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Medien-Tresen | 03.07.2026
Fußball und Metaphern
Während oppositionelle Medien auf die Nationalmannschaft und den Kanzler schauen, berichtet der Mainstream über Zensur.
Text: Helge Buttkereit
 
 

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist raus aus der WM – und das ist das Thema der Woche. Auf den Straßen, am Strand, am Arbeitsplatz und natürlich in den Medien. Wir schauen deshalb heute am Medien-Tresen ein wenig auf die Reaktionen. Wer mit Fußball selbst nicht viel am Hut hat, kann trotzdem weiterlesen. Denn es geht nicht um Abseits, um Kritik an Schiedsrichtern, den Videobeweis oder Manuel Neuer. Es geht insbesondere um Fußball als Metapher für den Zeitgeist. Das Ausscheiden als Sinnbild des Verfalls, die Reaktionen als Spiegelbild einer Politik, die auf der großen Bühne ebenfalls gescheitert ist. Zuletzt sichtbar in der UN-Vollversammlung, die Deutschland nicht zum Mitglied des Sicherheitsrats wählte.

Ein Land, das so geschwächt und gespalten ist wie Deutschland, hätte aus Sicht der Herrschenden ein positives Gemeinschaftserlebnis gebraucht. Beispiele dafür gab es in der Vergangenheit genug, nehmen wir nur die Wiederauferstehung als Nation nach dem „Wunder von Bern“ 1954 oder die Feiern rund um den Sieg bei der WM 1990 zwischen Mauerfall und Vereinigung. Ein paar Hinweise darauf gibt es beispielsweise im munteren Kontrafunk-Gespräch mit Waldemar Hartmann vom Dienstagabend.

Bildbeschreibung Bild: Waldemar Hartmann 2010 (Foto: Michael Lucan, CC-BY 3.0)

Was haben wir vor dem Ausscheiden nicht alles gelesen? Das Team steht zusammen, es ist auf einer Mission, die Vorrunde ist überstanden, die Niederlage gegen Ecuador nur ein Ausrutscher, und der erste schwere Gegner wird dann am Wochenende Frankreich. Und dann scheidet die deutsche Nationalmannschaft sang- und klanglos mitten in der Nacht gegen Paraguay aus. Stolz auf dieses Team war danach nur der Bundeskanzler oder besser sein Social-Media-Manager, der offenbar einen vorbereiteten Text postete:

Was für ein Spiel! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.

Der Kanzler wurde mit diesem Post zu einem Manuel Neuer der Politik. Ein vermeintlicher Held in tragischer Gestalt. Man versucht es noch einmal mit dem Alten. Merz ist schon lange dabei, ein Routinier der Politik. So schlimm kann es schon nicht werden. Vielleicht profitieren wir von seiner Erfahrung, und so viele gibt es ja nicht, die besser sind. Es kam aber schlimmer, sowohl bei Neuer als auch bei Merz. Und so passt dieser Tweet ins Bild. Die Bundesregierung versuchte, die Niederlage von Montagnacht in eine halbe Aufbruchstimmung umzudeuten und damit dem Scheitern noch einen positiven Aspekt abzugewinnen.

Mit dem Schönreden von Niederlagen und Rückschlägen haben sie im Regierungsviertel immerhin Erfahrung. Offenbar gibt es im Bundespresseamt Medienleute, die das immer wieder durchspielen. Dass sie den Sinn für die Realität längst verloren haben, zeigt auch dieser Post des Kanzlers. Dass nach der Blamage Stolz unangemessen war, hat der veritable Shitstorm nach des Kanzlers Post auf X gezeigt. Marcus Klöckner drehte es auf den Nachdenkseiten noch ein wenig weiter:

Die Grundhaltung ist eindeutig: Schönreden, leugnen, ignorieren, uneinsichtig sein. So führt die Politik das ganze Land.

Auch an vielen anderen Stellen wurde das Scheitern der Nationalmannschaft als Metapher für den Zustand des Landes und den (vermeintlichen) Zeitgeist genutzt. Noch einmal die Nachdenkseiten, diesmal Chefredakteur Jens Berger:

Es wird immer offensichtlicher, dass unser kollektives „Wir“ ziemlich nackt dasteht. Freilich ist der Fußball nur eine Metapher, die auf unser ganzes Land übertragbar ist. Es hat sich ausgeexportweltmeistert. Das Deutschland des 21. Jahrhunderts ist ein normaler Staat, ein mittelmäßiges Land unter vielen. Das ist ja erstmal gar nicht schlimm. Auch Mittelmaß kann schön sein, wenn man konstruktiv damit umgeht. Gefährlich wird es nur, wenn wir unsere „neue“ Rolle in der Welt nicht annehmen.

