„Der Roman, der in der DDR nie erscheinen durfte“. Wahrscheinlich denken sie in den Verlagen immer noch, dass so etwas zieht. Sonst hätte Aufbau das nicht mit Signalfarbe auf das Cover geklebt. Vielleicht war man auch nicht sicher, ob die Leute Gerti Tetzner kennen, 1936 in Thüringen geboren, Freundin von Christa Wolf und seit ihrem Debüt Karen W. (1974) ganz oben auf der Liste der ostdeutschen Künstlerhoffnungen.
Gegen Wind, ihr zweites Buch, ist dann untergegangen im deutsch-deutschen Strudel der frühen 1980er. Die einen hatten Angst, dass der Klassenfeind Kapital aus dieser Geschichte schlagen könnte, die das Erziehungssystem zerlegt und damit zugleich eine Gesellschaft, die mit ihren Kindern jede Hoffnung einhegt, und die anderen konnten zwar mit einem Verlagsvertrag locken und mit dem Kurzzeitruhm, der jedem Renegaten von drüben winkte, scheiterten aber an einer Schriftstellerin, die ihr Leben in der DDR nicht aufgeben mochte und sich dem Druck der heimischen Macht beugte. Gerti Tetzner hat Kinderbücher geschrieben und anderes gemacht, bis sie 2025 mit einer Neuausgabe von Karen W. wie Phoenix aus der Asche zurückkam. „Und nicht nach dem Westen schielen“ hat die FAZ über ihre Rezension geschrieben. Katharina Teutsch beschreibt dort „Szenen universeller Trostlosigkeit“ sowie ihr Erstaunen, dass sich all das „auf dem Boden der DDR“ abspielt.
Das ist, wenn man so will, die Blaupause für meine Sicht auf Gegen Wind, einen Roman, der von einer Kindergärtnerin erzählt und von einem Leistungsschwimmer, der es nicht zu Olympia geschafft hat, nun die Wände fremder Leute tapeziert und seinen Schmerz in Arbeit und Alkohol ertränkt, bis – ja, bis er diese Frau trifft, die so anders ist und lebt als alle anderen, die durch sein Bett gegangen sind, und ihn erst zum Reden bringt und dann zum Träumen. Oase sollte der Roman erst heißen – ein Titel, der sich sowohl auf das Kinderhaus beziehen kann, das die beiden umgestalten, als auch auf die Wohnung von Kristina, besagter Erzieherin, wo gekocht wird, getrunken und debattiert und das alles bei offener Tür.
Bild: Pioniere gratulieren Walter Ulbricht zum 60. (Foto: Peter Heinz Junge, Bundesarchiv, Bild 183-84350-0015, CC-BY-SA 3.0)
Wer die DDR verstehen will, muss ihre Romane lesen, hat Carsten Gansel gerade geschrieben, ein Literaturwissenschaftler mit Wurzeln in Güstrow und mit einem Faible für Uwe Johnson, der mit seiner Mutter zur Schule ging. Gegen Wind ist so ein Buch, das die Stimmung der späten 1970er und frühen 1980er erfasst – die Dauerangst vor Krieg und Auslöschung, das Betonglück und den Alltag von Menschen, die mit dem hadern, was von den Höchsten und aus der Mitte kommt, und sich oft ergeben, aber längst nicht immer und überall. Gerti Tetzner braucht nur ein paar Pinselstriche, um den Bibliotheksmitarbeiter zu zeichnen, der seine Freunde mit Lesestoff versorgt, die Verkäuferin, die dem Mangel ein Netzwerk entgegensetzt, das Material und Leckereien jeder Art garantiert, oder die Funktionärin, die Kristina erst protegiert und immer wieder schützt, bis sie selbst in einen Sturm gerät.
Bild: Anne-Katrin Schott, gerade 14, schreibt 1974 nach ihrem Weltrekord über 200 m Brust bei den DDR-Meisterschaften Autogramme (Foto: ADN, Bundesarchiv, Bild 183-N0706-0034, CC-BY-SA 3.0)
Gegen Wind könnte so auch hier und heute spielen – eine Geschichte, die nach den Mechanismen der Macht fragt, nach dem Gespür für Normen und Regeln und damit nach den Spielräumen für den Einzelnen, privat und im Beruf. Die Kindergärtnerin und der Maler: Das ist mehr als ein Liebespaar, das es gar nicht geben dürfte, weil sie älter ist als er und voller Energie und Ehrgeiz, zwei Eigenschaften, die Hinrich, der Ich-Erzähler, im Wasser verloren hat. Das Bildungssystem und der Leistungssport stehen hier Pars pro toto für eine Moderne, die ihre Jüngsten früh einnordet und so langfristig bricht.
Bild: Pioniere vor einer Gedenkstätte, 1986 (Foto: Peer Grimm, Bundesarchiv, Bild 183-1986-0813-027, CC-BY-SA 3.0)
Muss ich noch sagen, dass Katharina und Hinrich scheitern bei ihrem Ausbruchsversuch? Dieses Ende ist im ersten Satz angelegt und deshalb auch kein Spoiler:
Aber nachts – Nachts, wenn ich die Hände beiseitelege, berühren sie nicht mehr Kristinas atmende Haut.
Ich zitiere das, um zu zeigen, dass Gerti Tetzners Sprache einen Sog erzeugt, dem man sich nur schwer entziehen kann. Vieles wird nicht einmal ausformuliert und ist trotzdem da – die öffentliche Stimmung etwa, die Elisabeth Noelle-Neumann einst als „unsere soziale Haut“ beschrieben hat und die Kristina erst beneidet, beäugt, duldet und dann ausstößt. Cancel Culture und ihre Folgen. In meiner Lieblingsszene, der Abschiedsfeier nach dem Aus, taucht kaum einer der Freunde von vorher auf, dafür aber Matilte, eine Köchin aus dem Kindergarten, eine Randfigur bis dahin, die Kristina ihre Ausbildung und ihren Job verdankt und das nicht vergessen hat. Dieser Frau ohne Diplom und Position, der egal ist, was morgen über sie erzählt und über sie entschieden wird. Auch dieses Muster kennen wir nicht nur aus der DDR. „Das ist ja wohl der letzte Dreck“, habe der Lektor zu ihr gesagt, erzählt Gerti Tetzner in einem Gespräch mit Carsten Gansel, das das Buch abrundet. Mehr Werbung geht kaum.
Gerti Tetzner: Gegen Wind. Roman. Berlin: Aufbau 2026, 240 Seiten, 24 Euro.

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