Ee4a70d6b11e1cd7cea7e856d255e7a4
Lebensgeschichten | 29.04.2026
Unbewaffnet – entwaffnend
Ein Gespräch mit dem Abenteurer Georg Kirner über seine Reisen zu Steinzeitvölkern und über ein Leben, das von einer Alm in die weite Welt führte.
Text: Axel Klopprogge
 
 

„Ich war nur sieben Jahre auf der Schule, aber auf der Alm habe ich gelernt, was ich auf meinen Reisen brauchte.“

In der Münchner Gegend ist Georg Kirner als Kirner Schorsch seit Jahrzehnten ein Begriff. Auf 53 Abenteuer-Touren bereiste er Länder und Völker und verfasste darüber zwälf Bücher, hielt Vorträge und trat vielfach im Fernsehen auf. In seinem Archiv finden sich 30.000 Dias. In einem Forschungsprojekt zur Geschwindigkeit von Veränderungen beschäftigten wir uns mit Zeitreisen und werteten seine „Zeitreisen in die Steinzeit“ aus. Da kam uns die Idee, ihn persönlich zu besuchen und zu befragen. Gerade feierte er seinen 90. Geburtstag.

Herr Kirner, in den letzten 65 Jahren haben Sie 195 von 197 Ländern besucht. Und zwar nicht einfach als Tourist, sondern auf abenteuerlichen Touren. Sie sind mit über 60 Jahren zu Fuß zum Süd- und zum Nordpol gegangen. Vor allem jedoch zu Völkern, die von der heutigen Zivilisation abgeschnitten waren. Sie nennen sie Steinzeitmenschen. Wie fing alles an?

Die Vorgeschichte besteht aus mehreren Teilen: Ich wurde 1936 als uneheliches Kind einer Magd und eines Knechtes geboren. Da beide nur für das Essen arbeiteten und sonst nichts hatten, durften sie nicht heiraten. Der Pfarrer weigerte sich, einen Bankert wie mich zu taufen. Auf der Rückfahrt von der Kirche bin ich als Säugling vom Schlitten in den Schnee gefallen. Aber ich habe das überlebt – wie vieles andere mein Leben lang. Mein Vater war Sanitäter im Russlandfeldzug und kehrte als Invalide zurück. Er ist aus der Gefangenschaft heimgekommen als verlumpter, verdreckter, abgemagerter Mensch und hat drei Monate lang überhaupt nichts gesagt. Er konnte sich als Sanitäter nicht damit abfinden, dass da junge Menschen lagen und man zack, zack, zack ohne Betäubung Füße oder Arme abgeschnitten hat. Die haben geschrien, und er konnte das nicht verkraften. Seine Säge besitze ich noch. Dann hat er gesoffen, als Besenbinder gearbeitet. Bei uns in der Familie war einfach ein Esser zu viel. Also kam ich 1947 im Alter von elf Jahren zur Großmutter auf die Elendsalm in der Nähe des Spitzingsees. Wie ich viel später erfuhr, hatte die Elendsalm eine besondere, fast unglaubliche Geschichte: Als der Krieg aus war, hat sich der ehemalige Geheimdienstler Reinhard Gehlen mit ein paar Flakhelfern und ein paar SS-Leuten da versteckt. Und dann, als sich alles etwas beruhigt hatte, nahm Reinhard Gehlen Kontakt mit den Amerikanern auf. Dann hat er drüben für die CIA gearbeitet. Danach kam er wieder zurück nach Deutschland und hat hier den Bundesnachrichtendienst aufgebaut.

Bildbeschreibung Bild: Votivtafel, gestiftet zur Rettung des Säuglings

Wie muss man sich das Leben auf der Alm vorstellen?

