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Analyse | 28.09.2026
Ben Berndt als Brücke
Der Erfolgs-Podcast „Ungeskriptet“ steht für einen Medienwandel und vielleicht auch für ein Umdenken hinter der großen Politik.
Text: Michael Meyen
 
 

Über neun Millionen Zuschauer bei Ulrich Siegmund, mehr als sechseinhalb Millionen bei Björn Höcke und vier Millionen bei Sergej Natschajew, russischer Botschafter in Berlin: Das sind Reichweiten, von denen auch die TV-Sender jenseits von Fußball-Länderspielen, Tagesschau und Tatort nur träumen können. Zwei Zahlen zum Vergleich: Das ZDF Magazin Royale, das im Dezember eingestellt werden soll, kommt freitags um 23 Uhr im Schnitt auf anderthalb bis zwei Millionen und Babylon Berlin, eine deutsche Ausnahmeserie, zum Auftakt der Finalstaffel zur Hauptsendezeit auf zweieinhalb Millionen – der „stärkste Wert“ an diesem Samstagabend und für das Erste ein Grund zum Feiern. Die „Hollywood-Konkurrenz“ geschlagen. Was will man mehr.

Vielleicht: ein Publikum auch dann, wenn man nicht knapp 100.000 Euro pro Sendeminute investieren kann wie bei Babylon Berlin. Ich schreibe diesen Text Ende September und finde im Kanal von Benjamin Berndt über 50 Beiträge mit mehr als einer Million Zuschauer. Selbst Nummer einhundert in seiner Rangliste liegt noch deutlich über 500.000. Ich weiß, dass diese Zahlen etwas täuschen, weil die allerwenigsten ein Drei-Stunden-Gespräch von Anfang bis Ende sehen. Bei meinem Interview mit Walter van Rossum, veröffentlicht Anfang September, 54 Minuten lang, knapp 40.000 Aufrufe, war zur Halbzeit noch jeder Dritte dabei und zum Schluss jeder Vierte. „Höhere Zuschauerbindung als üblich“, sagt YouTube. Durchschnittliche Wiedergabedauer in Prozent: 31,8. Ein vergleichsweise kurzes Gespräch, wie gesagt, das auf jedes Brimborium am Anfang verzichtet (kein Drama, keine Höhepunkte, keine visuellen Spielereien) und trotzdem (oder vielleicht auch deshalb) nach 30 Sekunden schon ein Drittel von denen verloren hat, die zum Klicken verleitet worden sind. Das relativiert die Millionen von Benjamin Berndt, aber beim „richtigen“ Fernsehen läuft das nicht viel anders. Dort hat man sich darauf geeinigt, dass jeder zählt, der eine Minute schaut – am Stück oder insgesamt beim Zappen. Die zweieinhalb Millionen bei Babylon Berlin: Dazu gehören auch Menschen, die kurz hängengeblieben sind und dann auf Toilette mussten, und Haushalte, in denen das Gerät lief, weil es immer läuft.

Bildbeschreibung Bild: Walter van Rossum beim Gespräch, 27. Juli 2026

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Podcast Ungeskriptet ist ein Erfolg und steht für einen Umbruch in der Medienlandschaft, weil er Menschen und Inhalte auf die große Bühne bringt, die in den Staatsmedien entweder tabu waren oder des Teufels. Um nur bei den Zuschauermillionären zu bleiben: Auf die beiden AfD-Politiker und den Sprecher Moskaus folgen dort (von oben nach unten) Kayvan Soufi-Siavash, Roger Köppel, Michael Lüders, Hans-Georg Maaßen, Oskar Lafontaine, Daniele Ganser, Joana Cotar, Tom-Oliver Regenauer, Peter Hahne, Helmut Sterz (Pfizer-Toxikologe), Christian Rieck, Sahra Wagenknecht (gleich zweimal), Joachim Steinhöfel, Maximilian Krah, Michelle Golan, Marc Friedrich, Florian Homm, Ralf Schuler, Stefan Homburg und Ulrike Guérot – Namen und Gesichter, die man (abgesehen von den Politikern und Journalisten) seit dem Frühjahr 2020 und manchmal auch schon länger (Ganser, Soufi-Siavash) nur in den Nischen der Gegenöffentlichkeit sehen und hören konnte und die deshalb außerhalb der Protestmilieus gegen Maßnahmen und Kriegskurs als Bezugspunkt oder Legitimationsinstanz ausfielen. Viele haben das selbst probiert und die Wucht des Leitmedienprangers gespürt, wenn sie etwas von Homburg und Regenauer, Sterz oder Guérot geteilt haben. Lass mich mit deinen Verschwörungstheoretikern in Ruhe, mein Lieber. Rubikon, Preradovic, KenFM. Weißt du nicht, in welchem Umfeld du dich da bewegst?

