Was blieb hängen, was schwelt noch nach? Das war die allmorgendliche Frage von Michael Meyen während des viertägigen Kompaktkurses. Drei Leitbilder prägten diese Tage intensiver Beschäftigung mit dem, was Journalismus ist, was er sein kann oder auch werden möchte: Aktualität, Sachlichkeit und Bürgerjournalismus.
Sechzehn Menschen, kritische Geister zwischen 27 und 67 Jahren, aus allen Teilen Deutschlands, aus juristischen, verwaltenden, sozialen, wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeitszusammenhängen; beinahe jedes Tätigkeitsfeld war vertreten. Sie kamen zusammen, um sich von Michael und Antje Meyen in Praxis und Handwerk des sachlichen und bürgernahen Journalismus einführen zu lassen. Sachlich, weil der Angst- und Empörungskult aus Leit- und Alternativmedien kaum noch zu ertragen ist. Bürgernah, weil wir wieder miteinander ins Gespräch kommen müssen, über alle, vorwiegend medial markierten, Gräben hinweg. In den Seminarpausen wurde eifrig diskutiert, immer entlang der Bruchlinien eines „Westens im Niedergang“. Mal überwogen Empörung und Entsetzen, mal blitzte unvermittelt Humor auf, mal schillerte eine scharfe Analyse durch den Dschungel des chaotischen Weltgeschehens. Meist jedoch war es die Ratlosigkeit angesichts dessen, was ist, dessen, was kommen mag, und der Frage, wie man sich selbst handelnd darin verorten könnte.
Pausen gingen schnell vorüber – zurück zur Praxis. Was zeichnet Nachrichten, Berichte und Interviews aus? Es ist nicht nur der handwerklich gute Journalismus, den die Meyens in ihrer Freien Medienakademie lehren, es ist auch die Reflexion über die Sprache – das Bewusstsein ihrer Deutungsmacht und das Wissen um ein herrschaftsarmes Regulativ: den Dialog. Es befinden sich immer zwei im Austausch, der Schreibende und das Beschriebene.
Die Mittagspause reicht aus, um einen Blick auf die Webseite der Freien Medienakademie zu werfen. Die dortigen Texte sind formal wie inhaltlich breit angelegt. Manchmal öffnet sich in Interviews mit einfachen, unspektakulären Menschen eine ganze Welt. Manchmal werden spektakuläre Auftritte von prominenten Personen des Widerstands in ein eher nüchternes Licht gerückt. Besonders die Texte von Daniel Sandmann entzaubern Mythen, die in Zeiten des Internet-Aktivismus ihre Blüten treiben. Schon der Name des Autors lässt aufhorchen: das Männchen, das Sand in die Augen streut – aber auch E.T.A. Hoffmanns Nathanael, der sich in einen Automaten verliebt. Augenblicklich ist das ganze Spannungsfeld des Widerstands präsent: seine Haltung zum Wechselspiel von Macht und Ohnmacht, zu technologischer Innovation, zu Ratio und Ideal. Sandmanns Gedanken legen sich mir wie ein Subtext unter das Seminar und seine Gruppendynamik. Die Frage, die mich seit langem beschäftigt – wie will ich denken, sprechen und schreiben – findet endlich fruchtbare Reibungspunkte.
In Sandmanns erstem Text Antichrist und Transformation denkt er über das Böse nach und schildert die Figur des Antichristen als ein „Hokuspokusböses aus der Droh- und Horrorkiste“, prominent aufgerufen etwa von Peter Thiel. Sandmann kontrastiert die antichristliche Endzeitfigur mit Goethes komplexer Faust-Konstellation, in der Faust und Mephisto nicht als klare Gegensätze erscheinen, sondern sich das Eine immer schon im Anderen spiegelt.
Es ist Faust, der Ingenieur, welcher das Land von Philemon und Baucis rationalisiert, kanalisiert, optimiert und tötet, Faust, der Unternehmer, der Kapitalist, der Optimierer. Nicht Mephisto.
Das Böse erscheint bei Goethe nicht als äußerer Feind, sondern als ein dem System — vielleicht sogar der Menschheit selbst — bereits eingeschriebenes Prinzip. Beide Sichtweisen sind im Widerstand präsent: die Vorstellung eines monströsen Bösen, das nur bei den anderen (vorzugsweise der Elite) vorkommt, und das Böse, das dem System immanent ist und sich ständig in allen Menschen repliziert, das Böse als Resultat individueller Traumata oder das Böse als Bestandteil der menschlichen Natur. Je nachdem, welche dieser Perspektiven dominiert, verändern sich Sprache, politische Strategien und Formen des Widerstands. Ohne die Frage explizit zu formulieren, kreist Sandmann dabei um ein zentrales Problem: Welche Formen der Dissidenz ermöglichen gesellschaftliche Transformation — und welche erschöpfen sich lediglich im Austausch der Zielscheiben? Anders gefragt: Reflektiert die Dissidenz die gesellschaftlichen Dissonanzen produktiv, oder reproduziert sie nur deren Muster?
