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Meyen am Tresen | 05.03.2026
Selbsthass Ost
„Es war einmal ein Land“: Jana Hensel setzt sich mit ihrem neuen Buch zwischen alle Stühle.
Text: Michael Meyen
 
 

Jana Hensel steht bei mir gleich doppelt im Regal. Nicht die Zonenkinder, erschienen 2002 und in den Nullerjahren rund 350.000 mal verkauft, obwohl ich sicher war, das Buch gelesen zu haben, dafür aber Achtung Zone von 2009 und Wer wir sind, Protokoll eines Gesprächs mit Wolfgang Engler, einem Soziologen, das so nie stattgefunden hat, von mir aber 2018 trotzdem gelobt wurde. Meine Rezension endet mit der Hensel-Forderung, „öffentlich ostdeutsch sein zu dürfen“.

Bildbeschreibung Bild: Jana Hensel 2019 (Foto: Simsalabimbam, CC BY-SA 4.0)

Damit ist es nun vorbei. Jana Hensel, geboren 1976 in Borna, gesteht in ihrem neuen Buch, dass ihr „der Osten längst entglitten war“, und behauptet:

Ein immer größer werdender Teil der Ostdeutschen will diese Demokratie nicht mehr. (Seite 9).

Das ist starker Tobak und allenfalls dann richtig, wenn man das Wörtchen „diese“ durch „unsere“ ersetzt und „Demokratie“ mit dem Spiel verwechselt, das tagtäglich aufgeführt wird von den fünf „Kartellparteien“, „die immer stärker im Staat aufgehen“ (Philip Manow). Ich muss hier im Ungefähren bleiben, weil Hensel nicht sagt, was sie unter „Demokratie“ versteht, und nur einmal zwischen den Zeilen durchschimmern lässt, dass sie den Wechsel von Regierung und Opposition meinen könnte und die langfristige Verkettung von Parteien und Milieus. Westdeutschland jedenfalls wird von ihr an besagter Stelle zu einer „Insel der heilen Welt“ verklärt, weil es dort eine „beeindruckend stabile politische Landschaft“ geben würde (Seite 33).

Damit sind wir schon bei des Pudels Kern. Diese Journalistin ist so ostdeutsch wie Angela Merkel, Joachim Gauck oder Rainer Eppelmann – eine „Quoten-Ostdeutsche“ (Yana Milev) und damit Teil einer gar nicht so großen Gruppe von Menschen (zwei Millionen, schätzt Yana Milev), die anders als zum Beispiel meine Frau und ich (bei Milev: Exil-Ostdeutsche) nie an Entkoppelung oder Entwurzelung gelitten haben, sondern als protektionswürdig galten, weil sie eine Oppositionsbiografie mitbrachten oder sich wenigstens einreden konnten. Hensels neues Buch beginnt ganz folgerichtig „in den Herbsttagen des Jahres 1989“ auf dem Leipziger Ring, wo die 13-jährige Jana an der Hand ihrer Mutter mit Tausenden anderen der „Freiheit“ entgegenmarschiert sein soll. Mmh. So erzählen es Staatsfernsehen und Steuergeldkino jahrein, jahraus. Muss also stimmen, auch wenn Daniela Dahn gezeigt hat, dass die DDR-Bürger noch zur Jahreswende 1989/90 mit großer Mehrheit für einen „besseren, reformierten Sozialismus“ waren und erst von massiver Propaganda aus dem Westen (Tamtam und Tabu) in Richtung D-Mark und Einheit getrieben wurden.

Bildbeschreibung Bild: Leipzig, 23. Oktober 1989 (Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022, Friedrich Gahlbeck, ADN)

Jana Hensel blendet das aus und sieht durch eine rosarote Brille eine Liebesgeschichte, in der sich „die Ostdeutschen“ seinerzeit „in eine neue Beziehung“ gestürzt hätten, mit Hummeln im Bauch, und nun, nach einem langen, rastlosen Ringen um „Wertschätzung“, eben vor dem Scheidungsrichter stehen.

Es ist eigentlich ganz einfach. Sie machen Schluss. Sie trennen sich. Sie glauben nicht länger an die Beziehung und sagen deshalb: Es ist vorbei. Es bringt nichts mehr. Und sie tun das, weil ihnen der Abschied offenbar nicht mehr weh tut. (Seite 23).

Was Peter über Paul sagt, das sagt mehr über Peter als über Paul. Jana Hensel ist von der größeren Bundesrepublik mit offenen Armen empfangen worden. Ihr Buch Zonenkinder wurde im Herbst 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von Angela Merkel besprochen, damals CDU-Chefin, die ihr „viel später“, so erzählt das Hensel jetzt, „beiläufig“ gesagt habe, „dass sie den Text damals offenbar tatsächlich selbst geschrieben hatte“ (Seite 72), und dann offenkundig auch die Nummer der Journalistin hat, da die Kanzlerin im Sommer 2017 gleich am Telefon war, nachdem ein Hensel-Text über einen Wahlkampfauftritt in Finsterwalde erscheinen war. Hensel hat für Zeit, Welt und Freitag gearbeitet. 2010 hat sie den Theodor-Wolff-Preis bekommen, eine Art Medien-Oscar, und war 2019 „Journalistin des Jahres“. Wenn sie über den polit-medialen Komplex schreibt, sagt sie WIR und UNS.

