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Meyen am Tresen | 23.02.2026
Wenn die Waffen sprechen
Wie sieht Krieg aus, wenn ihn eine Granate beschreibt? Das Buch von Martin Beck und Thorsten Bohnenberger ist ein starkes Plädoyer für Frieden.
Text: Antje Meyen
 
 

In diesem Buch gibt es keine Helden. Die meisten Protagonisten leben nur wenige Seiten lang. Die Shturm-Luft-Boden-Rakete und die Anti-Schiffs-Rakete Oniks zum Beispiel. Wir lernen sie bis ins letzte Detail kennen. Länge, Reichweite, Gewicht, Sprengladung. Sie freuen sich auf ihren Einsatz, beschreiben, was ihre Mission ist. Den Abrams-Panzer samt seiner Besatzung vernichten, die Munitionslagerhalle nebst zivilen Arbeitern und Technikern in ein flammendes Inferno verwandeln.

Mit einem gewaltigen Krachen durchdringe ich die Betonmauern und explodiere mit einer Wucht von 500 kg TNT, die das gesamte Lager zerreißt … Unter den Opfern: Olexandr Petrov … Er spürte nur kurz, wie die Schockwelle seine Rippen bricht, wie seine Innereien in Stücke zerrissen werden. Ein solcher Schmerz ist unvorstellbar. Und blieb auch dem Gehirn Olexandrs erspart. Von seinem Tod weiß er nichts.

Die Handlung führt nicht langsam heran an die Brutalität des Kriegs, an die reine physische Gewalt als Endstufe eines Konflikts. Keine Drohungen, kein Vorspiel oder Aufmarsch. Wir sind sofort mittendrin im Morden und Sterben, manchmal stockt der Atem beim Lesen.

Mit der Mission endet der Auftritt von Oniks & Co. Die ersten Kapitel folgen diesem Muster: Eine Waffe erklärt, wer sie ist, was sie kann und wie ihr Auftrag lautet. Sie schildert, wie sie ihn erfüllt. Menschen spielen Nebenrollen, als Bediener und Opfer. Aber alle haben Namen, manche sogar eine kleine Geschichte. Das nüchterne Beschreiben ihres Todes ist dann umso schwerer zu ertragen.

Martin Beck und Thorsten Bohnenberger schildern Waffen und ihre Wirkung. „Es wird sicherlich etwas ungewöhnlich sein“, schreiben sie im Klappentext, „wenn Munition die Menschen, die sie trifft, mit Namen kennt. Wenn sie trotz ihrer eigenen Zerstörung noch die Wunden und den Tod der Soldaten beschreiben kann. Manche werden sagen, das sei absurd. Wir beide sagen, absurd ist vor allem der Krieg.“ Das darzustellen, ist den Autoren gelungen.

Martin Beck, geboren 1954, arbeitete im Bereich rhetorischer Kommunikation, war Lehrbeauftragter für Sprecherziehung an der Uni Landau, dann in der Lehrerausbildung und im Schuldienst. Sein Vater kam 1945 verwundet aus Russland zurück und erzählte ihm, wie es sich anhört, wenn man im Schützengraben über die Leichen seiner Kameraden läuft, die zwei Tage zuvor noch lebten. Thorsten Bohnenberger, geboren 1972, studierte Informatik, KI und Wirtschaftswissenschaften, promovierte und ist heute Unternehmensberater für KI. Sein Großvater erzählte selten vom Krieg und wenn, wurde mit der Flak immer nur auf Flugzeuge geschossen, nie auf Menschen.

Menschen rücken nach den Einstiegskapiteln in den Mittelpunkt. Vitaly und Viktor, überzeugte Patrioten auf ukrainischer Seite, Asow-Anhänger und Russenhasser, erzählen aus ihrem Leben vor dem Krieg und nehmen uns mit zu ihren Einsätzen. Viktor wird schwer verwundet, Vitaly macht weiter und zögert erst, als er eine ausrangierte Bayraktar-Drohne dazu bringen soll, eine Rakete auf das Dorf abzufeuern, in dem sein Onkel Oleh bei den Russen dient.

Bildbeschreibung Bild: Bayraktar Akıncı of the Azerbaijani Air Force (Press Service of the President of the Republic of Azerbaijan, CC BY-SA 4.0)

Der britische Söldner James wusste schon mit zehn, dass Krieg sein Ding ist. Jeden Tag saß er vorm Fernseher, verfolgte in der BBC begeistert die „Serie“ Golfkrieg. Nach der Schule gibt es für ihn nur die Army. Training, Drill, Vorbereiten auf den Einsatz im Irak. Und jetzt also die Ukraine, wo James für Freiheit und Demokratie kämpft wie damals in Bagdad. James und seine M2 Browning bilden ein tödliches Team. Eine Garantie fürs Überleben ist das jedoch nicht. Eine russische Gleitbombe erklärt in ihrem Monolog den einfachen Mechanismus:

Ihr sitzt nicht nur am Drücker, sondern immer auch im Ziel.

Nach dieser Logik sind viele der Episoden verbunden: Heute beendet James mit seiner Browning das Leben eines russischen Soldaten, morgen sterben James und die gesamte Besatzung eines Panzerfahrzeugs nach dem Treffer eines russischen Kampfpanzers – die Granate hat Sergei abgefeuert.