Ich war nur sieben Jahre in der Schule, aber in der Natur habe ich viel von dem gelernt, was ich später auf meinen Reisen brauchte. Auf der Alm habe ich für drei Mark pro Woche gearbeitet. Ich habe im Kuhstall mit den Kühen geschlafen und wahrscheinlich auch gerochen wie sie. Bei Unwettern haben die Tiere meine Nähe gesucht. Wenn ich nicht da war, wurden sie nachts unruhig. Zum Frühstück gab es Magermilch mit Wasser, Kleie und Kartoffeln. Ich durfte aber nicht zu viel davon essen, weil es eigentlich fürs Vieh bestimmt war. Ich hatte ein einziges Kleidungsstück. Eine kurze Lederhose. Aber ich habe gelernt, von Wurzeln und Früchten zu leben. Aus Harz und Kräutern habe ich Salben hergestellt und damit verletzte Rinder behandelt. Oder auch Wanderer. Aös wegen Regen drei Wochen lang niemand vorbeikam, habe ich mir das Zitherspielen beigebracht.

Bildbeschreibung Bild: Mit der Großmutter 1950 vor der Elendsalm

Wie kommt man von einer abgelegenen Alm in 195 Länder?

Mich hat immer interessiert, was hinter den Bergen ist. Ich sah die Vögel in wärmere Länder fliegen. Die Holzknechte, Jäger oder Waldarbeiter, die bisweilen zu uns kamen, waren noch nie rausgekommen und konnten meine Frage nicht beantworten. Einer hatte mal davon gehört, dass man hinter den Bergen eine Stadt ins Meer hineingebaut hat. Er meinte wohl Venedig. Ein anderer meinte, noch weiter hinten gäbe es in der Wüste hundert Meter hohe Pyramiden. Beides kam mir völlig unsinnig vor. Deshalb habe ich mich 1960 mit dem Fahrrad auf den Weg nach Ägypten gemacht. Die Leute im Dorf haben mich deshalb als Faulenzer und arbeitsscheu beschimpft. Aber ich habe mich niemals entmutigen lassen.

Wie kommt man in der Fremde zurecht? Hatten Sie immer die perfekte Ausrüstung dabei? Oder brauchten Sie die Einheimischen?

Bei meiner ersten Tour hate ich wenig Ahnung und konnte außer Bayerisch nichts. Da hilft Gebärdensprache. Man braucht nicht unbedingt Worte – Gesten reichen. In Libyen sagten die Leute immer Tschu – das heißt Wasser. Sie sahen, dass ich fremd war und wenig hatte. Sie gaben mir einen Ziegenschlauch für Wasser und sogar ein Seil, um Wasser aus einer Zisterne zu holen. Wenn die Sonne unterging, wusste ich: Jetzt bin ich wieder an einer Wasserstelle. Heute spreche ich mehrere Sprachen, aber damals hatte ich nichts. Und gerade dann helfen die Menschen. Sie sehen: Der ist fremd, der braucht Hilfe.

Menschen helfen eigentlich gerne, oder?

Ja, auch im Alltag. Ein Freund von mir wollte einmal einen schweren Baumstamm in sein Haus tragen. Arbeiter aus Bulgarien sahen das zufällig und fragten sofort: Brauchen Hilfe? Ohne viele Worte. Bei Naturvölkern ist diese Hilfsbereitschaft noch viel stärker als bei uns. Und ich hatte das Glück, dass ich alles essen konnte, was sie essen – Würmer, Schnecken, Käfer, sogar den Mageninhalt eines Affen. Dadurch sahen sie mich nicht als Fremden, sondern einfach als Angehörigen eines anderen Stammes. Natürlich wussten sie, dass ich anders bin. Aber wenn ich etwas wirklich nicht wollte, konnte ich sagen: In meinem Stamm macht man das nicht. Das wurde akzeptiert.

Bildbeschreibung Bild: Auf Borneo

Gibt es Unterschiede in der Hilfsbereitschaft?

Eigentlich nicht zwischen den Ländern, sondern eher innerhalb der Länder. Egal wo ich war, zog sich eine Erfahrung durch: Je näher ich einer Stadt war, umso schwieriger waren die Leute. Die Landbevölkerung war immer besser. Hilfsbereit, ohne zu schauen, wie du aussiehst. Das war fast auf der ganzen Welt so. Durch Persien bin ich mit dem Rad gefahren. Großartige Bilder, ich habe es so schön erlebt. Aber wenn du in der Stadt warst, dann hieß es: Ein Amerikaner, ein Amerikaner!

