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Buch-Tresen | 22.01.2026
Die neuen Feudalherren
Hermann Ploppa erklärt ganz unakademisch, wie eine digitale Aristokratie demokratische Errungenschaften demontiert. Ein Weckruf.
Text: Ulrich Gausmann
 
 

Hermann Ploppa, Jahrgang 1953, ist ein Politologe und Publizist aus Marburg. Mit „Hitlers amerikanische Lehrer“ (2008) und „Die Macher hinter den Kulissen“ (2014) hat er sich als präziser Analytiker transatlantischer Machtnetzwerke profiliert. Mit „Der Neue Feudalismus“ legt er nun ein neues, mutiges und notwendiges Buch vor. Seine These: Wir erleben Neo-Feudalismus. Datenkontrolle (Meta, Alphabet), Privatisierung öffentlicher Güter, Verwandlung von Eigentum in Dauermietschaft – die neuen Formen der Leibeigenschaft. Ploppa:

Es wird wieder irrational nach Gutsherrenart regiert. Die neuen feudalen Herren regieren, ohne sich durch Leistung für die Gesellschaft zu legitimieren. Sie bestimmen einseitig die Höhe unserer Abgaben an die Herrschaften. Die neuen Feudalherren kassieren immer öfter von uns leistungslose Einkommen. (S. 12)

Der „neue Feudalismus“ zeichnet sich durch die Aufhebung des bürgerlichen Äquivalenzprinzips aus:

Das bürgerliche Äquivalenzprinzip, dass nämlich gleichwertige Waren miteinander getauscht werden, und dass rationale, nachvollziehbare Kalkulationen vorherrschen, gilt nicht mehr. Mit einem Schlag gelten keine von der Gemeinschaft verabredeten Spielregeln mehr. (S. 12)

Diese Parallele ist nicht metaphorisch gemeint. Ploppa weist nach, wie die mühsam erkämpften Errungenschaften – Rechtssicherheit (bürgerliche Revolution), Sozialstaat (Arbeiterbewegung), öffentliche Daseinsvorsorge (demokratischer Konsens) – systematisch zurückgedrängt werden. Was das im Alltag bedeutet, macht seine „Einstimmung“ deutlich:

Da wird mal eben wieder ein örtliches Krankenhaus geschlossen. Die Bibliothek kann nur noch von ehrenamtlichen Mitarbeitern am Leben erhalten werden. Auch der Bus fährt nicht mehr bis zum nächsten Ort. (S. 11)

Neu ist die Art, wie heute Macht ausgeübt wird:

Wut staut sich auf und kann sich nirgendwo entladen. Wir müssen ja funktionieren. Da ist eine Macht, der wir ausgeliefert sind. Wir sehen die Mächtigen jedoch nicht mehr. Stattdessen demente Politiker, die nichts zu sagen haben und nur dazu dienen, dass wir unsere Wut irgendwo abladen können. [...] Denn immer anonymer ist die strukturelle Gewalt, der wir tagtäglich ausgesetzt sind. (S. 11)

Ein historischer Exkurs zur Überwindung des Feudalismus zeigt, was auf dem Spiel steht. Eine Stärke des Buches: Ploppa bleibt nicht bei abstrakten Systemanalysen stehen. Er nennt Namen, legt Netzwerke offen, zeichnet Karrierewege nach. Die Kapitel über Peter Thiel (ab Seite 153) und die „PayPal-Mafia“ sind erhellend und verstörend zugleich. Sie zeigen: Ein kleiner Zirkel von Silicon-Valley-Oligarchen häuft nicht nur immense Vermögen an, sondern verfolgt eine politische Agenda, die offen mit demokratischen Prinzipien bricht. Ploppa zitiert Thiels Bekenntnis:

Demokratie und Freiheit schließen sich gegenseitig aus. (S. 122).

Diese Aussage behandelt er nicht als exzentrische Meinungsäußerung, sondern als Programm einer neuen herrschenden Klasse. Zur zweiten Kernaussage Thiels schreibt Ploppa:

Wettbewerb in der freien Wirtschaft ist nur was für Schwächlinge. Versager. Für den Starken und Tüchtigen ist nur das Monopol die geeignete Wirtschaftsform. (S. 123)

Die Kapitel zu Cambridge Analytica und Palantir dokumentieren die Verschmelzung von Geheimdiensten und Digitalwirtschaft. Staatliche Überwachung und privatwirtschaftliche Datenkontrolle sind nicht mehr zu trennen – keine Theorie, sondern nachweisbare Realität. Nirgends wird das deutlicher als bei Palantir:

