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Gedankenreisen | 15.09.2026
Ein Einstand
Unsere Kolumnistin tritt das Erbe von Hans dem Kleingärtner an. Und denkt nach über Vergeblichkeit, Wahrhaftigkeit und das, was ist.
Text: Sabine Pint
 
 

„Alles vergeblich?“ fragt Hans der Kleingärtner schon im ersten Absatz seines Abschiedstextes als Kolumnist hier bei der Freien Medienakademie. Sein wahrhaftiger Text macht es niemandem leicht, der in Tradition eines sich redlich Mühenden weitermachen will, egal in welchem Bereich. In jedem Bemühen schwingt immer mit, dass man sich seines eigenen vergeblichen Seins gleich Unbedeutend-Seins nicht ausreichend bewusst ist, und so gesehen wäre jedes Bemühen peinlich. Aber stimmt die Vorannahme des eigenen Unbedeutend-Seins? Oder ist auch das wie beinahe alles Geistige eine Frage der persönlichen Definition?

Nach tragisch anmutenden Beispielen von Vergeblichkeit im Kleineren – die Eltern, die Vorgesetzte im Beruf, der kunstschaffende Freund – geht es bei Hans weiter in Literatur- und Weltgeschichte. Alles vergeblich im Sinne der Strebenden, obwohl jedes Mal zahllose Mitbetroffene die momentane Wirksamkeit des individuellen Wollens belegen, manchmal auf grausame Art.

Was ist das Wollen dahinter, wenn man sein Tun als vergeblich begreift? Fühlen wir die Ewigkeit, die uns vermeintlich abverlangt, dass etwas von uns, eindeutig auf uns zurückführbar, bleiben müsse, um sinnvoll dagewesen zu sein? Und ist es wirklich Überheblichkeit, wenn wir unser Leben füllen damit, was, und so, wie wir es für stimmig halten, mit den Materialien, die uns zur Verfügung stehen?

In Anbetracht eines ewigen Raumes und ewiger Zeit kann Demut nur obligatorisch sein. Aber die Einsicht, dass man als das Lebewesen, das wir sind, anscheinend nichts Bleibendes ausrichtet, ist nicht eine Erkenntnis, die mir etwas zählt. Denn was bei dieser Sicht fehlt, ist das einzige, das wir wirklich haben: die so kostbare Gestaltung des unwiederbringlichen Moments.

Im Mai 2003 sprach der Videokünstler Bill Viola zur Eröffnung seiner Ausstellung Five Angels for the Millennium im Oberhausener Gasometer. Die Installation war überwältigend, und ein Satz seiner Eröffnungsrede hallt seither in mir nach:

Vielleicht ist der Einzelne nicht ewig, aber wir alle zusammen sind es.

Wir gestalten diese Ewigkeit mit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie lange es uns als Gattung Mensch geben wird, ist dabei unerheblich. Nur so kann ich es sinnvoll sehen.

Jede Generation wird, wenn sie in der Lage ist, zurückzublicken auf das, was tatsächlich war, Vergeblichkeit spüren. Wird spüren, dass alles schon mal da war, wird, ohne Innovationen zu negieren, merken, dass es das Rad schon gibt, dass Moden wiederkehren und der Krieg. Und der sich in Ewigkeit eingebettet denkende Mensch – abseits vom transhumanistischen Streben, dass das lebendige Individuum angeblich nicht sterben muss – ist darauf angewiesen, trotz dieser Vergeblichkeit einen Sinn im morgendlichen Aufstehen zu sehen. Und friedlich, aber bestimmt demjenigen Mitmenschen zu trotzen, der ihn für sein Aufstehen belächelt und sich so auf unwiderstehliche Art über ihn stellt. Und der aber natürlich auch aufsteht, nur ganz anders, besser. Ja, der Abgeklärte hat Recht, immer. Aber die Hoffnung auf Entwicklung: des Tages, des Lebens, des Einzelnen, der Menschheit, ... stirbt bekanntlich zuletzt. Wie diese Entwicklung aussieht, ist Aushandlung; genau so oft mit sich selbst wie auch mit anderen.