Vor ungefähr 25 Jahren habe ich eine Gesprächsrunde zum Thema Sicherheit moderiert, bei der Sie und der Münchner Polizeipräsident auf der Bühne saßen. Ich habe gefragt, was Sie schützt, wenn Sie allein zu Menschenfressern gehen. Ihre Antwort: Ich habe gelächelt. Kann man da einfach so lächelnd reinspazieren und dann sagen die Kopfjäger Super, Schorsch, dass du bei uns vorbeischaust?

Nein, das kann man auf keinen Fall. Wenn ich zum Beispiel zu einem Stamm gehe, dann dauert es ewig, bis ich überhaupt da hinkomme. Ich reise fast immer allein. Aber gleichzeitig muss ich vor Ort Begleiter suchen. Und dann habe ich meistens einen Studenten aus der Stadt, der entweder Englisch oder Französisch oder Spanisch spricht, aber auch einen Dialekt von dort. Er bildet die Brücke. So kommt man schrittweise näher. Dann versuche ich herauszufinden, was ich als Gastgeschenk mitbringen kann. Zum Beispiel eine Machete – die können ja kein Eisen verhütten. Oder Bananen oder etwas zu essen oder vielleicht ein erlegtes Tier. Das muss ich alles mitschleppen.

Und mit den Geschenken ist man dann auf der sicheren Seite?

Nein, so einfach ist es nicht. Mein lokaler Begleiter, der die Sprache spricht, geht mit den Gastgeschenken in das Dorf und sagt: Da ist jemand von einem anderen Stamm, der euch gerne kennenlernen möchte. Das ist keine Sache von Minuten, sondern oft warte ich mehrere Tage vor dem Ort, wo der Stamm lebt. Dann beraten alle, mein Begleiter weist auf die Geschenke hin. Und dann sagt die ganze Gemeinschaft: Wir würden uns den gerne mal anschauen. Wenn der Häuptling Nein sagt, dann verschwindest du lieber, sonst kommen vielleicht gleich die Pfeile. Und auch wenn man aufgenommen wird, kann ich nicht einfach sagen: Jetzt stelle ich euch alle her, mache ein Foto und dann haue ich wieder ab. Das geht nicht. Wichtig für den Zugang sind die Kinder. Oft habe ich Zauberstücke vorgeführt, um die Kinder zu gewinnen.

Bildbeschreibung Bild: Zaubertrick 2026

Was sind denn Gefahren?

Sie kommen manchmal, wenn Sie gar nicht damit rechnen. Ich konnte einmal mit dem indonesischen Militär auf Streife gehen. Luftfeuchtigkeit 100 Prozent – der Schweiß läuft ständig, aber es gibt keine Dusche. Wir hatten einen Schlauch dabei, eigentlich zum Abpumpen von Kerosin. In der Sonne wurde das warm. Damit konnte ich mich duschen – mit warmem Wasser, das es dort sonst nicht gibt. Und mit einer kleinen Hotelseife. Ich war komplett eingeschäumt und plötzlich ganz weiß vor Schaum. Danach wieder normal. Die Soldaten wollten das auch ausprobieren. Sie kannten kein warmes Wasser. Erst fanden sie es toll, dann ging das warme Wasser aus und es kam kaltes. Sie schrien plötzlich, als sei der Teufel hinter ihnen her. Einer spuckte den Schaum aus, sie rannten im Zickzack, warfen sich auf den Boden. Sie glaubten, ich hätte einen bösen Geist heraufbeschworen. Man sagte mir: Wir müssen sofort gehen, sonst bringen sie dich um.

Ist man sicherer allein oder mit mehreren?

