Beim Lesen dachte ich: Das ist nichts für eine Rezension. Zu akademisch – sprachlich, thematisch und überhaupt. Geschrieben von einem Professor für seine Kollegen, die er zu Mitspielern macht im Kampf um die Deutung von AfD und BSW. Philip Manow sagt: Ihr, meine lieben Freunde im Elfenbeinturm, seid genau wie eure Kumpane in den anderen Herzkammern der Bewusstseinsindustrie keine neutralen Beobachter, sondern Partei. Ihr ruft nach Demokratie, nach Diversität und nach grüner Politik, damit ihr selbst als Helden dastehen könnt und niemand merkt, dass ihr „faktisch-praktisch einverstanden“ seid mit den Verhältnissen, die ihr „so grundlegend zu kritisieren glaubt“ (S. 13). Euch allen geht es doch viel zu gut. Und ich, Philip Manow, entzaubere euch jetzt und zeige den blinden Fleck in euren Analysen. Ihr überseht die Verteilungsfragen und damit den Kern von dem, was „links“ einst ausgemacht hat.
Ich dachte: Okay, das ist nicht falsch. Für einen Medienforscher wie mich, lange Tür an Tür mit der universitären Politikwissenschaft, mag es auch ganz spannend sein, wie die Arbeit der Kollegen in diesem Buch seziert wird. Aber für die Leute da draußen, die in einem Meer von Sachbüchern fischen können, nicht unendlich Zeit haben und vielleicht auch keine Geduld für einen Text, der Elektorat sagt, wenn er die Wahlberechtigten meint und damit uns alle? Für diese Leute ist das dann doch zu speziell. Also lasse ich das lieber und verlinke zur Not meine Besprechungen der letzten drei Bücher dieses Autors, in denen es um Populismus ging, um die Krise der Demokratie und um die Herrschaft der Gerichte. Philip Manow, Jahrgang 1963, Lehrstuhlinhaber in Siegen, zeigt dort, was eine Sozialwissenschaft leisten kann, die bei den Daten bleibt und die eigenen politischen Ziele ausblendet. Wer nicht klicken und noch drei andere Rezensionen lesen mag: Ich habe dort gelernt, welche Rolle die Erinnerung an Arbeitslosigkeit und Abstieg bei der Wahl der AfD spielt und was der Zuschnitt des jeweiligen Wohlfahrtsstaates (der im Norden und in der Mitte Europas anders funktioniert als zum Beispiel in Spanien) mit der Ausrichtung der Politik zu tun hat, wie Sprache zur Kampfzone wird („ein Regime des Sagbaren und des Unsagbaren“) und warum Frauke Brosius-Gersdorf zum Zankapfel wurde (weil die Macht längst nicht mehr in den Parlamenten liegt).
Bild: Philip Manow 2019 bei den Römerberggesprächen in Frankfurt am Main (Foto: Dontworry, CC BY-SA 4.0)
Das neue Buch war dann eigentlich schon auf dem Weg ins Regal und damit in die Rubrik „erledigt, abgehakt“, hat mir aber doch keine Ruhe gelassen und sich mit jedem Podcast weiter vorgearbeitet auf meiner To-do-Liste. Tagein, tagaus wird dort über den Kanzler geschimpft, über unfähige Politiker und über Parteien, die angeblich durch die Bank „links“ sind, es schon deshalb nicht verstehen und unbedingt abgelöst werden müssen. Links und rechts aber, das habe ich ja gerade bei Philip Manow gelesen, taugen genauso wenig für Beschreibung und Erklärung wie die Fixierung auf Messermorde, kaputte Brücken und Berlin. Vielleicht sollte ich das doch aufschreiben – wenigstens für mich, um nicht zu vergessen, dass es eine neue Spaltungslinie gibt, die quer zu den alten Klüften liegt. Zentrum und Peripherie, Staat und Kirche, Kapital und Arbeit, Stadt und Land: Das ist 19. und 20. Jahrhundert, in Deutschland seit mehr als 30 Jahren zu ergänzen durch Ost und West, eine Linie, die nicht nur Philip Manow, geboren in Hamburg, übersieht, weil er eher auf die Ökonomie schaut als auf die Identität.
