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Welt-Tresen: Kleingarten | 20.01.2026
Wirklich wirklich
Heute liegt Hans der Kleingärtner in der Badewanne. Er denkt auch über die freie Medienakademie nach und über die Objekte im Badezimmer.
Text: Hans der Kleingärtner
 
 

Das Badewasser ist mehr als sonst und schön warm. Der Auftrieb verschafft sowas wie Entspannung oder Erleichterung. Für die vom ganzjährigen Gärtnern müden Knochen. Meine Mutter hatte beschworen, als ich Schwimmenlernen sollte, dass man im Tiefen besser schwimmt. „Im Tiefen schwimmt man besser.“ Wegen des Auftriebs. Ich glaubte ihr nicht. Damals aus Ängstlichkeit, heute im Wissen um Wirklichkeit. In einer Flüssigkeit ist der Auftrieb eines darin schwebenden Körpers wirklich unabhängig von der Wassertiefe. So liege ich in der Wanne wie anno dazumal Archimedes von Syrakus, der sich sein Problem mit der Krone vornahm, ob die denn wirklich aus purem Gold sei. Und ich denke nach, was pure Realität sei.

Bildbeschreibung Bild: Medienkritik. An der Badezimmerdecke schaukelt ein Würfel. Aus halbierten CDs. Reale Medienkritik von mir.

Sagt man Wirklichkeit oder Realität oder tatsächlich? Bei meinen Großeltern vergewisserte man sich mit der Nachfrage „Ist das amtlich?" Was bei meiner Mutter nicht wirklich war, nannte sie unwissenschaftlich. Wissenschaft war ihr die Wirklichkeit der Wirklichkeit. Man kann auch sagen: „Im Ernst?“ Zum Beispiel: „Die Erde ist eine Scheibe, im Ernst?“ Oder: „Der Souverän hat gewählt, echt jetzt?“ Oder das Handydaddeln aller und immer. Es gibt keine Wirklichkeit, es sei denn auf dem Handy. Man tut jedenfalls so. Aber ich nehme das Handy nicht mit in die Wanne. Ich lasse es aus.

Traum ist so eine Art Gegenteil von Wirklichkeit. Traum wäre Schein, gegenüber realem Sein. ABER: Schlafend träumend halte ich das Geträumte für wirklich, real, tatsächlich seiend. Wenn ich das unmittelbare Erleben von Wirklich-Sein im Traum nicht mehr glaube, ist der Traum vorbei. Aus der Traum. Man kann um Wirkliches wirklich nicht wissen, solange der Traum anhält.

Die Wirklichkeit von Demokratie, Virus, Meinungsfreiheit, Zeitenwende und Endsieg hält an, bis der Traum zu Ende ist. Wie schwer ist es, sich mit Realitätssinn an sowas wie Legende, Narrativ, Irrtum, Verdrehung, Schwindelei, abgekartetes Spiel und Politik gedanklich heranzumachen. Wo kann man da hingeraten. Was kann ich wissen? (Frage nach Immanuel Kant)

Was tun, um sich der Realität oder der Wirklichkeit anzunähern? Ich sage: jeden Stein umdrehen. Nachdenken, Abstandhalten, Entdecken, Alternativen für möglich halten, Schwurbeln, Verharmlosen, Geschichte auf den Punkt bringen, Leugnen, Geheimnisse lüften, Delegitimieren und (wer es kann) Querdenken – alles denkbar. Ein Leugner benimmt sich unmöglich. „Ist das die Möglichkeit?“ Verweigern und schauen, was passiert. Es ist wie seit Adam und Eva: Der Baum der Erkenntnis mit dieser verbotenen Frucht. Und noch mehr Schmackes kommt in die Erkenntnistheorie, wenn ich mir das Bilderverbot zu Herzen nehme: Du sollst dir kein Bildnis machen. Kein Bild von garnix. Insbesondere nicht mit KI. Mose-Gebot 2.

Tausend Jahre galt Gottes Wort aus der Bibel in unseren Breiten als unumstößlich wirklich. Seit Gründung der BRD ist das Grundgesetz verabredete Wirklichkeit der Demokratie. Und alles Behaupten strampelt sich ab, die Tatsachen im Land mit dem Grundgesetz in Einklang sehen zu wollen. Der Spagat zwischen Vorgeblichem und Wirklichem ist anstrengend. Jeder sagt „Aufklärung“. Lächerlich. Und den Leitspruch der Aufklärung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, wie kann ich den einlösen.

