Als ich noch nicht wusste, dass ich hier einmal Hans den Kleingärtner beerben würde, saß ich an einer Arbeit, die sich mit dem Schreiben beschäftigen sollte. Ein paar Jahre lang schon spreche ich meine Texte ein, und wenn sich der Schachtelsatz, laut vorgelesen, für mich gut anhört, darf er stehenbleiben. Es entstehen meist mittellange Videos, in denen Fotos, Filmsequenzen und Textschnipsel mein Eingesprochenes begleiten. Als Eingangsbild hatte ich mir diesmal Gabriele Münters „Dame im Sessel, schreibend“ ausgesucht.
Nun ist das Thema dieses Bildes zwar Schreiben, aber auch die Biografie der Malerin gibt jede Menge her, so dass ich mit der Recherche dort begann. Dass eine Künstlerin um 1900 ihren eigenen Weg ging, war keineswegs selbstverständlich. Frauen waren an Kunstakademien bekanntlich größtenteils ausgeschlossen und konnten nur unter erheblichen Einschränkungen studieren; jegliche Abweichung von der gesellschaftlich vorgesehenen Norm musste gegen diese behauptet und verteidigt werden. Malen und Schreiben beginnen mit einem Blick nach innen, der Frauen zwar nicht gänzlich abgesprochen wurde, wohl aber dessen mögliche relevante Erkenntnishaftigkeit.
Mitten in den Vorbereitungen zu dieser Arbeit kamen mir nun also Hans und „Don Quijote“ dazwischen, dessen Darstellung Pablo Picassos er in seinem Text „Vergeblichkeit“ als Schattenwurf nachempfunden zeigt. Der 1605 von Miguel de Cervantes ersonnene berühmte „Ritter von der traurigen Gestalt“ kämpfte gegen Windmühlen, und weil er in die Weltliteratur eingegangen ist, kämpft er bis heute. Ihm zur Seite stellt Hans die literarische Figur Josef Knecht aus Hermann Hesses letztem Roman „Das Glasperlenspiel“ von 1943.
Warum schrieben Cervantes und Hesse ihre Romane, was haben sie beim Blicken nach innen gesehen?
Zwischen den Autoren liegen mehr als drei Jahrhunderte. Sicher muss man unterscheiden, was sich aus Quellen belegen lässt und was spätere Leser und Literaturwissenschaftler in ihren Werken zu erkennen glaubten. Aber sowohl Cervantes als auch Hesse haben sich zu den Beweggründen geäußert, die Romane geschrieben zu haben, und beide Arbeiten verbindet eine Frage, die zeitlos ist: Wie lebt der Mensch in einer Welt, die seinen Hoffnungen und Vorstellungen nicht entspricht; in der er sich fremd fühlt, unpassend?
Bild: Picassos Don Quichote als Schattenwurf (Quelle: Hans der Kleingärtner)
Miguel de Cervantes sagt in der Vorrede zum ersten Teil des „Don Quijote“ (der zweite erschien 1615), seine Arbeit richte sich gegen die damals beliebten Ritterromane, deren Erzählungen über heroische Ritter, wundersame Abenteuer und idealisierte Tugenden mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit Spaniens kaum noch übereinstimmten. Der Autor wollte diese literarische Mode satirisch brechen. Doch „Don Quijote“ wuchs über seine Intention hinaus und ist weit mehr als nur Parodie. Er wurde zu einer Gestalt, an der sich die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, Einbildungskraft und Vernunft, Würde und Lächerlichkeit beobachten lässt. Das Ende dieses absurden Ritters, der stirbt, nachdem er seine Ritterträume aufgibt und wieder zu Alonso Quijano wird, führt zur Frage, ob dem Menschen nüchterne Wirklichkeit reichen kann oder er Ideale benötigt, selbst wenn sie unerreichbar oder aus anderer Perspektive unvernünftig sind. Meist wird das Ende dieser Geschichte so gedeutet, dass der Pragmatismus über Ideale, Poesie und Lebenssinn siegt und Quijano aus Melancholie stirbt. Was aber, wenn man das so deutet: Quijano folgte einer inneren Notwendigkeit, was seiner Wandlung zu Quijote Sinn gibt, und als dieser Sinn ausgelebt war, konnte er die Welt verlassen. Vielleicht ist nur sein Bereuen ein Zugeständnis an den Realitätssinn der ihn umgebenden Welt, aber wer will behaupten, dass sein Traum gescheitert ist, wenn er ihn doch so intensiv gelebt hat? Vielleicht stirbt Don Quijote/Quijano nicht, weil sein Traum gescheitert, sondern weil er erfüllt ist.
