Sind wir wirklich den gesellschaftlichen Verhältnissen ohnmächtig ausgeliefert und können nichts ändern? Inspiriert von der Milei-Konferenz im Frühjahr 2026 in der Nähe von Leipzig hatte jemand die Idee, unter ganz normalen Menschen über Vorschläge für eine gute Zukunft zu sprechen. Auf der Milei-Konferenz war ein Spektrum libertärer Impulse vorgestellt worden. Andere Gesellschaftsbilder führen zu anderen Zukunftsvorstellungen. Sich darüber auszutauschen, liegt sozusagen in der Luft angesichts des um uns herum erlebten Umbruchs und Niedergangs von Werten und Konventionen. Der Initiator hatte die Auflösung gesellschaftlicher Strukturen nach dem Ende der DDR erlebt. Die schnelle Übertölpelung der Runden Tische und der anderen Ideenschmieden, die im Jahr 1990 an Konzepten für neue gesellschaftliche Strukturen arbeiteten, beeinflusst sein Leben bis heute. Ein neuer gesellschaftlicher Zusammenbruch oder zumindest ein tiefgreifender Wandel ist absehbar. Um diesmal besser darauf vorbereitet zu sein und sich das Heft des Handelns nicht wieder so schnell aus der Hand nehmen zu lassen, müssen die Menschen klare Vorstellungen haben, wie sie sich ihr Leben in Zukunft vorstellen.
Bild: Runder Tisch 1990 in Berlin mit Ingrid Köppe vom Neuen Forum (Bundesarchiv, Bild 183-1990-0115-018/Mittelstädt, Rainer/CC-BY-SA 3.0)
Mit der praktischen Umsetzung mancher Ideen kann man heute schon beginnen. Viele wünschen sich das, wissen aber nicht, wie sie es bewerkstelligen können. In einem Telefonat zwischen dem Initiator und der späteren Moderatorin des Abends entstand der Plan für ein Treffen: Menschen einladen, die Zukunftsideen präsentieren wollen, und interessierte Zuhörer. Termin und Ort wurden in mehreren Telegram-Gruppen bekannt gegeben. Ein kleiner Kreis von elf Menschen kam schließlich an einem Septemberabend in Leipzig zusammen. Einige kannten sich aus der P(l)andemie-Zeit, aber nicht alle. Fünf Teilnehmer stellten ihre Ideen für ein besseres Leben vor. Thematisch offen entstand ein buntes Sammelsurium. Jeder Vortrag war auf zehn Minuten beschränkt. Daher konnten die einzelnen Vorschläge nur sehr grob und in unterschiedlicher Detailtiefe präsentiert werden.
Die Moderatorin schlug ein besonderes Konzept vor: Alle Zuhörer waren nur zum Zuhören und Verstehen angehalten. Nach dem Vortrag konnten für weitere zehn Minuten Fragen gestellt werden. Wertungen waren verboten. Diese strikte Vorgabe resultierte aus ihrer Beobachtung, dass Menschen nicht zuhören, um zu verstehen, sondern um zu antworten. Jeder lege sich schon seine Antwort parat, solange der andere spricht. Das halte ihn jedoch weitgehend vom Bemühen um Verständnis ab. Gerade bei Gesprächen über unterschiedliche Lebensperspektiven würden zuerst Bedenken jeglicher Form geäußert. Dadurch könne der Grundgedanke des Vorschlags schnell untergehen, ohne dass er überhaupt verstanden wird. Wir erlebten dann tatsächlich eine wesentlich offenere und wertschätzendere Diskussion, als die Moderatorin wertende Antworten sofort unterdrückte.
Der erste Vortrag widmete sich der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dem als Zwangsabgabe empfundenen Rundfunkbeitrag. Ziel des Vorschlags ist ein freiwilliger Beitrag, mit dem ein grundgesetzkonformes Medienhaus finanziert wird. Dahinter steht die schon vor Jahren vorgestellte öffentlich-rechtliche Medienplattform. Auf dieser Plattform soll jeder Bürger im Sinne des Artikels 5 (1) Grundgesetz („Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“) selbst Beiträge veröffentlichen können. Daneben sollen öffentlich-rechtliche und private Medien, Zeitungen, Organisationen, Vereine und Parteien vertreten sein. Die Bürger sollen nach eigenen Interessen auszuwählen, was sie sehen, hören oder lesen möchten, selbst eigene Beiträge oder Abspiellisten veröffentlichen, in der Medienlandschaft aktiv werden und sicher kommunizieren – auch mit Behörden und Organisationen oder Vereinen. Über den Zugang zur Plattform soll auch der persönliche E-Mail-Account erreicht werden. Ein Lexikon (ähnlich Wikipedia) soll durch die Nutzer entstehen.