Und Peter Thiels Gehilfe Alex Karp schwärmt von der „Disruption“, das heißt: der mutwilligen Zerstörung hergebrachter Strukturen durch schockartige Erschütterungen, die notwendig ist, damit der private Geheimdienst Palantir, der Peter Thiel gehört, die absolute Macht erobert. (S. 122)

Besonders aufschlussreich ist Ploppas Analyse von Finanzkonzernen wie BlackRock. Obwohl sie in öffentlichen Debatten kaum vorkommen, treiben sie die globale Privatisierungswelle voran. Ergänzend sind hier Werner Rügemers Arbeiten zu BlackRock zu nennen. Ploppa macht konkret, was „Finanzialisierung" bedeutet:

  • die Verwandlung von Wohneigentum in Mietverhältnisse,
  • die Übernahme öffentlicher Infrastruktur,
  • den Aufkauf ganzer Stadtviertel durch Investmentfonds.

Der abstrakte Begriff wird greifbar. Überzeugend ist dabei die Quellen- und Detailgenauigkeit, mit der Ploppa Hintergründe und Akteure offenlegt. Das gilt auch für Markus Krall, dem ein eigener Abschnitt gewidmet ist. Der von „Alternativmedien“ hofierte „Börsenspezialist“ entpuppt sich als knallharter „christlich-feudaler“ Kapitalist (S. 106).

Das ausführliche Kapitel über Argentiniens Präsidenten Javier Milei (ab Seite 159) liest sich wie eine Warnung. Hier vollzieht sich in Echtzeit, was geschieht, wenn marktradikale Ideologie auf reale Gesellschaften trifft: Staatszertrümmerung, Privatisierung von Gefängnissen, Organhandel, Abschaffung der Schulpflicht. Ploppa zeigt: Der „Verrückte“ (wie Milei sich selbst nennt) wurde von denselben Eliten an die Macht gebracht, die Argentinien seit Jahrzehnten ruinieren. Die Allianz aus alten Oligarchen, klerikalen Faschisten und marktradikalen Ideologen ist ein Lehrstück: Systemwechsel werden inszeniert, während die Machtverhältnisse unverändert bleiben. Beim Lesen wurde mir mulmig.

Was macht das Buch wertvoll?

Erstens schärft Ploppa das historische Bewusstsein. Unsere sozialen Errungenschaften sind nicht selbstverständlich – sie wurden mühsam erkämpft. Die Überwindung des Feudalismus war langwierig und blutig, eine Regression ist möglich. Ploppa formuliert es so:

Die Geschichte ist im Wesentlichen die Geschichte der Beziehung von Herrschenden und Beherrschten. Die Geschichte handelt davon, wie sich immer wieder Menschen ein viel zu großes Stück aus unserem Kuchen herausschneiden. Ein Kuchenstück, das sie anderen rauben, die dafür entsprechend zu wenig haben. Und immer wieder gelingt es dann doch im Lauf der langen Geschichte, wieder mehr Verteilungsgerechtigkeit herzustellen. (S. 12)

Daraus folgt:

Wir müssen wissen, wo wir herkommen. Dann wissen wir besser, wo es hingeht. (S. 12)

Zweitens lehrt das Buch, Macht durch Netzwerke zu verstehen. Macht funktioniert heute nicht mehr primär über formale Institutionen. Ploppa zeigt die informellen Strukturen: Bilderberger-Treffen, Verflechtungen zwischen Tech-Konzernen, Geheimdiensten und Politik. Die realen Machtstrukturen liegen hinter den Kulissen. Drittens entlarvt Ploppa Ideologien. Die Auseinandersetzung mit marktradikalen Denkern – von Hayek bis Thiel – macht deutlich: Hinter vermeintlich „neutralen“ ökonomischen Theorien stehen knallharte Herrschaftsinteressen. Ökonomie war und ist nie unpolitisch. Viertens liefert das Buch Werkzeuge, um Mechanismen zu durchschauen: Wie funktioniert Privatisierung konkret? Wie werden öffentliche Güter zu Profitquellen? Welche Rolle spielt das „Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten“? Ploppa gibt das analytische Handwerkszeug für diese Fragen. Und schließlich zeigt er, dass die Klassenfrage zentral bleibt. In Zeiten, in denen Klassenpolitik als überholt gilt, macht er deutlich: Die Verteilungsfrage ist aktueller denn je – nur die Formen haben sich gewandelt. Nicht mehr Fabrikbesitzer gegen Arbeiter, sondern Datenkonzerne gegen User, Finanzfonds gegen Mieter, Plattformen gegen Produzenten.

