Der Titel ist von Tom Lausen, gesetzt in den etwa zweieinhalb Minuten, die er sich nehmen durfte, um mich etwas zu fragen. Das ist das Prinzip dieser Kommission: Erst spricht jeder Sachverständige fünf Minuten, und dann sind die an der Reihe, die dort immer sitzen, reihum nach Fraktionsstärke. Erst die CDU, dann AfD, SPD, Grüne, Linke. Und dann wieder von vorn, immer fünf Minuten, wobei die Uhr rückwärts mitläuft auf einem großen Würfel über allen Köpfen und laut zum Schweigen ruft, wenn die Zeit vorbei ist.
Tom Lausen war erst ziemlich spät dran und hatte so schon Menschen mit Professorentitel gehört, die immer noch glauben, dass das Unheil von heute auf morgen über uns hereingebrochen ist, und Kritiker künftig abschreiben möchten (manche seien ohnehin verloren). Vielleicht hat ihn auch das Loblied angestachelt, das Korinna Hennig vom NDR, in den dunklen Jahren Podcast-Stichwortgeberin für Christian Drosten und Sandra Ciesek, auf den Wissenschafts-Journalismus sang (also: auf sich selbst). Tenor: Vieles ist doch gut gelungen in der „Pandemie“ – auch dank Experten wie ihr, da die „Laienöffentlichkeit“ „naturgemäß überfordert“ sei mit all den Studien und jemanden brauche, der den „Forschungskonsens“ kenne und so gewissermaßen die Spreu vom Weizen trenne. So oder so: ein Elfmeter für Tom Tausen – ohne Torwart. Seine zweieinhalb Minuten in Kurzform: Wir sitzen hier seit einer halben Ewigkeit, und noch immer gibt es Leute, die die RKI-Protokolle nicht kennen oder behaupten, dass man schnell und unter Unsicherheit habe entscheiden müssen, obwohl doch (und das ist nur ein Beispiel) Jens Spahn schon am 19. Januar 2020 wusste, dass er einen General im Krisenstab braucht.
Herr Meyen: Haben wir es mit einer Schuldgemeinschaft aus Politik, Wissenschaft, Ethikberatung und Medien zu tun, die mögliche eigene Untaten (also: dass sie irgendwie mitgemacht haben) mit Zähnen und Klauen verteidigt, statt sich einer unabhängigen Untersuchung zu stellen – und sehen Sie Anzeichen dieser Abwehr auch hier in unserer Enquete-Kommission – so wie ich?
In einer Nachfrage hat er das Konzept Schuldgemeinschaft noch ausgedehnt – bis hin zum Nachbarn, der glaubte, die Polizei rufen zu müssen, wenn nebenan zu viele Besucher kamen, oder auch nur abfällig in maskenfreie Gesichter blickte.

Schuldgemeinschaft: Wahrscheinlich trifft es das ganz gut, was ich am Montag beobachten durfte – bis hin zum Nichtecho in der Öffentlichkeit, wenn man von den AfD-Kanälen absieht oder von Plattformen wie Bittel TV, Kontrafunk (Interview am Dienstag im Abendjournal 18/20), Epoch Times (ein Interview vorab), Multipolar (mit einem Link zu meiner Stellungnahme) oder den Nachdenkseiten, wo Marcus Klöckner meine „klaren Worte“ lobt.
Beobachtung 1: Diese Schuldgemeinschaft scheut echte Aufarbeitung wie der Teufel das Weihwasser. Als ich eher nebenbei das Wort Untersuchungsausschuss in die Runde warf, gab es gleich mehrfach Ablehnung. Um Gottes willen. Das doch nicht. Wir schauen nach vorn.
Beobachtung 2: Die Schuldgemeinschaft besteht aus Akademikern, die sich überlegen fühlen und für berufen halten, allen anderen den Weg zu weisen. Gar nicht nebenbei hatte ich ein Menschenbild kritisiert, das Forschung zum Erfüllungsgehilfen von Verhaltenssteuerung macht und dazu führt, auch legale Plattforminhalte massenhaft zu löschen – weil sie ja schädlich sein könnten. Der „mündige Bürger“, den ich da ins Spiel brachte, schaffte es sofort in die Anschluss-Statements – als Lippenbekenntnis. Natürlich, ja. Auch wir glauben an die Mündigkeit. Aber erklären müssen wir den Menschen doch, was nur wir hier wissen. Abholen und mitnehmen. Dazu haben wir einen feinen Text von Axel Klopprogge, den ich am Montag nicht unterbringen konnte und deshalb wenigstens verlinke.