Und doch ist diese Liebe brüchig. Für ihr neues Buch hat Jana Hensel Tino Chrupalla besucht, Maximilian Krah und Benedikt Kaiser, einen der wichtigsten Autoren der Sezession. Sie hat mit Alexander Teske gesprochen und mit Antje Hermenau, einer Politikerin, die in Leipzig am Runden Tisch gesessen hat, dann für die Grünen im Bundestag und im Landtag war und jetzt seit mehr als zehn Jahren dafür wirbt, mit allen im Land zu reden. Bei all diesen Gesprächen schwingt aber die Angst mit, von den eigenen Leuten, vom Juste Milieu, verstoßen zu werden. Hensel schreibt, wie sie vor den „Radikalen“ Chrupalla, Krah und Kaiser gewarnt worden ist („Jana, vergiss nicht: Dass sind Nazis!"), distanziert sich gleich vorab von ihren Befunden („nicht meine Wahrheiten“) und baut immer wieder Befindlichkeitsschleifen ein:

Auf der Fahrt hierher (zu Chrupalla – M.M.) hatte ich mir vorgenommen, freundlich zu erscheinen und einen offenen Blick aufzusetzen, auch wenn mir ein wenig mulmig zumute war. … Wir (Kaiser und Hensel – M.M.) setzen uns auf eine Bank gegenüber dem Hauptstadtstudio. Ich achte penibel darauf, dass der Abstand zu einer jungen Frau, die auf der Bank sitzt und liest, möglichst groß ist. Ich will unbedingt vermeiden, dass sie uns hören kann. (Seite 108, 150)

Bildbeschreibung Bild: Alexander Teske (links) und Michael Meyen am 10. Juli 2025 in Hengersberg. Rechts außen: Tobias Jansen.

Teske und Hermenau sind bei Jana Hensel zwei „Abgedriftete“, die sich mit den falschen Leuten eingelassen haben. Sie protokolliert zwar die Analyse der Politikerin (permanente Abwertung durch den Westen plus Migrationssegen 2015 ist gleich „großer Bruch“), wertet das aber gleich selbst ab, weil Hermenau ja bei Nius aufgetreten sei, einem Portal, „das gern einmal mit Fake News arbeitet“. Den Splitter im eigenen Auge sieht diese Leitmedien-Frau nicht, auch nicht, als Alexander Teske vor ihr sitzt, der mit seinem Bestseller Inside Tagesschau ein Zugang hätte öffnen können in die Seele von Menschen, die sich abgewendet haben von „unserer Demokratie“. Stattdessen gibt es Kontaktschuld (Teske spreche mit „rechtsdrehenden Medien“, und in seinem Verlag publiziere das „Who is Who der Abgedrifteten, Wütenden, Warner und Spaltungsunternehmer“), Lob für Staatsfunk und Medienstaatsvertrag („ein so wichtiges, umfangreiches und die demokratische Identität der föderalen Bundesrepublik konstituierendes Vertragswerk“) sowie Psychologisierung:

Wahrscheinlich wäre dieser ganze Schlamassel nie passiert, wenn Teske einfach in Leipzig geblieben wäre, auch wenn er dort seit längerem das Gefühl hatte, irgendwie hängengeblieben zu sein, weil viele nach Berlin oder in den Westen gegangen waren. (Seite 155).

Viele: Dazu gehört auch Jana Hensel, die jetzt schreibt, dass sie längst mit ihrem Vater gebrochen hatte, als sie 1999 nach Berlin ging.

Er passte nicht in mein Leben, das spürte ich, auch wenn ich diesen Satz damals nie so klar hätte formulieren können. (Seite 171)

Sie verrät, dass sie nie mit einem Mietwagen zu Recherchen in den Osten gefahren sei, sondern mit dem kleinen Auto ihrer Mutter, Kennzeichen „L“, und dass sie ganz beiläufig das Wörtchen „früher“ in die Gespräche eingestreut habe, damit die Menschen sie nicht für eine von denen halten und sich öffnen. Bei Alexander Teske, den Hensel in Hamburg trifft und gleich dabei ertappt, dass er sich in seiner neuen Heimat nicht wirklich auskennt (und das auch noch aufschreibt, nun ja), fällt ihr auf, dass er „auch ein Linker sein“ will, weil er immer wieder „einfließen“ lasse, dass er Rad fährt, vegetarisch isst und nicht fliegt. Und beim Treffen mit Katja Wolf, die genau wie Manuela Schwesig in diesem Buch als eine Art weibliches Gegengewicht herhalten muss gegen all das Ungemach von der anderen Seite („Die Wehrhaften“), geht es um den Eindruck, den die beiden Frauen im Erfurter Café Nüsslein machen:

Wie wir da am einzigen freien Tisch, vor den Toiletten saßen, man hätte uns auch für Touristinnen halten können. (Seite 231).