Eigentlich ist es besser, wenn Sie so etwas allein machen, als wenn Sie zu fünft sind. Zum einen hilft Ihnen keiner mehr, wenn Sie zu mehreren sind. Zum anderen wirken Sie bedrohlich. Zu mehreren kommen Soldaten oder Missionare oder irgendwelche Leute, die eher als Bedrohung wirken. Und die meisten haben, wenn sie da hinkommen, sowieso Waffen oder so etwas dabei. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie als Europäer immer zwanzig, dreißig Zentimeter größer sind als die Urwaldmenschen.

Hatten Sie je eine Waffe dabei?

Niemals.

Aber ein Messer?

Auch kein Messer. Brauchen wir da nicht. Das kennen die nicht. So ein Metallmesser oder so etwas könnte schnell als gefährlich beurteilt werden. Noch zu der Frage eben: Eine Gruppe würde sich zunächst ganz gut verstehen. Aber wenn es einmal hart auf hart geht, wenn nichts mehr zu fressen da ist, da verändern sich die Charaktere sehr schnell. Sehr schnell! Ich muss überleben, nicht du. Ich weiß ganz genau: Du schaffst es nicht. Also was muss ich machen? Entweder ich sage: Du verreckst. Oder wir gehen beide unter. Da hat es schlimme Sachen gegeben mit Leuten, die sonst am Biertisch ganz sympathisch gewesen wären. Deshalb bin ich lieber allein gegangen.

Bildbeschreibung Bild: Mit der Amputationssäge des Vaters vor dem Touren-Archiv

Gab es Sachen, wo Sie sich verweigert haben oder wo es Ihnen zu gefährlich war?

Eigentlich nur ganz selten. Von allem Intimen habe ich mich ferngehalten. Das geht schief, wenn du versuchst, eine Frau anzubaggern. Oder wenn die sich in dich, in Anführungszeichen, verliebt und mit dir gehen will. Oder du ihr schöne Geschenke machen sollst. So etwas kannst du überhaupt nicht durchschauen. Vielleicht sagt irgendjemand anderes im Stamm: Die wollte eigentlich ich. Oder die war mir schon versprochen. Das ist gefährlich. Da gibt es dann kein Pardon und keine Hilfe mehr. Da muss man aufpassen.

Und wie ist das bei den religiösen Sachen? Wenn ein Fest ist, heißt es dann nicht: Du bist nicht von uns, du darfst nicht dabei sein?

Das ist kein Problem. Ich bleibe natürlich vorsichtig. Wenn ich unterwegs bin, frage ich den Kontaktmann: Was ist zu beachten? Wenn die ihr religiöses Fest haben oder so, dann bist du kein Teilnehmer, sondern bloß ein Gast. Aber ich bin ja nicht nur eine halbe Stunde bei einem Stamm, sondern Wochen. Und wenn du Vertrauen aufgebaut hast, kannst du die ganze Zeit dabei sein und auch Fotos machen.

Spielt das Aussehen eine Rolle? Sie konnten ja nicht so tun, als wären Sie einer von ihnen.

In gewisser Weise spielt das eine Rolle. Die Steinzeitmenschen haben ihre Erfahrung mit Weißen oder überhaupt mit Besuchern aus der Zivilisation. Und diese sind nicht immer erfreulich. Die Missionare zum Beispiel sagen: Du musst getauft werden. Und – das ist das größte Gift überhaupt – die Missionare sagen: Komm zu uns, zieh dir erstmal etwas an. Dann gehen die Leute mit den neuen Kleidern zurück zu ihrem Stamm, aber ihre alten Stammesgenossen sagen: Mit dir wollen wir nichts mehr zu tun haben. Verschwinde sofort. Und dann ist er verstoßen und entwurzelt. Das ist das Gift. Als Weltverbesserer oder als Allesbesserwisser zu diesen Völkern zu gehen, das ist schlimm. Ich habe nie einen Anreiz gegeben und gesagt: Mensch, komm zu uns, dann kriegst du mal ein gescheites Gewand und musst nicht so daherkommen. In Borneo kam ein Missionar und sagte: Wenn ihr weiterhin so herumlauft, Frauenraub macht und so weiter, dann kommt ihr alle in die Hölle. Dann haben sie gefragt: Was ist denn die Hölle? Dann hat er gesagt: Das ist ein Reich, da ist es immer warm und es regnet nicht. Nun regnet es bei ihren Blätterhütten überall rein. Dann haben die gesagt: Das klingt doch gut. Wo ist denn diese Hölle? Da würden wir auch gerne hingehen.