Beobachtung 3: Die Schuldgemeinschaft ist sich ihrer Sache sicher. Vorab war nur eine Stellungnahme abgegeben worden – von mir. Vorbereitung? Null – jedenfalls nicht auf den Plätzen neben mir, wo ich keinerlei Notizen sehen und dann bei einigen Fragen Überraschung spüren konnte. Abgesprochen war da nichts. Wozu auch, wenn einem nichts passieren kann und das Verfahren jedes Streitgespräch ausschließt. Jemand wie ich darf da zwar als Sachverständiger sitzen, wird aber nur von den „eigenen“ Leuten gefragt und hat kaum Zeit, auch noch auf das zu reagieren, was die anderen gesagt haben.
Beobachtung 4: Die Schuldgemeinschaft ist kein Monolith. Fraktion eins glaubt daran, dass sich Wissenschaft auf eine Wahrheit einigen könne und deshalb Gegenstimmen ausschließen muss, wenn es um politische Entscheidungen geht. Fraktion zwei dagegen weiß, dass es keine Einigkeit geben kann, kritisiert deshalb Pranger und Polarisierung der Maßnahmenzeit und plädiert dafür, Wissenschaft Wissenschaft sein zu lassen – wie etwa Raimund Geene, von den Linken benannt, der Wolfgang Wodarg lobend erwähnte und sich ausdrücklich gegen den Slogan „Follow the Science“ wandte (maximal: listen to the science). Schade, dass er schon nach 75 Minuten gehen musste.
Beobachtung 5: Die Enquete bricht die Fronten auf. Ort und Verfahren zwingen die Schuldgemeinschaft dazu, den anderen zuzuhören, das eigene Unwissen zuzugeben (Korinna Hennig, befragt von Kay-Uwe Ziegler) und ihre Verachtung für Kritiker und Kritik zu maskieren. Einmal sind Tilmann Betsch die Pferde durchgegangen (ein Psychologe aus Fraktion eins), der sich über den „Unsinn“ echauffierte, der in manchen Spiegel-Bestsellern stehe (mir aber hinterher versicherte, dass er nicht meine „Propaganda-Matrix“ gemeint habe), und einmal Christian Weidner, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit, in der Enquete für die Union, der behauptete, die AfD-Leute würden die evidenzbasierte Medizin nicht kennen, und dann noch die Erde als Scheibe ins Spiel brachte, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, aber davon abgesehen: Die Argumente sind im Raum, im Bundestags-TV und in den Akten. Und das Mit- oder Nebeneinander führt dazu, dass Spitzen zurückgenommen werden. Marcus Maurer, Publizistik-Professor in Mainz und für mich eine Art Begleiter im Berufsleben (das Fach ist klein, man kennt sich), sprach erst von „Corona-Leugnern“ (die in den Medien kaum zu Wort gekommen seien), entschuldigte sich aber sofort, nachdem Kay-Uwe Ziegler von der AfD darum gebeten hatte, sich das abzugewöhnen und einfach von Menschen zu sprechen, die Zweifel haben.
Ich weiß: Andere Sachverständige sind anders behandelt worden. Ich habe das Buch von Tom Lausen gelesen (Rezension kommt morgen) und von Beate Pfeil gehört, wie jeder ihrer Personalvorschläge in einer der Arbeitsgruppen abgelehnt wird, begleitet von Schadenfreude. Trotzdem. Mehr als diese Enquete haben die Mehrheitsverhältnisse nicht erlaubt. Und vielleicht hat Tom Lausen ja recht, wenn er schreibt, dass in der Wohlfühlatmosphäre solcher Sitzungen das Material entsteht, auf das echte Ermittlungen eines Tages bauen können.
Herr Vorsitzender, sehr geehrte Kommissionsmitglieder, vielen Dank, dass ich hier sprechen darf. Ich komme zu Ihnen als Zeitzeuge, als Experte und als Betroffener.
Zuerst zum Zeitzeugen. Ich habe ab 1988 Journalistik in Leipzig studiert und wenig später erlebt, wie die Unzufriedenheit mit der öffentlichen Kommunikation ein politisches System zum Einsturz gebracht hat. Wissenschaft und Medien: Das war das Zentrum des Orkans, und ich war mittendrin.