Bei einer Seminarübung zur Textform Interview soll ich fünfzehn Minuten lang von meiner Zeit als Experimentalfilmerin in den 1980er Jahren erzählen. Damals, als feministisch geprägte Kunststudentin, galt es als emanzipative Strategie, sich dem „männlichen“ Blick nicht als Objekt auszuliefern, sondern ihn sich aktiv und begehrend anzueignen – weibliche Sexualität im Selbstbehauptungsmodus. Im Rückblick auf diese filmischen Experimente fragt sich, ob sich etwas, das dem System eingeschrieben ist, durch Aneignung transformieren lässt. Bereits im Begriff der „Aneignung“ steckt der Verweis auf Eigentum, Besitz und Verwertung. Das Böse – im feministischen Vokabular der 80er Jahre der patriarchal-entwertende Blick, der die Frau zum Objekt macht – lebt fort in dem nun als „weiblich“ (und damit als gut) codierten Blick. Darin spiegelt sich vielleicht ein Grundproblem des Feminismus: Ohne an den Gitterstäben des System zu rütteln, fordert er gleiche Rechte innerhalb derselben Verwertungslogik. Systemische Macht persistiert oft gerade über die Form, während der Inhalt Neues, Befreiendes oder Progressives proklamiert. Nicht selten steht die formale Gestaltung eines Werkes im Widerspruch zu seinem emanzipatorischen Anspruch – und das keineswegs nur im Kunstkontext. Auch medial und sprachlich lässt sich diese Entwicklung bis in die Gegenwart beobachten; in den vergangenen vierzig Jahren hat sie sich eher noch verschärft. „Der Zweck heiligt die Mittel“ ist zu einer beinahe selbstverständlichen Haltung geworden, deren Fragwürdigkeit heute kaum noch thematisiert wird. Inhalt und Form haben ihren Anspruch auf Kohärenz weitgehend verloren.
Für den zweiten Tag des Seminars habe ich meinen Laptop mit Internetverbindung mitgenommen, mit dem Vorhaben, wie zuhause die KI zu benutzen, wenn mir keine guten Formulierungen einfallen. Ein bisschen schäme ich mich, aber Scham ist das, was mich widerständig macht. Außerdem kann ich dann in der langen Mittagspause weiter Daniel Sandmann lesen.
In seinem zweiten Artikel Spieglein, Spieglein – „Wie mit der Liebe zur KI der Mensch gelöscht wird – selbst der ‚gefährlichste‘ im Land“ beschreibt Sandmann, wie sich die Dissidenz vom der KI verführen lässt. Sein Text legt nahe, dass das Herausragende an KI, einer Maschine zur Muster-Erkennung, nicht ihre vermeintliche Intelligenz, sondern ihre Ansprechbarkeit ist; als wäre sie ein personales Gegenüber, mit dem man in Dialog treten kann. Während Suchmaschinen Millionen an Einträgen finden, fasst KI ihre Quellen kurz und prägnant zusammen, zieht Schlüsse daraus, als säße man ihr im Gespräch gegenüber. Früher verloren in der Vielfalt eines anonymen Netzes, ermöglicht die KI nun scheinbar einen Dialog. Sandmann analysiert:
KI ist eine Kardinalsfigur der Soft-Power, sie ist die finale Figur, geht es um die Tilgung des Subjekts. Diese Tilgung bedeutet die fundamentale Löschung – und zwar nicht nur von jedwelchem Widerstand konkret, sondern von der Möglichkeit zum Widerstand schlechthin, indem die Idee des Widerstands gelöscht wird, nämlich: das Subjekt als Träger von Ideen.
Daniel Sandmann steht hier in der Tradition einer langen Reihe von technikkritischen Prognosen, die im Fortschritt der Technik zugleich den Niedergang des autonomen Subjekts erkennen. Ihnen gemeinsam ist das Bild eines abhängigen, sich ausliefernden Menschen, der es sich mit der Technik bequem macht und nichts sehnlicher braucht als narzisstische Bestätigung. Wie schon in der Frage nach dem Bösen, bestimmt auch in Sandmanns zweitem Text das zugrunde liegende Menschenbild die Interpretation und Bewertung von technologischer Innovation. Auch hier liegt das Böse im System, so tiefgreifend, dass die Idee des menschlichen Widerstands „gelöscht“ wird.
