„Wie alt sind Sie?“ Kurz vor Beginn des Vortrags stupst mich ein Mann aus der Reihe hinter mir an. „39“, antworte ich. Verwunderung. Allzu viele Gäste unter 50 sieht der Sprechsaal üblicherweise nicht, was bei Veranstaltungen zu Themen wie Corona-Maßnahmenkritik, Deindustrialisierung oder Friedenspolitik das übliche Bild ist. Da hilft auch Prominenz nicht, bei Michael Lüders etwa war die Demografie ebenso unerbittlich. Möglicherweise fehle es dem säkularen Staat an einem Fundament, ergänzt der Anstupser. Vielleicht auch: ein um sich greifender, hohler Liberalismus, der die Jungen mit Nihilismus infiziert. Die älteren Kohorten sind jedenfalls allesamt anwesend: Der Sprechsaal in Berlin-Mitte ist fast bis zum Bersten gefüllt. Der Kulturkreis Pankow hatte am vergangenen Donnerstag den Publizisten Hermann Ploppa eingeladen, bekannt für Werke wie „Hitlers amerikanische Lehrer“ und „Die Macher hinter den Kulissen“. Nun stellt er sein Buch „Der neue Feudalismus“ vor, das am Buch-Tresen schon besprochen wurde.
Die Lage ist laut Ploppa durchaus ernst: Der feudalen Elite gehe es um einen schwerwiegenden Paradigmenwechsel. Sie arbeite daran, den Aufstieg des Leibeigenen zum Lohnarbeiter, Bürger oder Landwirt rückgängig zu machen. Demokratie und Parlamentarismus hätten ausgedient; nun stehe „ein Wechsel vom inklusiven Konzept zum exklusiven“ an. Das sei beispielsweise an der Aushöhlung des Rechtsstaats erkennbar: Der Journalist Hüseyin Doğru sei über Sanktionen seiner Lebensgrundlage beraubt worden. Er habe keine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, schließlich handele es sich „um ein königliches Edikt der EU“. Hochproblematisch, so Ploppa, sei die „gravierende Vermögens- und Einkommensungleichheit“. Die ungleiche Verteilung von Besitz sei „schlimmer als im Feudalismus“. Elon Musk, ein Billionär? Eine „Luftnummer“, sagt Ploppa, schließlich spiegele die Marktkapitalisierung eines börsennotierten Unternehmens wie Tesla nicht dessen realen Wert. Er nennt einige Zahlen, um seine Thesen zu untermauern: 50 Prozent des Nettovermögens in Deutschland entfallen auf die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung. Die untere Hälfte müsse sich mit 1,4 bis drei Prozent begnügen. Im globalen Maßstab spitzt sich die Lage zu: Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verfügten über 75 bis 85 Prozent des Gesamtvermögens.

Abgehoben seien die Feudalherren unserer Zeit, was Ploppa anhand einiger skurriler Beispiele illustriert. Etwa das von Donald Trump gegründete Board of Peace, das vorgibt, sich des Gaza-Konflikts anzunehmen. Eine „Kasper-Veranstaltung“, welche als Ersatz für die UNO fungieren solle. Ebenfalls bizarr: Privatstädte, deren Oberhaupt kein Bürgermeister, sondern ein CEO sei. Ploppa zeigt einen Werbefilm zu einem solchen Ort: Die in Saudi-Arabien gelegene Retortenstadt The Line, die im finalen Ausbaustadium 170 Kilometer lang sein soll. Wichtige Dinge ließen sich binnen fünf Minuten erledigen, ein künstliches Klima trage zum Wohlbefinden der Bewohner bei. Für Kopfschütteln sorgt auch die honduranische Privatstadt Próspera, ebenfalls für „die Schönen und Reichen“ gedacht. Wären diese Konzepte nicht real, hielte man die Clips für Teaser einer künftigen Staffel der britischen Serie Black Mirror.
Ploppa nennt Kriterien für Feudalismus:
Der Herrschaftsanspruch sei nicht durch Leistung gerechtfertigt und es gebe Naturalwirtschaft statt Geld – „eine Sache, die sicherlich wiederkommen wird“. Es folgt ein geschichtlicher Abriss von Karl V. über Kaiser Wilhelm II. bis in die junge Bundesrepublik: Ludwig Erhard habe Wohlstand für alle versprochen und sich damit von den Marktradikalen abgegrenzt. Bis Mitte der 1970er Jahre habe das „ausgezeichnet funktioniert“, denn Produktivitätszuwächse hätten entsprechende Lohnerhöhungen nach sich gezogen. Dann, wie Ploppa es nennt, die „Rache der Adligen“: Ludwig von Mises, Vertreter der Österreichischen Schule, stößt bei Ploppa auf sichtlich wenig Gegenliebe. Immerhin in einem Punkt habe Mises recht: „Preise sollte man nicht diktieren“, sagt der Publizist, aber in anderen Aspekten irre sich Mises. Etwa in der Annahme, es gebe Menschen, „die berufen sind zu herrschen und zu bestimmen“. Die Demokratie sei keine Ochlokratie, der Pöbel habe dort nichts zu suchen, so der Adlige. Friedrich August von Hayek habe „als wichtiger Stratege des Marktradikalismus“ diese ökonomische Linie fortgesetzt, letztlich akademisiert und salonfähig gemacht.
Ploppa zeichnet das Bild einer langen Tradition von Herrschern, Denkern und Theoretikern, deren Weltbild ein zutiefst ökonomistisches ist. Es unterwirft Menschen den Kriterien von Rentabilität und sucht Orte, um die Überschussbevölkerung zu verwahren.
In der Fragerunde regt sich Widerstand: Wieso habe Ploppa die Gewerkschaften in seinem Vortrag völlig außen vor gelassen? Dieser kontert: Der DGB sei „eine Schöpfung der CIA“. Auf die Frage, wie Besitzlose zu Eigentum gelangen sollen, reagiert der Publizist ausweichend: Wir seien nicht unbedingt auf Großorganisationen angewiesen; als Beispiel führt er die Stromerzeugung für die Sinnhaftigkeit dezentraler Strukturen an. Was aber bei Produkten, die eine hohe Skalierbarkeit erforderten, wie Computerchips? Das sei nicht sein Problem, sagt Ploppa, er brauche „eigentlich keine Computerchips“. Seine Lösung: Aus den Fehlern der DDR lernen („nicht alles überregulieren“) und tragfähige Strategien der Gegner übernehmen, indem eigene Denkfabriken gegründet und Netzwerke gebildet werden.
Björn Kosjak hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Medienakademie teilgenommen.
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