Unglaublich, oder? Die Frau, die „ihr wunderschönes Heimatland Thüringen vor der AfD von Björn Höcke gerettet“ hat, und die preisgekrönte Reporterin. So unscheinbar, so normal. Ich weiß: Auch das ist Psychologisierung. Ich habe aber keinen anderen Ansatz gefunden, um die Dinge zusammenbringen zu können – eine Autorin, die selbst wunderbare Analysen geschrieben hat (unter anderem die beiden Bücher in meinem Regal) und jetzt noch das auf einem Silbertablett dazubekommt, was ihr bisher fehlte (von ihren Interviewpartnern), und trotzdem festhält an einem Demokratiemärchen, das nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat. Jana Hensel hat schlicht Angst. Niemand mag, wenn an seinem Fünfzigsten wie ein Kartenhaus zusammenbricht, was man bisher gelebt und geglaubt hat. Was wir uns über uns selbst erzählen, ist der Schlüssel zu Positionen, Auskommen, Zufriedenheit. Niemand wirft das ohne Not über Bord. Mehr noch: Lieber schließen wir die Augen und blenden wie Jana Hensel alles aus, was nicht ins Bild passt – das Versagen der Leitmedien zum Beispiel oder eine Geschichtspolitik, die die Ostdeutschen von Tag eins an unter Erklärungsdruck gesetzt hat, ein Zwang, der offensichtlich auch Quoten-Ostdeutsche trifft. Sonst wäre dieses Buch nicht so, wie es ist.

Die Reaktionen der Leitmedien zeigen: Selbst bedingungslose Hingabe garantiert keine Gegenliebe. Es gab zwar Interviews in taz und Freitag und so viele Reaktionen zum Erscheinungstag, dass „Es war einmal ein Land“ sofort auf die Bestsellerliste sprang, zugleich aber Prügel von den Hütern der reinen Lehre. Der Rechtsruck im Osten, das wisse doch jeder, wurzele in der DDR, schreibt Norbert F. Pötzl in der Süddeutschen Zeitung. Hensel blende das „giftige Erbe der SED-Diktatur“ genauso aus wie die „rassistischen Pogrome“ von Hoyerswerda bis Rostock, Beleg für „die bereits in der DDR verbreitete Fremdenfeindlichkeit“, verdrehe dann auch noch die Treuhand-Bilanz (wobei die Tendenz im Buch stimmt) und klinge so „verdächtig nach alternativen Fakten“. Tobias Rapp vermisst im Spiegel neben den „rechtsradikalen Ausschreitungen" der frühen 1990er die „Baseballschlägerjahre“ („Läge es nicht nahe, sich zu fragen, ob die Jugendlichen, die damals nachts loszogen, heute die Erwachsenen sind, die einen Teil der Wählerinnen und Wähler der AfD stellen?“), die Demografie und einen Blick nach Westeuropa. Der Westen als „Referenzrahmen“? Das geht offenbar gar nicht.

Vielleicht sind das ja die „Demokraten“, mit denen Jana Hensel „die Demokratie“ retten will (Seite 254). Vielleicht ist es okay, dafür „Corona-Leugner und sonstige Spinner“ in einem Atemzug zu nennen (Seite 110), die Coronapolitik genauso zu ignorieren wie die Sprengung der Ostseepipelines, dem Osten „Alltagsrassismus“ zu unterstellen (Seite 180), sich „Wir schaffen das“ weiter schön zu reden (Seite 92) und dabei den Bedarf an „Fach- und Arbeitskräften" zu beschwören (Seite 179). Vielleicht kann man das alles aber einfach auch so sehen wie das Verlegerehepaar Friedrich, das zu seiner Herkunft steht, daraus eine Tugend macht und Hensels These in der ersten Ausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen lapidar gekontert hat:

Die Ostdeutschen machen von ihrem Grundrecht der freien Wahl – wofür viele von ihnen vor 35 Jahren auf die Straße gegangen sind – Gebrauch. Mit ihrer Teilhabe an den vom Gesetzgeber vorgesehenen demokratischen Prozessen der Meinungsbildung weisen sie auf verfassungskonforme Weise politische und mediale Underperformer in ihre Schranken und damit auch häufig genug Opportunismus aus ostdeutschen Sphären.

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Bildquellen: Leipzig im Januar 1990 (Titelbild: Andreas Wolf, CC BY-SA 4.0 )