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Analyse | 06.07.2026
Spiel der Narrative
Stadion, Familie, Politik: Wo Menschen streiten und kämpfen, geht es immer auch um Geschichten. Der Fußball ist dabei ein Barometer.
Text: Michael Meyen
 
 

Gustavo Alfaro hatte nichts mit dem Schiedsrichter am Hut, mit Spielglück oder gar mit dem Fußballgott. Der Sieg gegen Deutschland? Stand schon vor dem Anpfiff fest, sagte der Trainer Paraguays nach dem Elfmeterschießen, und machte sich über Julian Nagelsmann lustig. Ein Kind mit Laptop, das geglaubt habe, einem Häuflein an verwöhnten Einzelkindern mit KI den Weg ins Achtelfinale ebnen zu können. Alfaro hat das nicht ganz so gesagt, aber darauf lief seine Brandrede hinaus. Jungs von oben gegen Männer von unten, Individualisten gegen ein Kämpferkollektiv, Algorithmen gegen Menschen. Er, Alfaro, habe schon gewusst, dass Paraguay gewinnen werde, als die deutsche Aufstellung gekommen sei. Musiala auf der Bank und Kimmich hinten rechts. Er muss verrückt geworden sein, dieser Nagelsmann.

Bildbeschreibung Bild: Noch schlank und rank – Julian Nagelsmann am 30. Juli 2022 als Bayern-Trainer (Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0)

Fußball wird, das habe ich von Marcel Reif gelernt, nicht an der Taktiktafel entschieden, im Fitness-Studio oder auf dem Trainingsplatz. Im Fußball gewinnt die bessere Geschichte – wie bei jedem Spiel, das ins Fernsehen muss und deshalb nicht nur Menschen braucht, die nach etwas aussehen, reden können oder spannend sind, sondern auch und vor allem eine Story, die mit Hollywood konkurrieren kann (mit Serien und Filmen, die auf der Fernbedienung gleich nebenan sind). Die Fußballmacher wissen das. Sonst würden sie im nächsten Turnier nicht Zinédine Zidane und Jürgen Klopp in die Bütt schicken.

Zurück zu Marcel Reif, der damals noch bei Sky war und erzählte, dass die Redaktion zu Beginn jeder Champions-League-Saison überlegt habe, welche Mannschaft die größten Chancen auf den Sieg habe. Daraus sei dann das Motto abgeleitet worden, das die Übertragungen das ganze Jahr begleitet habe. Reifs Beispiel seinerzeit: La Decima – eine Geschichte, die Real Madrid 2014 nach Lissabon in das Finale gegen den Stadtrivalen Atlético führte und dort zu einem Comeback in Nachspielzeit und Verlängerung, das nach dem Spielverlauf ausgeschlossen schien. Inzwischen hat Real 15 Titel auf dem Konto, und niemand vom Fach wird bezweifeln, dass diese Siegesserie auch mit einem Nimbus zu tun hat, der vom Klub gefüttert und mit jedem Pokal größer wird. Die Königlichen. Die Galaktischen. Die Champions League als Wohnzimmer und Wohlfühloase. Geld ist kein Gegenargument, weil die Konkurrenz kaum weniger investiert. Wenn Sportler aufeinandertreffen, die sich in Sachen Klasse und Erfahrung nichts nehmen, dann gewinnt die Mannschaft, die eher daran glaubt – getragen von einer Geschichte (La Decima) und von der Stimmung der Fans.

Bildbeschreibung Bild: Real Madrid 2016 nach Sieg Nummer elf, wieder gegen Atlético (Foto: Cristina Cifuentes, CC BY-SA 2.0)

Die Bundesrepublik ist viermal Weltmeister geworden. 1954 und 1990 kann ich hier überspringen. Diese Titel erklären sich fast von selbst. 1974 war der Krieg lange genug her und eine Vereinigung nicht mehr ganz so utopisch wie in den ersten Jahren nach dem Mauerbau. Grundlagenvertrag, UNO-Beitritt, dazu die Weltfestspiele der Jugend und Studenten im Osten Berlins – eine Party, die selbst den Tod von Walter Ulbricht überlebte und symbolisch steht für ein Lebensgefühl, das in beiden Teilstaaten sagte: Es geht uns gut, und es kann nur besser werden. In der DDR war die Zustimmung zur SED nie größer als in der ersten Hälfte der 1970er Jahre – und die Fußballnationalmannschaft nie besser. Das Tor von Jürgen Sparwasser in Hamburg, der Olympiasieg in Montreal zwei Jahre später. Mit der Biermann-Ausbürgerung wenig später ist all das vergessen und nicht mehr wiederholbar. In den 1980ern geht es vor jedem Auswärtsspiel nur noch darum, wer wohl diesmal nicht mit zurückkommen wird. Ich übertreibe – aber nur ein wenig. Die DDR hat 1974 den späteren Weltmeister besiegt und uns damit womöglich um ein deutsch-deutsches Finale gebracht, weil sie als Gruppensieger gegen Brasilien, Argentinien und die Niederlande spielen musste (und jeweils nicht schlecht aussah), während es der deutsche Bruder mit Schweden, Polen und Jugoslawien zu tun hatte.

Bildbeschreibung Bild: Rainer Bonhof nach dem Finalsieg gegen die Niederlande am 7. Juli 1974 mit dem Pokal. Daneben Jürgen Grabowski (Nr. 9) und Bernd Hölzenbein (Foto: Bert Verhoeff / Anefo, CC0)

Und 2014? Am Tag nach dem Finale bin ich nach Indien geflogen. Die Zeitungen dort übertrafen sich mit ihren Deutschland-Hymnen. In Kurzform: Dieses Land ist auf einem beispielhaften Weg, spätestens seit dem Sommermärchen 2006. Die Geschichte ist bewältigt, das Nationalgefühl geheilt und die Wirtschaft gesund. Schaut nach Deutschland, liebe Leute, und nehmt euch ein Beispiel – nicht nur beim Fußball. Was dann passiert ist, wird heute in der Gegenöffentlichkeit jeden Tag rauf und runter diskutiert.

