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Bericht | 26.01.2026
Warum wir gehorchen
Angst, Obrigkeitshörigkeit und individuelle Verantwortung: Der Biologe Dr. Jörg Uhlig erklärt die Mechanismen und wer davon profitiert.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

Der Vortrag beginnt nicht mit einem Appell, sondern mit einer unangenehmen Erkenntnis: Wir halten uns für aufgeklärt und merken doch, wie schnell wir wieder „mitlaufen“. Jörg Uhlig zieht den Blick weg von den „Schurken da oben“ und hin zur Mechanik da unten: Angst, Masse, Gewissenstransfer. Das hat Witz, manchmal ungefilterte Direktheit und einen unangenehmen Kern: Obrigkeitshörigkeit ist für ihn kein Betriebsunfall des modernen Menschen, sondern ein Normalzustand unter Druck. Wer diesem Vortrag folgt, landet nicht in einer Chronik der letzten Jahre, sondern bei einer Frage, die nachhallt: Was, wenn das Problem nicht die Ausnahme ist – sondern wir?

Programme der Evolution

Uhlig ist auf Einladung des Landesverbands Nordrhein-Westfalen der Partei dieBasis im Januar nach Wegberg gekommen. Sein Vortrag läuft in der Reihe Wegberger Hofgespräche. Jörg Uhlig ist Diplom-Biologe, hat in Virologie am Uniklinikum in Regensburg promoviert und der Erkenntnisrahmen des 55-Jährigen ist biologistisch grundiert: Er misstraut klassischen Erklärungen, die Konformität als „Faulheit und Feigheit“ (Kant) oder als bloße Bildungsfrage behandeln. Stattdessen setzt er auf ein Tiefenmodell: ein „Grundbetriebssystem“ sozialer Säugetiere, das unter existenzieller Bedrohung Hierarchie, Gefolgschaft und Gruppenfokus aktiviert. Seine Pointe ist hart:

In der Masse regieren nicht Argumente, sondern alte Programme der menschlichen Evolution. Und die Vernunft wird zur nachträglichen Rechtfertigung.

Das kann er gut und anschaulich erzählen, mit Humor und manchmal fast kabarettistisch: Urzeit-Szenen, „DOS“-Metapher (der DOS-Befehl DEL/delete suggeriert fälschlicherweise, dass Dateien physisch vernichtet werden), der Sprung von Spinnenangst im Kino zur politischen Panik. Aber genau hier liegt die erkenntnistheoretische Spannung. Uhlig argumentiert oft, als könne man vom Evolutionsvorteil direkt auf heutiges Verhalten schließen: Bedrohung führt zu Rudelmodus führt zu Gehorsam. Das ist plausibel als Deutung, aber als Erklärung bemerkenswert. Denn zwischen „wir könnten so reagieren“ und „wir müssen so reagieren“ liegt laut Uhlig ein ganzer Kontinent aus Kultur, Institutionen, Medienlogik – und persönlicher Verantwortung. Der Vortrag will das Biologische als Untergrund zeigen; okay, man könnte es als eine Entlastungsmaschine („Die Leute können nicht anders“) verstehen, aber Uhlig macht auch klar: Obrigkeitshörigkeit ersetzt nicht persönliche Verantwortung.

Mitlaufen ist normal, Nicht-Konformismus die Ausnahme

Uhligs Handlungsrahmen ist ein Anti-Angst-Programm. Sein Aufruf ist schlicht: keine künstlichen Bedrohungen annehmen, keine Gewissensabgabe an Autoritäten, keine reflexhafte Feindbildpflege. Sehr anschaulich beschreibt er Macht als Hierarchie-Pyramide: oben die Obrigkeit, darunter Profiteure und Vollstrecker, unten die Masse – daneben Kritiker und Sympathisanten. Das ist politisch gemeint, aber nicht parteipolitisch: Das Thema sei austauschbar, das Muster bleibe gleich. Denn die großen Themen der Zeit sind mit Angst besetzt.

Ob Virus, Krieg, Klima; immer dient Angst als politisches Instrument, um die Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu steuern.

