Die gesammelten Pressestimmen auf der Webseite des Autors lesen sich wie eine Zeitreise. Nicht ungewöhnlich, wenn es um ein Buch geht, das 2005 erschien, 2015 neu verlegt wurde und 2026 im Briefkasten der Rezensentin landete. Eine Empfehlung aus dem Freundeskreis, die ein paar Urlaubstage an der Ostsee bereichert hat. Die zum Lachen, Nicken, Nachdenken und am Ende sogar zu ein paar Tränen führte. Aber zurück zur Zeitreise. 2009 schrieb das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer:
Das Buch gibt einem glatt den Glauben an die deutsche Literatur zurück.
Das Neue Deutschland feiert beste Unterhaltung, exzellent formulierte Sätze und eine „doch ganz hübsche Lösung“ am Ende. FAZ, Die Welt, Westdeutsche Allgemeine, NDR kultur loben den Roman. Und die dpa meint:
Klonovsky ist ein Wortfex und begnadeter Unterhalter.
Dass der Medien-Mainstream – vom linken Stadtmagazin über die großen Gazetten und Nachrichtenagenturen bis hin zu den Öffentlich-Rechtlichen ein Buch von Michael Klonovsky heute solcherart in den Fokus stellen würde, ist undenkbar. Es reicht ein Blick in den Wikipedia-Eintrag zum Autor: AfD, Junge Freiheit, rechts und damit mindestens „umstritten“. Klonovsky ist gebürtiger Sachse, 1962 in Schlema auf eine Welt gekommen, deren Untergang er in Ost-Berlin nach Maurerlehre und nachgeholtem Abitur unter anderem als Gabelstaplerfahrer in einem Schnapslager und später als Korrekturleser der LDPD-Tageszeitung Der Morgen miterleben darf. Von 1992 bis 2016 schrieb er beim Focus gegen allerlei aufziehende Übel an, heute arbeitet Klonovsky als politischer Berater.
Im „Land der Wunder“ schlägt sich der Hauptheld Johannes Schönbach erfolgreich durch ein Leben, das dem des Autors ähnelt. Wir lernen Johannes ganz unten kennen, beim Befördern schöngeistiger Ware in ein Hochregallager. Goldkrone, Burgkrone, Nordhäuser Doppelkorn, Lunikoff, Timm's Saurer, Zinnaer Klosterbruder, Boonekamp, Wurzelpeter, Halb und Halb, Campa, Havanna Club, Sambalita, Goldbrand oder Klarer Juwel – wer seine Jugend in der DDR verbracht hat, bekommt bei diesen Namen ein seltsames Würgen im Hals oder süße Erinnerungen an feuchtfröhliche Feste. Schönbach, von der Uni geschmissen wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“, karrt das „Lebenselixier des Sozialismus durch die Hallen, den Trank, der Genossen wie Nicht-Genossen halbwegs bei Laune hielt“. Die Bevölkerung sei zwar anspruchslos, aber „des narkotischen Trostes permanent bedürftig“. Versorgungsengpässe bei Alkohol dürfe es nicht geben, das schaffe „revolutionäre Situationen“. Besser lässt sich der Alltag ostseits der Mauer nicht auf den Punkt bringen.
Klonovsky ist ein Meister der Situationskomik. Episoden stehen fürs große Ganze, beschreiben das Funktionieren eines Landes, das ein Aufgehobensein auch für jene bot, die gegen die Regeln verstoßen hatten. So erscheinen eines Tages ein Kripo-Mann und zwei Herren vom Ministerium für Staatssicherheit im Schnapslager. Alle sind versammelt, weil jemand „etwas Staatsfeindliches“ getan hat (volltrunken DDR-Fahnen abgerissen, darauf uriniert und staatsfeindliche Parolen gegrölt). Der Chef des Lagers stellt sich vor die beiden Delinquenten:
Ich glaube nicht, dass wir Staatsfeinde unter uns haben, es ist wohl eher so, dass hier ein paar sehr dumme Jungs, nachdem sie sehr viel getrunken hatten, einen gehörigen Scheiß gebaut haben, für den sie einstehen müssen, aber das Kollektiv wird sie dabei unterstützen.
