Vor und nach Wahlen wird uns Wählern gerne erklärt, warum wir was gewählt haben. Meine Lieblingserklärung ist das Wort „abgehängt“: Da seien Menschen vom Fortschritt und der Geschwindigkeit des Wandels überwältigt worden und wegen dieser Überforderung wählen sie jetzt falsch. Das soll sich verständnisvoll und entschuldigend anhören und wird nicht selten mit der Empfehlung kombiniert, dass man die Menschen abholen und mitnehmen müsse. Dass in einer Demokratie das fortschrittlich ist, was die Wähler für fortschrittlich halten, ist hier offenbar noch nicht angekommen. Ebenso wenig, dass die Mitte nicht da ist, wo Politologen oder Soziologen (oder meine persönlichen Sympathien) sie verorten, sondern einfach da, wo die meisten Wähler sind.
Als notorisch abgehängt gelten die Ostdeutschen. Sie seien immer noch nicht in der Demokratie angekommen und erst recht gehe ihnen der ganze Wandel zu schnell. Lassen wir mal beiseite, dass nach Artikel 20 Grundgesetz die Menschen bestimmen, was das richtige Ziel und was das richtige Tempo des Wandels ist. Fragen wir ganz einfach: Stimmt die Behauptung überhaupt? Seit vielen Jahren rede ich mit Menschen in Ostdeutschland, zuletzt wieder intensiv in biografischen Interviews für ein Forschungsprojekt zu Wandel und Biografie.
In der Literatur gilt der „Heizer auf der Elektrolok“ als Symbol dafür, eine Veränderung zu verschlafen und dann als sinnloses Fossil mitgeschleppt zu werden. Wir haben das wörtlich genommen und für unser Forschungsprojekt gezielt mit ostdeutschen Lokführern und Heizern gesprochen, die nicht nur den Wandel von Dampf- zu Diesel- und Elektro-Traktion, sondern auch noch die Integration der Deutschen Reichsbahn in die Bundesbahn erlebt haben. Beide Entwicklungen haben die ostdeutschen Eisenbahner mit bewundernswerter Veränderungsfähigkeit bewältigt. Vergleichbare Geschichten wurden uns von der Auflösung der Akademie der Wissenschaften der DDR berichtet. Bianca Kellner-Zotz und Michael Meyen haben ähnliche biografische Forschungen für Medienschaffende der DDR durchgeführt. Obwohl dieser Personenkreis stärker als Dampflokheizer mit dem System verbunden war, überrascht, wie unternehmerisch die Betroffenen den Wegfall des Systems meisterten und neue Chancen nutzten.
In vielen Unterredungen hat mich die positive Grundeinstellung der ostdeutschen Gesprächspartner zu den diversen Veränderungen in ihrem Leben beeindruckt. Meine Erklärung: In der DDR gab es noch länger als im Westen eine solide und breite Ausbildung in Schule und Beruf. Die Leute konnten einfach was. Dieses „altmodische“ Bildungskonzept erleichterte ihnen, mit dem technischen Fortschritt und den beruflichen Veränderungen zurechtzukommen.
Bild: Wandzeitung, Volksschule Dresden, 1975 (Christof Sonderegger, CC BY-SA 4.0)
Bei Daimler-Benz haben wir das sofort nach der Wende gespürt und wie andere Unternehmen haben wir sehr gerne Ingenieure und andere Fachkräfte aus den neuen Bundesländern eingestellt. Natürlich war der Einschnitt der Wende nicht für jeden zu jedem Zeitpunkt lustig – ich habe in den Nuller-Jahren aus nächster Nähe gesehen, was die Arbeitslosigkeit auf dem Lande bedeutete. Aber insgesamt war ich bei unserer Analyse überrascht, wie wenige am Ende in der dauerhaften und unumkehrbaren Perspektivlosigkeit strandeten. Im Prinzip nicht mehr als bei industriellen Strukturveränderungen im Westen.