In welches Verhältnis zur Wirklichkeit will sich nun eine Freie Medienakademie bringen? Unbehaglich ist ihr. Sie hat ein Problem mit der landläufigen Wirklichkeit. Mit der mediengemachten Realität. Die freie Medienakademie hält dagegen. Sie hält „die Aufklärung und Machtkontrolle für den Kern des Journalismus“ hoch.

Gelernt ist gelernt

Ich sinne über Aufklärung nach. Als junger Mensch wurde ich über die Wirklichkeit aufgeklärt, wobei das Sein das Bewusstsein bestimme. Die materiellen Verhältnisse würden den geistigen und sonstigen Überbau hervorbringen. Meine Vorbeter in Philosophie wollten nicht zugeben müssen, dass sie von Gott und allen guten Geistern verlassen sind. Deshalb ergänzten sie ihren Materialismus mit dem Glauben an die Wirkmacht ihrer Ideen:

Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.

Die Wirkmacht ihrer gedachten materiellen Verhältnisse ergänzten meine Vorbeter mit der Illusion von ihrer epochemachenden Revolution, die sie nach oben heben würde. Gewiss, weil ihre Partei immer rechthabe, auch wenn sie nicht recht hat. Ihr Marxismus sei allmächtig, weil er wahr sei. Die gedachte Realität meiner Vorbeter war der Wirklichkeit enthoben. Es war eine gekrampfte Auffassung von Wirklichkeit.

Mittel, den Krampf noch krampfhafter zu machen, war meinen Vorbetern das, was sie Kritik nannten. Die teuren Genossen fassten die Wirklichkeit als etwas auf, was ohne revolutionäre Kritik keine Daseinsberechtigung hatte. Der Bonmot lautete dahingehend so:

Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt.

Meine zuerst gelernte Sicht auf Realität war demnach eine blutrünstige. Sie konnte nicht radikal genug sein.

Warmes Badewasser nachfüllen.

Bildbeschreibung Bild: Druckstock. Detail aus einem Objekt von M.S. Wirklichkeit muss andersrum gesehen werden.

Was ich als junger Mensch ganz und gar nicht denken sollte, war: Cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich. Ich solle mir keine Schwachheiten einbilden. Als Kleingärtner leiste ich mir das nun aber alle Tage. Cogito ergo sum ist das Fanal, jegliche Voraussetzung meines Denkens zu dekonstruieren. Mich zu fragen: Ist eine Aussage überhaupt prüfbar? Damit fängt es an. Welche Voraussetzungen hat meine Sicht auf Realität? Was kann ich wissen? Was hoffen? Ich dürfte zumindest wissen, dass ich nichts weiß. Und bei der Guérot heißt das jetzt: „Ist das so?“

Tagesschau zum Beispiel. Was hat die Tagesschau bei der Impfkampagne zu meiner Wirklichkeit beigetragen? Ich verstand die Worte als Drohung und sah stets nur gebannt, wie eine Spritze leichterdings in einen Arm gestoßen und ausgedrückt wurde. Mitfühlend wand ich mich wie angestochen im Sessel. Jeden Abend. Die Realität im Lande war, dass die Bevölkerung vom Abspritzen gar nicht genug bekommen konnte. Die Theorie war zur materiellen Gewalt geworden, weil sie die Massen ergriff.

Heute wird in der Tagesschau das Wort Drohne mit einem zerstörten Kindergarten in der Selenskij-Ukraine kombiniert. Ich winde mich wie angestochen im Sessel. Die Kritik der Waffen am „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands“ wird zu meinem / unserem Alltag.

Die Theorie [des Kriegserfordernisses, HdK] ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. (MEW 1: 385)

Medien erzeugen demnach Realität? Oder ist es Wirklichkeit? Oder sind es Tatsachen? Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nachhause tragen. Medien sind amtlich. Das Amt ist medial. Das ist Zweck der Übung. Spätestens seit Gutenbergs beweglichen Lettern. Die Macht der Medien schafft meine Realität. Was soll da aufgeklärte Medienwissenschaft anderes sagen. Was tun, um zu einem Journalismus zu gelangen, der die Aufklärung und Machtkontrolle für den Kern des Journalismus hält?

