„2015“ steht auf dem Cover. Und: Roman. Ich denke sofort: das deutsche Schicksalsjahr, beschrieben von Raymond Unger, einem meiner Lieblingsautoren, Therapeut, Dozent für Naturmedizin und Maler – ein Mann, der einen langen Weg zum Schreiben hinter sich hat und über Sachbücher der Extraklasse (etwa: Die Wiedergutmacher), seine Familiengeschichte (Die Heimat der Wölfe) und eine KI-Dystopie, die die Märchen der Macht in die Zukunft verlängert (Corona, CO2, Kriegstüchtigkeit), nun in der deutsch-deutschen Gegenwart angekommen ist.
Ein Haus in MV, hatte Raymond mir bei unserer letzten Begegnung gesagt. Der Stoff liege schon eine Weile und sei eigentlich fertig gewesen, aber dann: Du weißt ja, was dann kam. Bei Raymond Unger zum Beispiel: Vom Verlust der Freiheit und Das Impfbuch, eine Hommage an seinen Freund Gunnar Kaiser (Habe ich genug getan?) und Die Heldenreise des Bürgers, Untertitel: Vom Untertan zum Souverän.

Das neue Buch ist ein Wagnis – vor allem bei einem Leser wie mir, der aus der DDR kommt und allergisch reagiert oder wenigstens mit Skepsis, wenn ihm ein Westdeutscher den Osten erklären will. Sicher: Bei Raymond Unger gibt es mildernde Umstände. Er hat Wurzeln in Bessarabien und weiß, wie es sich fernab von den Fleischtrögen anfühlt. Und er lebt nicht nur in Berlin, sondern mit mindestens einem Bein und einem Teil von Herz und Kopf auch auf dem platten Land. Will sagen: Raymond Unger kennt meine Pappenheimer – und seine sowieso.
Die Volkmanns vor allem, eine Familie aus Hamburg, um die sich die Geschichte dreht. Gesine, eine Frau aus gut-bürgerlichem Haus und in den mittleren Jahren, einigermaßen erfolgreich als Heilpraktikerin, aber doch nicht so, um leben zu können wie einst der Großvater, zumal da Christian ist, ihr Mann, der malt, immer noch auf den Durchbruch wartet und so für seine Schwiegermutter ein Versager ist. Diese Volkmanns tragen Hamburg in sich, den Großraum, in dem Raymond Unger lange gelebt hat, und zwei seiner Leidenschaften. Der Schriftsteller lässt dieses Doppel-Alter-Ego aus der Welt der Reichen und Schönen nach MV gehen, nach ganz unten also, wenn man so will, in ein Schulhaus, das schon eine Weile leer steht und der Dorfjugend als Treffpunkt dient, nun aber, so wollen es die Investoren aus dem Westen, zu einer Mischung aus Therapiezentrum, Atelier und Galerie werden soll – auch mit Hilfe von Thorsten Becker, Jahrgang 1965, Dachdecker, im Sommer 1989 über Ungarn voller Hoffnung raus aus der DDR, dann aber zermürbt, erst von den neuen Landsleuten und dann von der Bürokratie. Ein Langzeitarbeitsloser, wie er im Buche steht und mit Codes am Auto, die, nun ja. Sie wissen schon.
Man könnte meinen: Das ist genug Zündstoff für einen Roman. Nicht bei Raymond Unger, nicht 2015. Sie ahnen es: Was einmal Schule war und nun Kunstmekka werden sollte, nimmt ein paar von denen auf, die in Massen über die Grenze strömen, und Gesine Volkmann, diese Gut-Frau aus Hamburg, steigt wenig später auch noch in ganz großem Stil in die Migrationsindustrie ein.
