphorischer Begriff aus der Unternehmenskultur? Diese Unklarheit ist gewollt. Denn:

Die Aussage „Wir alle gehören zur Menschheitsfamilie“ ist erkenntnistheoretisch eine Nullnummer, weil gegenüber der Wirklichkeit unterkomplex,

wie Sandmann präzise formuliert. Die Nullaussage bei gleichzeitiger Entfachung eines Zugehörigkeitsgefühls – das ist die Leistung des Kitschs. Er kommt dort zum Einsatz, wo Argumentation dem Diffusen weichen soll. Sandmann stellt gewichtige Fragen:

Was bleibt einem Menschen, in einer Gaskammer getilgt, wenn er weiß, auch seine Vergaser gehören der Menschheitsfamilie an? Was an Erkenntnis ist einem palästinensischen Kind, das von israelischen Soldaten erschossen wird, mit der Menschheitsfamilie anheimgegeben?

Diese Fragen verweisen auf die konkrete Unangemessenheit der Metapher angesichts realer Gewaltverhältnisse. Und sie zeigen: Die Menschheitsfamilie „als solidarischer Bund hört allerspätestens beim Geld auf“, wie sich „anhand von teils juristisch ausgefochtenen Streitereien innerhalb der Dissidenz“ gezeigt hat. Das ist kein moralisches, sondern ein systemisches Problem. Die Betonung familiärer Bindungen führt zur Emotionalisierung politischer Verhältnisse. An die Stelle rationaler Analyse treten Appelle an Zusammengehörigkeit und Liebe. Doch die gegenwärtigen Verhältnisse lassen sich nicht durch Liebe überwinden – sie erfordern die materielle Umwälzung der Eigentumsverhältnisse. Die Konzentration auf familiäre Gefühle lenkt von der Notwendigkeit politischer Kraftentfaltung ab.

Zugleich reproduziert die Familien-Metapher patriarchale Strukturen. In der traditionellen Familie gelten Autorität und Hierarchie als natürliche Ordnungsprinzipien. Überträgt man diese Struktur auf die Gesellschaft, legitimiert man Herrschaft: Der „Familienvater“ wird zum Führer, dessen Autorität aus seiner vermeintlich natürlichen Stellung erwächst. Die historische Erfahrung faschistischer Bewegungen zeigt, wie wirksam solche Projektionen sein können. Die Menschheitsfamilie operiert mit abstrakter Humanität. Sie postuliert eine universelle menschliche Natur jenseits aller sozialen Unterschiede. Diese Abstraktion hat Tradition: Schon der bürgerliche Humanismus proklamierte die Gleichheit aller Menschen als Rechtspersonen – während er die reale Ungleichheit der Lebensverhältnisse systematisch ausblendete.

Karl Marx hat 1844 in seinem Essay Zur Judenfrage die Grenzen dieses abstrakten Humanismus präzise herausgearbeitet: Die Proklamation allgemeiner Menschenrechte verschleiert reale Machtverhältnisse und legitimiert bestehende Ungleichheiten. Abstrakte Gleichheit vor dem Gesetz koexistiert mit konkreter Ungleichheit im gesellschaftlichen Leben. Die formale Freiheit des Rechtssubjekts verdeckt die reale Unfreiheit des Lohnabhängigen.

Bildbeschreibung Bild: Karl Marx 1866 mit seiner Tochter Jenny (Public domain)

Konkrete Solidarität hingegen basiert nicht auf abstrakter Menschenliebe, sondern auf gemeinsamen materiellen Interessen und der Erkenntnis der gemeinsamen Lage. Sie erwächst aus der gemeinsamen Stellung im ökonomischen Arrangement und ist nicht Ausdruck natürlicher Verbundenheit, sondern Resultat politischer Erkenntnis und der Gegenwehr gegen Zumutungen. Die Vorstellung einer harmonischen Menschheitsgemeinschaft hat eine lange Geschichte. Bereits die frühsozialistischen Utopien eines Charles Fourier träumten von Gesellschaften, in denen sich Antagonismen durch moralische Reform und neue Organisationsformen überwinden ließen – ohne die Eigentumsverhältnisse grundlegend anzutasten. Im 20. Jahrhundert bediente sich die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ ähnlicher Rhetoriken – freilich mit rassistischer Ausschließung und unter Beibehaltung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse. Nach 1945 propagierte die katholische Soziallehre eine „Solidarität“ zwischen Kapital und Arbeit, die strukturelle Machtasymmetrien unangetastet ließ. Die ideologische Funktion blieb stets dieselbe: Verschleierung realer Interessengegensätze zugunsten der Stabilisierung bestehender Herrschaftsverhältnisse. Die Menschheitsfamilie steht in dieser Tradition der Emotionalisierung statt Analyse.