Bildbeschreibung Bild: Polarexpedition

Ja, unter anderen Lebensumständen gelten andere Regeln.

Bei uns in Europa verdient ein Mann vielleicht 5.000 oder 10.000 Euro im Monat und fragt seine Frau, ob sie sich noch ein oder zwei Kinder leisten können. Sie sagt: Ja, das rechnet sich. In der Steinzeit oder bei Dschungelnomaden ist das völlig anders. Diese Gruppen ziehen saisonbedingt umher. Regenzeit, Trockenzeit, Früchte, Jagd: Alles folgt natürlichen Zyklen. Eine typische Gruppe umfasst vielleicht 19 oder 20 Menschen: Alte, Frauen, Kinder und nur drei oder vier Männer, die tatsächlich Nahrung beschaffen können. Mehr geht nicht, weil sie nicht genug jagen und sammeln können. Also kann man nicht einfach sagen: Wir bekommen noch zehn Kinder, der Staat zahlt schon. Das gibt es dort nicht. Was machen sie? Familienplanung. Der Mann weiß nicht genau, wann im Zyklus der Frau eine Schwangerschaft entstehen kann. Aber jeden Morgen geht er in den Wald, holt ein Blatt und bestreicht es mit verschiedenen Harzen und Substanzen. Dieses Blatt muss jede Frau im gebärfähigen Alter vor ihm einnehmen – wie eine Art Pille. Er weiß nicht, wie es wirkt. Aber er weiß: Wenn sie es nimmt, wird sie nicht schwanger.

Auf Ihren Reisen haben Sie viel gelernt. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Umgang mit dem Blasrohr, als Sie mit auf die Jagd gegangen sind.

Ja, die haben gesagt: Du bist da ohne Blasrohr. Hast du keins, bist du ein armer Hund, du brauchst ein Blasrohr. Ein Mann, der unterwegs ist und kein Blasrohr hat, das ist kein Mann. Der ist nicht überlebensfähig. Nicht bloß er selbst, sondern auch seine Familie. Der kann Millionär sein und trotzdem kein Blasrohr haben – das geht nicht.

Und dieses Hüttenbauen – Sie beschreiben ja öfter, wie die Urwaldmenschen irgendwo ankommen und in einer halben Stunde eine Hütte bauen, ohne etwas dabeizuhaben. Haben Sie sowas auch gelernt?

Das ist eigentlich für mich fast selbstverständlich. Ich bin ja als Hirte auf der Alm aufgewachsen. Das ist für uns normal – zum Leidwesen der Frauen oder meiner Frau: Ich stecke zwei Äste zusammen und das reicht mir schon. Überhaupt ist es eine wichtige Erfahrung, mit wie wenig man auskommen kann, wenn man geschickt ist. Bei der Jagd zum Beispiel: Die Buschmänner hatten ein Straußenei-Nest gefunden. Wir würden erstmal überlegen: Wir brauchen eine Pfanne, wir brauchen dies und das. Das haben die alles nicht. Die nehmen Sonne und Eierschale zum Kochen, und dann gibt es ein Omelett à la Buschmänner. Und das ist gut.

Sie haben viele Bücher geschrieben und Vorträge gehalten.

Und alles, was ich erzähle, kann ich mit Fotos belegen. Ich muss mich da immer an Marco Polo halten. Der hat im 13. Jahrhundert gesagt: Ich könnte noch viel mehr erzählen, aber man würde es mir nicht glauben. Und bei mir ist das genauso. Ich erzähle nur das, was ich mit Fotos belegen kann.

