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Buch-Tresen | 28.05.2026
Waffen – lose im Raum
„Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“: Der neue Kirchhoff lässt sich lesen, sagt unsere Autorin, aber überzeugt hat sie der Roman nicht.
Text: Beate Broßmann
 
 

Bodo Kirchhoff ist bekannt und berühmt für seine schonungslosen Analysen menschlicher Beziehungen. Es ist wohl nicht übertrieben, ihn als den Psychologen unter den zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstellern zu bezeichnen. Nahm er im vorletzten Roman die Ehe eines Schriftstellers nach dem Ertrinken seiner Frau in unmittelbarer Nähe unter die Lupe (Seit er sein Leben mit einem Tier teilt), ist es in seinem neuesten Buch eine Ehe zweier Sechzigjähriger aus der Sicht der Frau.

Worum es in diesem Roman geht, ist schwer zu sagen. Der Text mäandert um den Themenkomplex Ehe-Krieg-Verschwinden. Die Story selbst klingt nicht spannend und verspricht nicht unbedingt einem fesselnden Roman. Es sind die Beobachtungen der Protagonisten und ihre Reflexionen und Gespräche, die den Leser in die Geschichte hineinziehen und Stoff zum Nachdenken und Vergleichen liefern. Dazu tragen auch die reiche, präzise Sprache und die geschickte Dramaturgie, die fiktive Kraft des Autors bei.

Der Plot geht so: Ein deutsches Paar steckt in einer langen Ehe fest. Die Gemeinsamkeiten sind aufgebraucht. Jeder geht seiner Passion nach, die ihm seine Arbeitstätigkeit ist, und interessiert sich nur am Rande dafür, was den anderen beschäftigt. Außer durch Erinnerungen bleiben beide durch ihre inzwischen erwachsene Tochter verbunden. Terese ist Psychologin, Vigo – einmal mehr – Schriftsteller. Recherchen für sein nächstes Buch führen ihn nach Mumbai. Doch Therese bleibt nach seiner Mitteilung, gut angekommen zu sein, ohne jegliche Nachricht von ihm in Frankfurt zurück. Sie fliegt ebenfalls nach Mumbai und versucht, ihn zu finden – eher aus Wut als aus Sorge. Dabei fährt sie die Stationen ab, die Vigo hinter sich gelassen hat, ohne ihm zu begegnen. Es ist ihr, als wüßte er von ihrer Suche, immer einen Schritt voraus. Sie wohnt in den gleichen Hotels und spricht mit denselben Menschen, um Hinweise auf seinen Aufenthalt zu finden. Dadurch gerät der Roman in die Nähe eines Roadmovies, ohne sich auf dieses Genre zu beschränken. Während Terese sich in den viel jüngeren indisch-deutschen Hotelbesitzer verliebt und auf eine sexuelle Affaire mit ihm einläßt, geht sie ihren Gefühlen für Vigo nach und prüft, ob sie diese Ehe fortsetzen will. All das wird wunderbar und ohne Klischees erzählt.

Was den Roman über eine reine Privaterzählung hinaushebt, ist die große Nähe zu unserer Gegenwart: Vigo nämlich will zu einem Roman recherchieren, in dem es um Militarisierung und Abrüstung geht. Sein Ziel ist eine Welt ohne Waffen – ohne jeglichen Kompromiß. In Indien möchte er einen Waffenhändler treffen, um sein Fachwissen zu erweitern. So wie sich seine Frau für Autismus interessiert und auf diesem Gebiet zur Spezialistin wird, interessiert er sich für Abrüstung und wurde zum Mitbegründer einer „Frankfurter Denkfabrik für gesellschaftliche Wege zur Abrüstung und Ächtung von Gewalt“. Einer seiner Vorträge endet mit einer ketzerischen Prognose:

Wenn über Nacht, durch ein Wunder, alle Waffen aus der Welt wären, die Panzer, die Kampfjets, die Kriegsschiffe, jede Rakete, jeder Sprengkopf, sämtliche Drohnen und auch leichtere Waffen, die Menschheit eines Morgens gleichsam nackt erwachte, Depots und Arsenale gänzlich leer wären, ebenso die privaten Schränke und übrig nur die Dinge wie Messer, Gabel, Schere und Licht, so würde noch am selben Tag mit diesen Dingen die Wiederaufrüstung beginnen. Eine entwaffnete Welt würde alles daran setzen, es nicht bei ihrer Blöße oder gar dem Frieden zu belassen.

Leider wird diese Überzeugung nicht begründet. Man erfährt nur: Vigos Boden ist ein Mix aus Theorien über das Gesellschaftliche, Tereses Boden sind die inneren Verletzungen, die im Zusammenleben von Menschen entstehen, erkannt und eingedämmt werden. Das deutet auf eine Spiegelung hin: Das Paar beschäftigt sich mit äußeren und inneren Verletzungen und damit, wie diese und ihre Ursachen aus der Welt zu schaffen sein könnten. Diese Aspekte und die Vermittlung beider Sphären im Roman hätten intellektuell spannend sein können. Leider unterbleibt das, so daß das hochaktuelle Thema Militarisierung von Gesellschaften lose im fiktionalen Raum hängt, also scheinbar Selbstzweck ist. Von Tereses Autismus-Studien erfährt man kaum etwas, während sich Vigo im Roman ein ums andere Mal über sein Thema äußern darf, ohne daß dies aber die Handlung bereichern und unterfüttern würde.