Die Szene dürfte sich in den meisten DDR-Betrieben irgendwann so oder so ähnlich abgespielt haben. Wenn einer Mist baute, war das Kollektiv mitschuldig und deshalb verantwortlich dafür, den Abweichler von der schiefen Bahn zu holen. Heute würden sich die Kollegen in Schönbergs Schnapslager schleunigst von den beiden „Staatsfeinden“ distanzieren.
An der Universität, zwei Jahre vorher, liefen die Dinge anders: Der Student Schönbach wird zum Direktor für Erziehung und Ausbildung zitiert, anwesend sind Parteisekretär und Seminargruppenbetreuer. Schönbach hat ein schlechtes Gewissen, obwohl er nicht weiß, worum es gehen wird. Klonovsky gelingt es auch hier, in jedem Ost-Sozialisierten ein längst vergessenes Gefühl aufleben zu lassen:
Beinahe jeder DDR-Bürger hatte in solchen Situationen ein schlechtes Gewissen, denn beinahe jeder dachte, redete und tat fortwährend Dinge, die nicht auf Staatslinie lagen und gegen ihn verwendet werden konnten.
Schönbach erfährt, dass all seine Äußerungen und Witze, die nicht auf Linie waren, registriert und gemeldet worden waren. „Seine Seminargruppe schien zur Hälfte aus Spitzeln zu bestehen.“ Er fliegt von der Uni beziehungsweise muss sich exmatrikulieren lassen, um nicht wegen staatsfeindlicher Hetze angezeigt zu werden. Und soll sich ein paar Jahre in der Produktion bewähren, „damit Ihnen dort die antikommunistische Scheiße aus dem Gehirn gespült wird“. Womit wir wieder beim Anfang sind, im Schnapslager, das Schönbach dann doch bald verlässt – Geist und Körper bestehen die „Bewährungsprobe“ nicht.
Die Kapitel springen nun im Leben des Johannes Schönbach voran: Als Korrektor einer SED-Bezirkszeitung eckt er bald wieder an, gerät unfreiwillig hinein in die „friedliche Revolution“ (was ihn eine Nacht im Gefängnis, einen verlorenen Zahn und viele blaue Flecken kostet), steigt auf in seiner Redaktion bis zum Star-Reporter, verabschiedet Ost- und verabscheut West-Chefs, zieht um nach München und jettet um die Welt, spekuliert und gewinnt an der Börse. Was er nicht findet: Glück und Zufriedenheit, etwas, das so ein Leben trägt, ihm Bedeutung gibt. Aber immer wieder kreuzt Katja seinen Weg, unerreichbare Königin seiner Träume seit Studentenzeiten. Wenn du mich im Schach schlägst, geh ich mit dir ins Bett, hatte sie gesagt. Er hat nie gewonnen. Am Ende ist es Katja, die für ein Happy End sorgt, das mich am Strand zum Weinen bringt.
Vielleicht ist das „Land der Wunder“ ein Roman für Journalisten. Zumindest ist Interesse für das Metier der schreibenden Zunft für den Leser von Vorteil, wenn auch nicht Voraussetzung. Für diese Rezension blättere ich nochmal durch das Buch, auf der Suche nach Stellen, die ich angestrichen und also irgendwie für wichtig befunden habe. Und stoße immer wieder auf Passagen, die den Journalismus beleuchten. Eine spielt beim abendlichen Saufgelage einiger Redakteure der SED-Zeitung. Ein alter Haudegen namens Stresemann (die Analyse der Namen aller Protagonisten des Buchs wäre ein Text für sich) sagt dort:
Wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht irgendwann aufhängen für den Mist, den wir täglich drucken.