Ploppas Buch ist eine dringend benötigte Stimme. Seine Sprache ist zugänglich, manchmal polemisch, aber nie beliebig. Er schreibt mit der Dringlichkeit eines Mannes, der überzeugt ist: Die Zeit läuft uns davon. Manche werden einwenden, der Feudalismus-Vergleich sei überzogen. Doch Ploppa behauptet nicht, wir lebten im Mittelalter. Er nutzt den Begriff heuristisch, um Strukturähnlichkeiten sichtbar zu machen: leistungslose Einkommen, irrationale Herrschaft, Aushöhlung bürgerlicher Rechtsprinzipien. In dieser Hinsicht ist der Vergleich erhellend – und zutreffend. Die Neo-Feudalismus-These ist nicht neu. Yanis Varoufakis („Technofeudalismus. Was den Kapitalismus tötete“, 2024) beschreibt die Transformation von Märkten zu digitalen Cloud-Lehen, Joel Kotkin („The Coming of Neo-Feudalism. A warning to the global middel class“, 2020) warnt vor einer neuen Ständegesellschaft. Ploppa fügt dieser Debatte etwas Entscheidendes hinzu: Namen, Netzwerke, deutsche Verhältnisse. Während andere global theoretisieren, zeigt er, wie Neo-Feudalismus hierzulande funktioniert – von BlackRocks Immobilienaufkäufen bis zu Kralls ideologischer Arbeit. Das macht sein Buch zu einem unverzichtbaren Baustein der wachsenden Kritik an der Re-Feudalisierung des Kapitalismus.

Ploppa neigt manchmal dazu, einzelne Akteure in den Fokus zu rücken. Peter Thiel und andere Silicon-Valley-Oligarchen sind zweifellos problematische Figuren. Doch die Personalisierung darf nicht von den systemischen Zwängen ablenken. Auch diese Akteure handeln in Strukturen, die größer sind als sie selbst. Der Kapitalismus ist mehr als die Summe seiner Profiteure – das weiß Ploppa. Aber man kann von einem Buch dieser Detaildichte nicht alles verlangen.

„Der Neue Feudalismus“ ist kein akademisches Werk – es ist ein Weckruf. Eine Streitschrift. Ein Lehrbuch für alle, die verstehen wollen, wie Macht heute funktioniert und was auf dem Spiel steht. Ploppa schreibt präzise und engagiert. Zu einer Zeit, in der Krankenhäuser schließen, Bibliotheken auf Ehrenamtliche angewiesen sind, und öffentliche Güter systematisch privatisiert werden, liefert er die analytischen Werkzeuge zum Verstehen dieser Prozesse. Das Buch endet hoffnungsvoll. Ploppa ist überzeugt:

Wir [können] bessere Zeiten erreichen.

Sonst hätte er nicht geschrieben. Diese Hoffnung teile ich. Doch bessere Zeiten setzen Klarheit über die Gegenwart voraus. Genau dazu leistet Ploppa einen wichtigen Beitrag: konkret, detailgenau, ohne akademische Schnörkel. Für Laien verständlich und ohne Vorwissen lesbar. Wer nicht tatenlos zusehen will, wie zivilisatorische Errungenschaften abgeräumt werden, sollte dieses Buch lesen. Wer wissen will, wer die Drahtzieher sind und wie sie operieren, findet hier Antworten. Wer versteht, dass Aufklärung der Veränderung vorausgeht, hält mit diesem Buch ein wichtiges Werkzeug in Händen.

Eine Veröffentlichung, die den Bogen von den feudalen Herrschaftsstrukturen des Mittelalters bis zu den digitalen Plattformmonopolen unserer Tage spannt, darf nicht auf die Sympathien der Mainstream-Kulturredaktionen hoffen. Erst recht nicht, wenn sie das Bewusstsein für die strukturellen Verwerfungen unserer Gegenwart schärft. Amazon listet das Buch (veröffentlicht am 17. November 2025) mit dem Hinweis: „Derzeit nicht verfügbar. Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt.“ Das Werk ist damit über den größten Buchvertrieb faktisch nicht erhältlich – obwohl es gerade erst erschienen ist. Ob Zufall oder nicht – die Nichtverfügbarkeit auf der dominanten Plattform illustriert genau jene Machtkonzentration, die Ploppa analysiert. Bestellen lässt sich das Buch im Moment ausschließlich direkt beim Verlag: liepsenverlag@gmail.com.

Hermann Ploppa: Der Neue Feudalismus. Privatisierung, Blackrock, Plattformkapitalismus. Marburg: Liepsen Verlag 2025, 160 Seiten, 20 Euro.

Bildbeschreibung

Dr. Ulrich Gausmann ist Autor des Buchs Wirtschaft und Finanzen neu gedacht. Er hat mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht.

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Bildquellen: Peter Thiel 2022 in in Scottsdale, Arizona (Foto: Gage Skidmore, CC BY-SA 2.0)