Bild: Hermann Hesse (Fotograf unbekannt, Niederländisches Nationalarchiv, CC BY-SA 3.0)
So ist es jedenfalls bei Josef Knecht, dem Meister des hochkomplexen Glasperlenspiels der Gelehrtenrepublik Kastalien, das alle Wissensgebiete zu einer höheren Harmonie verbindet. Knecht bricht aus der Ordensgemeinschaft aus, die sich ganz und gar Geist und Kultur verschrieben hat, um sich dem zwar unvollkommenen, aber wirklichen Leben zuzuwenden. Er wird Hauslehrer für den Sohn eines Freundes, und als er von diesem – dem Sohn – zum Wettschwimmen herausgefordert wird, nimmt Knecht die Herausforderung an. Hans der Kleingärtner schreibt:
Dann lässt er [Hesse] seinen Protagonisten letztlich auch einfach nur untergehen (…) In dem Moment, wo ich in meinem Leben aufhörte zu eifern, orientierte ich mich an der schönen Zwecklosigkeit des Glasperlenspiels. Um unbesehener Vergeblichkeit auszuweichen.
Doch für Hesse war Knechts Tod kein Scheitern und kein Ausdruck von Vergeblichkeit, sondern eine Erziehungstat; ein bewusstes Opfer, das seinem jungen Zeugen letztendlich Reifung ermöglicht. Der/Das Alte stirbt, und der/das Junge wird. Das drastische Bild des Ertrinkens ist selbstverständlich dramatisch, aber was beschrieben wird, ist nicht einfach ein tragischer Tod; was hier gezeigt wird, ist der Sinn im Kreislauf des Lebens. Diese Interpretation wird nicht nur gestützt durch die Fachliteratur zum Autor; sie stammt direkt aus dem Romantext und aus Hesses Briefen an seine Leser.
Ich maße mir nicht an, Hans damit trösten zu können, dem es vielleicht um etwas ganz anderes ging, und ich möchte nicht so verstanden werden, dass ich urteile über Weltflucht und Weltbejahung. Ich kann weder raten, in jeder Windmühle einen Riesen zu sehen, noch in eiskalte Bergseen zu springen, aber ich kann fragen: Ist eine Welt, in der tatsächlich Windmühlen stehen, dadurch automatisch sinnvoller als eine Welt, in der sie als Riesen erfahren werden? Oder könnte umgekehrt eine Gesellschaft, die sich mit dem Gegebenen zufriedengibt, selbst einer Form von Realitätsblindheit unterliegen? Ist es grundsätzlich falsch, bereits Abgelegtes, Vergangenes noch einmal auf den Prüfstand heben zu wollen? Vielleicht hat so ein Wahn, dem Don Quijote unterlag, nicht bei allen Menschen und nicht immer mit einer – Zitat Hans – „Lieblingszeit“ zu tun. Don Quijote ist lächerlich, doch seine Gegner sind nicht automatisch vernünftig. Seine Illusionen sind Illusionen, doch seine Werte – Mut, Integrität, Gerechtigkeit – können wahrhaftiger sein als Berechnung und der nüchterne Realitätssinn seiner Umwelt.
Josef Knecht beschließt, sich von einer Utopie abzuwenden, obwohl sie rational, gebildet und hochgeistig ist. Er erkennt die Abgeschlossenheit und Entfremdung, und Kastalien entlarvt sich ihm als Konstruktion wie alle menschen- und machtgemachten Ordnungen. Die Distanz, die er aus dieser Erkenntnis gewinnt, lässt ihn anders weitergehen. Seine Flucht ist eine Flucht aus der Flucht.
Nicht jede Welt, in der wir zuhause sind, ist auch die Welt, in der wir bleiben sollen.
Cervantes stand seinem eigenen Schreiben auch selbstironisch gegenüber. Er schwor, sich die Hand abzuhacken, falls jemand keine Belehrung in seinen Texten fände, obwohl ihm das durch die Seeschlachtverletzung der anderen Hand selbst gar nicht möglich gewesen wäre. Aber sein Arbeiten sollte neben Unterhaltung eben auch „moralische Unterweisung“ sein, wie der Autor im Vorwort seiner „Exemplarischen Novellen“ betont. Und Hermann Hesse schrieb am „Glasperlenspiel“ elf lange Jahre – einerseits ein geistiger Zufluchtsort vor den Zumutungen des Zweiten Weltkriegs, aber auch Vermächtnis in Bezug auf sein philosophisches Denken über Humanität, Freiheit und Bildung.
Bild: John Irving 1983 (Foto: Elisa Cabot, CC BY-SA 2.0)
Obwohl ich durchaus am Text feile, war mein Schreiben immer beiläufig, ohne Ehrgeiz oder übergeordneten Plan. Seit ich Jugendliche war, sortiere ich mich so. Und ich habe mich oft gefragt, ob das eine Welt ist, in der ich bleiben soll, bleiben darf. Meine ersten Texte waren erzählerisch und autobiografisch. Und es hatte tatsächlich nichts mit Ehrgeiz zu tun, dass ich, als die Berliner Festspiele für das Treffen junger Autoren (1987 war das generische Maskulinum noch nicht in Verruf geraten) einen Schreibwettbewerb ausriefen, daran teilnahm. Es war das Gefühl, etwas von mir in die Welt geben zu können, als ich meine Arbeit in den Postkasten gleiten ließ. So gewann ich mit zwanzig Jahren den Wettbewerb gemeinsam mit zwei Dutzend anderen Anfängern, und ein schönes Gemeinschaftserlebnis in Berlin und der Abdruck in zwei Anthologien war mir nur Freude und Chance. Preise auch kritisch zu sehen, das kam sehr viel später, und ich werde in einem nächsten Text noch einmal darauf eingehen.
