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Medien-Tresen | 09.10.2026
Zeitung im Umbruch
Einen Monat die Ostdeutsche Allgemeine gedruckt auf dem Medien-Tresen. Eine kritische Lesebilanz in kritischen Zeiten.
Text: Helge Buttkereit
 
 

Fast genau ein Jahr ist es her: Im September 2025 verkündete Holger Friedrich, dass er mit seinem „Projekt Halle“ eine neue Zeitung auf den Markt bringen wolle. Eine neue Zeitung. Gedruckt. Aus dem Osten. Das sorgte für allerlei Kopfschütteln im Medienbetrieb. Am Medien-Tresen schrieb ich:

Kritischer Journalismus tut jeder politischen Lage gut. Und Ostdeutschland auch, Westdeutschland übrigens um so mehr.

Das gilt heute wie damals. Und so überraschte und erfreute mich Anfang September die Entdeckung, dass die Ostdeutsche Allgemeine auch in der schleswig-holsteinischen Provinz im Handel angekommen ist.

Passend zu einer Zeit des politischen Umbruchs, wie wir sie im September in Deutschland erlebt haben (und weiter erleben, siehe die Wahl des Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt am Dienstag), habe ich mir das Blatt jede Woche mit nach Hause genommen. Als Freund des Gedruckten war mir allein das schon eine Freude. Und ich konstatiere: Es hat sich gelohnt. Die Zeitung bewegt sich zwischen Mainstream und Gegenöffentlichkeit. Sie begibt sich hinter die Brandmauer, aber auch davor. So stand wenige Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt mit Blick auf die hohe Wahlbeteiligung „Rettet die AfD die Demokratie?“ auf der Titelseite. Aber die Zeitung erklärte auch so nüchtern wie schlüssig den (damals noch bevorstehenden) Erfolg von Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern, war bei einer Veranstaltung mit Angela Merkel auf Usedom und analysierte – im September immer wieder und aus unterschiedlichen Blickwinkeln – den Niedergang der CDU gerade im Osten.

Ich habe in den vergangenen Wochen viele interessante Texte und Perspektiven geboten bekommen. Dabei ist es das große Plus der gedruckten Zeitung, dass der Leser unbeeindruckt von Algorithmen und Empfehlungen durch schlichtes Umblättern „wie früher“ durch verschiedene Themen geleitet wird. Viele der Texte hätte ich ohne das geduldig vor mir liegende Papier nicht wahrgenommen. Auf die Geschichte zweier junger Leute, die mit ihren Simson-Mopeds nach Italien und zurück fuhren, hätte ich kaum geklickt und wenn, dann hätte ich ob der handwerklichen Mängel des Textes (dazu gleich mehr) bald aufgegeben oder wäre vielleicht auf Instagram gewechselt, wo sie ihre Reise dokumentiert haben. Aber auch geopolitische Themen, wie eine Analyse zu den Huthis im Jemen, den USA und Saudi-Arabien oder eine Serie zu China wären an mir vorbeigegangen. Wer neben Social Media und Onlinemedien noch gedruckte Texte liest – ob die Zeitung oder auch Bücher –, kann die Flüchtigkeit des Digitalen selbst erleben. Meine Leseerlebnisse mit der Ostdeutschen Allgemeinen zeugen davon.

Bei allem Lob: Es gab auch genügend Texte, die nicht zum Punkt kamen, deren Thema sich kaum erschloss. So mancher Beitrag war langatmig, und man hätte nichts verpasst, hätte er nach der Hälfte aufgehört. Wobei nicht immer nach einem halben Text schon klar war, worauf der Autor hinauswollte. Vermutlich fehlt bei der Menge an Texten off- und online (schließlich gilt es, jeden Tag noch ein E-Paper und die Webseite zu füllen) die Zeit für eine ausführliche redaktionelle Bearbeitung. Hier könnte die Zeitung ansetzen, die Leser würden es ihnen danken.

Das Konzept der gedruckten Wochenzeitung sieht größtenteils eine Seite pro Text vor, manchmal sind es auch zwei. Nicht jede Analyse, nicht jedes Interview trägt so lange und nicht jedem Autor gelingt es, den Leser so lange bei der Stange zu halten. Das gilt im Falle der OAZ oftmals für die Berichte im Ressort Ostdeutschland. Gerade hier wäre es angemessen, die Textformen Interview und Bericht zu verlassen und mehr anschauliche Reportagen oder ein intensives Porträt zu bieten. So wäre mit ein bisschen Handwerk aus der Moped-Reise nach Italien eine wirklich spannende Reportage geworden und bei der Doppelseite über die „Schlacht am Schlachtsee“ – es geht um einen Campingplatz bei Magdeburg – hätte es nicht geschadet, ganz am Anfang zu sagen, warum es überhaupt Probleme gibt, wegen denen sich bereits eine Frau umgebracht hat. Und statt sich die Journalisten ein, zwei Stunden mit ihren Gesprächspartnern ins Büro setzen und hinterher quasi alles zu Papier bringen, was sie besprochen haben, wäre es schöner, sie begleiteten diese Menschen in ihrem (Arbeits-)Alltag. Dann kommen Journalisten und Leser den Personen wirklich näher. Gleichwohl: Auch der Ostdeutschland-Teil hat mehr Licht als Schatten, (gerade für Westdeutsche) ungewohnte Perspektiven und bereichert die Medienwelt.