Spannend ist, wie Uhlig Moral verschiebt. Er pathologisiert nicht die Mitläufer, sondern normalisiert sie, betrachtet das System von einer anderen Seite. Konformismus sei „das Normale“, Nicht-Konformisten seien die Abweichung – nicht als gesellschaftliche Fehlentwicklung, sondern als seltenere Strategie. Damit entzieht er auch dem Überlegenheitsgefühl der Kritiker den Boden („Hurra, ich bin besser, denn ich habe recht“) und zwingt sie in eine andere Rolle: nicht Richter, sondern Funktionsträger einer Minderheiten-Option, die Gesellschaften manchmal retten kann, sollte die Mehrheit falsch abbiegen. Das ist klug, weil es dem Lagerdenken den Triumph nimmt.

Bildbeschreibung Bild: Dr. Jörg Uhlig bei seinem Vortrag, Foto: Bastian Alexander Werner

Der Vortrag ist mehr Analyse als Ratgeber. Was ist konkret zu tun, wenn der Druck da ist? „Lasst euch keine Angst einreden“ klingt gut, ist aber als Handlungsanweisung schwierig, solange nicht klar ist, wie man Informationsräume, Arbeitsverhältnisse, Familienkonflikte und Sanktionsdrohungen praktisch übersteht. Uhlig liefert dafür mehr Diagnose als Werkzeug. Seine stärkste Praxisnähe entsteht dort, wo er zeigt, wie Sprache eskaliert („Bitte … es ist notwendig … keine Wahl …“) und wie sich soziale Aggression gegen Abweichler anheizt – weil der Abweichler im Rudelmodus als Gefahr für die Überlebensfähigkeit der Gruppe erscheint.

Widerstand als natürliche Ressource

Die Botschaft dieses Vortrags: Es geht nicht um die „Aufklärung der Massen“, sondern um die Existenz einer stabilen Minderheit, die nicht in den Rudelmodus kippt. Uhlig verweist dafür auf das Milgram-Experiment als Muster. Eine Mehrheit macht bis zum Ende mit, eine Minderheit bricht ab. Für ihn ist das kein Zufall, sondern evolutionär sinnvoll – Kritiker als notwendige Gegenstrategie, damit Gruppen nicht geschlossen in die falsche Schlucht laufen. Das ist eine tröstliche These, weil sie Widerstand als natürliche Ressource beschreibt, nicht als heroische Ausnahme.

Aber Hoffnung bei Uhlig ist brüchig, weil sie an einer Voraussetzung hängt: dass die „Kritiker“ nicht nur Nein sagen, sondern das System „reiten“, also die Gesellschaft vor dem Absturz bewahren. Und genau da wird der Vortrag politisch-medienkritisch. Er deutet an, dass gesellschaftliche Bestrebungen existieren, die diese Pufferzone zerstören wollen – die Kritiker delegitimieren, kriminalisieren, isolieren. Der Rettungsanker soll gekappt werden.

Hier entsteht eine produktive Spannung: Wenn die Kritiker funktional sind, dann braucht eine funktionierende demokratische Ordnung sie nicht als einen Rand, sondern als Organ. Dann wären Pressefreiheit, Pluralität und rechtsstaatliche Begrenzung von Macht nicht „nice to have“, sondern Überlebensvoraussetzung.

Wem nützt es?

Uhligs Bild vom Menschen ist zweigeteilt, ohne zynisch zu werden: Der Mensch ist fähig zur Vernunft, aber nicht zuverlässig vernünftig; er ist zivilisiert, aber nur, solange die Lage entspannt ist; er ist moralisch empfindsam, aber bereit, sein Gewissen zu delegieren, wenn eine Autorität „Notwendigkeit“ behauptet. Das passt zu klassischer Massenpsychologie (Le Bon) und zu Autoritarismusforschung (Adorno), nur dass Uhlig eine biologische Tiefenzeit darunterlegt.