Bildbeschreibung Bild: Demokratiekongress der AfD im Juni 2026. Auf der Bühne: Roger Köppel

Um den Umbruch nachvollziehbar zu machen, für den Benjamin Berndt und Ungeskriptet stehen, muss ich mit ein paar Pinselstrichen den „Wahrheitskomplex“ skizzieren, ein „ein militärisch-geheimdienstliches Projekt“ (Norbert Häring), das in den 1990er Jahren mit dem Internet startet und spätestens ab den frühen 2010ern dazu führt, dass die Sichtbarkeit von Inhalten eingeschränkt wird, die der offiziellen Sicht auf die Dinge widersprechen. Der Weg in Richtung Zensur ist einerseits mit politischen Ereignissen und Entscheidungen gepflastert (Ukraine, Einwanderungspolitik, Klima, Corona, Zeitenwende) und andererseits mit Gesetzen wie dem Netz-DG (2017), dem Digital Services Act und nicht zuletzt mit dem Medienstaatsvertrag, der die Landesmedienanstalten seit November 2020 zur Aufsichtsinstanz über Netzinhalte macht und dafür das schwammige Label „journalistische Sorgfalt“ nutzt. Beides (alternativlose Welterklärung plus Ermächtigung durch Paragrafen) hat im Zusammenspiel mit Leitmedien und Steuergeld Faktenchecker und Hinweisgeber gedeihen lassen sowie ein Meinungsklima, das Hausdurchsuchungen nach öffentlichen Meinungsäußerungen genauso akzeptiert wie Kontokündigungen, Shadow-Ban oder die Löschung von Profilen und Kanälen durch die Plattformen. Prominenteste Opfer dieser Praxis waren KenFM und RT Deutsch, im ersten Maßnahmenjahr die wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenöffentlichkeit – auf YouTube gesperrt im Januar bzw. im September 2021 bei einer Abozahl von jeweils rund 500.000.

Ungeskriptet hat im Moment (Ende September 2026) 1,27 Millionen Abonnenten. Im Juni 2026 bekam Ben Berndt einen Hinweis der Landesanstalt für Medien NRW, in dem es um den Höcke-Auftritt ging, um die Parole „Alles für Deutschland“ sowie um die Frage, ob das sauber eingeordnet worden ist, und mit dem der Podcaster offenbar auch aufgefordert wurde, „sein gesamtes Angebot nachträglich auf die Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht zu prüfen“. Berndt hat daraus ein Video gemacht („Sie haben mich ins Visier genommen“, deutlich mehr als eine Million Aufrufe) und ist mit Schützenhilfe von Joachim Steinhöfel, wenige Wochen vorher sein Gast, in die Offensive gegangen („Zensurbehörde“, „keinerlei rechtliche Relevanz“) – erfolgreich, denn es blieb bei diesem Hinweis und der Feststellung, dass die öffentliche Debatte „die Scharte“ ausgewetzt habe (FAZ: „sehr klug“).