Danach diskutiert die Runde die Panzer in Peking und das Sputnik-Verbot, was Stresemann so kommentiert:
Und wir fanden das natürlich gut … ja, wir haben es sogar verteidigt, wir haben der eigenen Knebelung beflissen zugestimmt. Wir lügen immer für die Wahrheit.
Später, Schönbach ist längst im Westen angekommen und trifft Katja auf einer PDS-Wahlveranstaltung, fragt Katja:
Warum hast du denn die Nase voll vom politischen Journalismus?
Und Schönbach antwortet:
Weil mir der Meinungsanteil zu hoch ist. Die meisten politischen Journalisten hierzulande meinen dauernd etwas, fühlen sich berufen, den Leuten zu erklären, was falsch ist, mit allen Folgen fürs geistige Klima. Die freie Presse ist nämlich gar nicht frei …
Im Tageblatt, so heißt die SED-Zeitung im Roman, übernehmen in der Umbruchzeit nach 1989 die Redakteure das Zepter. Sie machen ihr eigenes Blatt, schreiben ohne Tabus und politische Vorgaben. Nicht von heute auf morgen, aber sie lernen schnell. Bis die Zeitung verkauft ist und die Chefs aus dem Westen kommen, im Gepäck neue Regeln, jetzt genannt Know-how. Der Redakteur Kühl verzweifelt daran:
Ich wollte frei sein … Ich wollte endlich nach bestem Wissen und Gewissen über Dinge schreiben, die mich interessieren. Nun gibt es wieder jede Menge Themen, über die man sich nicht äußern darf, wieder gefährde ich gewissermaßen den Weltfrieden und werde mit scheinmoralischen Argumenten erpresst, wieder stehe ich inmitten von angepassten Speichelleckern.
Die Konflikte aus den frühen 1990er Jahren lesen sich so, als spielte „Land der Wunder“ heute. Oder sind sie zeitlos, wiederholen sich in Dauerschleifen? Schönbach belauscht auf der Toilette unfreiwillig einen Dialog seines Chefs mit dessen Stellvertreter, der beim Hochziehen des Reißverschlusses sagt:
Ich prophezeie Ihnen: Dieses Ostvolk wird der geistigen Hygiene der Republik mehr schaden als alle Deutschtümler bei uns zusammen.
Wer sich immer noch fragt, was Ost und West bis heute unterscheidet, findet in „Land der Wunder“ kluge Antworten, verpackt in Dialoge und Szenen, die ein klein wenig mehr Sympathie des Autors für Schönbachs Seite vermuten lassen. So in den Streitereien zwischen Ost- und Westredakteuren über deutsche Kriegsschuld, das Verhältnis zu Israel, die Rolle Deutschlands nach der Wiedervereinigung. Wie grandios eben diese misslingt, schildert Klonovsky in der Liebesbeziehung Schönbachs mit der spröden Feministin Anne Schnitter, die aus Hannover in die Redaktion des Tageblatts kommt und Schönbach als sexistisches Arschloch beschimpft, wenn er ihr Komplimente macht. Schönbach wähnt sich dennoch am Ziel, als die schöne Anne mit ihm nach Italien fährt. Aber der Akt misslingt gründlich und hinterlässt in Schönbach die Einsicht:
Du wolltest den Westen ficken …, das ist alles. Aber diese Vereinigung war ein Witz.
„Land der Wunder“ ist auch ein Buch für Ostdeutsche, die nach Erklärungen suchen, warum sie sich im großen Deutschland nicht wohlfühlen. Ein Buch, das Spaltungen beschreibt, Motive und Haltungen, die einer wirklichen Gemeinschaft im Weg stehen. Aber vor allem macht es Spaß – auf jeder Seite. Ein Rezensent auf Amazon fasst das perfekt zusammen: „Lange wartete ich auf ein Buch, das ich mit solch innerer Begeisterung lesen konnte.“
Michael Klonovsky: Land der Wunder. Lüdinghausen und Berlin: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof 2015, 544 Seiten, 24,80 Euro.
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