Aushandlung hat zwingend mit Unfreiheiten zu tun. Auch die Einsicht in diese Art der individuellen Unfreiheit kann beinahe nur obligatorisch sein; alles andere wäre asozial. Wenn ich auch nur mit einem weiteren Menschen bin, ist unser beider Freiheit schon eingeschränkt. Einer spricht, der andere hört zu, im besten Fall im Wechsel. Der eine will die schnellste Route und der andere die schönste. Und manchmal möchte sogar ein und derselbe Mensch zwei unvereinbare Dinge.

„Eigene ‚Vergeblichkeit‘ nicht für möglich zu halten, ähnelt meines Erachtens dem, eigene ‚Unfreiheit‘ nicht zu erkennen“, schreibt Hans der Kleingärtner. Doch Unfreiheit und Freiheit werden immer relativ erlebt. Bin ich physisch eingesperrt, bin ich definitiv nicht frei und fühle die Unfreiheit körperlich und geistig, doch selbst in diesem Erleben unterscheiden sich die Eingesperrten.

Viele fühlen manchmal Unfreiheit in ihrer Wohnsituation, in Erwerbsarbeit oder durch Gesetze, aber kaum jemand fühlt sich dauerhaft unerträglich unfrei als Mieter, Arbeitnehmer oder Bürger. Wir akzeptieren Unfreiheiten im Zusammenleben als manchmal gute, manchmal lediglich unvermeidbare Kompromisse. Wir wählen innerhalb des Rahmens der gesellschaftlichen und biologischen Grenzen, wie wir mit Situationen umgehen. Die Autorschaft des eigenen Lebens fühlt sich (für denjenigen, dem diese wichtig ist) durch solche Unfreiheiten meist nicht existenziell bedroht an.

Bildbeschreibung Bild: Freiheit in Hochelten, einem historischen Ortsteil der Stadt Emmerich am Rhein in Nordrhein-Westfalen (Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0)

Was also ist Freiheitsstreben? Zuallererst ist es individuell. Einige empfinden das, was sie da fühlen, von dem Begriff gut getroffen, manche würden ihr Gefühl vielleicht anders beschreiben. Ob Freiheitsstreben also realistisch oder unrealistisch ist, muss von der individuellen Erwartung her bewertet werden.

Genauso ist es mit Vergeblichkeit.

Ja, es gibt feste und verbindliche Definitionen: bei Gesetzen, Normen und in den exakten Wissenschaften. Aber zum Beispiel Gesetze werden bereits wieder ausgelegt, und in Geistes- und Sozialwissenschaften herrschen viele Definitionen, die mit neu eingeführten Begriffen den wissenschaftlichen Sprachgebrauch festlegen. Unsere Alltagssprache ist oft ungenau und angepasst an unsere Sichtweisen. Fragt einer im Gespräch „Verstehst du, wie ich‘s meine?“ und der Angesprochene bejaht, kann ich aus meinem Erleben heraus nur skeptisch sein.

Die Ergebnislosigkeit, die qua Definition aus vergeblichem Bemühen hervorgehen müsste, ist eine Sache der Auslegung, der erklärenden Interpretation. Es geschieht ja nicht ‚nichts‘ nach ‚etwas‘. Es geschieht, was geschieht, und es ist die Frage, ob es genau so geschehen wäre, wenn dieses Etwas nicht vorab geschehen wäre.

Ich muss gestehen, dass ich den Roman „Mitternachtskinder“ von Salman Rushdie noch nicht gelesen habe. Ein Zitat daraus begegnete mir im Film „Almanya“ aus dem Jahr 2011:

Ich bin die Summe all dessen, was vor mir geschah, / all dessen, was unter meinen Augen getan wurde, / all dessen, was mir angetan wurde. / Ich bin jeder Mensch und jedes Ding, / dessen Dasein das meine beeinflusste / oder von meinem beeinflusst wurde. / Ich bin alles, was geschieht, / nachdem ich nicht mehr bin, / und was nicht geschähe, / wenn ich nicht gekommen wäre.“

Wahrhaftigkeit ist ebenfalls ein allgemein menschliches Thema. Wesentlich menschlich. Genauso wie Vergeblichkeit für Hans, der endlich schreibt, sein Begriff von Vergeblichkeit solle „ein positiver sein. Keine Neigung zum Aufgeben. Sondern ein Gewahrwerden dessen, was ist“.