Das Angebot der Plattform soll für die Bürger so lukrativ werden, dass sie freiwillig dorthin wechseln und einen gewissen Beitrag dafür zahlen. Der Weg vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur öffentlich-rechtlichen Medienplattform soll über die Wahl von Intendanten der jeweiligen Medienhäuser laufen, die Kraft und Mut für den Umbau ihrer Anstalten aufbringen würden. Im Mittelpunkt stehen Transparenz und die Schaffung von Zugängen für alle zur Medienproduktion. Als Beispiel für seine Idee verwies der Redner auf Youtube, wo im Prinzip jeder Beiträge veröffentlichen könne und eine Bewertung durch die Zuschauer möglich ist. Warum er denn nicht gleich Youtube als seine Medienplattform nutzen möchte, fragte eine Zuhörerin. Der Referent verwies auf die privaten Richtlinien bei Youtube. Sie ermöglichen zum Beispiel willkürliche Löschungen oder andere Sanktionen. Die Medienplattform solle jedoch nicht von privaten Interessen, sondern nur vom Grundgesetz reguliert werden. Viele weitere Fragen konnten aufgrund des strengen Zeit-Regimes nicht beantwortet werden. Klar wurde: Das Thema bewegt die Gemüter.
Der nächste Referent stellte die Idee eines Freundes vor. Dieser hatte vor 25 Jahren den Verein „Mehr wissen – besser leben“ gegründet, der die „Kent-Depesche“ herausgibt. Die Depesche erscheint aller 14 Tage und wirbt damit, dass man darin lesen könne, was sonst nicht in der Zeitung steht. Themen kommen vor allem aus den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Selbstversorgung und „Aussteigen“. Seinen Fokus legte der Referent auf die Lebensinseln. Das sind alternative und ökologische Gemeinschaften, die so weit wie möglich autark zusammenleben. Es gibt sie überall auf der Welt. Inzwischen sind sie auch untereinander vernetzt. Er würde sich eine solche Gemeinschaft auch in seiner Region wünschen, sagte der Referent. Allerdings lebt er in einer Großstadt. Nach seiner Erfahrung besteht großes Interesse für alternative ökologische Gemeinschaften. Zur konkreten Umsetzung kommt es aber nur selten – denn der Plan ist sehr ambitioniert und erfordert selbstbestimmte Menschen.
Auch für die Zuhörer des Abends ist die Umsetzung dieser schönen Idee weit weg von ihrem Lebensalltag. Einzige Ausnahme: Ein Mann, der ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt für sich und seine Frau sowie seine Tochter mit Mann und Kindern auf dem Lande aufgebaut hat. Dazu ist er aus der Stadtwohnung in ein kleines, etwa 50 Kilometer entferntes Dorf gezogen, wo er ein saniertes altes Haus mit großem Grundstück gekauft hat. Die ganze Familie ist glücklich damit und bedauert höchstens, den Schritt nicht eher getan zu haben. Allerdings muss man dafür bereit sein, sein gesamtes Leben zu ändern – und über die erforderlichen finanziellen Mittel verfügen.
Die allgemeine Politikverdrossenheit sollte mit dem nächsten Vorschlag geheilt werden. Der Weg dazu wäre der Umbau der Lobby-gesteuerten Politik zur Vertretung der Interessen aller. Politik sollte eigentlich ein Service für die Gesellschaft sein. Politiker bräuchten eine entsprechende Ausbildung. Ihre Arbeit müsse eine Mediation für die Gesellschaft sein, die von Perspektivenvielfalt und Integration geleitet ist.
Statt einer Fragerunde wurde bei diesem Thema ein Meinungsbild zu dem Vorschlag eingeholt. Die Zuhörer ergänzten die Idee mit weiteren Prinzipien. Denn es reiche nicht aus, dass sich die Politiker ändern. Es müsse auch die Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens geändert werden. Genannt wurde das Prinzip der Soziokratie als eine Form der Selbstorganisation bei Mitverantwortung aller für das Ganze sowie für das Individuum. Mittels Subsidiarität sollen die Entscheidungsebenen so niedrig wie möglich angelegt werden, was auch wieder die Mitsprache fördert. Schließlich wurde noch der Libertarismus angesprochen, der im nächsten Vortrag an einem Beispiel vorgestellt wurde.