An einer Stelle deutet Vigo die Überzeugung an, daß Kriege durch Männer vom Zaun gebrochen würden, die sich selbst überlassen werden und einsame Entscheidungen treffen. Ein andermal hält er eine Abschiedsrede, und seine Frau stellt beim Zuhören fest, daß die Gedanken fast ausschließlich ihre sind. Er spricht vom Wahnsinn bei der Entwicklung von Waffen, vom

Paradoxon, das in jeder ihrer Verbesserungen steckt: wenn sich der Zerstörungsgrad erhöht, aber damit auch der Wahnsinn in der Idee, sich ihrer zu bedienen, um durch völlige Zerstörung am Ende als letzte noch Übrige dazustehen, in dem Gefühl, recht behalten zu haben. Dieser Widerspruch bedeute das Ende der Welt ..., wenn die Welt nicht weiblicher würde.

Als Leser bekommt man allerdings den Eindruck, daß Vigo im Zuge seiner Beschäftigung mit allen Arten von Waffen eine Form von Besessenheit ergreift und er seine Detailkenntnisse gern und mit Verve jedem aufdrängt, der nach seinem Buchprojekt fragt. Er ist zweifelsohne von seinem Forschungsgegenstand fasziniert. Ist ihr Ehemann ein „Waffennarr, eingesperrt in einem großen Pazifisten“, fragt sich Terese. Von einem Schweizer Waffenhändler erfährt sie etwas vom Kausalnexus zwischen Waffen und Wesen des Menschen (unserer Zeit): Er denkt,

dass wir alle nichts sind, objektiv unendlich bedeutungslos. Aber jeder von uns ist mit dem Bewußtsein vom genauen Gegenteil geschlagen, Mittelpunkt des Universums zu sein. Da liegt das Problem, deshalb gibt es Waffen. Weil die Differenz so groß ist. Um die Realität dem Wahn anzupassen. Was sich nie ändern wird, dazu müßte man das menschliche Bewusstsein abschaffen, das ist die Urwaffe.

Und Vigo sprach einmal von der „infantilen Lust am Zerstören“, das einhergehe mit der ebenfalls „infantilen Lust am Zeugen“ – ganz so, als würden sich Vernichten und Erschaffen die Waage halten. Den aktuellen Krieg in der Ukraine und das Verhalten der Europäer dazu bezeichnet er als skandalös: daß „Leute, die Waffen bisher stets verurteilt hätten, inzwischen in abendlichen Fernsehrunden über Waffen geradezu plauderten, ohne zu wissen, was sie anrichteten: Leute nur mit Kaliber- und Sprengkraftangaben im Kopf statt einem Vorstellungsvermögen“ – das öffentlich und in aller Deutlichkeit formuliert zu haben, hatte wie ein Paukenschlag gewirkt. Befremdlich liest sich dann aber Vigos Bezug auf Lacans Fading-Theorie: Des Waffenhändlers Konzept der Kolibri-Weapons stimme ihn optimistisch, da das Immer-weiter-Verkleinern von Waffen ja irgendwie auf ihr Verschwinden hinauslaufe. – Echt jetzt?

Das Konzept des Buchs scheint mir trotz guter Lesbarkeit und anregender Gedanken nicht ganz aufzugehen: Die Entscheidung Kirchhoffs, die Geschichte einmal in der dritten Person (sie), das andere Mal in der ersten (er) erzählen zu lassen, hätte eine gute sein können, wenn jede der beiden Personen einen eigenen Denk- und Schreibstil bekommen hätte. Dem ist aber nicht so. Vigo wird höchstens ein Viertel des Textumfangs zugesprochen, und der Leser weiß nicht, wer gerade erzählt, bevor die erste oder eben dritte Person genannt wird. Diese Ununterscheidbarkeit läßt auch am Motto des Buchs zweifeln. Auf dem Vorblatt ist Tereses Antwort an ihren Mann gedruckt:

Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Einmal im Leben.

Das erscheint unpassend, da sich beide Ehepartner in Sachen Selbstbeschau nichts nehmen. Die Protagonistin wirkt mitunter ziemlich unsympathisch in ihrer ständigen Suche nach dem, was ihr guttut und wovor sie sich hüten sollte. Im Von-sich-Absehen würde sie keinen Blumentopf gewinnen. Vigo kreiselt nicht ständig um sich selbst, sondern um seinen obsessiven Pazifismus, was natürlich auch eine Scheinobjektivierung sein kann. Aber tatsächlich wirkt er sympathischer – jedenfalls auf die Rezensentin.

Kirchhoffs Ehrgeiz, sich in weibliches Denken hineinzuversetzen, damit der Schriftsteller selbst „einmal im Leben von sich absehen kann“, indem er die ewige Fremdheit zwischen Mann und Frau überwindet, ist nur bedingt von Erfolg gekrönt. Er erinnert an ein ähnliches Projekt in der deutschsprachigen Literatur, nämlich die Novelle „Der fremde Freund“ von Christoph Hein aus dem Jahr 1982. Dessen Anverwandlung scheint der Rezensentin nachvollziehbarer gewesen zu sein. Terese hingegen bekommt zwar viele Gedanken verliehen, die konsistent sind – alles Emotionale hingegen wirkt künstlich und wenig authentisch, wie aus bloßer Kausalität heraus konzipiert, lediglich behauptet. Das mag mancher Leserin anders erscheinen. Und eine Leseempfehlung hat dieser Roman auf alle Fälle verdient.

Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt. München: dtv 2026, 572 Seiten, 28 Euro.

Bildbeschreibung

Beate Broßmann, Jahrgang 1961, Leipzigerin, passionierte Sozialphilosophin, wollte einmal den real existierenden Sozialismus ändern und analysiert heute das, was ist. Wenn Zeit ist, steht sie am Buch-Tresen.

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Bildquellen: Bodo Kirchhoff 2024 auf der Leipziger Buchmesse (Titelfoto: Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0)