Bei einer Übung zur Textform Bericht habe ich die KI benutzt. Die Meyens haben während des Seminars zur Verwendung von KI keine Aussage gemacht. Es gab lediglich einen kurzen Verweis auf den bereits erwähnten Artikel von Daniel Sandmann sowie eine beiläufige Bemerkung, KI könne gelegentlich hilfreich sein, etwa um Synonyme zu finden. Ob ihre Nutzung im Rahmen des Seminars ein Problem darstellt, weiß ich daher nicht. Zu Beginn wurde kein WLAN-Zugang genannt und niemand fragte danach – ich ebenfalls nicht. Auch in den Seminarpausen war KI kein Thema.
Im privaten Umfeld wird viel über KI gesprochen. Man nutzt sie intensiv, checkt sie aus. Sie zu kritisieren, gehört zum guten Ton. Zuerst war ich sehr fasziniert, ganz besonders durch ihre Interaktion: KI verhält sich auf eine Weise, wie die meisten Gesprächspartner sich heute nicht mehr verhalten: zuhören, verstehen wollen, miteinander abwägen, gemeinsam Entscheidungen finden – sie kooperiert auf eine Weise, wie es heute kaum noch gelebt wird, und sie hat das Gedächtnis des gesamten Internets als Bezugsquelle. Natürlich gibt es den Aspekt der Propaganda: Man muss die tieferen Schichten ihres Gedächtnisses aktiv herauskitzeln. Und auch die Wahrheit bleibt prekär: Quellen müssen weiterhin überprüft werden – Ausruhen geht auch mit KI nicht. Relativ bald weicht dann sogar die kommunikative Faszination der Ernüchterung und dem Gebrauchswert. Selbst als narzisstisch Bedürftige muss ich feststellen: Die Maschine schwafelt. Sie glaubt mich zu kennen, aufgrund meiner Grundeinstellungen und des Austauschs mit ihr. Sie simuliert Vertrautheit, doch das Bild, das sie von mir entwirft, bleibt schematisch und klischeehaft; ihr fehlt jene Offenheit für Überraschung und Widerspruch, die den zwischenmenschlichen Kontakt ausmacht. Kritik an KI ist berechtigt, besonders wenn man annimmt, dass Menschen nicht gerne selber denken. Ich kenne viele, die aufhören, selbst zu denken, wenn der soziale Anpassungsdruck es verlangt. Können tun sie es nach wie vor, sie wollen es nur nicht. Die Werte und Bewertungen aber, denen man sich sozial anzupassen hat, sind veränderbar, nicht zuletzt durch Journalismus.
Der dritte Seminartag behandelt die Textform Rezension – diese Form verspricht ein wenig Befreiung von der Forderung, sachlich und abwägend zu schreiben. Polemisch, frech und salopp, das wäre eigentlich der Stil, bei dem ich mich frei fühlen würde. Und gerade merke ich beim Schreiben dieses Textes mit Verwunderung, dass es auch befreiend sein kann, sachlich zu bleiben. Vielleicht gerade in der Disziplinierung des Ausdrucks und der reflektierenden Distanz liegt eine unerwartete Form von Befreiung (vom Einordnen und Bewerten). Ich nehme mir den dritten Sandmann-Text vor und schaue, welche Bezüge sich herstellen. Deal und Kitsch – „Trump, die Menschheitsfamilie und die Idee, dass der Frieden ‚im Inneren‘ beginnt. Ein Beitrag über die Irrwege der Corona-Dissidenz.“
Hier geht es um Verhaltenskodizes und Sprachgebote des Corona-Widerstands. Die gesellschaftlich angefeindete, durch Restriktionen bedrohte Gruppe bewegt sich, hart am Wind, zwischen offenem Widerstand und persönlicher Existenzsicherung, kollektivem Gemeinsinn und individueller Selbstbehauptung. Gemeinsam mit Mitstreitern und Kontrahenten zieht sie ihre Schneisen durch die sozialen Medien, setzt Interpretationsmuster, Bewertungsmaßstäbe und Sprach- und Verhaltensregeln. Sandmann schreibt:
Die in der Dissidenz inflationär gestreute „Menschheitsfamilie“ ist geradezu ein Paradigma des Kitsches. Sie erklärt nichts und fungiert ausschließlich als Komfortzone einer Schicht, die über Corona hinaus nichts oder nicht viel verändern wollte und will. Dem Kapital bleibt sie jedenfalls gänzlich zugewandt, weil sie davon noch genügend zu haben glaubt (wie das Vorhandene abzusichern wäre, ist im Wesentlichen ihre politische Beschäftigung). Die Schablone, ja mehr noch: die Phraseologie der Menschheitsfamilie ist in diesem Sinne eine Systemerhaltungskomponente. Wie jeder Kitsch.