Opfer und Täter treffen in einer „Konferenz der Toten und Überlebenden“ aufeinander. Hier spielen Beck und Bohnenberger selbst mit. Als Autor 1 und Autor 2 leiten sie die Versammlung in einer ausgeräumten Turnhalle. Auf einem Teil der Stühle vor der Bühne finden sich zuerst die Überlebenden ein: Sonja, Alexei, Vitaly, Viktor. Russen wie Ukrainer. Die Autoren rufen nun nacheinander jeden Protagonisten auf. Stehend muss er dem Einmarsch seiner Opfer zusehen. Doch die Inszenierung nimmt nicht den erhofften Verlauf. Reue, Bedauern und Scham weichen nach und nach Empörung, Wut und Hass. Mit einer Brandrede Viktors eskaliert die Konferenz – Ukrainer und Russen, lebende wie tote, prügeln aufeinander ein. Die Autoren registrieren das Scheitern ihrer Inszenierung und verlassen den Ort des Gemetzels.

Das Kapitel „Game of Drones“ wird zu einem kleinen Höhepunkt, führt weg von der Tötungsmaschinerie an der Front. Ein Einschub zum Luftholen, auch wenn das Lachen nicht wirklich befreit. Ein Auszug aus der „Werbung von Drone-Studios“ liest sich so:

Endlich! Ein heroisches Spiel. Ein Game von Drohnen gemacht, für Drohnen konzipiert. Du als Drohne erlebst die kriegerische Welt als Operator. Ein völlig neues Gefühl … Erreichst Du das nächste Level? Dann sei bereit, in der ultimativen Phase deines Werdegangs sogar zum Menschen aufzusteigen. Bist du rücksichtslos und ideenreich genug, um den Weg vom einfachen Soldaten über Leichen zu gehen, um bis ins Präsidentenamt aufzurücken? … Hier wird dieses taktische Ego-Shooter-Spiel zu einem vollumfassenden strategischen Systemspiel, bei dem du in der Endphase nicht nur ganze Armeen dirigierst, sondern auch die öffentliche Kommunikation manipulierst und Propaganda betreibst, um die ganze Welt in Angst und Schrecken zu versetzen.

Zur Bestform finden die Autoren beim Chat unter spielenden Drohnen. Diese Community unterhält sich über ihre Fortschritte, gibt Tipps, stellt Fragen. Kann ich den HIMARS da hinten angreifen? Kommt auf deine Punkte an. Bist du noch Aufklärung oder schon Angriff? Flieg da auf keinen Fall rein, lass da eine Eleron-3 ran … Der Chat steigert sich bis hin zu philosophischen Fragen: Ihr spielt hier gegen ukrainische Drohnen, Waffen und Soldaten. Kann ich da überhaupt mitmachen? Ich bin da draußen im Krieg tatsächlich eine Punisher, eine ukrainische Aufklärungsdrohne mit leichter Bewaffnung. ZeugeHunter_136 antwortet: Wir wollen hier nur spielen. Wir sind Drohnen und wer oder was du bist und wo du herkommst, ist uns völlig egal.

Bildbeschreibung Bild: Die IPA7 mit zwei TAURUS-Flugkörpern. (Philipp Hayer, CC BY-SA 3.0)

Danach folgen Beck und Bohnenberger der Kriegslogik von Angriff und Vergeltung, die Handlung eskaliert. Ein Taurus fliegt nach Moskau, eine Oresnik legt die Fabrik der deutschen Marschflugkörper in Schrobenhausen in Schutt und Asche, die Nato antwortet mit zwei weiteren Taurus. Der nukleare Schlagabtausch nimmt seinen Lauf. Das letzte Kapitel heißt „Die Wunderwaffen“, und vielleicht erleben wir am Ende doch noch Helden. Mehr sei nicht verraten.

Durch die „Augen“ von Waffen auf einen militärischen Konflikt schauen – diese ungewöhnliche Perspektive zeigt Krieg als das, was er ist: grausam, absurd, entwürdigend. „Kriege werden von Politikern als abstrakte Theorien diskutiert“, schreiben Beck und Bohnenberger im Vorwort, „von Talkshow-Experten als notwendige Übel dargestellt, aber hinter jedem Schuss, hinter jeder Granate, hinter jeder Rakete und jedem Drohnenangriff stehen Menschen, die sie ausführen und die darunter leiden – die einen mit psychischen Folgen, die anderen mit körperlichen Gebrechen oder dem Tod.“ Wenn Waffen erzählen, wie teuer sie sind, welche Ressourcen für sie eingesetzt wurden an Material, Entwicklungs- und Arbeitsleistung und wie all das mit einem einzigen Schuss, einem Einschlag, einer Explosion vernichtet wird, wie sie Menschenleben, Fabriken oder ganze Städte zerstören, zeigt sich Krieg in seiner ganzen Sinnlosigkeit.

Thorsten Bohnenberger und Martin Beck gelingt es, das brennendste Thema unserer Zeit auf neue Weise darzustellen. Ich wünsche dem Buch viele Leser und der nächsten Auflage ein Lektorat, das für einen noch feineren Schliff sorgt.

Bildbeschreibung

Meyen am Tresen

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Bildquellen: Ministry of Defense of Ukraine, CC BY-SA 2.0