Welche Geschichte hätte Julian Nagelsmann seinen Spielern erzählen sollen? Hansi Flick hat es vor vier Jahren mit Graugänsen versucht, aber Nancy Faeser war stärker und die Stimmung im Land schlecht, genau wie bei der WM in Russland und jetzt wieder, diesmal wegen Trump. Tenor jeweils: Wie kann man nur Fußball spielen in einem Land, das von einem Despoten regiert wird? Der DFB hat auf Katar reagiert, Rudi Völler engagiert und es tatsächlich geschafft, jeden Konflikt intern zu halten. Keine Hand vor dem Mund, nirgends. Nach außen vielmehr: Friede, Freude, Eierkuchen. Keine Politik, kein Streit um gar nichts, obwohl es auch in dieser Mannschaft neben allen Eitelkeiten und allem Neid um Startelfplätze und Privilegien Geimpfte und Ungeimpfte gibt – und das ist nur ein Beispiel.

Wahrscheinlich sollte Nagelsmann selbst die Geschichte werden – der jüngste aller WM-Trainer, 38 erst, gekrönt mit einem Titel. Deutschland als Hort der Jugend, der Technik, des Fortschritts. Wir ahnen, wie das Merz-Team auf Twitter gejubelt hätte. Vielleicht sollte man dort künftig Gustavo Alfaro fragen, der bald 64 wird und mit seinem Gegner in ein paar Federstrichen ein ganzes Land analysiert und zerlegt hat. Wenn du auf dem Platz gewinnen willst, ich fasse das sinngemäß zusammen, dann musst du erwachsen sein und selbst entscheiden können. Wenn du auf Krieger triffst, dann hilft dir nicht mehr, was du in der Kabine auf dem Bildschirm gesehen hast. Dann musst du selbst zum Krieger werden. Beim Elfmeterschießen habe er, Alfaro, auf deutscher Seite lauter Kinder gesehen, die sich ins Hemd machen.

Bildbeschreibung Bild: Nagelsmann nach der Niederlage gegen Ecuador (Foto: YantsImages, CC BY 4.0)

Nagelsmann und seine Mannschaft stehen für eine infantilisierte Gesellschaft, die am Rockzipfel von Vater Staat und an den Lippen von Mutter Tagesschau hängt und nicht gelernt hat, sich von den Eltern zu lösen und eine Urteilskraft zu entwickeln, die sich auch aus der Einsicht speist, dass ich selbst dann nicht jeden Gipfel erreichen werde, wenn ich alles in die Waagschale werfe, was ich habe. Jetzt muss ich zwei Jahre warten, bis ich Weltmeister werden kann, hat der Trainer nach dem EM-Aus 2024 gesagt. Übersetzt: Ich will mein Spielzeug – und zwar gleich! Ein großes Kind, das schon in Leipzig und in München an einem Ego gescheitert ist, das sich nicht zurücknehmen kann. Wer je einen Dreijährigen hüten musste, der weiß, wovon ich rede. Den Bayern-Spielern hat dieses Trainerchen die Bild-Reporterin weggeschnappt, seine Trophäe nun auch in den USA nicht daheimlassen wollen und auf alle Probleme bockig und mit Trotz reagiert. Neuer, Undav, Goretzka, Musiala, Kimmich.

Ich komme gleich zum Titel- und Geschichtenkampf der Gegenwart, will die Ursachen für die Infantilisierung aber wenigstens antippen und auf Raymond Unger verweisen, der westliche Gesellschaften an gleich drei Fronten kognitiv unter Beschuss sieht: Katastrophismus (Angst!), Identität (Traditionen, Heimat, Familie) und Physiologie (Mangelstoffe, Spikeopathie, Dopaminfalle Smartphone). „Entwurzelungstechniken“, sagt Unger, die das Erwachsenwerden auch deshalb erschweren, weil die Vaterfigur genau wie vieles von dem, was einst „Männlichkeit“ ausmachte, seit Jahrzehnten verpönt ist und so jede Triangulation verhindert – die beiden Eltern und man selbst. Das Ergebnis: Nagelsmann und seine Kita-Truppe.

Bildbeschreibung Bild: England gegen Ghana am 23. Juni in Boston (Foto: Zakarie Faibis, CC BY 4.0)

Wer Weltmeister wird? Vor vier Jahren lag ich richtig. Die Geschichte von Argentinien war einfach zu gut. Messi ist immer noch da und mit ihm seine Leute und das, was sie antreibt. Marokko? Dito. Serienfans wissen: Beim zweiten Mal ist die Luft auch dann ein wenig raus, wenn jede Szene stimmt. Frankreich? Die Geschichte ist gereift, weil sie jetzt auch von einem übermütigen Jungen kündet, der nach Madrid ging, um zu einem Kapitän zu werden. Mein Favorit bleibt trotzdem England. „It’s coming home“ – nach genau 60 Jahren und nicht von irgendwoher, sondern aus den USA, eine Mission, angeführt von einem deutschen Trainer (1966! Wembley!) und von einem Stürmer, der in Deutschland spielt und nicht erwachsener sein könnte. Aber wir wissen ja: Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 105 Minuten. Die Kinder brauchen zwischendurch ihr Trinkerchen und Anweisungen von Papa.

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Bildquellen: Harry Kane beim Spiel gegen Ghana (Titelfoto: Bryan Berlin, CC BY-SA 4.0)