Was ist.

„Sagen, was ist.“ Rudolf Augstein prägte das journalistische Leitmotiv, das für ihn Wahrhaftigkeit in der medialen Berichterstattung bedeutete.

Viele Menschen wollen erst mal fühlen, was ist. Eben „Gewahrwerden“. Und wenn dann das Sprechen nicht so weit weg ist davon, was wir fühlen, und das Handeln nicht so weit weg davon, was wir sagen, haben wir einen großen ersten Teil unserer Herausforderungen schon gemeistert. Wir haben nicht alle Dinge in der Hand, die uns geschehen; bei weitem nicht. Aber wir können unseren Teil wahrhaftig leisten.

Alles hat – nein, nicht mit Vergeblichkeit – mit unserem individuell empfundenen Sinn-Erleben zu tun.

Der eine sieht diesen Sinn in einem Gott, an den er sich im Grunde nicht erlaubt zu glauben, der andere im Weitertragen seiner Gene und wieder ein anderer im bloßen, zwecklosen Sein. Dieses zwecklose Sein hat in meiner Interpretation nichts mit Nichtstun zu tun, und wenn ich einmal nichts tu, also müßig bin, hat es nichts mit der Ausschließlichkeit von „Fröhlichsein und Singen. Mehr geht nicht. Mehr muss nicht“ zu tun.

Das Konzept einer Ausschließlichkeit ist auch hier eher hinderlich, wenn man nicht gleichzeitig sagt, dass das ein momentaner wunderschöner Zustand ist, den man genießt. Loriots Hermann, der „einfach nur hier sitzen“ wollte, wollte das sicher auch nicht ausschließlich. Hochwahrscheinlich hatte auch er irgendwelche Aufgaben, die ihn durchs Leben trugen, und wir haben nur nichts von ihnen erfahren, weil das nicht ausreichend komisch war und Vicco von Bülow uns nur durch Aberwitz auf so unvergleichliche und zeitlose Art den Spiegel vorhalten konnte.

Ich könnte auch „einfach nur hier sitzen“. Niemand wartet auf etwas von mir. Mit der Demut vor dieser Einsicht trete ich hier das Erbe an.

Ich kann nicht versprechen, jemandem einen neuen Gedanken liefern zu können, eine neue Erkenntnis gar. Ich kann nur – sicher genau wie Hans der Kleingärtner – für wahrhaftig Empfundenes und dann Geschriebenes bürgen. Manches Mal werde ich mich wohl noch auf Hans beziehen, der mit seinem Abschiedstext ein schönes großes Fass aufgemacht hat, in dem ich wie Diogenes in seinem Pithos eine Weile leben können werde. Ich bin selbst gespannt auf diese Gedankenreise, bei der ich am Ende jeder Etappe entscheiden werde, welche Richtung ich nun einschlagen möchte. Auch beim Reisen ist es so: Das folgende Teilstück ähnelt ein bisschen dem vorhergehenden, bis man – vielleicht irgendwann – zu einer komplett anderen Landschaft gelangt. Vielleicht reise ich auch im Kreis oder trete auf der Stelle, ohne es zu merken ... Über die eine oder andere Streckenbegleitung ab und zu würde ich mich in jedem Fall sehr freuen.

Sabine Pint setzt sich seit vielen Jahren für co-kreatives Miteinander ein. Sie malt, zeichnet, schreibt und betreibt einen Vlog, der mit seinen Themen für Offenheit und respektvollen Austausch steht.

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Bildquellen: Die 2006 im Lengericher Skulpturenpark aufgestellte Skulptur „Vanitas vanitatis“ (Vergeblichkeit allen irdischen Strebens) von Jupp Ernst (Corradox, CC BY-SA 4.0)