Die gegenwärtige Popularität der Menschheitsfamilie ist kein Zufall. In einer Phase, in der die Systemfrage von der politischen Tagesordnung verschwunden schien („there ist no alternative“), bietet die Metapher eine scheinbare Alternative: Gemeinschaft ohne grundlegende Umgestaltung, Solidarität ohne Verteilungskonflikt, Veränderung ohne Umwälzung der Eigentumsverhältnisse. Besonders in Krisenzeiten entfaltet diese Funktion Wirkung. Wenn Widersprüche manifest werden – durch Wirtschaftskrisen, ökologische Katastrophen, soziale Verwerfungen –, dient die Berufung auf die Menschheitsfamilie der Mobilisierung „universeller Solidarität“. Von strukturellen Krisenursachen wird abgelenkt; stattdessen wird an ein gemeinsames Schicksal appelliert. Die Frage nach Verantwortlichen und Profiteuren wird suspendiert zugunsten eines diffusen Gemeinschaftsgefühls.

Sandmanns Beobachtungen zur Corona-Dissidenz illustrieren dies eindrücklich: Teile der Bewegung, die vehement von einem „Menschheitsverbrechen“ bezüglich der Impfkampagnen sprechen, nehmen zugleich die „hunderttausendfache Tötung von Palästinensern“ weitgehend schweigend hin. Die Menschheitsfamilie kanalisiert potenzielle Kritik in harmlose Bahnen, integriert oppositionelle Impulse und entschärft deren radikales Potenzial.

Der biologistischen Familien-Metapher ließe sich internationale Solidarität entgegensetzen. Diese basiert nicht auf vermeintlich natürlichen Bindungen, sondern auf der Erkenntnis gemeinsamer Interessen. Sie gründet nicht in Affekt, sondern in Analyse; nicht in Moral, sondern in materieller Interessenlage. Solche konkrete Solidarität analysiert die gegenwärtige Produktionsweise und die Rolle der Lohnabhängigen in ihr. Sie ist nicht abstrakt-menschlich, sondern konkret-politisch. Sie zielt nicht auf Harmonisierung innerhalb bestehender Ordnung, sondern auf deren Überwindung. Internationale Solidarität erkennt die Verschiedenheit der Kulturen und Gesellschaften an, ohne sie zu naturalisieren. Sie basiert auf der Einsicht in globale Strukturen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung und fordert deren Überwindung. Sie ist transformativ, nicht versöhnend. Sie fordert nicht emotionale Verbundenheit, sondern organisierte politische Gegenwehr. Sie appelliert nicht an Gefühle, sondern an Vernunft – an die Einsicht in die eigene Lage und die Notwendigkeit kollektiven Handelns. Daniel Sandmanns Befund bringt es auf den Punkt:

Die Menschheitsfamilie ist ein Verschleierungsbegriff, der daran hindert, die wirklichen Verhältnisse zu erkennen und aufgrund dieser Erkenntnis zu ändern. Als Kitsch funktioniert er oft im Rahmen eines Businessmodells. Das erklärt seine Einfachheit und Inhaltslosigkeit auch von der Dealseite her. Er hat die Funktion, eine Wohlfühlzone zu errichten, was in diesen Zeiten natürlich verständlich ist. Trotzdem bleibt er Kitsch. Kitsch, den man verkauft.

Noch einmal auf den Punkt gebracht: Die Metapher „Menschheitsfamilie“ erfüllt eine spezifische ideologische Funktion: Sie verschleiert reale Machtverhältnisse und Interessengegensätze, entpolitisiert gesellschaftliche Konflikte, emotionalisiert politische Verhältnisse und stabilisiert die bestehende Ordnung. Sie ersetzt die Analyse gesellschaftlicher Strukturen durch die Projektion familiärer Beziehungsformen.

Die Sehnsucht nach menschlicher Gemeinschaft ist berechtigt. Ihre Erfüllung liegt jedoch nicht in der Rückkehr zu vermeintlich natürlichen Gemeinschaftsformen, sondern in der Vorwärtsbewegung zu einer Gesellschaft, die materielle Bedingungen für wirkliche Solidarität schafft. Erst in einer Gesellschaft ohne Eigentumshierarchien kann sich wirklich menschliche Gemeinschaft entwickeln – nicht als natürliche Familie, sondern als bewusst gestaltete Assoziation freier Menschen.

Als human society, nicht als human family.

Dr. Ulrich Gausmann ist Erfinder der Utopie-Akademie. Sein Buch „Wem die Welt gehören könnte“ (geschrieben mit Peter Schmuck) erscheint Ende Februar.

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto

Bildquellen: Demo gegen die Corona-Maßnahmen in Wien am 20. November 2021 (Foto: C.Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0)