Ein Leitmedienthema ist Ungeskriptet spätestens seit dem Höcke-Gespräch – und das erstaunlich differenziert. „Soll man diesen AfD-Politiker vier Stunden und 36 Minuten lang interviewen, ohne dass man ihn auch nur einmal in die Zange nimmt?“, fragte Detlef Esslinger, nicht irgendwer in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung, am 15. Juni 2026. Antwort: „Ja, warum eigentlich nicht?“ Wenig später schickte die SZ eine Reporterin zum Hausbesuch, verbunden mit einer vorsichtigen Absage an das, „was Journalisten kritische Einordnung nennen“ (die „ewige Bewertung in dieser Gesellschaft“). Schon vorher hatte Ijoma Mangold, gleichfalls ein Schwergewicht, in der Zeit an „Menschenkenntnis“ und Meinungsfreiheit appelliert und Gesprächsführung und Inhalt ohne Schaum vor dem Mund seziert. In diese Linie passen ein Auftritt von Berndt in der ZDF-Produktion 13 Fragen (Februar 2026, wieder ausgewertet in einem Video: „In die Falle gelockt: Meine Abrechnung mit dem ZDF“) sowie die Einladung für Melanie Amann, die ihren Funke-Podcast Unframed im Mai 2026 auf der Rampe von Ungeskriptet startete.

Für den Medienforscher Michael Meyen bedeutet das: Er muss seine Begriffe überdenken – vor allem den Vorschlag, Staats- und Milieumedien zu unterscheiden und die Landschaft damit einigermaßen vollständig abzudecken. Zitat aus dem Oktober 2023:

Die einen geben Themen, Sprachregeln und Moral vor – das, was ich kennen und oft auch öffentlich vertreten muss, wenn ich mich jenseits von Freunden, Familie, Blase nicht isolieren will. Die anderen helfen mir, mit dem Anpassungsdruck klarzukommen.

Die einen und die anderen: Diese Spaltung hat in den letzten Jahren erstens dazu geführt, dass Tagesschau, landesweite Presse und Lokalblätter einen Teil der Menschen abgeschrieben, auf Themen- und Stimmenvielfalt verzichtet und die Beobachterposition gegen Aktivismus getauscht haben – mit Folgen für Auflagen- und Zuschauerzahlen. Das verbliebene Publikum verliert zweitens die Lust am Austausch mit den Verweigerern, weil es weniger Gesprächsstoff gibt, weniger Quellen, auf die sich beide Seiten einigen könnten, und viele Anlässe für die Moralkeule – mit Folgen für das Zusammenleben bis in die Familien und für die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft, die auf Reibung angewiesen ist sowie darauf, möglichst viele Ideen zu prüfen, um herauszufinden, was das Beste für alle ist. Das Publikum der Milieumedien wiederum, das ist mein dritter Punkt, verabschiedet sich nicht nur aus den Staatsmedien, sondern auch von der Hoffnung, über Wahlen oder andere Mitsprachetools wie Demonstrationen, Anträge oder Petitionen etwas ändern zu können – mit Folgen für die Stimmung im Land sowie für die Erzählungen, die die Ordnung der (west-)deutschen Dinge seit dem Zweiten Weltkrieg stützen.

Bildbeschreibung Bild: Daniele Ganser 2025 in Moers. Foto: Dirk Wächter

Die These dieses Beitrags ist einfach: So viel Sprengstoff kann selbst denen nicht gefallen, die die Lunte gelegt haben. Was helfen Deutungshoheit und Definitionsmacht, wenn die Botschaft via Staatsmedien nur noch die Treuesten der Treuen erreicht sowie diejenigen, die wissen müssen, was ich zu sagen habe, weil sie von meinen Aufträgen leben? Also: Neue Medien braucht das Land – Plattformen, die die Unzufriedenen erreichen und den Oppositionskanälen so zugleich die Luft zum Atmen nehmen (Spenden, Publikum, Relevanz). Lösung eins: Nius, bezahlt von Frank Gotthardt, einem Milliardär, der sein Vermögen über Software für Ärzte gemacht hat, gestartet im Sommer 2023 mit dem Slogan „Stimme der Mehrheit“ und mit Ex-Springer-Journalisten etabliert (Julian Reichelt, Ralf Schuler, Julius Böhm, Gunnar Schupelius). Lösung zwei: Apollo News, schon seit 2018 online und mit einer Recherche zur Berlin-Wahl 2021 erstmals richtig sichtbar, aber dann ab 2024 über eine gut ausgestattete Redaktion und Videoformate zu einem Anker für Suchende ausgebaut. Beide Angebote werden von Teilen des Establishments bekämpft, aber beide bedienen zugleich viele Facetten der Staatsräson (Israel, Ukraine, USA, Parteienstaat).