Der neue Bruch verläuft zwischen denen, die an der Idee Nationalstaat festhalten, und denen, die sich dem „supranationalen Projekt“ verschrieben und damit de facto „das demokratische Versprechen auf kollektive Selbstregierung vermittels Wahlen“ aufgegeben haben (S. 21). Klingt zu hart? Nicht Brüssel an sich ist das Problem, sagt Manow, sondern der fehlende Wettbewerb auf nationaler Ebene. In Sachen Europa sind sich die „etablierten Parteien“ einig – und verschwinden vor unseren Augen in der Bedeutungslosigkeit, weil sie einen Teil ihrer Marke verraten müssen. Die Union das große „C“ in ihrem Namen (Familie, Heimat, Abendland) und die Sozialdemokratie das „S“, weil die Migration selbstredend nicht nur die traditionelle Kultur bedroht, sondern Verteilungskämpfe produziert, bei denen die einstige SPD-Klientel auf der Verliererseite steht. In Sachsen-Anhalt haben wir gerade gesehen, wohin das führt. Ganz oben in der Sorgenliste der AfD-Wähler standen die vielen Fremden im Land (91 Prozent), gefolgt vom teuren Leben (89) sowie vom Verlust von Heimat und Tradition (85).
Jede Spaltungslinie produziert Konflikte, die politisch geregelt werden müssen und so nach Parteien rufen. In den 1990ern hat das zur PDS geführt und heute zu AfD und BSW – zu Parteien, die Menschen ansprechen, die von der Konkurrenz nicht mehr erreicht werden (können), und dafür die klassischen Merkmale von „rechts“ und „links“ neu verbinden. Philip Manow schaut auch nach Schweden, nach Frankreich oder in die Niederlande und findet überall die gleiche „Erfolgsformel“: „linke Wirtschafts- und Sozialpolitik, kombiniert mit rechter Gesellschaftspolitik“ (S. 59). Innere Sicherheit, kein Gendern, Schluss mit der Moralisierung, Umverteilung zugunsten der Verlierer der „de-national revolution“. Noch einmal anders formuliert: Die „Politik der Offenheit“, auf die alle von der CSU bis zur Linkspartei schwören, produziert „Verteilungseffekte“, die der Sozialstaat immer weniger ausgleichen kann und die sich auch dann nicht wegdiskutieren lassen, wenn man „falsche“ von „richtigen Werten“ unterscheidet, hochoffiziell einen „Kampf gegen rechts“ ausruft und alle Kritiker in die gleiche Ecke schiebt.
Was das mit meinen Podcasts zu tun hat? Dort wird auf Akteure eingeprügelt, die nichts mehr zu entscheiden haben, aber immer noch so tun, als ob sie etwas zu sagen hätten. Deutsche Parteipolitik, so lässt sich das zusammenfassen, hat die Verantwortung längst abgegeben – an ein „Oben“, das jenseits von Berlin oder Magdeburg liegt und oft auch jenseits von Brüssel, und an einen kleinen Klüngel in Richterroben, der vom Wahlvolk nicht legitimiert worden ist und auch nicht abgelöst werden kann.
Die Schubladen „rechts“ und „links“ vernebeln den Blick dabei eher. Die einen müssen den souveränen Nationalstaat opfern und die anderen die Gerechtigkeit, weil sich beide festgelegt haben auf das Globalisierungsprojekt, sich folglich in der breiten Mitte treffen und das mit Regenbogen-Rhetorik und Kraftmeierei zu kaschieren versuchen. Unsere Werte, unsere Demokratie. Die Linkspartei dreht das noch ein Stückchen weiter und fängt die akademische Großstadtjugend, indem sie sich von den Benachteiligten vor Ort abwendet und stattdessen die ganze Welt umarmt. Das schafft Platz an den Rändern, Raum für neue Parteien – und bald hoffentlich auch für bessere Begriffe, denn die Label „neue Rechte“ und „neue Linke“ gehen an der Spaltungslinie Nationalstaat vorbei und vernebeln auch das, was gerade in Sachsen-Anhalt passiert.
Philip Manow: Spaltungslinien. Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats. München: C.H. Beck 2026, 173 Seiten, 18 Euro.

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