Prospéra ist eine Sonderentwicklungszone auf einer zu Honduras gehörenden Insel. Daraus soll ein privat verwalteter Stadtstaat mit eigenen Gesetzen werden. Bewohner müssen einen Vertrag mit dem privaten Unternehmen abschließen, das Betreiber der Stadt ist. Die Stadt wird wie ein privates Unternehmen geführt. Das Gesellschaftssystem dahinter ist der Libertarismus.
Der Referent leitete in seiner Präsentation von der derzeitigen durchschnittlichen Steuerlast deutscher Bürger von 38,70 Euro pro Person und Tag beziehungsweise 28.000 Euro pro Haushalt und Jahr über zum libertären Stadtstaat Prospéra, wo man lediglich einen Jahresbeitrag von 1.500 Euro für die Gewährleistung der Sicherheit zu zahlen hätte. Dieser geringe Jahresbeitrag gewähre maximale Freiheit bei hoher Selbstorganisation. Als historisches Beispiel für ein funktionierendes libertäres System wurde die Hanse genannt. Der norddeutsche Städtebund vertrat die Interessen der Kaufleute. Der vom Mittelalter über mehrere Jahrhunderte bestehende lose Staatenbund deutscher Kleinstaaten wurde als Alternative zum herrschenden Globalismus genannt. Durch die Konkurrenz der Angebote könne sich der Bürger seinen Lebensmittelpunkt wählen. Der Referent nannte als Voraussetzung für die Entstehung solcher neuen Formen des Zusammenlebens den seiner Meinung nach kommenden Staatsbankrott.
Die Moderatorin stellte ihren Ansatz der friedlichen und wertschätzenden Kommunikation als ihren Beitrag für ein besseres Zusammenleben vor. Denn Menschen müssten wieder lernen, miteinander auch kontroverse Meinungen auszutauschen. Die Gesellschaft ist in viele kleine Segmente („Bubbles“) gespalten. Darin fühlt man sich wohl, solange alle einer Meinung sind. Abweichungen werden schnell mit Ausschluss geahndet. Auf diese Weise ist jedoch keine Weiterentwicklung möglich. Neue Ideen brauchen die Reibung in der Diskussion. Gleichzeitig werden Empathie und Präsenz in der einfühlsamen Begegnung der Menschen miteinander benötigt. Friedlicher Umgang mit den Mitmenschen ist der erste Schritt und die Basis für den Frieden in der Welt.
Nur die wenigsten von uns haben konkrete Vorstellungen von einer besseren Welt, die sie in zehn Minuten präsentieren können. Würde man fragen, was den Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft missfällt, könnte jeder länger lamentieren. Das hat seinen Grund sicher auch in den täglichen Nachrichten über alle möglichen Katastrophen, Probleme und Auseinandersetzungen. Was wir immer wieder hören, können wir auch einfacher wiedergeben. Es ist sehr schwer, einem Vorschlag nicht sofort mit allen möglichen Bedenken entgegenzutreten. Eine Moderation des Gedankenaustauschs ist dafür unbedingt erforderlich.
Alle Ideen konnten nur kurz angerissen werden, aber die Teilnehmer gingen mit neuen Perspektiven nach Hause. Jeder kann sich mit den einzelnen Vorschlägen tiefer befassen. Die beiden Initiatoren wollen das Format wiederholen und an anderen Orten anbieten, denn wahrscheinlich gibt es auf dem Land ganz andere Vorstellungen als in der Stadt. In einer nächsten Runden könnten auch einzelne Themen vertieft werden – über Prospéra oder die öffentlich-rechtliche Medienplattform könnte man sicher einen ganzen Abend diskutieren.
Beate Strehlitz und Dieter Korbely waren in der DDR-Bürgerbewegung aktiv und haben mehrere Kurse an der Freien Akademie für Medien & Journalismus besucht. Beate Strehlitz ist promovierte Ingenieurin und hat in einem Biotechnologie-Institut geforscht. Dieter Korbely, ebenfalls Ingenieur, hat in der Industrie gearbeitet.
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