Bild: Raymond Unger bei einem Vortrag, Kulturkreis Pankow, 2024 (Foto: Karlmark1818, CC0)
Ich kann und will hier nicht vorwegnehmen, was sich daraus alles ergibt, sondern beschränke mich auf ein paar Pinselstriche zu den Figuren, die dieses deutsche Tollhaus bevölkern. Da ist Eva, die Tochter der Volkmanns, fast schon erwachsen, frustriert ob des Umzugs zu den Wölfen und plötzlich hin- und hergerissen zwischen zwei Jungs vom Dorf sowie einem Marokkaner, der ins Heim der Eltern einzieht – ein Bermudadreieck, in dem sie versinkt. Jedes Wort mehr wäre ein Spoiler. Da ist Abbad, besagter Marokkaner, der das Ersparte seiner Großeltern braucht, eine Lüge (ich bin Syrer und folglich kriegsgeschädigt) sowie einen Schubs von einem, der wie ein Helfer aussieht, sich dann aber doch als Schwerverbrecher entpuppt, um vom Strand in Casablanca in das Land seiner Träume zu kommen. Und da ist Jürgen Maier, der sich Prashantam nennt, in seinen Kursen stöhnt und Bullshit redet, damit aber gelangweilte Ehefrauen lockt und die Schönste meist auch in sein Bett bekommt.
Immer noch keine Lust? Dann muss ich Ihnen von Ben Keller erzählen, einem Journalisten, den die Volkmanns aus Hamburg kennen und der sich nun auf den Weg nach Budapest macht. Frauen und Kinder fotografieren, die Story seines Lebens ausgraben und damit denen gefallen, die gerade das Sagen haben. Mit wenigen Sätzen macht Raymond Unger aus den Romankapiteln rund um diesen Ben ein Dokument, das zu verstehen hilft, was da im Spätsommer 2015 über uns gekommen ist. Es gibt die Familien nicht und auch nicht die Story – jedenfalls keine, die Ben veröffentlichen könnte, ohne sich selbst ins Knie zu schießen. Was da gen Deutschland geht, ist kein Zug von Kriegsversehrten, sondern eine frische Armee. Und die Fotos, die Bens Kollege macht, werden sicherheitshalber vernichtet.
Dieser Ben steht zugleich für eine Journalistengeneration, die schon in der Schule gelernt hat, dass man besser vorankommt, wenn man mit denen ganz oben heult, und die deshalb weit weg sind von den Altvorderen und ihren Idealen. Sagen, was ist. Sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Ben hat schon bei der Schülerzeitung die Wahrheit leicht verbogen und so zwar einen guten Lehrer um seinen Job gebracht, aber Lob vom Rektor bekommen und mit der gleichen Masche später einen Preis nach dem anderen eingeheimst. Viele Romanseiten später fällt ihm auch Thorsten Becker zum Opfer, der Einheimische, der den Volkmanns für ein paar Kröten hilft, aber auch das sollten Sie selbst entdecken, weil es wie in einem Brennglas zeigt, was Westredakteure seit 1990 aus Ostleben gemacht haben und immer noch machen.
Vielleicht noch eine Warnung zum Schluss. Raymond Unger ist weder Gerti Tetzner, die mit der Sprache unter die Haut ihrer Protagonisten kriecht, oder Michael Klonovsky, der mit Schnaps und Witz und Sex ins pralle Leben greift, noch Jenny Erpenbeck, die es in Kairos geschafft hat, das Ende der DDR als toxische Liebesbeziehung zu erzählen und dabei das Drumherum fast gänzlich außen vor zu lassen. Ungers Roman lebt vom Figurenset, das dieses Land und seine Biografien verkörpert, sowie von Begebenheiten, die so nah dran sind an der deutschen Wirklichkeit, dass das Lesen schmerzt und trotzdem Spaß macht. Man kann im Sessel nicken und lernen und ganz nebenbei den Osten feiern, der mit einem Faustschlag Klarheit schafft, die Gegensätze zusammenführt (Kunst und körperliche Arbeit zum Beispiel oder Hamburg und MV) und das Geld dorthin bringt, wo es für freie Debatten gebraucht wird.
Raymond Unger: 2015. Roman. Zürich: Europa 2026, 366 Seiten, 25 Euro.
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