Also Aufklärung und Machtkontrolle. Aufklärung UND Machtkontrolle … ODER … oder … ALS … oder Machtkontrolle STATT Aufklärung? Keine Ahnung. Kenne ich Journalismus, der Aufklärung und Machtkontrolle bedeutete? Nicht wirklich.

Wie ist die Frage nach der Wirklichkeit eigentlich beschaffen? Lautet sie nicht so: „Wann ist die Welt für dich in Ordnung?“ Nehmen wir ein Beispiel: mein Garten. Mein Garten ist was Reelles. Und was ist dazu der neue Grundsteuerbescheid? Einerseits liegt mein Garten einfach nur so da. Andererseits ist er nicht mehr und nicht weniger als der hochgetriebene Bodenrichtwert. Mein Garten ist für mich in Ordnung, wenn niemand darüber meckert. Oder ich. Ich bin auch in Ordnung, wenn niemand über mich meckert. Oder der Staat hier. Bei dem denke ich, das kann doch nicht wahr sein, das ist doch nicht die Möglichkeit. Welch unnötige Belastung, denke ich. Wann gebietet das Land, an dem sich der Staat zu schaffen macht, dem Unfug Einhalt. Wie wirkt denn Wirklichkeit? Worauf wartet das Land?

Bildbeschreibung Bild: Objekt in einer CD-Hülle. Zähne zeigen. Bei dem Volksentscheid in Berlin unterlagen die Machthaber mit ihrem (un-)heimlichen Getue. Scheinbar. Direkt scheindemokratisch.

Die Wanne läuft voll. Ich schwebe ja fast. Uteraler Schwebezustand. Meine Mutter hatte aber Unfug geredet mit, „im Tiefen schwimmt man besser.“ Mein ganzes Leben bestand darin, im Gemenge von Realität und Illusion zu schweben.

Wasser ablassen, damit die Wanne nicht überläuft. Sonst Wasserschaden. Wirklich.

Wie will ich heute denken?

Wozu brauche ich Medien, wenn eigentlich eine Realität auf mich wartet. Zur Unterhaltung. Zur Ablenkung. Was wird mir denn vermittelt durch Medien? Was soll ich mich Verharmloser oder Leugner schimpfen lassen, wenn Tatsachen gar nicht mehr klarzustellen gehen. Das ist wie in der Zone. Heute heiße ich Schwurbler, Nazi. Damals hieß ich subjektiver Idealist und Sozialdemokrat. Gleich böse. Pazifist hieß ich damals, Pazifist heiße ich heute, wenn man mir was Übles nachsagen will.

Cogito ergo sum. Erkenne dich selbst, rate ich orakelnd mir und anderen. Etwas harmloser ausgedrückt heißt das: Komm zu dir. Und so liege ich wie mein Freund im Geiste, Archimedes, in Gedanken versunken im Wasser der Wanne. Lege alles Wort auf die Goldwaage. Was Aufklärung? Aufgeklärtheit ist allenfalls die Aufgeklärtheit eines Herrschers. Aufklärung ist nicht die Aufklärung anderer. Erkenne dich selbst. Was Machtkontrolle? Die Mächtigen kontrollieren die philosophischen Köpfe, und die philosophischen Köpfe kontrollieren die Macht? Nicht wirklich. Die Mächtigen können nicht mit den Intellektuellen und nicht ohne sie. Vice versa. The rest is silence. Denke und bin ich. In der Wanne. Woran erkennt man eine gefälschte Krone, ist das Problem des badend Nachdenkenden aller Zeiten. Das gelingt mir jetzt nicht. Ich versuche stattdessen, mir eine Anti-Kriegs-Losung abzuschwitzen. Wie wäre es damit:

Stell dir vor, es ist Krieg – aber du bist nicht tüchtig.

Ach nö. Wird nix. Das Wasser wird kalt. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Denke ich schließlich, springe aus der Wanne und rufe Heureka. Der Stand des Badewassers sinkt gemäß meiner gehabten körperlichen Verdrängung.

Hans der Kleingärtner grübelt wegen Wirklichkeit. Im Argumentieren. Bei denen und bei uns. Wissend, dass er nichts weiß.

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