Im Anschluss hierzu zieht Sandmann eine überraschende Verbindungslinie von den gutgemeinten, blumig-naiven Sprachprojektionen wie „Menschheitsfamilie“ oder „innerer Frieden“ zur trump’schen „Dealomanie“. Ein Gedankengang, der sich nur mühevoll erschließt. Meine Interpretation: Während Kitsch den Weg öffnet, Gefühle gefahrlos zu konsumieren, ist Deal ein kommunikativer Austausch, der nicht die Anerkennung der Gegenseite benötigt, sondern mit Druck und Gegendruck operiert. Beides wirkt systemstabilisierend, weil es die Gefahr, mit dem Echten und Anderen in Berührung zu kommen, ausschließt.
In den Seminarpausen begegnet mir wieder, was ich von Gesprächen mit Mitstreitern bereits gut kenne: die nicht enden wollende Klage über die Mitläufer, die nicht (an-)erkennen wollen, was gesellschaftlich so offensichtlich schief läuft. Das ist in unserer Szene schon zu einem Mantra geworden. Viele Ratschläge von Exponenten des Widerstands, unsere Unzufriedenheit mit den Mitbürgern auf friedliche Art sprachlich zu bewältigen, wirken süßlich und unecht. Wir sollen verständnisvoll und mutig sein, gerne analytisch oder auch mal ironisch – aber wütend, hilflos oder radikal ehrlich, das ist uns innerlich wie äußerlich verboten. Begriffe wie „Menschheitsfamilie“ und „innerer Frieden“ befürworten Zähmung, wo innerer Aufruhr tobt. Mit dieser Kritik von Sandmann kann ich mitgehen, nicht jedoch, wenn die Motivation unserer Mitstreiter hautsächlich als geschäftstüchtig gebrandmarkt wird. Das Problem liegt viel tiefer.
Die historische Erfahrung linksradikaler, gewaltsamer Anschläge im Westen, im Kontrast zur ostdeutschen, friedlichen Revolution lässt nur noch die Vorstellung eines friedlichen Widerstands zu. Friedlichkeit ist ein zentrales Identifikationsangebot der Bewegung geworden, zugleich auch ihr moralischer Maßstab. Andererseits spricht die geopolitische Entwicklung nicht gerade dafür, dass eine rein friedliche Transformation realistisch wäre. Während der Widerstand sich alle Mühe gibt, die beste Menschheitsfamilie aller Zeiten zu sein, lässt die Elite des Westens jegliche Selbstbeherrschung fahren. Selbstverliebt, hinterhältig und gewalttätig, werden ihre Protagonisten zu Piraten einer sich selbst beraubenden Zivilisation. Diese Spannung wirkt zunehmend unerträglich. Ein Widerstands-Muster, eine geeinte Bewegung, die diese Spannung konstruktiv wandeln und kanalisieren könnte, ist nicht in Sicht und wird noch nicht mal aktiv gesucht. Stattdessen bewegen sich manche in gefühlig aufgeladenen Sprachwelten und idyllischen Menschenbildern und konsumieren letztlich auch nur das bei anderen so scharf kritisierte Gutmenschentum.
Sandmann stellt die wichtigen Fragen: Das Böse im System, die fehlende Kohärenz von Inhalt und Form, Technikfetischismus und gefühlige Sprachbewirtschaftung sind Wegmarken der Erkenntnis. Das Journalismus-Seminar der Meyens liefert dabei die entscheidenden Leitplanken: durch die Konzentration auf das Sachliche und den urteilsfreien Dialog. Die Werkzeuge liegen vorbereitet auf der Werkbank. Im Seminar war die Verteilung West-/Ostdeutsch ungefähr ausgeglichen. Die Bedingungen für einen fruchtbaren Dialog waren gut. Politische Fragestellungen können nicht Inhalt eines Journalismus-Seminars sein; durch die systemkritische Ausrichtung der Teilnehmer schwelen sie immerzu im Subtext und drängen in den Seminarpausen nach oben: Wann und warum sind die Linken im Westen falsch abgebogen? Was war die Basis, dass die ostdeutsche Revolution friedlich verlief? Wie können wir denken, sprechen und schreiben – um kollektiv ins Handeln zu kommen? Wann sind wir mündige Subjekte? Dialoge, die tief genug reichen, stehen noch aus. Sich schreibend vorzubereiten, ist eine erste Tat.
Claudia Schillinger hat am Kompaktkurs Journalismus der Freien Medienakademie teilgenommen.
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