Die bemerkenswerteste Stelle ist die Formulierung, Konformisten „können oder möchten nicht selbst denken“ – nicht als Beleidigung gemeint, sondern als situative Abschaltung, um konforme Strukturen nicht zu zerstören. Das kann erklären, warum auch gebildete Menschen in Kampagnen kippen. Es kann aber auch wie ein intellektueller Hochsitz wirken: Die anderen sind gesteuert, wir sehen es. Uhlig versucht das zu entschärfen, indem er den „Kritiker“ ebenfalls funktionalisiert: Auch der ist nicht der Held, sondern Teil eines Populationsmusters. Trotzdem bleibt die Versuchung, aus der Biologie eine Schicksalslehre zu machen – und damit Verantwortung zu verdünnen. Uhlig argumentiert in seinem Vortrag dagegen an.

Und dann darf die Nutznießer-Frage gestellt werden: Wer profitiert? Uhlig beantwortet sie nicht mit Namenlisten, sondern strukturell. Wer Angst erzeugen kann, kann Gehorsam ernten; wer Gehorsam erntet, kann Ressourcen, Status, Kontrolle sichern. Das ist medien- und gesellschaftskritisch anschlussfähig, weil es nicht von „bösen Individuen“ ausgeht, sondern von wiederholbaren Mechanismen.

Grundsoftware-These versus Autoritarismusliteratur

Im Mainstream der Obedience (Gehorsams)- und Autoritarismusliteratur dominieren psychologische und sozialtheoretische Erklärungen. Milgram beschreibt Gehorsam gegenüber Autorität in experimentellen Settings und die Bereitschaft, Anweisungen trotz moralischer Bedenken auszuführen, Arendt rückt die erschreckende Normalität unreflektierter Pflichterfüllung ins Zentrum („Banalität des Bösen“) und Le Bon lenkt den Blick auf Suggestibilität und emotionale Ansteckung in Menschenmengen.

Uhligs Alleinstellungsmerkmal liegt in der Zuspitzung. Er legt unter diese Ansätze eine evolutionäre „Grundsoftware“-These und koppelt sie direkt an moderne Dauerbedrohungskommunikation – mit dem polemischen Dreh, dass Konformität nicht pathologisch, sondern der erwartbare Normalmodus ist, sobald Angst politisch und medial stabilisiert wird. Sein Vortrag ist weniger Labor oder Archiv: Er ist eine Kulturdiagnose mit biologischem Unterbau, erzählt als Erfahrungsabgleich der letzten Jahre.

Das Publikum reagierte neugierig und lebhaft und die Emotionen kochten in der anschließenden Diskussion spürbar hoch. Die unterschiedlichen Erlebnisse der letzten Jahre trugen dazu bei. Besonders gefiel mir, dass Uhlig den Geist des demokratischen Diskurses bewahrte. Er nutzte seine Erkenntnisse, um die Schärfe zwischen den Teilnehmern zu mildern. Sein Hinweis auf die Notwendigkeit eines breiteren gesellschaftlichen Diskurses zu aktuellen Themen als demokratisches Element war hilfreich und souverän.

Fazit

Uhlig nimmt den Menschen ernst, weil er ihn nicht schönredet. Er erklärt Gehorsam nicht als Dummheit, sondern als menschliches Überlebensprogramm unter Stress. Er zeigt, wie Angst Politik macht. Er erinnert daran, dass Ausgrenzung nicht aus Versehen passiert, sondern aus Gruppenlogik. Er warnt vor dem Tauschhandel: Sicherheit gegen Gewissen. Er tröstet nicht. Er stählt. Und er lässt eine Frage stehen, die unbequem bleibt:

Wer bist du, wenn die nächste „Notwendigkeit“ ausgerufen wird?

Für Menschen, die die letzten Krisen nicht als Ausnahme, sondern als Lehrstück verstehen wollen, Menschen, die Biologie, Psychologie und Medienkritik zusammen denken möchten und für alle, die Mechanismen suchen und nicht in Lagerreflexen denken, ist dieser Vortrag empfehlenswert.

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Titel: Demo gegen die Coronamaßnahmen, Berlin, August 2020 (Geoprofi Lars, CC-BY-SA-4.0)