5fd5d03c8d5812d54525cf05f68ec0c6
Buch-Tresen | 24.09.2026
Vom Ende der Urteilskraft
Hartmut Rosa erklärt in seinem Buch „Situation und Konstellation“ den emotionalen Energieverlust der Gegenwart.
Text: Michael Meyen
 
 

Wissen Sie, warum Fußballfans den Videoschiedsrichter hassen? Das Warten, okay. Diese Linie, die kalibriert sein soll, aber selbst nicht richtig zu wissen scheint, was das ist. Der Jubel, der anders als früher ist, verhaltener, kürzer, weil er unter Vorbehalt kommt und damit oft doppelt. Alles richtig und doch nur die halbe Wahrheit. Hartmut Rosa sagt: Der VAR schließt den Zuschauer aus. Soziologisch gesprochen: Er macht aus einer Situation eine Konstellation. Wenn der Mann in Schwarz auf dem Feld entscheidet, ist der Fan wichtig. Der Gesang, die Lautstärke, das Stöhnen nach den letzten Pfiffen: Der Schiri sieht nicht nur das Foul im Strafraum, sondern auch all das, was vorher war – auf dem Platz, auf den Tribünen und vielleicht sogar am Abend vorher beim Bier mit den Offiziellen. Ein Mensch mit Urteilskraft, der ahnt oder weiß, dass er beim letzten Foul daneben lag und nun Gnade vor Recht ergehen lassen kann. Im Keller von Köln spielt das alles keine Rolle. Foul oder nicht Foul: Am Bildschirm ist das keine Frage. Am Bildschirm gibt es Regeln und mehr als zwei Augen. Fußspitze dran am Knochen, Elfmeter, Punkt. Soll der Fan doch zu Haus bleiben und sein Bier aus dem Kühlschrank holen.

Damit sind wir mittendrin in einem Buch, das mit einem sperrigen Titel daherkommt und die Streitfragen der Gegenwart weitgehend ausblendet. Hier ein Hieb gegen „rechtspopulistische Bewegungen“ (was immer damit gemeint sein mag, S. 122), dort eine Verbeugung vor den Corona-Hardlinern (angeblich senkt „ein Lockdown tatsächlich die Infektions- und Sterblichkeitsrate“), abgemildert durch einen Hinweis auf das Leid von Kindern und Jugendlichen sowie auf einsames Sterben im Alter (S. 107). Man kann das natürlich positiv wenden: Hartmut Rosa, Jahrgang 1965, Soziologieprofessor in Jena und seit den Büchern Beschleunigung (2005) und Resonanz (2016) eine der wichtigsten Stimmen seines Fachs, verzichtet auf einen Kotau vor Ideologie und Macht und konzentriert sich auf das, was er am besten kann. Das Leben auf Begriffe bringen und so beim Verstehen helfen.

Bildbeschreibung Bild: Hartmut Rosa am 5. Oktober 2022 bei einer Konferenz in Jena. Foto: Toter Alter Mann, CC BY-SA 4.0

Der Videoschiedsrichter steht dabei nur Pars pro toto. Die Spielräume verschwinden überall – im Beruf und in der Schule, an den Unis und selbst da, wo es eigentlich um nichts geht und der Mensch ganz bei sich sein kann. Wo einst ein Bauklotz war und damit freie Fahrt für Fantasie und Kreativität, liegt heute ein Plan, der Schritt für Schritt vorgibt, wie das Lego-Wunderwerk erschaffen werden muss. Und der Opa, der als Junge mit seinen Altersgefährten ziellos durch die Dünen streifte und sich immer neue Spiele ausdenken und dafür Regeln aushandeln musste, schenkt seinen Enkeln heute pädagogisch wertvolle Geräte, zu nutzen daheim allein oder unter Aufsicht. In der Sprache von Hartmut Rosa: „Aus dem spielenden Kind ist im Grunde ein vollziehendes geworden“ (S. 56).