Bildbeschreibung Bild: S 51 von Simson (Foto: Max Schwalbe, CC BY-SA 4.0)

Das gilt umso mehr für die Ressorts Geopolitik und das erste Buch der Zeitung, in dem vor allem das Titelthema der Ausgabe, die Wirtschaft (natürlich aus dem Osten), die Medienkolumne (unter anderem regelmäßig von Ex-Tagesschau-Redakteur Alexander Teske) und am Ende der Sport aus dem Osten (viel Fußball und Ostvereine) abgehandelt werden. Für die jüngsten Ausgaben war es passend, dass die deutsche Politik im Osten spielte. Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin. Analysen nach der Wahl, das Ende der CDU als Volkspartei, die erodierende Mitte und natürlich der Aufstieg der AfD und der Erfolg der Linkspartei. Dankbare Themen für eine Zeitung, die Maßstäbe setzen will. Mit dem Titel „3. Oktober 2026: Tag der Neuen Deutschen Einheit“ versuchte die Redaktion ganz unbescheiden, eine Marke zu setzen und Leitmedium zu sein. Insbesondere dem Text von Ingo Eckardt und Thomas Fasbender ist dabei eine breite Rezeption zu wünschen. Der eine war als 18-Jähriger aktiv in der DDR-Bürgerbewegung 1989, der andere stammt aus dem Westen und bezeichnet sich als Wahl-Ossi. Beide betrachten die Umbrüche mit interessierter, distanzierter Sicht und gutem Einblick in die jüngere Geschichte von Ost und West.

Die Corona-Jahre haben die Ernüchterung eingeleitet. Die USA unter Trump haben die Illusion des Wertewestens zerstört. Die Kriege in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten erschüttern die überkommene Selbstverortung. Es kommt zur tiefen Zäsur. Doch während sich im Westen Entsetzen und Verunsicherung Bahn brechen, verfolgen Ostdeutsche die Entwicklung eher mit zugewandtem Interesse. Sie spüren die Angst vor Veränderung nicht, gegen die sich der Westen mit enormem Beharrungsvermögen stemmt.

Mit Texten wie diesem kann die Ostdeutsche Allgemeine das schaffen, was ihr Verleger als Ziel ausgegeben hat: Leitmedium aus dem Osten für das ganze Land zu sein. Das gelingt nicht immer und mit jeder Ausgabe, aber die Zeitung ist auf einem guten Weg. Und sie hat schon viele Kritiker auf den Plan gerufen. Natürlich wird eine Zeitung, die sich nicht an die Brandmauer hält, als rechtes Medium geframet, das zudem kremlnah sein soll. Aber der Wikipedia-Eintrag, der von vielen Kritikern spricht, bezieht sich vor allem auf einen Autor. Der Geschäftsführer der Zeitung, Dirk Jehmlich, hat dazu eine ausführliche Analyse vorgelegt. Natürlich fungiert Wikipedia wieder einmal als Meinungsverstärker in die eine Richtung. Dass sich Medien wie die OAZ den hergebrachten Einordnungen widersetzen, ist im Konzept des Mainstreams, des „Wir gegen die“ in „unserer Demokratie“, nicht vorgesehen. Am Medien-Tresen finden wir: Das ist ein weiteres Plus der Zeitung.

Bildbeschreibung Bild: OAZ-Verleger Holger Friedrich (links) mit Mathias Döpfner in Berlin (Foto: Rumen Milkow)

Das Gedruckte hat noch weitere Vorteile. Ob man wirklich ein Fernsehprogramm für das Wochenende braucht, darüber kann man streiten. Aber mal wieder ein Kreuzworträtsel in der Zeitung sorgte zumindest bei uns zu Hause für gemeinsames Rätselraten am Küchentisch. Der ist übrigens für die Lektüre zu empfehlen, denn die OAZ braucht Platz. Sicher, der Lesesessel geht auch. Aber in der vollen Bahn im Berufsverkehr wird es eng. Ich habe es diese Woche ausprobiert und kam mir inmitten der Menschen, die sich über ihre Smartphones beugten, wie aus einer anderen, längst vergangenen Welt vor. Die Zeitung weist gleichwohl in die Zukunft. Und sie findet Erklärungen, wo andere sie vermutlich nicht suchen. Nicolas Butylin schreibt in der Ausgabe vom 2. Oktober mit Blick auf osteuropäische Nachbarstaaten und Ostdeutschland:

In Warschau, Prag und Vilnius gehört der Erfolg den Menschen, die ihn erarbeitet haben. Sie haben ihre Fehler selbst gemacht und dürfen ihre Erfolge deshalb auch selbst feiern. Auch die Ostdeutschen haben nach 1990 hart gearbeitet, umgelernt und neu angefangen. Doch die Regie führten andere. Wer den Wandel nicht selbst lenken durfte, feiert auch den Erfolg nicht als seinen eigenen. Das erklärt mehr über diesen 3. Oktober als jede Statistik einer Ostbeauftragten.

Vorläufige Antworten dort finden, wo andere sie nicht einmal suchen: Wenn sie das konsequent weiterverfolgt, sind der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung viele weitere Leser – und Kritiker – zu wünschen.

Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.

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