An der Weltmeisterschaft als Medienereignis, das für die eigene Position genutzt werden kann, kommen also auch alternative Medien nicht vorbei. Renate Dillmann kommentiert von der linken, tendenziell anti-nationalen Seite im Magazin Overton in Richtung des Fußball-Kolumnisten Ben Redelings:

Für wen die Spiele (eigentlich wolltest Du sagen: die Siege) der deutschen Nationalmannschaft „wunderschöne Erlebnisse“ waren, der kann sich schon jetzt auf ein paar deutsche Auswärtsspiele der etwas anderen Art freuen – jedenfalls, wenn es nach Kanzler Merz und seiner Regierungsmannschaft geht. Insofern: Nach der WM ist vor dem Krieg!

Bei Nius wird ebenfalls Fußball und Politik verbunden. Es heißt schon in der Überschrift: „Scheitern von Politik und Fußball-Nationalelf: Der deutsche Abschied vom Leistungsgedanken“. Die Krise des einst so erfolgreichen Nationalteams spiegle die Krise eines ganzen Landes wider, heißt es da. Und bei der liberal-konservativen Webseite Apollo News schreibt Boris Cherny:

Auf dem diplomatischen Parkett haben die Worte der Bundesrepublik schon lange kein Gewicht mehr – die Niederlage bei der Abstimmung um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat machte das wohl auch dem Letzten klar. Die Autoindustrie und die Chemieindustrie befinden sich derweil in ihrer tiefsten Krise, die wohl über kurz oder lang zu ihrem unwiderruflichen Untergang führen wird. Und jetzt wurde Deutschland auch noch endgültig das letzte bisschen Nationalstolz genommen – ein Teil der Psyche dieser Nation wurde in der Nacht zum Dienstag endgültig gebrochen.

Bildbeschreibung Bild: WM Finale 1974 – Johan Cruyff zwischen Berti Vogts (links) und Uli Hoeneß. Ganz links: Gerd Müller (Foto: Rainer Mittelstädt, Bundesarchiv, Bild 183-N0716-0314, CC-BY 3.0)

Ein Teil der Psyche gebrochen? Das dann aber endgültig! Man muss in diesen Zeiten offenbar ein wenig dicker auftragen, um überhaupt gehört zu werden. Und vielleicht war der Kollege ja auch noch etwas müde nach diesem Spiel, das erst um halb zwei ein Ende fand. An Übertreibungen hat es in der enttäuschten (und vielleicht wirklich ein wenig mehr gebrochenen) Nation dieser Tage wirklich nicht gemangelt. Es wäre kein Problem, diese Kolumne mit jeder Menge ähnlich gelagerter Zitate (auch aus dem Mainstream) zu füllen und Links zur Regierung zu setzen, wo man trotz kollektiven Scheiterns ebenso am Amt hängt wie der Bundestrainer (Update zum Mittags-Bier am Freitag: Nun ist er doch zurückgetreten, dieser Trainer). Aber vier Tage nach dem Ausscheiden soll es der Metaphern nun genug sein. Wir wollen noch auf die Themen schauen, die Stammgäste am Medien-Tresen sind und die ausgerechnet oder auch gerade aufgrund der WM jetzt einen Platz im Mainstream fanden.

Zum einen haben sich gleich mehrere Medien mit den Sanktionen gegen Journalisten beschäftigt, auch wenn die DJU, die in der Gewerkschaft Verdi Journalisten vertritt, Hüseyin Doğru als Unternehmer und nicht als Journalisten verstehen will. Neben der Süddeutschen Zeitung haben auch der MDR und Ö1 berichtet, nachdem das ZDF ja bereits zuletzt das Thema auf der Agenda hatte.

Und zum anderen ist die Zensur durch die Landesmedienanstalten jetzt einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden. Denn der Podcaster Ben Berndt erhielt ein Schreiben der Medienanstalt Nordrhein-Westfalen und beschwerte sich zurecht über die Zensur. Hierzu gibt es viele Artikel, ein paar davon verlinkt Norbert Häring auf seiner Webseite. Wenn Sie mehr lesen wollen, finden Sie an vielen Stellen Kritik am Medienstaatsvertrag. Endlich. Bei Norbert Häring haben wir auch noch eine weitere Nachricht gelesen, eine gute zudem: Die Faktencheckerbranche boomt nicht mehr. Es gibt derzeit sechs Prozent weniger Organisationen, die vermeintlich Fakten checken, als noch 2024. Noch scheint es mir aber zu früh, die Branche mit der deutschen Fußballnationalmannschaft zu vergleichen. Oder mit Friedrich Merz.

Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.

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Bildquellen: Friedrich Merz 2024 (Titelfoto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0)