Das führt zu Lösung Nummer drei: Ungeskriptet von Benjamin Berndt, ein Podcast, der am 8. Mai 2022 mit einem Kampfsportler startet (Jonas Billstein, bis August 2023 insgesamt vier Auftritte) und fortan mindestens einmal pro Woche sendet, aber in den ersten zweieinhalb Jahren bis auf drei Ausnahmen (Gerd Ganteför, Nina Maleika, Marc Friedrich) keine Gäste hat, die mit Kritik an den herrschenden Erzählungen aufgefallen sind. Das ändert sich, nachdem die Bundestagswahlen Anfang November 2024 vorgezogen werden. Noch vor Silvester sind die Influencer und Journalisten Tahir Chaudhry, Jasmin Kosubek und Florian Homm bei Ben Berndt, und in den letzten Wochen vor der Abstimmung am 23. Februar 2025 geben sich bei ihm Spitzenpolitiker nahezu aller größeren Parteien die Klinke in die Hand: Maximilian Krah, Gregor Gysi und Julia Klöckner, Sylvia Pantel (Werteunion, bis 2021 für die CDU im Bundestag), Frauke Petry, Sahra Wagenknecht und Christian Lindner. Nur die SPD fehlt (bis heute) in dieser Reihe. Auch wenn Klöckner hier nicht einmal 100.000 Menschen sehen wollten und Christian Lindner auch nur knapp eine Viertelmillion: Fortan ist ein Ort etabliert, der von den Staatsmedien schlecht in die Schmuddelecke geschoben werden und ab einer gewissen Zuschauerzahl auch nicht mehr ignoriert werden kann – in der Folgezeit ausgebaut durch Auftritte von Journalismusgrößen wie Kai Diekmann, Ulf Poschardt, Paul Ronzheimer, Melanie Amann, Harald Martenstein, Julia Ruhs (allesamt eher konservativ) und Holger Friedrich sowie von Politikern aus dem grün-linken Lager (Ricarda Lang, Jan van Aken).

Was heißt das alles? Erstens: Mit Ungeskriptet gibt es neuerdings ein Scharnier, das Staats- und Milieumedien verbindet und dabei beweglich genug ist, um Themen und Personen zu spielen, die auf der einen Seite (in den großen Redaktionen) an Ideologie und „Vorgeschichte“ scheitern würden, der anderen Seite allein durch die große Reichweite neues Selbstbewusstsein geben und so die Verkrustungen von Öffentlichkeit und Politik aufbrechen könnten (Stichwort: Brandmauer). Zweitens: Ben Berndts Podcast hat zwar nichts mit der Gegenöffentlichkeit zu tun, die seit den frühen 2000er Jahren entstanden ist, und nach eigener Aussage auch nichts mit Journalismus, zahlt aber trotzdem auf das Konto der neuen Medien ein. Hier sind die Sprecher gewachsen, die jetzt ein Millionenpublikum erreichen, und hier ist vor allem eine kritische Masse entstanden, die den Digitalkonzernstaat zum Handeln gezwungen hat oder zum Nichthandeln (keine Einschränkungen der Sichtbarkeit, keine Schmutzkampagne sowie Restriktionen, die eher einen Werbeeffekt hatten). Drittens ergibt sich daraus eine Forschungsfrage: Ist Ungeskriptet Nebenprodukt von Entwicklungen, die genau nach so einer Plattform gerufen haben, oder wurde der Podcast gezielt aufgebaut oder wenigstens entsprechend instrumentalisiert? Für die letzte These sprechen die Geschichte und der Umschwung zum Jahreswechsel 2024/25, die Gästeliste sowie die Links zu den Medienkonzernen Axel Springer und Funke. Mehr hoffentlich demnächst in diesem Theater.

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Bildquellen: Benjamin Berndt im Gespräch mit Marco Scheel (Screenshot)