Aus Handeln wird Vollzug: Das ist der Trend, den Rosa mit seinem Buchtitel auf den Punkt bringen möchte und der zum Beispiel erklärt, warum „viele Beschäftigte in Betrieben und Behörden das Gefühl“ haben, „im Grunde einen Bullshit Job zu machen“ – eine Arbeit, die nutzlos ist. Situationen, sagt der Soziologe, sind komplex, werden von uns geprägt und stoßen Reaktionen an, die wir vorher vielleicht gar nicht geplant haben. Situationen verlangen Urteilskraft – „Augenmaß und Fingerspitzengefühl“ (S. 65), zwei Eigenschaften, die aus Erfahrung wachsen und damit aus gelebtem Leben. Konstellationen dagegen sind eindeutig. Messbar. Oft binär codiert. Abseits oder kein Abseits. Konstellationen folgen Regeln. Keine Situation gleicht der anderen aufs Haar, aber die Zahl der Regeln ist endlich. Das heißt: Der Mensch, der gern mit Urteilskraft handeln und entscheiden würde, wird vergewaltigt und zum Sklaven von Protokollen, die nicht zu dem passen, was er vor sich sieht.

Wer die anderen Bücher von Hartmut Rosa gelesen hat, der weiß, dass er zur Illustration ins pralle Leben greift. Der Verkäufer im Fastfood-Laden, der dem Kind liebend gern den Burger ersetzen will, der auf dem Boden liegt, aber an eine Prozedur gebunden ist. Die Schaffnerin, die nur auf die Beschwerdeinstanz verweisen kann, wenn der Fahrkartenautomat streikt, und den Strafzettel ausfüllen muss, ob sie nun will oder nicht. Der Dozent, der die Noten zu einem festen Termin ins System zu tippen hat, keine Verspätung mehr dulden darf und bald auch die Noten nach Schema F berechnen wird. Jeder mag das aus seinem Erleben ergänzen und dabei auch an Ärzte denken, die auf Tabellen starren, aber doch nichts von Gesundheit oder Fitness wissen, oder an das Auto, das die Spur gegen unsere Muskeln hält und beim Temp-30-Schild ganz von allein bremst. Hartmut Rosa sieht da keinen bösen Willen am Werk, sondern die Logik der Maschinen (eins oder null und nichts dazwischen) und die Trends der Gegenwart. Gerechtigkeit und Gleichbehandlung (wehe, jemand bekommt eine 1,0, der nur eine 1,7 verdient hat), Zurechenbarkeit (wer ist verantwortlich?), Transparenz und Kontrolle sowie einen Sicherheitskult, zu dem die Angst vor dem Unbekannten gehört.

Interessant ist, was daraus folgt. Mehr Verwaltungsarbeit, weniger Urteilskraft (weil schlicht die Basis wegfällt - die Erfahrung von Erfolg und Scheitern), neue Beziehungen – zu den Dingen, zu den Menschen, zur Zeit und zu uns selbst. Moral und Werte können nur schwer an die nächsten Generationen weitergegeben werden, wenn es nicht mehr möglich ist, mit dem Zeigefinger zu mahnen und auf eine Strafe zu verzichten. Und vielleicht am wichtigsten: Wer nicht mehr handelt, sondern nur noch vollzieht (im Büro, beim Basteln, mit den Kindern), der tankt keine Energie mehr.

So eine Analyse verlangt, so will es das Sachbuch-Genre, nach einer Lösung – nach Vorschlägen für die Zukunft. Darüber hülle ich hier den Mantel des Schweigens. Mag jeder selbst schauen, ob er etwas anfangen kann mit Jugaad, Jeitinho oder Ubuntu – mit Konzepten, die Hartmut Rosa jenseits des Westens findet und damit auch jenseits einer Maschinenideologie, die den Mensch nicht nur aus den Situationen herausnimmt, sondern von sich selbst entfremdet, direkt in den Transhumanismus führt und damit den Weg bereitet für Roboter und KI, die Regeln viel besser abarbeiten können als wir.

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden der Spielräume. Berlin: Suhrkamp 2026, 247 Seiten, 25 Euro.

Bildbeschreibung

Buch-Tresen

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto

Bildquellen: Dynamo Kiew vs. Worskla Poltawa, 2020 (Titelfoto: Dynamo, CC BY-SA 4.0)