Wir haben eine Zeitlang im selben Unternehmen gearbeitet – Sie vorwiegend bei MBB und Dasa, was dann später zu Airbus wurde. Was haben Sie da gemacht?

Es gab viele europäische Kooperationsprojekte. Ich war Zoll- und Außenwirtschaftsfachmann zwischen Deutschland und Frankreich. Also für die Teile, Koordination und Austausch.

Und wie ging das, wenn Sie sagten: Ich bin jetzt mal drei Monate weg?

Junge Menschen, die von meinen Abenteuern hören, sagen oft: Das mache ich auch. Ich nehme den Rucksack und ziehe los, schreibe ein paar Bücher, mache Fernsehsendungen, dann bin ich reich. Größter Irrtum! Ich war in der ganzen Zeit, 50 Jahre lang, immer voll angestellt. Wenn ich weggegangen bin, habe ich entweder unbezahlten Urlaub genommen oder zwei Urlaube zusammengelegt. So war das. Aber niemals Familie, Job oder Studium aufgeben. Das ist das ganze Geheimnis. Und Ludwig Bölkow, der Firmenchef, war mein Freund. Der hat meine Touren unheimlich gut gefunden. Er hat einmal gesagt: Junge, warum bist du nicht mein Sohn geworden? Wer das alles für Geld macht, wird scheitern und enttäuscht sein. Ich habe das nicht für Geld gemacht, sondern für mein Vergnügen. Wer seine Träume verwirklichen kann, ist ein reicher Mensch.

Bildbeschreibung

Haben Sie auch Glück gehabt?

Und ob! Auf all meinen Touren und in vielen anderen Situationen im Leben. Immer und immer wieder. Oft denke ich, es ist alles vorbestimmt. In der Arktis wurden wir eingeschneit. Es ging nicht mehr weiter. Auch der Funker konnte nichts mehr machen. Dann hat ein alter Eskimo einem Husky von der Schlittenhundeschule aufgeschrieben, dass wir in großer Not sind. Der Hund bekommt einen Klaps und ist durch die unendliche Eiswüste zum Eskimodorf gelaufen. Die haben das Militär verständigt, und zwei Tage später war der Hubschrauber da. Ich habe drei Flugzeugabstürze überlebt. Zweimal mit kleinen Flugzeugen, aber einmal waren es 156 Passagiere – von Hongkong nach Manila am Berg zerschellt. Nur vier Passagiere haben überlebt. Einer davon war ich. Ich war auf der Toilette. Aber ist das die Erklärung? Ich weiß es nicht. Als ich kurz vor meinem 90. Geburtstag in einem Interview davon erzählt habe, hatte ich einen nicht zu stoppenden Heulanfall. Ich sah alles wieder. Mein ganzes Flugzeug voller Leute, lauter Tote, und ich war dazwischen. Ich habe die ganzen Zeitungsartikel weggeschmissen, alles.

Was war die schönste oder wichtigste Erfahrung auf all den Reisen?

Sich einfach mal in die Steinzeit zurückzuversetzen. Was haben diese Menschen uns voraus? Eine ganze Menge: die Zufriedenheit mit dem, was vorhanden ist. Und tief beeindruckt haben mich die drei Monate, die ich mit dem Dalai Lama leben durfte. Er hat mir einen tibetischen Namen gegeben: Lopsang. Das heißt Edelstein. Ich habe ihn gefragt: Es gibt so viele schöne und interessante Plätze auf dieser Welt, ein Leben reicht gar nicht aus, um alle zu sehen. Und der tibetische Glaube sagt ja, dass man mehrmals wiedergeboren wird. Vielleicht werde ich auch wiedergeboren. Dann hat er mir gesagt: Lopsang, genieße dieses Leben – es könnte schon dein letztes sein.

Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen "Oben & Unten" sind Ende 2025 als Buch erschienen.

Freie Medienakademie

Unterstützen

Newsletter: Anmeldung über Pareto