Dann begegnete ich den Romanen John Irvings. Diese Dichte, diese episch breiten Handlungsbögen, die Entwicklung und kunstvolle Verflechtung der Figuren, die mich sogleich für sich einnahmen – mein eigenes Schreiben verstummte angesichts dieser überragenden Begabung.
In den frühen 2000er Jahren fiel mir allerdings auf, dass ich mir beim Kommentieren in Kunst-Foren, die in dieser Form erst wenige Jahre existierten, schreiberisch enorm viel Mühe gab. Angesichts des schlechten Benehmens einiger Gesprächsteilnehmer (auch zu dieser Zeit konnte sich das generische Maskulinum noch sicher fühlen) verlor ich jedoch mehr und mehr die Lust, meine Zeit damit zu verbringen. Texte entstanden weiterhin. Nur erweiterte sich der Gegenstand der Auseinandersetzung: erst einmal weg von den Argumenten zur Sache und hin dazu, die Voraussetzungen konstruktiven gemeinsamen Nachdenkens zu untersuchen – und festzustellen, wie oft diese nicht gegeben waren. Seitdem weiß ich im Grunde meines Herzens, dass die Bereitschaft, das Gegenüber in dessen Sinne bestmöglich verstehen zu wollen, die Grundvoraussetzung für gelingenden Austausch ist, und zwar völlig unabhängig von unseren Unterschiedlichkeiten in Temperament oder Ansicht.
Mein Bemühen in den Foren, immer wieder zu versachlichen und dabei selbst nicht zu verstehen, warum meine Gesprächspartner mir teils feindselig begegneten, war mir ein Kampf mit Windmühlen, den ich nicht lassen konnte. Lange erschien er mir sinnvoll. Jahre später verstand ich, dass meine nicht-akademische Herangehensweise ein Angriff war: eine junge Unbefangene, die vom Kunstbetrieb nichts wollte, die bis heute die Meinung vertritt, dass Kunst nicht zu „lernen“ sei, sondern sich mit viel Glück zwischen Erschaffer und Rezipient ereignet, diskutierte mit Menschen, die sich bemühten, im offiziellen Kunstbetrieb Fuß zu fassen. Die Jahre darauf verwendeten, sich dort zu etablieren, jede Menge Klinken putzten und teils ziemlich prekär lebten für ihren Traum. Und die sich später in großer Zahl haben von ihm verabschieden müssen. Aus den vielleicht schnöden, aber sehr realen Gründen materieller Vernunft und dem sorgenvollen Realitätssinn derer, die sie als Familie und Freunde umgaben.
Bild: Wassily Kandinsky, Gabriele Münter beim Malen, 1909 (CC0)
Don Quijote war unterwegs für sein Ideal, Josef Knecht machte sich auf den Weg heraus aus Kastalien in die wirkliche Welt, in die Welt, in der er wirklich wirken konnte.
Gabriele Münters „Dame im Sessel, schreibend“ kommt im Augenblick an. Im Sessel sitzend, entspannt im Pyjama, zeigt das Bild eine namentlich unbekannte Schweizerin. Die Intimität dieser Alltagsszene lenkt den Fokus auf die dargestellte Handlung, das konzentrierte Schreiben. Das Bild, eher präzise Zeichnung als Malerei, strahlt sowohl mit seiner Farbökonomie als auch durch die reduzierte Komposition eine bemerkenswerte Ruhe aus. Die Portraitierte ist äußerlich unbewegt, aber innerlich unterwegs.
Das Werk entstand 1929. Vielleicht war es Münter ein Bedürfnis, nach Jahren der Schaffenskrise eine selbstständige, gebildete, moderne Frau im Bild festzuhalten. Vielleicht war es ihr ein Bedürfnis, keine laute oder spektakuläre Aktivität darzustellen.
Auch Schreiben ist Bewegung. Im Schreiben ordnen sich die Gedanken neu und nie endgültig. Gespräche gelingen nie dauerhaft oder immer. Verstehen bleibt immer unvollständig, und dieser Text ist mir in einem halben Jahr vielleicht sogar peinlich.
So beginnen wir immer wieder von Neuem.
Ich werde mich nach wie vor schreibend sortieren. Nicht, weil so alle meine Fragen beantwortet würden, sondern weil Fragen so erst die Ruhe finden können, in ihrer ganzen Offenheit gestellt zu werden.
Sabine Pint setzt sich seit vielen Jahren für co-kreatives Miteinander ein. Sie malt, zeichnet, schreibt und betreibt einen Vlog, der mit seinen Themen für Offenheit und respektvollen Austausch steht.
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