Ohne diesen Sturm ist der Experte Michael Meyen nicht zu verstehen. Ich habe die Freiheitserzählung des Westens ernst genommen und darauf gesetzt, dass wir fortan über alles diskutieren können, mit Argumenten, nicht unter der Gürtellinie – weil, meine zweite Hoffnung, weil Universitäten und Redaktionen entweder unabhängig sind oder aber Eingriffe und Zumutungen transparent machen werden. All das hat auch eine persönliche Seite. Ich wollte nicht noch einmal zum Erfüllungsgehilfen werden.
Der Experte Michael Meyen hat das Glück, vier Systeme vergleichen zu können. Wissenschaft und Medien in der Hand der SED, Freiheit (Ende 1989 bis Anfang 1991), Wissenschaft und Medien in der Hand der alten Bundesrepublik, leidlich frei, und, System Nummer vier, Universitäten, die über Bologna, W-Besoldung, Rankings und Zweit- oder Drittmittel zu Staats- und Konzernfilialen gemacht worden sind, sowie Redaktionen, die der Politik in eine Wagenburg folgen, sich dort den Propaganda-Apparaten ausliefern, Leckerli bekommen und dafür Kritiker ignorieren oder diffamieren.
Ich muss hier nicht wiederholen, was das ab März 2020 aus diesem Land gemacht hat. Es steht in meiner Stellungnahme und im kollektiven Gedächtnis. Die Leitmedien haben eine Politik unterstützt und zum Teil noch forciert, die auf eine hohe Impfbereitschaft ausgelegt war. Sie haben Angst geschürt, Zweifel und Proteste delegitimiert und sich dabei auf eine Figur stützen können, die wir in der Forschung opportune Zeugen nennen. Sie wissen, wen ich meine. Wissenschaftler und Ärzte, die bereit waren, repressive Maßnahmen mitzutragen, und dafür mit Sendezeit belohnt wurden. Die Namen stehen in meinem Papier – wie auch die Namen von Kollegen, die die Dinge anders sahen, auf das Prinzip Debatte vertraut haben und dafür an den Pranger gestellt wurden. Wodarg, Bhakdi, Hockertz, Sönnichsen, Kuhbandner, Homburg.
Wenn die Leitmedien ihren Job gemacht hätten, dann würden diese Kollegen heute Festvorträge halten und wir würden nicht hier sitzen. Wo diskutiert wird, verschwinden Angst, Ausgrenzung, Spaltung.
Das heißt auch: Ich brauche die Leitmedien, wenn ich ein Land herunterfahren will, wenn ich Grundrechte einschränken will, wenn ich Menschen dazu bringen will, sich auf ein medizinisches Experiment einzulassen und alle zu ächten, die Zweifel haben wie der Fußballprofi Kimmich oder der Medienforscher Meyen.
Ich will Sie nicht behelligen mit der Zerstörung meiner Reputation durch Süddeutsche, BR, Spiegel, Zeit und durch Helfershelfer an meiner Universität, sondern auf die Drähte verweisen, die von der Politik in die Funkhäuser gehen und in die Medienkonzerne, auf die dreistelligen Millionensummen, die in Lockdown- und Impfwerbung geflossen sind, und auf den Nachtragshaushalt vom Sommer 2020, 220 Millionen unter dem Deckmantel „Digitale Transformation“, nicht ausgezahlt am Ende, aber als Belohnung zu verstehen und als Versprechen.
Wenn Sie ein Bild suchen sollten für den Dreiklang von Wissenschaftsberatung, Krisenkommunikation und Medien: Karl Lauterbach hat eine Kollegin von mir, eine Medienforscherin also, in die Stiko berufen, in eine Kommission, die Impfstoffe zu prüfen hat. Mein Institut hat diese Berufung gefeiert – anstatt Fragen zu stellen.
Wie kommen wir dort wieder hin – zu Universitäten, die den Zweifel feiern, und zu Medien, die Meinungsvielfalt leben? Antwort eins: Es braucht die Einsicht, dass beides langfristig für alle ein Gewinn ist, eine Einsicht, die mit Verzicht verbunden ist – mit dem Verzicht auf Zugriff, Macht und Pfründe. Dann ist Antwort zwei einfach: Wir müssen Wissenschaft und Medien wieder freilassen. Vielen Dank.