Interessant fand ich auch, wie locker die DDR-Fachkräfte mit den Partei- und Stasi-Strukturen in den Betrieben umgingen. Diese nervten zwar bisweilen und spielten auf Nebenschauplätzen ihre Macht aus, aber eigentlich hatten die Arbeiter vor diesen Strukturen wenig Angst und noch weniger Respekt, da jeder wusste, dass sie zur Wertschöpfung und zur Lösung realer Probleme nichts beitrugen. Muss man Arbeitern mit DDR-Erfahrung verdenken, dass sie im heutigen Beauftragten-Unwesen ähnlich parasitäre Strukturen wiedererkennen – und genauso wenig Lust darauf haben wie damals? Auch bei den Medienschaffenden der DDR kam der innere Bruch offenbar nicht 1990, sondern erst nach 2015 – und zwar nicht deshalb, weil es ihnen plötzlich zu modern und freiheitlich zuging, sondern deshalb, weil sie vieles in den Redaktionen plötzlich zu sehr an die DDR erinnerte.
Niemand von uns hat sich ausgesucht, in welches Land, in welche Gesellschaftsschicht und in welche Zeit wir hineingeboren werden. Wir alle müssen mit dem zurechtkommen, was wir vorfinden, und werden es in gewisser Weise normal finden. Wir begegnen Menschen und erleben mit ihnen Dinge, die uns prägen und in Erinnerung bleiben. Diese Nostalgie hat jeder und sollte sie auch genießen, egal ob er in München, in Recklinghausen oder Rathenow, in West oder in Ost aufgewachsen ist. Aber ein strukturell ostdeutsches Abgehängtsein habe ich in all den Jahren nicht gesehen. Es wäre auch seltsam, wenn die Ostdeutschen 36 Jahre, nachdem sie selbst den Wandel in Gang gesetzt haben, plötzlich zu Ewiggestrigen und Veränderungsresistenten geworden wären.
Mehr und mehr stelle ich mir vielmehr die Frage, wer hier eigentlich abgehängt ist. Ein erstaunliches Phänomen ist für mich etwa die Entwicklung der SPD und vor allem ihr Umgang damit. Über Jahrzehnte erhielt diese Partei in Bund wie in Ländern um die 40 Prozent der Stimmen. In den letzten 20 Jahren hat sie drei Viertel ihrer Wähler verloren, vor allem diejenigen, als deren Anwalt sie sich verstand. In Baden-Württemberg war sie froh, über die Fünfprozenthürde zu kommen. Mehr abgehängt als die SPD kann man wohl kaum noch sein. Ich stelle mir vor, ein Unternehmen hätte drei Viertel der Kunden verloren und die Unternehmensleitung redete sich weiter ein, bei ihr selbst sei alles in Ordnung, nur die Konkurrenten und die Kunden seien das Problem.
Bild: SPD-Parteitag 2019 (Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0 DE)
Wenn man in Politik, Unternehmen oder sonstigen Organisationen eine höhere Führungsfunktion innehat, dann droht das bekannte „Lonely at the top“: Die Anzahl der Leute, die einem nach dem Mund reden, nimmt zu. Das ehrliche Feedback und der ehrliche Widerspruch nehmen ab. Gegen dieses „natürliche“ Abgehängtwerden muss man bewusst und systematisch angehen. Das ist nicht leicht und wird nicht immer gelingen. Deprimierend finde ich jedoch, wenn man es nicht nur nicht versucht, sondern im Gegenteil systematisch die eigene Abkopplung betreibt. Dies konnte man bei der SPD beobachten. Es gilt aber auch für die Medien- und Kulturlandschaft: Seit Jahren gibt es eine intensive Diskussion über die Einförmigkeit, die Schlagseite und Realitätsferne der Medien, insbesondere des ÖRR. Manche Vorfälle wie kürzlich der KI-Fake beim ZDF enthalten zudem einen gehörigen Schuss krimineller Energie. Aber all die Diskussionen darüber haben offenbar keine Wirkung. Innerhalb der Szene bestätigt man sich weiter selbst, auf der richtigen Seite zu stehen, weiß genau, wo der Feind sitzt und was er im Schilde führt und dass alle Vorwürfe sowieso nur Narrative der Rechten sind – und macht einfach weiter. Die Führungsschicht eines Landes, die sich so abgehängt hat, macht mir Angst.
Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen „Oben & Unten“ sind Ende 2025 als Buch erschienen.
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